Bunte Erzählschnipsel: „Pixel“ von Krisztina Tóth

41Hp-VdVMULKrisztina Tóths „Pixel“ aus dem Nischen Verlag besteht aus vielen kleinen Geschichtenschnipseln, deren Figuren und Situationen zusammenhängen. Die Autorin nutzt hierfür einen außergewöhnlichen Schreibstil, indem sie den Fokus innerhalb der Erzählungen immer wieder auf andere Personen oder Orte liegt. Auch der auktoriale Erzähler bricht zwischendurch immer wieder die Perspektive und bindet Fragen und Wünsche ein. Was jetzt verwirrend klingen mag, entwickelt sich zu interessanten und vielseitigen Geschichten, die den Leser zur Aufmerksamkeit zwingen und hervorragend unterhalten.

Schon die erste kurze und sehr knappe Erzählung des Bandes besteht aus mehreren Handlungswechseln. Alles beginnt mit einer Hand, die über einen Tisch streicht. Diese Hand gehört erst zu einem jüdischen Jungen, der im Budapester Getto auf den Abtransport nach Auschwitz warten muss. Schnell entscheidet der Erzähler dann aber, dass es doch ein Mädchen ist – und anschließend ein Mädchen in Lettland … Auf nur wenigen Seiten verbinden sich so viele Schicksale. Die weiteren Geschichten sind zwar weniger zum Nachdenken anregend, haben aber oftmals auch einen ernsten Hintergrund. Wie im Gedankenfluss kann jeder Gegenstand, jeder Gedanke und jede Begegnung neue Handlungsverläufe durch die Figuren und den Erzähler auslösen. Auf den knapp 173 Seiten erleben die Leser so eine geballte Erzählkraft.

„Pixel“ ist vielseitig, unterhaltsam und außergewöhnlich. Hier beweist die ungarische Autorin große Kreativität und literarisches Können. Für ihren ersten Erzählband Strichcode wurde Tóth 2007 mit dem ungarischen Sándor-Márai-Preis ausgezeichnet. In Übersetzung erschienen ihre drei Veröffentlichungen im Berlin Verlag und in dem sehr empfehlenswerten Nischen-Verlag, der sich auf zeitgenössische ungarische Literatur spezialisiert hat.

  • Gebundene Ausgabe: 180 Seiten, 19,80 € (D)
  • Verlag: LZ.Nischen Verlag; Auflage: 1 (10. September 2013)
  • Übersetzung: György Buda
  • ISBN-13: 978-3950334555

Annika

Das freie und wilde Künstlerleben: „Elephantinas Moskauer Jahre“ von Julia Kissina

Die deutsch-russische Künstlerin und Schriftstellerin Julia Kissina wurde 1966 in Kiew geboren, verbrachte aber ihre Studienjahre in Moskau und lebt seit 2003 in Berlin. Als Vertreterin der Moskauer Konzeptualisten und Mitglied in verschiedenen Autoren- und Literaturkreisen war sie gerade in Moskau immer mittendrin im künstlerischem Geschehen. So ist es sicher kein Zufall, dass sie in ihrem Roman „Elephantinas Moskauer Jahre“ (Suhrkamp, 2016) ihre Protagonistin von Kiew ins Moskau der 80er Jahre schickt und diese hier verschiedenste wilde Episoden zwischen Dichtern, Denkern und Philosophen erleben lässt.

Denn es gibt weder Anfang noch Ende. Es gibt keine Hierarchie der Ereignisse und es kann sie nicht geben. Vor dem Massiv der Zeit sind alle Ereignisse gleich und gänzlich ununterscheidbar.“

Ab 1981 lebt die junge Protagonistin, deren Künstlername „Elephantina“ ist, in Moskau und nimmt ein Schauspielstudium auf. Sie hangelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt mal bei Verwandten, mal im Untergrund – oftmals in der Kälte und Gefahr. Zu ihrem wilden Leben gehören diverse illustre Künstlerinnen und Künstler, allen voran ihr Schwarm Tomat, auch gerne als Tomatenjunge, Tomatenmensch oder Tomatensaft bezeichnet, nur ist dieser leider verheiratet. Neben dem Studium widmet Elephantina sich ihrem Werk „Die sieben Stufen des Todes“ und der Poesie. Es ist ihre künstlerische Ader, die ihre Welt zu einem Abenteuer macht, doch schnell kann man den Überblick über ihre vielen Begegnungen verlieren, die durch die Spitznamen ihrer Bekannten noch wirrer werden.

