Kinder- und Märchenbücher aus Georgien und Polen

Kinder- und Märchenbücher aus Georgien: Schlaf gut (ძილი ნებისა) & Der König, der nicht lachen konnte – Märchen aus Georgien

csm_Nadareischwili_Schlafgut_Cover_02_4695cb9266Das zweisprachige Kinderbuch „Schlaf gut“ (Baobab Books) von der georgischen Autorin und Illustratorin Tatia Nadareischwili ist eine besondere Ausgabe in vielerlei Hinsicht. Der Autorin, die für die LeserInnen von Read Ost bereits durch ihre Illustrationen für das Buch „Die Stadt auf dem Wasser“ (AvivA Verlag) von Salome Benidze bekannt ist, gelingt hier eine faszinierende Geschichte um einen Jungen, der nicht schlafen kann und sich auf eine Reise in die vielfältige Welt der Tiere begibt, um die Schlafgewohnheiten von Giraffen, vom Faultier oder von Pottwalen auszuprobieren. Wir begegnen dem Jungen im Karopyjama als er Fledermäuse beim Schlafen nachzumachen wagt und von einem Ast kopfüber hängt; Oder wie die Enten, so auch er, auf dem Wasser stets mit einem Auge offen zu schlafen versucht.

Mit wenig Text und wunderbaren Zeichnungen, die durch den universellen Humor, der sowohl für die Kleinsten unter uns als auch für Erwachsene funktioniert, schafft Tatia Nadareischwili eine Erzählung, die durch Liebe, Freundschaft und der einzigartigen Symbiose zwischen Mensch und Tier durchdrungen ist. Mit den eher dezent gehaltenen Farben schafft sie durch ihre Bilder eine Atmosphäre der Ruhe und Zuneigung, die nicht nur den Kindern gut tut. Die Idee zu diesem Buch entstand dann, als die Autorin diverse Aufnahmen schlafender Pottwale gesehen hat.

Die Ausgabe dieses zweisprachigen Bilderbuches (aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld) wurde teils durch Spenden finanziert und im wunderbaren Baobab Books (Fachstelle zur Förderung kultureller Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur) aus Basel herausgebracht, der sich in seinem Programm auf Kindergeschichten, Bilderbüchern und Jugendromanen aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Ozeanien und dem Nahen Osten konzentriert. Eine ausdrückliche Empfehlung für jede Familie mit Kindern!

 


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„Der König, der nicht lachen konnte“ (NordSüd Verlag) versammelt zweiundzwanzig georgische Volksmärchen, die von verschiedenen Illustratoren aus Georgien mit Zeichnungen versehen wurden. Diese aufwändige Arbeit wurde zum größten Teil von Otar Karalaschwili, dem Leiter des Buchkunstzentrums in Tbilissi geleistet. Er schuf für diese faszinierende Ausgabe nicht nur Zeichnungen, sondern hat außerdem einige Märchen wunderbar ins Deutsche übertragen. Der Züricher Verlag hat erfreulicherweise in einem hochqualitativen Ausgabe diese Märchen nun publiziert (Aus dem Georgischen von Heinz Fähnrich, Otar Karalaschwili und Sebastian Minkner).

Die Märchensammlung wird mit einem Märchen namens „Halbhuhn“ (geo: „ნახევარქათამა“) eröffnet. Die Zeichnung stammt von Tatia Nadareischwili. Das Halbhuhn verschlingt alles um sich herum und rettet sich letztendlich vor dem König, indem es das kürzlich verschluckte Meer aus seinem Bauch fließen lässt und den König mit seinem Gefolge ertränkt. Die georgischen Volksmärchen verarbeiten oft harte Stoffe und gehen teilweise an die Grenze des Brutalen. Sie drehen sich um Könige, Waisen, Füchse und andere Tiere. Besonders hervorzuheben sind die Märchen, die kurz und knackig humorvolle, abenteuerliche und schicksalhafte Geschichten erzählen, wie z. B. „Die Mücke und das Blatt“ (Illustriert von Mai Laschauri).

