Ein Klassiker der estnischen Literatur: „Wikmans Zöglinge“ von Jaan Kross

jaankross_wikmanszoeglinge_web150dpiTallinn, 1938: In der estnischen Hauptstadt besucht Jaak Sirkel das renommierte Wikmansche Gymnasium. Die Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind für die jungen Männer geprägt von einer seltenen Unbeschwertheit und einem nur kurz währenden Nationalbewusstsein. Die Schüler verbringen den Alltag mit Streichen an Lehrern, versuchen Prüfungen zu umgehen und treffen sich mit neuen Freundinnen.

„Hier war die Vergangenheit über einen langen Zeitraum so bedrückend, dass jetzt, gerade jetzt – gestern, heute, morgen -, Männer und Frauen, Ideen und Taten, geboren werden müssen, auf denen sich dereinst unsere Größe begründen will. Und ich will – und Sie müssen wollen – dass das Wikmansche Gymnasium einen rühmlichen Anteil daran hat.“

Jan Kross` „Wikmans Zöglinge“ (Osburg Verlag) ist ein Klassiker der estnischen Literatur. Der Autor präsentiert in seinem Roman eine Welt, wie sie in Estland des 20. Jahrhunderts immer nur kurz Bestand hatte. Die Schüler seiner Geschichte zählten zur ersten Generation, die innerhalb eines estnischen Staates aufwuchs. Immer wieder geriet Estland zuvor als Spielball zwischen die Fronten der jeweiligen Mächte, bis das Land nach dem Ersten Weltkrieg zu einem eigenen Staat wurde. Jahrhunderte lang war die Kultur des Landes durch andere Sprachen wie deutsch und russisch geprägt, doch zur Zeit des Wikmanschen Gymnasiums ist es auch erstmals das estnische Bewusstsein, das das Land prägt und durch das die großen Romane des Landes entstehen. Jan Kross selbst veröffentlichte noch einen zweiten Band des vorliegenden Romans, der bisher jedoch nicht auf Deutsch übersetzt wurde und indem die Zeit des Zweiten Weltkrieges geschildert wird.

Das Wikmansche Gymnasium ist ein Haus der Ideale, an dem strenge Prinzipien herrschen. Der Abschlussjahrgang rund um Jaak Sirkel halten sich zwar an diese Prinzipien, tun allerdings alles, um sich den Schulalltag zu erleichtern. So wird alles daran gesetzt, unangekündigte Prüfungen zu verhindern oder die Noten ohne viel Aufwand auf ein „sehr gut“ zu bringen. Der Alltag am Gymnasium ist zwar streng organisiert, dennoch spielt „Wikmans Zöglinge“ mit viel Komödiantik und gegenseitigen Respekt. Die Schüler sollen an Zucht und Ordnung nicht brechen, sondern mit ihnen lernen und somit zu einer neuen starken Generation für das Heimatland heranwachsen.

Jaak Sirkel steht gemeinsam mit seinen Mitschülern kurz vor dem Abitur. Doch was zu einem Wechsel in das Erwachsenenleben werden soll, wird auch zu einem Kampf an der Front des Zweiten Weltkrieges, an der die Schüler auf verschiedenen Seiten kämpfen. Zwar bestimmen die letzten beiden Schuljahre einen Großteil des Romans, dennoch sind die letzten kurzen Kapitel die Höhepunkte, wenn sich die einstigen Klassenkameraden 1943 wiedertreffen – geteilt durch unterschiedliche politische Ansichten, verbunden durch viele verschiedene Schicksale. Kross spielt hier bewusst mit einem Bruch in der Geschichte, wenn er, zuvor alles detailliert beschreibend, plötzlich einige Jahre überspringt und die Leser in das kalte Wasser schmeißt.

„Wikmans Zöglinge“ ist ein monumentales Werk, das das Augenmerk auf ein kleines Land setzt, dessen Einwohner lange für ihre eigene Kultur und Geschichte kämpfen mussten. Der Roman schafft es bemerkenswert gut, in eine scheinbar harmlose Schulgeschichte elementare Identitätsfragen mit denen der Pubertät zu verweben und einer ganzen verlorenen Generation eine Stimme zu geben.

  • Gebundene Ausgabe: 580 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Osburg Verlag (1. Februar 2017)
  • Übersetzung:  Irja Grönholm
  • ISBN-13: 978-3955101299

Annika

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