`Elephantina, du bist eine Vollidiotin!´, sagte Moskau zu mir.
Ich streckte der Stadt die Zunge raus.“

„Elephantinas Moskauer Jahre“ lebt von ihren Figuren. Allen voran steht Elephantina, die aus den vielen Episoden, die sich von 1981 bis 1985 strecken, eine bunte Welt zwischen dem sich ankündigenden politischen Umschwung und ihren persönlichen Problemen schafft. Manchmal wirkt diese zwar konstruiert, ist aber äußerst unterhaltsam. Gleichzeitig ist der Roman ein Einblick in ein wildes, fiktives Künstlerleben, das sicher auch durch wirkliche Begegnungen der Autorin beeinflusst wurde. Elephantina lässt sich von niemandem und durch nichts verändern. Schnell wurden die Geschichten für mich jedoch zu einer einzigen, die sich in ähnlicher Form immer wieder abspielte. Kissina beweist zwar sehr viel Humor und literarisches Können (nicht zu vergessen ist hier die gelungene Übersetzung von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova), doch ich könnte ehrlich gesagt keine der vielen Episoden auf Anhieb wiedergeben. „Elephantinas Moskauer Jahre“ ist ein außergewöhnlicher Roman, der mich leider nicht unbedingt überzeugen konnte.

„Frühling auf dem Mond“ (Suhrkamp, 2013) startete Kissina ihre geplante Trilogie über die spätsowjetische Zeit, die mit „Elephantinas Moskauer Jahre“ fortgeführt wurde. Obwohl die Autorin fließend Deutsch spricht, schreibt sie, im Gegensatz zu der zweiten großen aus Kiew stammenden und in Berlin lebenden Autorin Katja Petrowskaja, auf Russisch.

Mehr zur Autorin und zum Titel gibt es hier:
http://www.zeit.de/2016/32/elephantinas-moskauer-jahre-julia-kissina-roman

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten, 22,95 € (D)
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (8. Mai 2016)
  • Übersetzung: Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova
  • ISBN-13: 978-3518425329
  • Originaltitel: Elefantina ili Korablekrusccenija Dostoevceva

Annika

Der KLAK Verlag: Interview mit Verleger Jörg Becken

„KLAK ist der Verlag für zeitgenössische Themen in Literatur, Sachbuch und Jugendbuch. Inhalte die das Profil des Verlages deutlich machen, können mit folgenden Begriffen umrissen werden: modernes Leben, Kulturlandschaft, Erinnerungskultur, Vergangenheitsaufarbeitung, Diktaturerfahrung, Europa, Transformationsprozesse, Migration und Minderheitenkulturen.“, lautet die Beschreibung des KLAK Verlages auf dessen Website. Der Verleger Jörg Becken hat ihn uns und seine Titel vorgestellt.

  1. Wer bist Du und wofür steht der KLAK Verlag?

Ich bin Historiker von Beruf und habe mein Berufsleben in Bibliotheken, Archiven sowie auch im soziokulturellen Bereich verbracht. Vor 12 Jahren habe ich mich mit der Firma Kulturlandschaft Aktiv selbständig gemacht. Daher der Name – KLAK steht für Kulturlandschaft Aktiv.

In diesem Rahmen habe ich Projekte und Publikationen im Bereich Tourismus, unter anderem in Polen durchgeführt sowie historische Ausstellungen kuratiert, die sich mit Diktatur-Aufarbeitung beschäftigten. Außerdem war ich immer im Bereich Migration und Minderheiten (vor allem Roma und Sinti) engagiert, nicht nur publizistisch.

Aus diesen Erfahrungen und Netzwerken generierte sich das erste Programm von KLAK, das man so umreißen kann: zeitgenössische Themen in Literatur, Sachbuch und Jugendbuch, modernes Leben, Kulturlandschaft, Erinnerungskultur, Vergangenheitsaufarbeitung, Diktaturerfahrung, Europa, Transformationsprozesse, Migration und Minderheitenkulturen.