Dieser einzigartige Band versammelt Märchen, die für jedes Kind in Georgien ein wichtiger Teil der Kindheitslektüre sind, wie „Nazarkekia“ (Aschenscharrer), der sogar die Riesen durch seine List und Tücke bändigen kann, „Zikara“,  „Chutkuntschula“ (eine abenteuerliche Geschichte mit neun Brüdern, die eines Tages aufbrechen, um eine passende Arbeit zu finden). Chutkuntschula ist der jüngste Bruder, der den bösen Riesen letztendlich einen Streich spielt.

Die titelgebende Geschichte „Der König, der nicht lachen konnte“ folgt dem klassischen Muster des georgischen Volksmärchens. Der König, der tatsächlich nicht lachen kann, schickt seine drei Söhne mit einer schweren Aufgabe fort. Nur der Jüngste ist der Herausforderungen letztendlich gewachsen und löst alle möglichen Rätsel, tötet den widerlichen Dew und befreit seine Mutter. So kann der König endlich wieder lachen. Beeindruckend illustriert Otar Karalashwili das Märchen „Sismara“. Sismara – der Träumer – ist ein Waisenjunge, der immer wundersame Träume sieht und mit der bösen Stiefmutter zu kämpfen hat:

„Ich träumte, dass ich mit einem Bein auf dem Anfang und mit dem anderen auf dem Ende von Bagdad stand. Zur Rechten saß mir die Sonne, zur Linken der Mond, und der strahlende Morgenstern badete mein Gesicht.“

Als alle um ihn herum seine Träume haben wollen, geht er fort. Doch das Leben in der Fremde bereitet ihm etliche Abenteuer vor. Das Ende bleibt aber glücklich, wie in meisten georgischen Märchen. Solche Erzählungen werden immer mit folgenden Worten abgeschlossen:

„Leid vergeht und Freude bleibt
Spreu verweht, Getreide bleibt.“

 


 

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„Unsere Bücher sollen auch weiterhin keine Billig-Schmöker sein, die man nach dem Lesen wegwirft, sondern Kinderbücher mit Charme und Magie, die Sie immer wieder gerne aus dem Regal holen und an die Sie sich auch als Erwachsener mit Liebe erinnern.“, heißt es auf der Webseite des Knabe-Verlages Weimar. Mit „Der grüne Wanderer“ dürfen wir euch ein Kinderbuch vorstellen, was genau diesem Wunsch entspricht, denn die bunte Geschichte rund um Gräumelin, die von der polnischen Autorin Liliana Bardijewska geschrieben und wunderschön von Emilia Dziubak illustriert wurde, ist ein wahrer Hingucker. Als Gäumelin feststellt, dass er beginnt, grün zu werden und sich damit von allen seinen Freunden und der Umgebung im Grauland abhebt, begibt er sich auf die Reise in die Welt der Farben. Begleitet wird er dabei von Königen, Schnecken, Winden und Stürmen, alle in leuchtenden, satten und atemberaubenden Farben, doch im Grünland angekommen, muss er feststellen, dass es zu Hause doch am schönsten ist. „Der grüne Wanderer“ überzeugt durch wundervolle Illustrationen und eine liebevolle Geschichte. Hochwertig aufgemacht ist es ein absoluter Geschenketipp für Kinder ab 6 Jahren!

von Irine & Annika

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Schreckensort der Kindheit: „Das Phantom der Mühle“ von Doina Ruşti

„Die Mühle blieb ein Schreckensort: Es gab alle möglichen Geschichten über DenMax, das Gespenst, auch noch nachdem wir ihn ausgegraben hatten.“

41URnpm65XL.jpgIn Doina Ruştis Roman „Das Phantom in der Mühle“ (KLAK Verlag) findet die junge Adele in einer Buchhandlung das Buch ihres Lebens. Verwirrt und beeindruckt liest sie in den Kapiteln die Geschichte ihrer Vergangenheit, die mit dem Tod ihres Cousins DerMax (sic!) in ihrem Heimatdorf Comosteni beginnt. Mit dem Buch begibt sich Adele zurück in ihre dunklen Erinnerungen rund um die Mühle, in der DerMax verunglückte und in der verschiedene Personen, darunter auch ihre Mutter, verschwanden.

