„Hana“ von Elvira Dones

„Ich will dich so, wie du bist, an deinem letzten Tag als Mann.“

Von Hana zu Mark und von Mark zu Hana – Elvira Dones` „Hana“ (INK Press) ist die beeindruckende Geschichte einer jungen albanischen Frau, die mit 20 symbolisch zum Mann wurde, um sich gegen eine Zwangsverheiratung zu wehren und die Rolle des Familienoberhaupts zu übernehmen. 14 Jahre später reist sie zu ihrer Cousine Lila in die USA – aus Mark soll nun wieder Hana werden.

Die albanische Autorin Elvira Dones, die heute in Italien lebt, öffnet in diesem wichtigen Roman eine fremde Welt, die von Bräuchen bestimmt wird, die für viele wohl fremd und grausam erscheinen. Nicht nur die Blutrache, sondern auch die Schwurjungfernschaft wird bis heute mit dem kanun, einem mündlich überlieferten Gewohnheitsrecht, das vermutlich bis vor das Mittelalter zurückreicht, begründet und legitimiert. Gerade in den abgeschiedenen Bergen Nordalbaniens stehen diese Rechte noch vor dem Gesetz. Auch in „Hana“ wird das Leben der Protagonisten durch das kanun bestimmt. Als Hanas Onkel schwer erkrankt und sie noch vor seinem Tod zum Schutz der Familie verheiraten will, entscheidet sich die junge Frau für einen drastischen Schritt: „Es ist nicht schwierig, ein Mann zu werden. Ich habe geschworen, niemals zu heiraten. Diesen Brauch gibt es nur im Norden des Landes. Das geht so: Wenn eine Familie keine Söhne hat, dann schwört eine der Töchter, sich wie ein Mann zu benehmen und bis ans Ende ihrer Tage ein Mann zu bleiben. Von dem Moment an übernimmt sie alle Funktionen und Rollen eines Mannes.“

„Hana“ lebt von seinen Dialogen und den Einblicken in die nordalbanischen Sitten. Bewusst wir das Leben von Mark übersprungen, der dem Alkohol und Zigarettenkonsum verfallen ist. In Zeitsprüngen schildert Dones die verschiedenen Etappen aus Hanas Leben und bildet dabei das Bild einer jungen Frau, die es zwar zum Studieren nach Tirana zieht, dabei aber immer wieder zwischen der Familie und der eigenen Freiheit schwankt. Mit dem Tod ihrer Tante und der Erkrankung ihres Onkels, die sie nach dem Verlust ihrer Eltern großgezogen haben, folgt sie dem Leben in den Bergen und besiegelt damit ihr eigenes Schicksal. Großer Kontrast ist ihre Cousine Lila, die mit Mann und Kind in die USA ausgewandert ist und sie immer wieder bittet, in die Staaten zu kommen. Das Leben in den Bergen kollidiert 14 Jahre später mit dem „American Lifestyle“. Sexuell unerfahren und unsicher wird aus Mark mehr und mehr Hana, die sich fern von der Heimat mit einem neuen Gesellschaftsbild ihrer selbst auseinandersetzen muss und dabei Unterstützung von ihrer pubertierenden Nichte erhält. „Hana“ thematisiert interessanterweise dabei nicht die Fragen nach dem Männlichen und dem Weiblichen, denn die zwischengeschlechtliche Identität Hanas/Marks wird für alle Protagonisten als selbstverständlich angesehen und die Gründe Hanas in jungen Jahren zu Mark zu werden, sind für alle naheliegend.

Die eigene Identität, scheinbar veraltete Bräuche, die Suche nach dem Verständnis für den eigenen Körper sind die Themen, die Dones mit ihrem Roman beispiellos behandelt und nicht ohne Grund wurde die Romanverfilmung „Sworn Virgin“ von Laura Bispuri u.a. 2015 auf der Berlinale vielfach ausgezeichnet. „Hana“ ist ein wichtiges Werk der albanischen Literatur und es ist allein dem Verlag ink press zu verdanken, dass dieses nun auch in einer empfehlenswerten deutschen Übersetzung von Adrian Giacomelli verfügbar ist.

  • Taschenbuch: 252 Seiten, 19 € (D)
  • Verlag: INK Press; Auflage: 1 (5. Dezember 2016)
  • Übersetzung: Adrian Giacomelli
  • ISBN-13: 978-3906811048
  • Originaltitel: Vergine giurata

Annika

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