  1. Was ist Dein Highlight der Herbstvorschau des KLAK Verlages?

Als Verleger möchte man ungern eines seiner publizistischen Kinder bevorzugen, man steckt in jedes Projekt ausreichend Herzblut, jedes hat seine eigene Geschichte und Berechtigung. Sonst könnte man diese Arbeit und den Bedingungen des Buchmarktes nicht machen. Aber ich freue mich besonders auf neue Bücher über Polen, weil sich hier langfristiges Engagement und Zusammenarbeit wiederspiegelt. Da ist einerseits ein Schelmenessay von Piotr Lachmann „Wie ich (nicht) vertrieben wurde“, andererseits der Band „Gespräche über polnische Fotografie“, der extra für dieses Buch geführte Interviews des Fotografie-Experten Jens Pepper mit den wichtigsten 20 Fotografen der letzten Jahrzehnte versammelt. Ein besonderes Zeitdokument über Kunst, Politik und Gesellschaft aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel.

Und dann gibt es noch Überraschungen aus Frankreich, Rumänien… auf die ich mich sehr freue.

  1. Wie kam es zur Veröffentlichung polnischer Titel im Programm? Warum ist es Deiner Meinung nach wichtig, die literarischen Prozesse des Nachbarlandes Polen auch in Deutschland sichtbar zu machen? Gibt es spezielle Methoden, die Deutsch-Polnische Community zu erreichen?

Mit Polen, seiner Geschichte, Kultur und Landschaft bin ich schon seit Kindheit und Jugend verbunden. Und als der Eiserne Vorhang in Europa fiel, hatten wir plötzlich die Möglichkeit, ganz neu auf zivilgesellschaftlicher Ebene etwas zu gestalten. Es ist unser wichtigstes östliches Nachbarland und ich fand, dass wir zu einem ähnlichen partnerschaftlichen Verhältnis kommen müssen, wie Westdeutschland mit Frankreich… und tatsächlich, was in den letzten 28 Jahren aufgebaut wurde, grenzt an ein Wunder und kann gar nicht genug wertgeschätzt, gepflegt und weiterentwickelt werden.

So war es natürlich, dass von den internationalen Titeln im Verlag die polnischen den Anfang bildeten. Die polnische Community in Berlin und Deutschland ist groß und gehört zu den Gruppen mit der besten Ausbildung und starken kulturellen Bedürfnissen. Aber als Verlagskunden unterscheiden sie sich nicht allzu viel von der übrigen Gesellschaft.

  1. Werden weitere osteuropäische Länder folgen? Wie triffst Du Deine Auswahl?

Es gibt bereits Bücher von Autoren aus Rumänien, Slowenien, Serbien, aber auch Argentinien, den USA. Mit der Schublade Osteuropa tue ich mich nicht nur geografisch sehr schwer. Einerseits sind die Länder und ihre Literaturen doch sehr unterschiedlich. Litauen z.B. gehört offiziell zu Nordeuropa, obwohl es natürlich die Geschichte Osteuropas teilt. Und viele Autoren schreiben über globale Themen, die auch Westeuropa angehen, z.B. Peter Johnssons Buch über „Stalins Mord in Katyn“ arbeitet die westliche und östliche Dimension dieser Tragödie und des Umgangs damit auf. Auch die Reportagen des slowenischen Autors Boštjan Videmšek über die Flüchtlingstragödie führt regionale und globale Sichtweisen zusammen. Und so könnte man die Zuordnung Osteuropa bei jedem Buch wiederlegen. Es stört mich, weil es immer eine Reduzierung des Autors und seines Anliegens bedeutet, und weil hier Erwartungen der Leser aufgebaut und bedient werden, die dem nicht gerecht werden.

Das Programm des Verlages gruppiert sich um thematische Schwerpunkte, versuchte verschiedene Perspektiven zu zeigen, aus welchem Land diese kommen, ist eigentlich zweitrangig. Es geht auch darum, die Vielfalt in Ost- Südosteuropa, also im postkommunistischen Raum zu entdecken, der ist in unserer Gesellschaft nach anfänglichem Interesse wieder ziemlich aus dem Fokus geraten und die Stereotypen erweisen sich als sehr langlebig. Hier eine gleichberechtigte Balance aufzubauen ist schon eine kulturelle Aufgabe.

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Osteuropa?