Eine moderne Geistergeschichte gemischt mit Elementen eines politischen Thrillers vor dem Fall des Eisernen Vorhangs: Ruştis Geschichte vereint Erzählelemente, die nicht unbedingt zueinander gehören wollen. So ist es keine Überraschung, dass „Das Phantom der Mühle“ in mehreren Teilen verschiedene Themen und Figuren aufgreift. Den Anfang macht Adele. Die Kapitel um ihre Erinnerungen und die Entdeckung des Romans schaffen eine starke Atmosphäre. Besonders dann, wenn sie der Geist von DerMax verfolgt und ihr überall erscheint:

„In meiner Biografie begann der wahre Niedergang in jenem Herbst, als Ceausescu Comosteni besuchte. Ich war immer ausgelaugter, hatte Sehnsucht nach dem orangenen Knopf, der mich früher gewarnt hatte und lebte in andauernder Anspannung: Max tauchte auf, sobald ich ihn vergaß.“

Das Rätsel des Autors, den Adele ausfindig machen kann, erzeugt eine gewisse Spannung. Mit dem nächsten Teil springt Ruşti dann aber zu Adeles Freunden und Nachbarn. Hier wird die Handlung leider so unübersichtlich, dass es schwer fällt, sie wiederzugeben. Offensichtlich ist die Kritik am rumänischen Regime und die Schilderung des Lebens unter der Diktatur. Es fällt sicher einfach, sich länger in Interpretationen von/zum „Das Phantom in der Mühle“  zu verlieren. Schnell verbindet man „DerMax“ und sein Geist mit Wörtern wie Angst, Druck, Misstrauen und Verzweiflung, doch man will an dieser Stelle trotzdem nicht weitergehen, um die Erzählung nicht zu zerpflücken. „Das Phantom in der Mühle“ lässt nämlich leider etwas ratlos zurück und nimmt nach einem starken Anfang rapide an ihrer Brisanz ab.
„Das Phantom in der Mühle“ ist eine echte literarische Herausforderung, aber sicher wird der Roman bei vielen doch Anklang finden.

 

  • Taschenbuch: 412 Seiten, 16,90 € (D)
  • Verlag: KLAK Verlag (1. Oktober 2017)
  • Übersetzung: Eva Ruth Wemme
  • ISBN-13: 978-3943767469

Annika

 

Unabhängig, entdeckerfreudig, lesebegeistert: Interview mit dem Guggolz Verlag

Der Guggolz Verlag ist einer der Verlage, die uns am meisten am Herzen liegen, denn mit jeder Neuerscheinung spürt man die Sorgfalt und die Liebe zur Literatur. Erst vor Kurzem durften wir euch Petre M. Andreevskis „Quecke“ vorstellen und freuen uns jedes Mal auf neue Entdeckungen. Wir durften den Gründer und Verleger des Verlages interviewen.

  1. Wer bist du und wofür steht der Guggolz Verlag?

Foto_Guggolz_© Martin WalzIch bin Sebastian Guggolz, Gründer und Verleger des Guggolz Verlags, geboren 1982 am Bodensee, Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Hamburg, anschließend etliche Jahre für Matthes & Seitz Berlin gearbeitet und nebenher frei für andere Verlage. 2014 dann habe ich den Guggolz Verlag gegründet, ein Ein-Mann-Unternehmen, mit dem ich mich der Neu- und Wiederentdeckung vergessener Klassiker aus Ost- und Nordeuropa widme, in erster oder neuer Übersetzung. Ich veröffentliche zwei Bücher pro Saison, also vier im Jahr, in enger Zusammenarbeit mit den Übersetzern, alle Texte werden mit Anmerkungen und Nachworten ausgestattet, um den Lesern leichteren Zugang zu ermöglichen. Ich will diese Regionen, also Nord- und Osteuropa, auf unserer literarischen Landkarte auch literaturhistorisch sichtbar machen, unseren Blick erweitern und schärfen, weil ich überzeugt bin, dass die Gegenwart nur mit ihrer Vorgeschichte verstanden werden kann. Und im schnelllebigen Buchgeschäft wird so schnell vergessen, dass man gar nicht oft genug auf die Vergangenheit verweisen und sie verfügbar machen kann.

