Das freie und wilde Künstlerleben: „Elephantinas Moskauer Jahre“ von Julia Kissina

Die deutsch-russische Künstlerin und Schriftstellerin Julia Kissina wurde 1966 in Kiew geboren, verbrachte aber ihre Studienjahre in Moskau und lebt seit 2003 in Berlin. Als Vertreterin der Moskauer Konzeptualisten und Mitglied in verschiedenen Autoren- und Literaturkreisen war sie gerade in Moskau immer mittendrin im künstlerischem Geschehen. So ist es sicher kein Zufall, dass sie in ihrem Roman „Elephantinas Moskauer Jahre“ (Suhrkamp, 2016) ihre Protagonistin von Kiew ins Moskau der 80er Jahre schickt und diese hier verschiedenste wilde Episoden zwischen Dichtern, Denkern und Philosophen erleben lässt.

Denn es gibt weder Anfang noch Ende. Es gibt keine Hierarchie der Ereignisse und es kann sie nicht geben. Vor dem Massiv der Zeit sind alle Ereignisse gleich und gänzlich ununterscheidbar.“

Ab 1981 lebt die junge Protagonistin, deren Künstlername „Elephantina“ ist, in Moskau und nimmt ein Schauspielstudium auf. Sie hangelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt mal bei Verwandten, mal im Untergrund – oftmals in der Kälte und Gefahr. Zu ihrem wilden Leben gehören diverse illustre Künstlerinnen und Künstler, allen voran ihr Schwarm Tomat, auch gerne als Tomatenjunge, Tomatenmensch oder Tomatensaft bezeichnet, nur ist dieser leider verheiratet. Neben dem Studium widmet Elephantina sich ihrem Werk „Die sieben Stufen des Todes“ und der Poesie. Es ist ihre künstlerische Ader, die ihre Welt zu einem Abenteuer macht, doch schnell kann man den Überblick über ihre vielen Begegnungen verlieren, die durch die Spitznamen ihrer Bekannten noch wirrer werden.

`Elephantina, du bist eine Vollidiotin!´, sagte Moskau zu mir.
Ich streckte der Stadt die Zunge raus.“

„Elephantinas Moskauer Jahre“ lebt von ihren Figuren. Allen voran steht Elephantina, die aus den vielen Episoden, die sich von 1981 bis 1985 strecken, eine bunte Welt zwischen dem sich ankündigenden politischen Umschwung und ihren persönlichen Problemen schafft. Manchmal wirkt diese zwar konstruiert, ist aber äußerst unterhaltsam. Gleichzeitig ist der Roman ein Einblick in ein wildes, fiktives Künstlerleben, das sicher auch durch wirkliche Begegnungen der Autorin beeinflusst wurde. Elephantina lässt sich von niemandem und durch nichts verändern. Schnell wurden die Geschichten für mich jedoch zu einer einzigen, die sich in ähnlicher Form immer wieder abspielte. Kissina beweist zwar sehr viel Humor und literarisches Können (nicht zu vergessen ist hier die gelungene Übersetzung von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova), doch ich könnte ehrlich gesagt keine der vielen Episoden auf Anhieb wiedergeben. „Elephantinas Moskauer Jahre“ ist ein außergewöhnlicher Roman, der mich leider nicht unbedingt überzeugen konnte.

„Frühling auf dem Mond“ (Suhrkamp, 2013) startete Kissina ihre geplante Trilogie über die spätsowjetische Zeit, die mit „Elephantinas Moskauer Jahre“ fortgeführt wurde. Obwohl die Autorin fließend Deutsch spricht, schreibt sie, im Gegensatz zu der zweiten großen aus Kiew stammenden und in Berlin lebenden Autorin Katja Petrowskaja, auf Russisch.

Mehr zur Autorin und zum Titel gibt es hier:
http://www.zeit.de/2016/32/elephantinas-moskauer-jahre-julia-kissina-roman

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten, 22,95 € (D)
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (8. Mai 2016)
  • Übersetzung: Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova
  • ISBN-13: 978-3518425329
  • Originaltitel: Elefantina ili Korablekrusccenija Dostoevceva

Annika

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