Litauen auf der Leipziger Buchmesse

Bereits zum zweiten Mal ist Litauen Gastland einer deutschen Buchmesse. Schon 2002 konnte sich das kleine Land zwischen West und Ost auf der Frankfurter Buchmesse als literarischer Standort behaupten. Nun gibt es fast 15 Jahre später erneut das Motto „Fortsetzung folgt“, denn Litauen bietet fortwährend ein spannendes Programm an Kultur und Literatur. Wir haben uns unter den 26 Neuerscheinungen und Übersetzungen für dieses Jahr mal umgesehen und ein paar unserer Highlights rausgesucht.

NalIhR8NQiuErbzkApEw_9783945370100Klassiker der litauischen Literatur: „Das weiße Leintuch“ von Antanas Škėma (Guggolz Verlag)
Antanas Škėma (1910–1961) hinterließ einen Roman, der bis heute bedeutenden Einfluss auf die litauische Literatur ausübt: »Das weiße Leintuch«. Geschrieben zwischen 1952 und 1954, wurde er noch nie zuvor ins Deutsche übersetzt. Der Protagonist Antanas Garšva, ein litauischer Exilschriftsteller, arbeitet als Liftboy in einem vielstöckigen New Yorker Hotel. Antanas Garšva, Alter Ego von Antanas Škėma, ist vor den Sowjets aus Litauen geflohen, hadert aber mit der bigotten litauischen Leitkultur und der Trivialität der amerikanischen Konsumgesellschaft. In Rückblenden und Reflexionen versucht er seinen dramatischen Lebensweg zu verarbeiten und ihm einen Sinn zu geben, in der New Yorker Gegenwart findet er sich verstrickt in ein Dreiecksverhältnis mit seiner Geliebten Elena und ihrem Ehemann.

regeEinblick in das litauische Dorfleben: „Der Regengott und andere Erzählungen“ von Alvydas Šlepikas (mittdeldeutscher verlag)
Die neun Erzählungen des litauischen Meistererzählers Alvydas Šlepika sentführen in ein Dorf irgendwo in der litauischen »Provinz«. Mit viel Einfühlungsvermögen und Liebe zum Detail erzählt der Autor aus den verschiedenen Perspektiven seiner Helden in authentischer Weise leicht surrealistisch wirkende Geschichten, die zu fesseln vermögen. Unversehens wird der Leser von dieser nicht ganz alltäglichen Alltagswelt »eingesogen«, der er nur schwerlich wieder entrinnen kann.

cover_1857Drei Generationen in Chinatown: „Fische und Drachen“ von Undiné Radzevičiūtė  (Residenz Verlag)
Drei Frauengenerationen teilen eine Altstadtwohnung mitten in Chinatown: Großmutter Amigorena, Mama Nora, Autorin erotischer Kriminalromane, sowie deren erwachsene Töchter Miki und Schascha. Täglich tragen sie auf engstem Raum mit rasantem Witz ihre absurden Wortgefechte aus. Auch Schascha schreibt, allerdings über den geheimnisvollen Jesuiten und Maler Giuseppe Castiglione, der 1715–1766 am Hof des Kaisers von China lebte, doch statt diesen zu missionieren, immer tiefer in die chinesische Kultur und ihre Rätsel eintauchte. Ein umwerfend komischer Roman über zwei Kulturen, die sich anziehen und bekämpfen, verehren und missverstehen, über eine Faszination, der Schascha genauso erliegt wie Jahrhunderte vor ihr der Jesuit Castiglione.

9783866602144Ein Essay über die Hassliebe zwischen Litauen und Russen: „Moskauer Pelmeni“ von Laurynas Katkus (Leipziger Literaturverlag)
Dieser autobiographische Essay erkundet die geschichtlich motivierte Hassliebe zwischen Litauern (stellvertretend für Ostmitteleuropäer) und Russen. Aufgewachsen in einer zweisprachigen Umgebung im sowjetischen Vilnius, schildert der Autor Einflüsse der russischen Denkweise, Reisen durch Russland, die Auseinandersetzung mit der russischen Literatur und Kunst sowie die Jahre der Perestroika, die Unabhängigkeitsbewegung und schließlich persönliche Bekanntschaften mit russischen Schriftstellern und Intelektuellen. In Litauen wurde der Essay noch vor der Ukraine-Krise veröffentlicht und löste ein weites Echo in der Literaturkritik aus. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten des Westens, Russlands Mentalität zu verstehen, verleihen ihm erneut Aktualität.

46763Reisen nach Litauen: „Mein litauischer Führerschein – Ausflüge zum Ende der Europäischen Union“ von Felix Ackermann (Suhrkamp)
Was hält Europa heute zusammen? Wie gehen die Menschen in Litauen mit der Freiheit um, die sie vor einem Vierteljahrhundert gewonnen haben? Wie funktioniert die Europäische Union an ihren östlichen Außengrenzen, zwischen Kaliningrad und der Republik Belarus? Statt über diese Fragen am Berliner Schreibtisch nachzudenken, bricht Felix Ackermann 2011 auf, um Gastwissenschaftler in der litauischen Hauptstadt zu werden. Seine Familie erlebt in Wilna ein Europa der ganz praktischen Herausforderungen. Die Kinder lernen Litauisch und werden zu kleinen Patrioten erzogen. Seine Frau bringt eine Tochter zur Welt, die sogleich einen litauischen Personencode erhält. Und er selbst macht endlich doch noch seinen Führerschein in einer Kleinstadt namens Utena.

Mehr Litauen? Eine Übersicht aller Titel gibt es hier.

Weitere spannende Links rund um den Gastlandauftritt:

„Die Welt“ über den Besuch verschiedener Redakteure in Litauen.
„Litauen auf der Buchmesse“ – zdf aspekte hat einige litauische Autoren besucht und mit ihnen über das Verhältnis zu Russland gesprochen
Zusammenstellung einiger Veröffentlichungen auf br.de
Bericht über Claudia Sinnig, eine der wichtigsten Übersetzerinnen litauischen Literatur

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Ein Gedanke zu “Litauen auf der Leipziger Buchmesse

  1. Der Beitrag macht neugierig auf litauische Gegenwartsliteratur! Viel Erfolg fuer euer interessantes Blog, das ich als jemand, der seit 17 Jahren in Bulgarien (und zur Zeit mit Zweitwohnsitz in der Republik Moldau) lebt, in Zukunft mit Interesse lesen werde.

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