  1. Was ist die nächste Neuerscheinung des Verlages?

Im Februar erscheinen die neuen beiden Frühjahrsbücher, der schottische Klassiker »Lied vom Abendrot« von Lewis Grassic Gibbon, eine große Erzählung aus dem Jahr 1932 von einer jungen Frau auf dem schottischen Land, die ihren Weg findet, zwischen Bildungshunger und einer unerschütterlichen Liebe zur schottischen Landschaft, ihrer Heimat. Esther Kinsky hat den von schottischem Dialekt geprägten Roman in eine großartige deutsche Fassung gebracht. Der zweite Titel ist »Humbug und Variationen«, eine Sammlung von Geschichten von Ion Luca Caragiale, dem rumänischen Klassiker der Jahrhundertwende. Caragiale ist 1912 gestorben, war in Auszügen bereits zuvor, vor allem in der DDR, ins Deutsche übersetzt, und galt lange Zeit als unübersetzbar. Jetzt jedoch kann er in dieser neuen, unideologischen Übersetzung von Eva Ruth Wemme wiederentdeckt werden – ein großes Sprach- und Lesevergnügen, ein unvergleichlicher Einblick in die rumänische Gesellschaft um 1900.

  1. Wie kam es zu der Entscheidung, den Guggolz Verlag zu gründen?

Ich selbst hatte das Gefühl, dass mir so viel Kenntnis der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts fehlt, dass ich mich auf die Suche nach Klassikern der jeweiligen Länder gemacht habe. Dabei wurde schnell klar, dass uns deutschen Lesern so vieles fehlt und dass so vieles vergessen wurde. Und da ich überzeugt war, dass ein kleiner Verlag nur mit einem sehr klar identifizierbaren Profil eine Chance hat, zu überleben, stand auch schnell die Entscheidung fest, das Programm so konzentriert wie möglich aufzubauen. Ich wusste, als Mitarbeiter in anderen Verlagen könnte ich nur Teile meiner Projekte umsetzen und müsste immer Kompromisse eingehen, und das wollte ich nicht. Also blieb nur die Möglichkeit eines eigenen Verlags: So kratzte ich alles Geld zusammen, das ich bekommen konnte, und es kam zur Gründung des eigenen Verlags.

  1. Wenn du Guggolz Verlag in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?

Unabhängig, entdeckerfreudig, lesebegeistert.

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa? Hast du einen „Lieblingsreiseort oder -tipp“ aus dieser Gegend?

Natürlich kann ich alle Bücher aus meinem Verlag empfehlen, falls die noch nicht gelesen wurden. Ansonsten war ich kürzlich in Ljubljana in Slowenien, einem zwar kleinen Land mit aber fantastischer Literatur. Zum Beispiel Lojze Kovačič, Vitomil Zupan, Srečko Kosovel – alle große Autoren, aber viel zu unbekannt hier in Deutschland! Als Empfehlung möchte ich aber einen noch Lebenden erwähnen: Florjan Lipuš. »Seelenruhig« ist in der Übersetzung von Johann Strutz zuletzt bei Jung und Jung erschienen. Ein hochkonzentrierter, stilistisch brillanter slowenischer Autor aus Kärnten, der sich an ein Leben mit Schlägen und Bedrohung aber auch Liebe und Lust erinnert, in einer poetischen, fast hymnischen Sprache. Es wird einem bei der Lektüre schnell klar, warum Peter Handke, der Lipuš auch schon übersetzt hat, sich seit Jahren für diesen besonderen Autor einsetzt.