Zu meinen Lieblingsbüchern zählt immer noch der Klassiker „Die Puppe“ von Bolesław Prus aus dem Jahr 1889. Aber auch die kroatische Gegenwartsautorin Dubravka Ugrešić hat uns viel zu erzählen.

Und wenn ich noch einen Tipp für den KLAK Verlag nennen darf: Im Herbstprogramm präsentieren wir die rumänische Autorin Doina Ruști mit ihrem Roman „Das Phantom der Mühle“, eine wunderbare und lebendige Erzählerin.

Veranstaltungskritik: Georgien allein zu Haus. Sehnsuchtsland am Rande Europas

Am 1. Juli konnte man in der Villa Elisabeth in Berlin ein Teil des eintägigen kulturellen Programms rund um Georgien sein. Das Konzept der Veranstaltung hat Christiane Bauermeister entwickelt und in Kooperation mit der georgischen Botschaft in Berlin umgesetzt. Das Programm, das ein breites Spektrum der georgischen Kultur abdeckte, wirkte auf den ersten Blick stückweit überladen – vor allem im Hinblick auf die zeitlichen Abstände, die für die jeweiligen Programmpunkte vorgesehen waren. Das Interesse des Publikums war aber groß und die Veranstaltung vollständig ausverkauft.

IMG_1974Der Direktor des Literaturmuseums in Tbilisi, Lascha Bakradze, moderierte die Veranstaltung und versuchte die Gäste auch in den Pausen mit kurzen Geschichten und Wissenswertem über Georgien zu unterhalten. Nach seiner kurzen Einführung präsentierte die sehr bekannte und geschätzte georgische Sängerin Manana Menabde ihre sentimentalen Balladen in georgischer und russischer Sprache. Im Saal machte sich melancholische Stimmung breit. Man lauschte sehnsuchtsvoll und nachdenklich der Musik, die die Gäste in eine andere Welt transportierte. Neben mir saß eine ältere Dame aus Georgien, die die Lieder fast auf der gleichen Lautstärke, wie die Sängerin gefühlvoll begleitete, während ihr deutscher Mann leise mitsummte.

19691185_1413940985320810_1857138221_nAus diesem sentimentalen Traum wurde das Publikum dann durch die Diskussionsrunde mit dem Titel „Das Trauma Stalin und die georgische Nation“ wieder zur bitteren Wirklichkeit zurückgeholt. Während der Berliner Historiker Jörg Baberowski in einem ruhigen Ton von Stalin, Lavrenti Beria und der nichtstattgefundenen Entstalinisierung in Georgien sprach, summte einige im Kopf sicher weiter die Balladen von Manana Menabde – „ოქტომბერში, თუ ჩვენს მხარეს ჩაგივლია, / შეამჩნევდი მიმობნეულს მინდორ-ველად: / პაწაწინა, მარჯნისფერი ყვავილია, / იმერეთში ეძახიან საპოვნელას.“ (Wenn Du im Oktober in unsere Gegend vorbeigeschaut hast, / hättest Du sie auf dem Felde zerstreut entdecken können: / Sie ist winzigkleine, korallenfarbige Blume, / In Imereti wird sie Sapovnela genannt.“ Neben Herrn Baberowski, über den man in Berlin weiterhin eifrig streitet, nahmen an der Diskussion die Autorin Nino Haratischwili, der Leiter des Goethe Instituts in Georgien Herr Stephan Wackwitz und der Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili teil. Mit der haltbaren These, dass die Aufarbeitung des stalinistischen Verbrechens in Georgien immer noch nicht stattgefunden hat, wechselte man nach einer kurzen Pause wieder in den nächsten Musikakt. Nun spielte die Pianistin Dudana Mazmanischwili Werke von Gija Kantscheli.

Ganz besonders gespannt waren wir auf den Literaturteil des Programms, der aber leider durch die Kürze der Zeit zur größten Enttäuschung des Abends wurde. Unter dem vielversprechenden Titel „Medeas Töchter! Leben bis ein Schuss fällt“ präsentierten drei georgische Autorinnen ihre Texte auf Deutsch. Die Moderatorin Regine Kühn ließ die Schriftstellerinnen nach einer kurzen biografischen Einführung ihre Texte vortragen. Sicherlich hätte das Publikum gerne viel mehr über die Gäste gehört, aber die Zeit drängte und der nächste Musikakt – nun mit der elektronischen Musik aus Georgien – wartete schon auf uns. Das Musikerpaar Tusia Beridze und Nikakoi haben in meiner Teenagerzeit Anfang der 2000er die schönsten elektronischen Beats des Kaukasus produziert und sind aktuell immer noch erfolgreich in der Musikbranche Georgiens tätig.

