Schlüsselwerk der mazedonischen Literatur: „Quecke“ von Petre M. Andreevski

„Unser Stamm ist eine Quecke […] keine Armee und keine Krankheit kann ihn ausmerzen. Die Quecke ist ein Unkraut […]. Zertritt sie nur, zerr an ihr, so viel du willst, reiß sie mitsamt den Wurzeln raus – sie stirbt doch nicht.“

51ValXyrAkLPetre M. Andreevskis „Pirej“ erschien 1980 und ist mittlerweile eines der Schlüsselwerke der mazedonischen Literatur. In der großartigen Übersetzung von Benjamin Langer hat es die Geschichte in diesem Jahr auch endlich mit dem Guggolz Verlag in einer wunderschönen und hochwertigen Aufmachung nach Deutschland geschafft.
„Quecke“ (deutscher Titel) ist nicht nur die Geschichte des Ehepaares Jon und Velika, die der Erste Weltkrieg auseinanderreißt, sondern auch die des mazedonischen Volkes, das nach dem Balkankrieg unter der ehemaligen Herrschaft des Osmanischen Reichs als Spielball zwischen Bulgarien, Serbien und Griechenland um seine eigene Identität und Nationalität kämpft.

Es ist ein einfaches Leben, das die Bauern Jon und Velika in ihrem Dorf führen. Als Selbstversorger packen alle mit an, die Kinder werden regelrecht auf dem Feld geboren und das Leben geht jeden Tag seinen Weg. Mit dem Ersten Weltkrieg und der Einberufung Jons beginnen sich die Erzähllinien zu trennen. Jon, der an der Seite der Serben gegen die Bulgaren kämpft, schildert den Alltag an der Front – zwischen Leben und Tod, Hoffnung und Leid. Velika, die mit den drei Kindern zurückbleibt, wird zum Oberhaupt der Familie und damit auch ein Beispiel der starken Frauen des Krieges. In beiden Handlungssträngen ist „Quecke“ ein Werk des großen Leidens und der Trauer, das auf beeindruckende und emotionale Weise die verschiedenen Sichten der Opfer des Krieges – der zurückgebliebenen Familien und der kämpfenden Soldaten – verbindet. Von dieser persönlichen Sicht aus springt Andreevski auch zum Politischen. Mazedonien, das erst wesentlich später unabhängig werden sollte, wird gleichgesetzt mit einem Unkraut, ein Unkraut, das sich immer wieder durch die Erde kämpft und Stand behält. Der Autor gibt seiner Heimat und seinem Land damit eine Bezeichnung, die trotz all ihrer scheinbar offensichtlichen Negativität für Stärke und Durchhaltevermögen steht.

Auf den Schlachtfeldern treffen die mazedonischen Soldaten aufeinander, die, obwohl sie serbisch und bulgarisch sprechen, Nachbarn und Freunde sind. Im Original werden ihre Gespräche und Zurufe auch auf diesen Sprachen wiedergegeben, dieser Aspekt der verschiedenen sprachlichen Identitäten fehlt in der deutschen Übersetzung jedoch zwangsläufig. Benjamin Langer hat die Dialoge gekonnt der deutschen Sprache angepasst, dabei aber die Eigenarten des Mazedonischen nicht außer Acht gelassen. Im Nachwort beschreibt er die mühsame Suche nach bestimmten scheinbar unübersetzbaren Wörtern und Begriffen, an deren Übersetzung teilweise ganze mazedonische Dörfer beteiligt waren. In engem Kontakt stand er hierbei auch mit den Kindern und Enkeln des Autors, der 2006 verstarb.

Mit „Pirej“ hat Petre M. Andreevski ein Jahrhundertwerk der mazedonischen Literatur geschaffen, das das Leid und die Hoffnung des Krieges zeigt und exemplarisch an seinen Figuren die Stärke und Probleme seiner Heimat.

 

  • Gebundene Ausgabe: 445 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Guggolz Verlag; Auflage: 1 (1. August 2017)
  • Übersetzung: Benjamin Langer
  • ISBN-13: 978-3945370131
  • Originaltitel: Pirej

Annika

 

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