Neugierig geworden? Hier geht es zu den Büchern des Verlages.

Das Copyright des Fotos liegt bei Martin Walz.

Zurab Karumidze – „Dagny oder ein Fest der Liebe“

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Zurab Karumidze ist einer der wenigen Autoren in der georgischen Gegenwartsliteratur, der in seinen Texten nicht vor stilistischen und programmatischen Experimenten zurückschreckt, sondern zugleich als erster zeitgenössischer Autor in einer Fremdsprache ein Romanexperiment gewagt hat. Der in englischer Sprache verfasste Roman „Dagny or A Love Feast“ wurde 2011 im georgischen Verlag Siesta veröffentlicht. Die wunderbare Übersetzung ins Deutsche, die dieses Jahr von dem Verleger Stefan Weidle realisiert wurde, folgt der 2013 beim Londoner „Dalkey Archive Press“ gedruckte Fassung. Das Berliner Publikum hatte am 17. Oktober im „Ocelot not just another bookstore“ die Möglichkeit, den Autor live während seiner Lesung zu erleben. Auf die Frage der Moderatorin und Verlegerin Barbara Weidle, warum er die englische Sprache für seine Romansprache gewählt habe, antwortete Karumidze, dass er damit die „Globalisierung von Georgien/von georgischer Literatur“ vorhabe.

Der postmoderne Roman verfolgt in seiner besten Tradition tatsächlich konsequent das Ziel, die georgische Kultur mit den west- und mittel-osteuropäischen Kulturen zu verbinden. Der Roman plädiert dafür, die georgische Kultur als einen Teil der europäischen Kulturtradition zu betrachten. In das georgische kulturelle Gedächtnis vorhandene Mythen, Legenden und Metapher werden in das gesamteuropäische Gedächtnis transportiert. Im Mittelpunkt des Romans stellt Karumidze die norwegische Femme fatale Dagny Juel, die 1901 in Tbilissi von ihrem Geliebten erschossen wurde. Ihr Grab befindet sich ebenfalls in Tbilissi und die Mythen um ihre Zeit in der georgischen Hauptstadt sind im kulturellen Gedächtnis des Landes immer noch vorhanden. Der Autor nimmt Dagnys Reise nach Georgien zum Anlass, um die Welt um die Jahrhundertwende zu zeichnen, die von fließenden Grenzen und Fluiditäten durchdrungen war. Die Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg scheint hier eine besondere zu sein, da diverse literarische Traditionen und kreative Ideen ineinanderfließen konnten. Karumidze verbindet in seinem Text das Gegensätzliche miteinander. Der Roman schafft es, die Figuren in die Handlung zu integrieren und sie dabei in einer gemeinsamen Geschichte zu versammeln, die sich im realen Leben nie wirklich begegnet sind. So treffen wir den bekannten griechisch-armenischen Mystiker und Esoteriker Georges Gurdjieff, den großen georgischen Dichter Wascha Pschawela und sogar den jungen Stalin, der das ganze Treiben der Boheme eher aus der Distanz wahrnimmt:

„Koba, der eines Tages Stalin sein würde, betrachtete den Vorgang von seinem Platz hinter dem Zaun aus, amüsiert von der bourgeoisen Rangelei. Diese Frau muß schon was ganz Besonderes sein! Dachte er.“

Natürlich darf dabei nicht die wichtigste georgische literarische Arbeit „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli fehlen. Die, wie sie im Roman genannt werden, „schamanische Individuen“ versammeln sich um die Muse Dagny und treten so miteinander in Kontakt. So sinniert Pschawela gemeinsam mit Gurdjieff über dieses und jenes und Dagny verzettelt sich immer mehr in den Affären, was letztendlich fatal für sie enden soll.

„Dagny oder ein Fest der Liebe“ ist eine Liebeserklärung an das intellektuelle Treiben am Anfang des 20. Jahrhunderts in Georgien. Ein wahrer Hingucker ist das Buch auch durch die Covergestaltung von Levke Leiß, die durch ihre besondere Technik beeindruckende Buntstiftzeichnungen schafft.