IMG_1988Nach den leisen und melancholischen Tönen brachten die georgischen Dichter Paata Schamugia, Shalva Bakuradze und Surab Rtweliaschwili mehr Dynamik in den Abend. Sie trugen ihre Gedichte in georgischer Sprache vor, während die deutschen Übersetzungen an die Wand projiziert wurden. Der Dichter Shalva Bakuradze war meine persönliche Entdeckung des Abends. Mit einem besonderen Rhythmus, in der er die Predigten der georgischen orthodoxen Kirche imitierte, beeindruckte er mit einer Poetik, die dem Religiösen folgte und es zugleich von innen heraus dekonstruierte. Surab Rtweliaschwilis Poesie erinnerte mich sehr stark an den österreichischen Dichter Ernst Jandl und seine bekannte Lautgedichte. Ein besonderer Höhepunkt des Abends war Giorgi Kiknadzes Jazztrio. Die Musiker haben den Abend mit wunderbaren Melodien abgeschlossen. Leider haben wir den kulinarischen Teil der Veranstaltung nicht mehr erleben können, da es fast unmöglich war, sich durch die unendliche Schlange durchzukämpfen.

IMG_1993Insgesamt ist die Veranstaltung gelungen, gerade auch durch die wilde Mischung der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler und trotz der knappen Zeit, die für den jeweiligen Programmpunkt vorgesehen war. Wir hatten oft den Eindruck, dass die einzelnen Teile des Programms viel mehr Zeit gebraucht hätten, um den ausgewählten Themen den nötigen Raum bieten zu können. Großes Problem war aber auch gerade anfangs die schlechte Akustik und immer wieder das dadurch bedingte unruhige Publikum.  Die Veranstaltung war dennoch ein wunderbarer erster Vorgeschmack auf den Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 und machte die Gäste noch neugieriger auf das kommende Buchmessenprogramm.

von Irine

Geschichten aus dem rumänischen Hinterland: „Das Hühnerparadies“ von Dan Lungu

„Das Hühnerparadies“ des Rumänen Dan Lungu erschien im Original 2004 und im Residenz Verlag 2007. Der „falsche Roman aus Gerüchten und Geheimnissen“ gibt Einblicke in das Leben einer postkommunistischen Provinzstadt. Was kann sich hier schon alles in einer ruhigen Straße abspielen? Sehr vieles! Denn zwischen den alten Schuppen und neuen Wohngebieten trifft man sich nicht nur in der doch recht improvisierten Kneipe „Zerknautschter Traktor“, um dem Alkohol zu frönen, sondern auch, um Klatsch und Tratsch auszutauschen – und davon gibt es schließlich auch hier mehr als genug. Denn eigentlich ist auf dem Schauplatz von Dan Lungus Hühnerparadiesgeschichten immer etwas los und wenn nicht, dann kann es schon einmal passieren, dass die Protagonisten sich ausgiebig mit der Wohneinrichtung des berüchtigten Obersts befassen. Typischer Dorfklatsch? Oh ja! Auch in der Provinzstadt wird so eine Mücke zum Elefanten.

Schon mit seiner ersten Erzählung gibt Lungu die Essenz des Dorflebens wieder und lädt zum Schmunzeln, Lachen und Kopf schütteln ein. In den humorvollen Passagen schwingt allerdings immer auch die Kritik an der Politik und der Gesellschaft mit. Die Bewohner trauen sich nicht, ihre Häuser zu renovieren, da diese für den Bau von neuen teuren Wohnblöcken eh immer kurz vor dem Abriss stehen, während die Kinder in den Röhren spielen, die jedes Jahr für die Kanalisation abgeladen, dann aber vergessen werden. Es ist das Bild des großen Wandels, das hier vermittelt wird. Das Alte muss weichen und das Neue kommen – doch das Neue lässt auf sich warten und so leben die Bewohner immer am Rand des Existenzminimums, wenn die nächstgelegene Firma billigere Arbeitskräfte einstellt oder sogar komplett zumacht. Und auch die improvisierten kleinen Bauernhöfe im Vorgarten können den zunehmenden Verfall nicht aufhalten. Wenn ein Ehepaar sich nichts mehr zu sagen hat, weil die Ehefrau immer überlegen muss, wie betrunken ihr Ehemann schon sein könnte und was sie daraufhin überhaupt sagen kann, ist die Erzählung zwar unterhaltsam, macht allerdings auch auf die Probleme aufmerksam, mit denen viele Vorstädte kämpfen, die einmal industrieller und kultureller Mittelpunkt waren und dann verlassen wurden. Die Männer vertreiben sich in diesem Beispiel dann die Tage mit dem Alkoholkonsum, während die Frauen, hinter geschlossenen Gardinen verborgen, alles beobachten und kommentieren, was in der Straße vor sich geht.

