Superheldinnen von besonderer Art: „Superheldinnen“ von Barbi Marković

cover_1813Superheldinnen (Residenz Verlag, 2016) ist der zweite Roman von Barbi Marković, der in deutscher Sprache vorliegt. Genauer gesagt wurde der Roman im Unterschied zum im Suhrkamp Verlag bereits 2009 erschienenen Ausgehen (Izlaženje, Verlag Rende, Belgrad 2006), das stark vom Werk des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard inspiriert wurde, zweisprachig geschrieben. Die Autorin schrieb einige Passagen auf Serbisch, die in dieser Ausgabe von Mascha Dabić ins Deutsche übertragen wurden. Das Zwischensprachliche und Zwischenkulturelle steht im Roman im Mittelpunkt. Nicht zuletzt deshalb wurde die aus Belgrad stammende Autorin dieses Jahr zusammen mit Senthuran Varatharajah mit dem Chamisso-Förderpreis 2017 ausgezeichnet. Aktuell lebt Barbi Marković in Wien.

Im Zentrum der Handlung des Romans stehen die drei Superheldinnen und Freundinnen Mascha, Direktorka und die leicht depressive Ich-Erzählerin. Alle drei können kaum unterschiedlicher sein: Sie haben übernatürliche Kräfte unterschiedlicher Art und treffen sich jeden Samstag im Café Sette Fontane in Wien, um sich über die aktuellen Pläne auszutauschen. Mascha experimentiert mit „Auslöschungen“ und „Blitzen“ und gilt als Anführerin der Gruppe. Direktorka hilft den Freundinnen dabei, die Kräfte weiter zu verstärken. Und die Ich-Erzählerin stellt sich wie folgt vor:

„Enttäuscht vom Leben, mit einem dehnbaren Gewissen. Bilanz zu ziehen hatte mir schon immer Vergnügen bereitet.“

Der Kampf für das bessere und menschenwürdige Leben kann nur gemeinsam geführt werden. Der Wechsel von Ländern und Städten ist ein Teil der Identitäten der Superheldinnen und zugleich die erste Maßnahme zu Problemlösungen. Berlin, Sarajevo und Belgrad sind Orte, in denen sich die Romanfiguren aufhalten. Überhaupt ist das nomadenhafte Leben ein fester Bestandteil des Romans. Hierzu konstatiert die Hauptfigur des Romans an einer Stelle folgendes:

„Dabei fiel mir ein, dass die Städte uns immer wieder kauten und ausschpuckten; und wir zogen unermüdlich um, vergrößerten unsere Reichweite. Es fiel mir auch ein, dass die Tauben auf die gleiche Weise herumflogen, ständig auf der Suche nach schmutzigen Terrassen mit vollen Mistkübeln, von denen niemand sie mit einem Besen verjagen würde, darüber hinaus hegten sie sogar die Hoffnung, dass ein einsamer und kranker Mensch im Ruhestand ihnen erlauben würde, ein Nest unter seinem Bett zu bauen.“

Die Superheldinnen betreiben außerdem eine Sonntagskolumne in der Zeitschrift Astroblick. Mascha, die wegen des Krieges nach Österreich übersiedelte, kam als Erste der Gruppe zum Schreiben und fühlte sich schnell ziemlich souverän auf dem Gebiet. Die „Auslöschungen“ – hier muss man gleich an den letzen Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard denken, der der Autorin eventuell ebenfalls als Inspirationsquelle diente – die die Superheldinnen ab und zu praktizierten, lassen die Menschen nicht vollständig verschwinden. Sie tauchen in besseren Bedingungen wieder auf, bleiben aber für ihr früheres Umfeld unzugänglich.

Das Leben der Figuren des Romans ähnelt dem Leben von Obdachlosen und Straßenkindern. Ohne Geld und ohne Dach auf dem Kopf ziehen sie von einer Stadt in die andere und hoffen stets auf ein besseres Leben. Die in Sarajevo Mascha nahe stehende Rabija war schon immer die Antiheldin der Gruppe. Ihr mysteriöser Tod sorgt immer noch für Spekulationen in der Gruppe; so scheint der eine Teil des Körpers, der auf dem Platz der Befreiung in Sarajevo gefunden wurde, eventuell durch den Versuch der Selbstauslöschung übrig geblieben zu sein. Die Superheldinnen wissen allerdings eins ganz genau: Sie wollen auf keinen Fall wie Rabija enden. Doch die Zeit von großen Veränderungen ist schon angetreten: „Das ist unser Happy End, und wir haben nicht vor, es uns kaputt zu machen.“

Barbi Marković hat einen etwas schwer zugänglichen Roman geschrieben, der mit vielen literarischen Formen und Stilen spielt und die Zweisprachigkeit in einer kreativen Form umsetzt. Trotz des stark verwobenen Plots und der Brüche, die durch die Passagen in der serbischen Sprache erzeugt werden, bleibt man als Leser stets bei den Romanheldinnen, die ein aufregendes Leben zu führen versuchen und sowohl zwischen den Welten als auch zwischen den brutalen Zeiten des Jugoslavienkrieges und dem modernen Berlin hin und herbewegen.

von Irine

Barbi Marković: Superheldinnen. Wien: Residenz Verlag. 2016.

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