Von Irine

Zurab Karumidze (2017): Dagny oder ein Fest der Liebe. Bonn: Weidle Verlag. Aus dem Englischen von Stefan Weidle.

 

„Fieber am Morgen“ von Péter Gárdos

41I2wOi373LPéter Gárdos` „Fieber am Morgen“ (Atlantik) ist ein humorvoller Liebesroman am Rande der Shoah, in dem der ungarische Autor die Geschichte seiner Eltern erzählt. Es ist das Jahr 1945, das für den 25-jährigen Miklós zum Schicksalsjahr wird. Nach dem Überleben des Konzentrationslagers Bergen-Belsen erholt sich der junge Ungar in einem schwedischen Krankenhaus. Hier erhält er die schreckliche Diagnose: Nur noch 6 Monate hat der an Tuberkulose erkrankte junge Mann zu leben. Doch dieser lässt sich davon nicht entmutigen. Über 100 auf Europa verteilte Frauen aus seiner Heimatstadt Debrecen erhalten von ihm Briefe. Mit einem Trick schreibt er ihnen als alter Bekannter. Kurzfristig sollen Freundschaften entstehen, langfristig die große Liebe. Mehrere Frauen antworten ihm, doch es ist die junge Lili, die zu seinem Mittelpunkt wird und die sich ebenfalls in Schweden erholt. Es entsteht eine Brieffreundschaft, die immer intensiver wird.

Im Epilog dieses Debütromans verrät der 1948 in Budapest geborene Regisseur Gárdos von der späten Entdeckung der zahlreichen Briefe seiner Eltern und von den literarischen Plänen seines Vaters, die Shoah für sich aufzuarbeiten. Erst 1998 überreichte ihm seine Mutter nach dem Tod seines Vaters das Bündel mit Briefen, aus dem „Fieber am Morgen“ entstand und das das Leben der Überlebenden nach der Shoah eindrucksvoll dokumentiert. Im von der Heimat fernen Schweden regeneriert sich Miklós von den Schrecken des Krieges und von den Erinnerungen aus dem Konzentrationslager. Trotz dieser Bilder glaubt Miklós an das Leben und lässt sich gemeinsam mit seinem Wegbegleiter Harry nie entmutigen. Während Harry zum Casanova der Umgebung wird, versucht sich sein Freund im regen Briefaustausch mit Lili. Immer wieder werden kurze Textpassagen eingebunden, die den Humor und die Lebensfreunde wiedergeben, die Miklós prägen.

„Fieber am Morgen“ ist dabei kein Roman, der aktiv das unbeschreibbare Leid der Shoah behandelt, sondern mit den Überlebenden in die Zukunft blickt. Mit einer überraschenden Leichtigkeit gelingt es dem Autor, ein Umfeld zu schaffen, das auch trotz harter Rückschläge mit einem positiven Tonus unterhält. Schnell werden die Figuren zu Sympathieträgern, die fernab vom Alltag in den Städten versuchen, ihr Leben wieder aufzunehmen. Miklós und Lili sehnen sich nach ihrer Heimat und nach ihrer Familie, von denen sie nur sporadisch Informationen erhalten können. Für sie beide wird der jeweils andere zum Anker für das Leben danach – das Leben nach den Lagern, nach dem Tag der Befreiung und nach den Krankenhäusern. Das Erlebte rutscht in den Hintergrund.

Gárdos legt den Fokus seiner Protagonisten auf das Hier und Jetzt. „Fieber am Morgen“ wird damit zu einem ganz besonderen Roman der Shoah, der es schafft, neben der schmerzhaften Aufarbeitung ein klares Ja zum Leben zu geben. Mit der Veröffentlichung dieses Romans ist die Vergangenheit seiner Familie gerade durch seinen angenehm einfachen und damit intensiv auf den Leser wirkenden Schreibstil zu einem leicht zugänglichen Dokument des letzten Jahrhunderts geworden.