Dan Lungus „Das Hühnerparadies“ kann auf viele Arten gelesen werden, ob kritisch und mit Blick auf die gesellschaftlichen Probleme oder auch rein mit dem Wunsch nach Unterhaltung – alles hat seine Berechtigung. In seinen Kurzgeschichten präsentiert der Autor ein Kaleidoskop aus illustren Gestalten, unkonventionellen Orten und unglaublichen Begegnungen.

„Das Hühnerparadies“ ist Dan Lungus drittes Buch, das auf Deutsch erschienen ist. Zuvor veröffentlichte der Residenz-Verlag bereits „Wie man eine Frau vergisst“ und „Die rote Babuschka“ . „Klasse Typen: Kurzgeschichten“ ist bei Drava erschienen.

  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten, 9,90 € (D)
  • Verlag: Residenz; Auflage: 1 (18. September 2007)
  • Übersetzung: Aranca Munteanu 
  • ISBN-13: 978-3701714834

Annika

Die bulgarische Dystopie: „Die Farben des Grauens“ von Jordan Iwantschew

Rot wie Blut und schwarz wie die Nacht: In „Die Farben des Grauens“ (Dittrich Verlag) entwirft der bulgarische Autor Jordan Iwantschew eine dystopische Zukunftsversion Bulgariens, das nach einer schweren Wirtschaftskrise und Unruhen nicht mehr existiert. Sofia, 2002: Die verbliebenen Einwohner kämpfen zwischen Trümmern um ihr Überleben. Die Nahrungsmittel sind knapp und durch die Blockaden in den Vororten ist die Verbindung zu den Bauernhöfen der Dörfer gekappt. Auch der einstige Philosophieprofessor Vesselinow, sein Sohn Christo und der Ex-Fußballer Nedew wollen diesen Albtraum verlassen und wagen die Flucht Richtung gut bewachter Grenze, denn der Westen hat sich zwar abgeschottet, doch ihre Hoffnung auf Freiheit ist größer als die Angst. Ihr Weg wird zum Martyrium, an deren Ende das Leben oder der Tod steht.

Iwantschew schafft in seiner Dystopie eine Welt voller Schrecken und Leid. Die Menschen haben alles verloren und sind bereit, alles zu tun, um nicht zu verhungern. Der Westen hat sich angewandt, während auch in der Ukraine, Ungarn und Polen die gesellschaftlichen Werte zusammenbrechen. In seinen Schilderungen der Begegnungen und Kämpfe des Romans steht Iwantschew auf einer Stufe mit den bekannteren Werken anderer Scifi-Autoren. Wirklich überraschend sind die Situationen daher nicht und es ist schade, dass nicht näher auf die politische und gesellschaftliche Geschichte Bulgariens eingegangen wird. Hier hätte es sicher viel Potenzial gegeben, um aus dem knapp 180 Seiten umfassenden Buch eine realistischere und nachvollziehbarere Erzählung zu bauen, die sich nicht gleich wieder mit anderen ähnlichen Romanen vergleicht und sprachlich besser heraussticht. Gerade durch das abgeschlossene Philosophiestudium des Autors hätte es sicher noch einige spannende Ansätze gegeben. „Die Farben des Grauens“ verliert aus den genannten Gründen leider schnell wieder an Fahrt, nachdem das Buch gelesen wurde, ist jedoch für Dystopiefreunde sicher ein Lesevergnügen.

