Zwischen New York und Kaunas: „Das weisse Leintuch“ von Antanas Škėmas

„Eine Seele, in ein weißes Leintuch gehüllt. Das ist Ihre Erlösung.“

Antanas Škėmas Roman „Das weisse Leintuch“ handelt von dem litauischen Exilschiftsteller Antanas Garšva, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Liftboy im New Yorker Trubel arbeitet und sich hier in ein Verhältnis mit seiner Geliebten Elena verstrickt, die verheiratet ist. In Rückblenden erfahren die Leser den dramatischen Lebensweg des Dichters, der in seinem Heimatland von den politischen Feinden verfolgt und bedroht wurde. Verfasst zwischen 1952 und 1954, ist im Guggolz Verlag erstmals die deutsche Übersetzung von Claudia Sinnig erschienen und gibt dem bekannten litauischen Autor nun auch in Deutschland eine Stimme. Ziel des Guggolz Verlages ist es, den „Regionen auf der literarischen Landkarte sichtbar zu machen, die häufig nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen“(Quelle: http://www.guggolz-verlag.de/verlag).

Es sind die großen Gegensätze des Lebens, die „Das weisse Leintuch“ bestimmen. Antanas lebt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen der Heimat in Kaunas und dem Exil in New York. Als Schriftsteller wurde er einst in Litauen gefeiert, als Liftboy kutschiert er in den USA jetzt die Schönen und Reichen von oben nach unten und wieder zurück. Und auch die große Liebe ist nah und doch fern. Der einzige Ausweg scheint für Antanas Freund, ebenfalls ein litauischer Emigrant, nur noch der Selbstmord zu sein, doch Antanas selbst ist fortwährend auf der Suche nach dem Sinn seiner neuen Existenz in den USA.

„Ich fürchte mich vor der Ruhe, sie umklammert mich, die Angst ist besser. In der Hölle ist es erlaubt, vom verlorenen Paradies zu träumen.“

Antanas träumt vom erfüllten Leben – frei von den Zwängen seiner Erinnerungen, frei von seiner Vergangenheit – als Zukunftsbild trägt er das Dichterleben mit Elena an seiner Seite in sich. Er will „einen Gedichtzyklus schreiben, in dem jeder Buchstabe wie gemeißelt ist.“ Doch die Realität sieht anders aus. Der Protagonist lebt von Tag zu Tag, kann sich nicht richtig in das Gefüge der lauten Großstadt einbringen. Mit seinen persönlichen Aufzeichnungen umspannt er fast ein halbes Jahrhundert Litauens und manchmal wirkt der Roman seltsam modern, bedenkt man doch seine Entstehungszeit. Dies ist auch die Leistung der Übersetzerin Claudia Sinnig, die der Erzählung einen aktuellen Erzählklang verleiht.

Die Geschichte des Antanas Garšva ist auch gleichzeitig die Geschichte des Autors und damit wohl dessen persönlichstes Werk. Škėma, der im litauischen Kaunas als Schauspieler und Regisseur arbeitete, floh 1944 vor der sowjetischen Besatzung nach Deutschland und verbrachte hier mehrere prägende Jahre in Displaced Persons Camps. 1949 siedelte er in die USA über, wo er sein Geld ebenfalls als Liftboy verdiente. Trotz mehrerer Kurzgeschichten, Dramen und Artikel sollte „Das weisse Leintuch“ sein einziger Roman bleiben. Auch die Werke seines Protagonisten wurden „während der ersten sowjetischen Besatzung […] in den sowjetischen Zeitungen und Zeitschriften nicht gedruckt. Sein Werk wurde als reaktionär und formalistisch bezeichnet“.

„Das weisse Leintuch“ ist eine Geschichte mit viel Tiefgang, gemixt mit humoristischen Passagen, die das Leben als Liftboy beschreiben. Geschickt steigert es das Interesse an der litauischen Besatzungsgeschichte und lenkt den Fokus auf die einzelnen Schicksale der litauischen Emigranten.

Ein Blick in das Verlagsprogramm des Guggolz Verlages lohnt sich sehr! Neben russischen, estnischen und tschechischen Titeln gibt es u.a. auch Werke aus Finnland, den Färöer Inseln und aus Schottland.

  • Gebundene Ausgabe: 255 Seiten, 21 € (D)
  • Verlag: Guggolz Verlag; Auflage: 1 (15. Februar 2017)
  • Übersetzung: Claudia Sinnig
  • ISBN-13: 978-3945370100
  • Originaltitel: Balta drobule

Annika

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