  • Taschenbuch: 256 Seiten, 12 € (D)
  • Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH (12. September 2017)
  • Übersetzung: Timea Tankó
  • ISBN-13: 978-3455002102

Annika

 

Neuerscheinungen aus dem Nischen Verlag: „Stumme Wiesen“ und „Die brennende Braut“

Der Winter rückt immer näher und damit auch umso mehr die Tage, in denen man sich gemütlich mit den Herbstneuerscheinungen dieses Jahres zurückziehen kann. Den österreichischen Nischen Verlag mit ungarischen Titeln haben wir euch bereits vorgestellt und freuen uns, mit „Stumme Wiesen“ von Tibor Noé Kiss und „Die brennende Braut“ von Krisztina Tóth nun über unseren Leseindruck der beiden neuen Bücher des Verlages zu berichten.

Keine Familie, keine Arbeit, kein Geld, nur dieser Sumpf.“

5110qV8bK8L.jpg„Stumme Wiesen“ ist der bezeichnende Titel des in der Puszta spielenden Romans der Schriftstellerin und Journalistin Tibor Noé Kiss. Sie erzählt die Geschichte einer kleinen Gemeinschaft am Rande der Gesellschaft. Eine Siedlung, ein Schloss und eine Anstalt sind die Handlungsorte eines tristen Alltags ohne Perspektive. Das Leben spielt woanders und so verbringen die wenigen Bewohner in einem ewigen Wartemodus auf eine Veränderung, die sie selber nicht vollbringen können. „Stumme Wiesen“ ist kein einfacher Roman. Auf den knapp 180 Seiten zeichnet sich das Bild einer kollektiven Depression, in der die Bewohner der Anstalt nachts durch die Ställe schleichen, während die Einwohner der grauen Siedlung den Tag vor sich hinleben und diesen im einzigen Laden oder in der Kneipe verbringen. Wem tatsächlich die „Flucht“ aus dieser Umgebung gelingt, kehrt nicht mehr zurück. Der als Schlossverwalter am Rand der Häuser lebende Antal hat ein einprägendes Urteil dazu:

„Wenn er sich auf die Veranda setzte, sah er die Siedlung nicht. […] Das war ihm nur recht, ihm reichte es, den Gestank der Siedlung zu spüren. Ein penetranter Gestank, schon als Kind wollte er ihm entfliehen.“

Auch der junge Laci prallt beim Versuch der Abwechslung auf die bittere Realität, die den Ruf seines Zuhauses umgibt: „Nur mit nächtlichen Motorradfahrten konnte er ein paar Mädchen den Kopf verdrehen. Dann aber kam der Morgen und es gab keine Frau auf der Welt, die gern in der Siedlung aufgewacht wäre.“

41k5KwnpkTL.jpgKrisztina Tóths „Die brennende Braut“ vereint wiederum nach „Pixel“ erneut eine Vielzahl von Kurzgeschichten mitten aus dem Leben. Diese sind kurz und prägnant und zeigen den charakteristischen Stil der Autorin auf. Mit kurzen Streiflichtern des Alltags bindet „Die brennende Braut“ die verschiedensten Figuren und Situationen ein, die teilweise nur wenige Seiten beanspruchen. Sie springt dabei von Milieu zu Milieu, von Familie zu Familie, von Beruf zu Beruf. Nicht immer bleiben die Geschichten dabei im Kopf und manchmal steht der Wunsch, die Geschichten auszubauen und länger mit den Figuren zu verweilen. So schnell, wie Tóth zur nächsten Erzählung springt, ist es schwierig, immer die Essenz des Geschehenen aufzugreifen, dennoch ist „Die brennende Braut“ ein empfehlenswertes Sammelsurium aus der ungarischen Gesellschaft. Sei es ein Hundekampf, ein Streit oder ein Unfall im Supermarkt – Tóth zeigt, dass sie eine besondere Stimme der neuen ungarischen Schriftstellergeneration ist.