 

  • Taschenbuch: 150 Seiten, 16,80 € (D)
  • Verlag: Dittrich, Berlin; Auflage: 1 (7. Oktober 2011)
  • Übersetzung: Barbara Beyer
  • ISBN-13: 978-3937717579

Annika

 

Szenen inmitten des Krieges: „Abzählen“ von Tamta Melaschwili

Das literarische Debüt „Abzählen“ der georgischen Autorin und Frauenrechtlerin Tamta Melaschwili (großartig übersetzt von Natia Mikeladze-Bachsoliani) aus dem Unionsverlag ist kein gewöhnlicher Roman über den Krieg. Im Mittelpunkt stehen hier nicht die Soldaten an der Front oder die Politiker dahinter, sondern der Alltag dreier dreizehnjähriger Mädchen, die in Georgien leben und sich in ihrer vom Krieg betroffenen Umgebung behaupten müssen. Während die Väter nicht weit entfernt kämpfen, bleiben die Frauen und Kinder und die, die zu alt oder zu schwach sind, zurück. Sie leben zwischen Hunger und Armut. „Abzählen“ ist hierbei nicht an den Schauplatz Georgien gebunden. In jedem kriegsgebeutelten Land kann die Geschichte als Beispiel stehen, wie der Krieg gerade die unschuldigsten prägt und beeinflusst. Im Nachwort nimmt die Autorin dazu Bezug: „Ich glaubte und glaube immer noch daran, dass Gewalt keine Nationalitäten kennt. Auch keine Grenzen. Dass sie überall gleich vernichtend und überall die größte menschliche Tragödie ist.“

8639Es ist die unschuldige Kindheit, die der Krieg besonders trifft. Wenn die Nachricht der gefallenen Familienmitglieder durch die Dörfer hallen und die Mütter kaum noch genug Essen für ihre Kinder haben, springt „Abzählen“ nicht nur hin und her zwischen Schrecken und Alltag, sondern auch zwischen den drei Tagen der Erzählung. Geschickt bricht Melaschwili mit der gängigen Erzählstrukutur, wenn sie Zeiten vertauscht und die Szenen so durchmischt. Obwohl der Krieg nicht weit entfernt wütet, leben die drei Freundinnen zwar ein Leben in ihrer vorgespielten Freiheit zwischen verlassenen Häusern, Briefboten mit den schlimmsten Nachrichten und knappen Essensrationen, wirken aber dennoch in sich abgeschottet vom Grauen. Ihre Jugend beginnt gerade erst und natürlich lässt sich auch im Krieg die Abenteuerlust nicht immer nehmen. Die leeren Häuser werden so zu Spielplätzen und Fundgruben, die jungen Grenzsoldaten zu möglichen Verehrern. Erschreckend schnell zeigt sich, wie normal die drei Mädchen mittlerweile selbst mit den grausamsten Bildern, beispielsweise eine entstellte Leiche, umgehen.

„Abzählen“ wurde 2013 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, ist für mich aber nicht unbedingt ein reines Jugendbuch. Die etwas sperrig eingeleiteten Dialoge („Sagt Ninzo: …“) wirken umständlich und anfangs fehl am Platz. Sicher können sich hier einige Leser nicht mit diesem speziellen Stilmittel anfreunden, das Melaschwili im Nachwort als die Sprache ihrer Kindheit beschreibt. Dennoch legt die linguistische Eigenart des Textes, der von den Gesprächen der Mädchen lebt, den Fokus einmal mehr auf die Unschuld der Kinder und verspricht die Illusion einer heilen Welt, in der man lediglich auf dem Spielplatz mit den Nachbarskindern Krieg spielt. Doch in „Abzählen“ ist der Krieg die bittere Realität, dem die Protagonistinnen einen starken Willen und eine aggressive Sprache entgegensetzen.

Das komplette Nachwort der Autorin gibt es auch online: http://www.unionsverlag.com/info/link.asp?link_id=8987&title_id=2650

Artikel zur Autorin gibt es auch hier:
http://www.novinki.de/?s=Tamta+Melaschwili&submit=Suchen

  • Taschenbuch: 128 Seiten, 9,95 € (D)
  • Verlag: Unionsverlag; Auflage: 1 (13. Mai 2013)
  • Übersetzung: Natia Mikeladze-Bachsoliani
  • ISBN-13: 978-3293206175
  • Originaltitel: Gatwla

Annika