Die mystische Suche nach dem Vater: „Der Windreiter“ von Renata Šerelytė

„Mir…mir fehlt das Narrativ so sehr…das Narrativ. Wo warst du? Was ist mit dir passiert?“

Renata Šerelytės „Der Windreiter“ ist ein litauischer Roman, der im Zuge der Neuerscheinungen rund um den Gastlandauftritt des Baltikumstaates auf der Leipziger Buchmesse im Wieser Verlag erschien. Die Autorin wurde 1970 in einem litauischen Dorf geboren, lebt heute in Vilnius und gilt als eine der wichtigsten Stimmen ihres Landes. „Der Windreiter“ ist nach „Blaubarts Kinder“ ihr zweiter Roman, der in deutscher Übersetzung von Cornelius Hell im Wieser Verlag veröffentlicht wurde.

„Der Windreiter“ ist die Suche nach dem verlorenen Vater aus Sibirien, die Hauptfigur des Romans Sascha, von einem Kamerateam begleitet, zum Gehöft ihrer Großeltern bringt. Doch was nun folgt, ist eine Geschichte, deren Plot kaum zusammenfassbar ist und es scheint fast so, als hätten sich alle Figuren gegen eine lineare und klare Erzählweise verschworen. Von verwahrlosenden Kindern der Nachbarhöfe über Hexen und Zauberei bis hin zu Erinnerungen an die einstigen sexuellen Beziehungen der Hauptcharaktere ist „Der Windreiter“ ein kompliziert verwobener Text, der in erster Linie durch das Motiv des Vatersuchens zusammengehalten wird. Diese Suche weckt in den Figuren auch eine Sehnsucht an das Bessere, ob in der Vergangenheit oder der Zukunft.

„Wir möchten, dass er das vergisst, was sich in den Tiefen seiner Seele verbirgt. Doch je grausamer man versucht, es herauszuschlagen, umso mehr grünt es und flicht in die Achselhöhle, als würde es sich rächen, weil wir nicht zu lassen, dass es seine wollüstigen, rötlich violetten Blüten des Wahnsinns frei ausbreitet…“

Die Erzählung ist ein bunter Ritt durch die kulturelle Landschaft Litauens und spielt mit der Stadt- und Landthematik, die durch die vielen Figuren verkörpert werden. Man könnte fast sagen, dass die Suche nach dem Vater im Roman zugleich die Suche nach der Freiheit und dem Ankommen bedeutet. Gleichzeitig gibt das die Hoffnung auf Erlösung, Frieden und Abschluss mit der Vergangenheit für das gesamte Land. Die Vaterfigur aus dem fernen Sibirien mag viele an die Familienschicksale aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, doch in „Der Windreiter“ wirkt sie dann doch etwas vorgeschoben, wenn sich plötzlich alles um andere Dinge dreht.

Der Roman kann mit einigen Passagen unterhalten, doch überfordert er an vielen Stellen und erzwingt oft eine Ratlosigkeit, die sich nicht löst. „Der Windreiter“ ist damit eine literarische Herausforderung, bei der jeder Leser das herausziehen muss, was er dem Text individuell entnehmen kann.

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  • Gebundene Ausgabe: 200 Seiten, 19,80 € (D)
  • Verlag: Wieser Verlag (1. März 2017)
  • Übersetzung: Cornelius Hell
  • ISBN-13: 978-3990292303
  • Originaltitel: Vejo raitelis

Annika

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