Annika

 

 

Träume aus dem Plattenbau: „Café Hyena“ von Jana Beňová

„Petržalka ist ein Gebiet, in dem Zeit keine Rolle spielt. Hier leben Wesen, von denen der übrige Teil der Weltbevölkerung denkt, dass sie gar nicht mehr existieren, dass sie längst ausgestorben sind.“

f3bf08c9c2e1dff04bf26cdac0ccaedf686945d2Trostlose Plattenbauten mit dünnen Wänden – die Lebensrealität des Künstlerquartetts Elza, Rebekka, Lukas und Ian ist grau und ohne Abwechslung. Am Rande Bratislavas geschieht das Leben in den Hochhäusern der Petržalka abgeschieden von dem geschäftigen Treiben der Hauptstadt. Um der Eintönigkeit ihres Alltags zu entkommen, treffen sich die Freunde auf der anderen Seite der Donau im Künstlercafé Hyena. Hier stecken sie in feinster Kaffeehausmanier die Köpfe zusammen, diskutieren und erfinden sich neu. Jana Beňovás „Café Hyena“ aus dem Residenz Verlag gibt den jungen Menschen eine Stimme und folgt ihren Spuren.

Die in der Slowakei geborene Jana Beňová gilt als „Kultautorin einer neuen, urbanen Schriftstellergeneration“. Ihre Titel handeln von Einzelgängern, die sich nicht in die Gesellschaft eingliedern wollen oder können. Es sind starke Charaktere, die ihren Lebensweg finden, mit denen sich sowohl der Roman „Abhauen“ als auch „Café Hyena“ befassen. Für „Café Hyena“ erhielt Beňová dafür 2012 den Literaturpreis der Europäischen Union. Im Roman ist es immer einer der Vier, der sich und die drei anderen mit Hilfsjobs über Wasser hält, während die anderen ihren Plänen nachgehen. So richtig kommen sie jedoch nie voran. Der Kontrast zwischen Plattenbau und Café scheint unüberwindbar. Die angehende Schriftstellerin Elza begündet dies so: „Ich werde Petržalka niemals entkommen. Petržalka ist mein Yoga, mein Zen. Ich muss das geliebte Wesen beschützen, das sich darin verfangen hat. Dieses geliebte Wesen, eingequetscht von Petržalka. Ich muss den Weg Petržalka weitergehen, nur so erlange ich die Erleuchtung und kann alle Lebewesen von ihren Leiden erlösen.“

Jeden Tag dreht sich die Erde weiter und für die Freunde ändert sich nicht viel. Sie streiten, lieben und hassen sich. Ihre wertvollsten Erinnerungen und Gedanken teilen sie lediglich mit dem Leser, denn zwischendurch wird der auktoriale Erzähler abgelöst und weicht den Icherzählungen von Elza und Co. So entsteht aus den verschiedenen Erzählschnipseln ein Mosaik dieser nach dem Glück suchenden Gruppe. Doch trotz all der Offenheit bleibt der Leser hin und wieder etwas ratlos zurück. Nicht immer wollen sich die kurzen Absätze zu einem stimmigen Gesamtbild ergeben. Das Problem des Romans ist seine Vielschichtigkeit, die zu viel erzählen will. Die Handlung wird zerrissen und springt zwischen den Charakteren hin und her, sodass man als Leser dazu geneigt ist, die kurzen Episoden schnell wieder aus der Erinnerung zu löschen. Nach der letzten Seite bleibt so eher ein Gefühl der Verwirrung, des Nicht-Vorankommens zurück und vielleicht ist gerade das ein Ziel des Romans: Den Figuren eine Stimme geben und sie gleichzeitig in ihrer Perspektivlosigkeit und Rastlosigkeit zu einer großen Masse werden zu lassen, die eine ganze Generation bezeichnet.

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten, 20 € (D)
  • Verlag: Residenz; Auflage: 1 (12. September 2017)
  • ISBN-13: 978-3701716821

Annika