Szenen inmitten des Krieges: „Abzählen“ von Tamta Melaschwili

Das literarische Debüt „Abzählen“ der georgischen Autorin und Frauenrechtlerin Tamta Melaschwili (großartig übersetzt von Natia Mikeladze-Bachsoliani) aus dem Unionsverlag ist kein gewöhnlicher Roman über den Krieg. Im Mittelpunkt stehen hier nicht die Soldaten an der Front oder die Politiker dahinter, sondern der Alltag dreier dreizehnjähriger Mädchen, die in Georgien leben und sich in ihrer vom Krieg betroffenen Umgebung behaupten müssen. Während die Väter nicht weit entfernt kämpfen, bleiben die Frauen und Kinder und die, die zu alt oder zu schwach sind, zurück. Sie leben zwischen Hunger und Armut. „Abzählen“ ist hierbei nicht an den Schauplatz Georgien gebunden. In jedem kriegsgebeutelten Land kann die Geschichte als Beispiel stehen, wie der Krieg gerade die unschuldigsten prägt und beeinflusst. Im Nachwort nimmt die Autorin dazu Bezug: „Ich glaubte und glaube immer noch daran, dass Gewalt keine Nationalitäten kennt. Auch keine Grenzen. Dass sie überall gleich vernichtend und überall die größte menschliche Tragödie ist.“

8639Es ist die unschuldige Kindheit, die der Krieg besonders trifft. Wenn die Nachricht der gefallenen Familienmitglieder durch die Dörfer hallen und die Mütter kaum noch genug Essen für ihre Kinder haben, springt „Abzählen“ nicht nur hin und her zwischen Schrecken und Alltag, sondern auch zwischen den drei Tagen der Erzählung. Geschickt bricht Melaschwili mit der gängigen Erzählstrukutur, wenn sie Zeiten vertauscht und die Szenen so durchmischt. Obwohl der Krieg nicht weit entfernt wütet, leben die drei Freundinnen zwar ein Leben in ihrer vorgespielten Freiheit zwischen verlassenen Häusern, Briefboten mit den schlimmsten Nachrichten und knappen Essensrationen, wirken aber dennoch in sich abgeschottet vom Grauen. Ihre Jugend beginnt gerade erst und natürlich lässt sich auch im Krieg die Abenteuerlust nicht immer nehmen. Die leeren Häuser werden so zu Spielplätzen und Fundgruben, die jungen Grenzsoldaten zu möglichen Verehrern. Erschreckend schnell zeigt sich, wie normal die drei Mädchen mittlerweile selbst mit den grausamsten Bildern, beispielsweise eine entstellte Leiche, umgehen.

„Abzählen“ wurde 2013 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, ist für mich aber nicht unbedingt ein reines Jugendbuch. Die etwas sperrig eingeleiteten Dialoge („Sagt Ninzo: …“) wirken umständlich und anfangs fehl am Platz. Sicher können sich hier einige Leser nicht mit diesem speziellen Stilmittel anfreunden, das Melaschwili im Nachwort als die Sprache ihrer Kindheit beschreibt. Dennoch legt die linguistische Eigenart des Textes, der von den Gesprächen der Mädchen lebt, den Fokus einmal mehr auf die Unschuld der Kinder und verspricht die Illusion einer heilen Welt, in der man lediglich auf dem Spielplatz mit den Nachbarskindern Krieg spielt. Doch in „Abzählen“ ist der Krieg die bittere Realität, dem die Protagonistinnen einen starken Willen und eine aggressive Sprache entgegensetzen.

Das komplette Nachwort der Autorin gibt es auch online: http://www.unionsverlag.com/info/link.asp?link_id=8987&title_id=2650

Artikel zur Autorin gibt es auch hier:
http://www.novinki.de/?s=Tamta+Melaschwili&submit=Suchen

  • Taschenbuch: 128 Seiten, 9,95 € (D)
  • Verlag: Unionsverlag; Auflage: 1 (13. Mai 2013)
  • Übersetzung: Natia Mikeladze-Bachsoliani
  • ISBN-13: 978-3293206175
  • Originaltitel: Gatwla

Annika

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