„Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ von Svetislav Basara

Svetislav Basaras „Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ (Dittrich Verlag) erschien vor 20 Jahren in Jugoslawien und mauserte sich hier schnell zum Kultroman. Trotz des großen Erfolges in der Heimat dauerte es nach der Übersetzung von dem „Führer in die innere Mongolei“ 2008 im Antje Kunstmann Verlag noch bis 2014, bis der Dittrich Verlag den serbischen Autor auch in Deutschland mit einer Übersetzung des Romans würdigte. Als Teil der sehr zu empfehlenden Edition Balkan können wir nun diese interessante Zusammenstellung fiktiver Dokumente rund um die „Evangelischen Radfahrer des Rosenkreuzes“ erlesen und entdecken.

Im Vorwort des Romans beschreibt Basara sein Werk als „Fama“, was sich auf deutsch am ehesten mit „Gerücht“ übersetzen lässt. Auch die Erzählungen um die seit dem Mittelalter existierenden „Evangelischen Radfahrer des Rosenkreuzes“ sind Gerüchte, Fantasien und wilde Berichte, die sich zusammengewürfelt in dem Buch finden lassen und ein Gesamtbild ergeben, das die Leser verblüfft und verwirrt zugleich zurücklassen.
„Ich dachte, unsere Zeit sei eine Zeit des Fragmentierten, des Halbfertigen, des Unfertigen.“, lautet die Erklärung für dieses Wirrwarr aus Stimmen u.a. von real existierenden Personen wie Arthur Conan Doyle oder Sigmund Freud oder fiktiven Figuren wie Karl dem Grässlichen. Im Mittelpunkt der Dokumente stehen immer die Fahrradfahrer, die sich selber als „Nachkommen des Oströmischen Reiches, von Byzanz“ betrachten und sich weigern, „jegliche Nachfolgestaaten-Schöpfungen, die auf den ehemals byzantinischen Territorium entstanden sind, anzuerkennen“. Neben ihren wilden häretischen Theorien rund um die Heiligkeit des Fahrrads (so ergibt dieses aus der Vogelperspektive ein Kreuz und Mann und Frau werden zu Fahrradmotiven, die Frau wohlgemerkt ohne Stange in der Mitte) sind die Mitglieder Feinde von Uhren, die sie in regelmäßigen Aktionen zerstören. Denn die Zeit existiert nur als Konstrukt der Menschen und teilt das Leben so zu kategorisch ein. Was für die Anhänger zählt, ist insbesondere das Leben nach dem Tod, auf das sie sich durch Weissagungen verstorbener Mitglieder, die sie im Traum besuchen, vorbereitet werden und indem sich alle verbinden. Träume werden hier zu Treffpunkten.

„Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ mag auf den ersten Blick sperrig wirken, doch schnell zeigt sich der faszinierende Sog, den Basara mit dem Spiel zwischen Fiktion und Realität ausübt. Erwartet man hier eine konventionelle Handlung, wird man schnell enttäuscht. Genauer genommen könnte man das Buch auch nach der Hälfte weglegen und wäre genau so schlau wie nach Beendigung aller Kapitel. Die Berichte gliedern sich in Briefe, Analysen, Kurzgeschichten und biografischen Erzählungen, die nach und nach die Bilder der Fahrradfahrer verdeutlichen. Geschickt bindet der Autor Skizzen und sogar Fotos ein, die die Figuren zeigen sollen. Wohin die literarische Reise geht, bleibt lange unklar und Basara hält starr an seinem Konzept des „Halbfertigen“ fest. „Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ ist definitiv keine einfache Lektüre, spielt er zwar mit großen Motiven wie der Traumdeutung, dem Leben nach dem Tod, dem Glauben an Gott und das ewige Leben, präsentiert aber gleichzeitig einen „Nicht-Roman“, der ebenfalls, wie im Nachwort empfohlen, von hinten gelesen werden kann.

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Dittrich, Berlin; Auflage: 1 (10. März 2014)
  • Übersetzung: Mascha Dabic
  • ISBN-13: 978-3943941197
  • Originaltitel: Fama o biciklistima

Annika

Verliert man die Großmutter, verliert man die Heimat: Victor Gardon „Brunnen der Vergangenheit“

3293207413Der Roman „Brunnen der Vergangenheit“ des armenisch-französischen Schriftstellers Victor Gardon alias Vahram Gakavian ist in der deutschen Übersetzung pünktlich kurz vor der wichtigen Entscheidung des Bundestages erschienen, die planmäßige Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord einzustufen. An dem Völkermord an den Armeniern von 1915 wird jedes Jahr am 24. April gedacht. Vahram Gakavian wurde 1903 in der ostanatolischen Stadt Van geboren, aus der er 1915 mit seiner Familie vertrieben wurde. Über Tiflis kam er 1923 nach Paris, wo er auch verstarb. Seine autobiografischen Romane schrieb er auf Französisch.

„Brunnen der Vergangenheit“ ist ein Roman, der sich mit einem Teil der Weltgeschichte beschäftigt, der in der Literatur eher eine Randstellung hat. Aus der westlichen Perspektive setzte sich zwar der österreichische Schriftsteller Franz Werfel 1933 mit seinem berühmten Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit der Vertreibung und Vernichtung der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich auseinander, trotzdem ist der Roman von Victor Gardon ein besonderer Text, da der Autor selbst die Vertreibung und Vernichtung seiner Familie miterlebte.

Der kleine Wahram lebt in der Altstadt von Van mit seiner großen Familie, die von der Großmutter dominiert wird. Die enorm starke Figur der Großmutter hütet nicht nur ihre Söhne, ihre Schwiegertöchter und ihre Enkelkinder, sondern verwaltet das ganze Haus und hat immer das Sagen – auch bei den politischen Entscheidungen ihres Sohnes. Ihre Weisheiten sind das Lebenselixier der ganzen Familie. Oft sind es nur in einem Nebensatz formulierte Sprüche, die zutiefst beeindrucken:

„Es gibt keine schrecklichen Menschen, Wahram. Alle Menschen haben irgendeinen Kummer, und je mehr er sie bedrückt, umso härter werden sie. Wahram, du weißt, dass die Armenier entsetzliche Leiden erdulden mussten. Sei darum immer dienstfertig und freundlich zu allen.“

Wahram ist der einzige, der es wagt, sich den Wünschen seiner Großmutter zu widersetzen und ist überhaupt ein besonderes Mitglied der Familie. Sehr früh fängt er an, sich für die Politik und für das Leben der Erwachsenen zu interessieren. Ständig mischt er sich in den ernsten Gesprächen mit seinen Ratschlägen ein und wird immer aus dem Zimmer gescheucht, in das er sich gleich wieder durch das Fenster hineinschmuggelt. Wahram muss doch immer auf dem Laufenden sein und die existenziellen Fragen seiner Familie und seines Volkes mitdiskutieren können. Einmal begleitet er so sogar seinen Onkel Sarkis bei einer gefährlichen Reise entlang des „Tals der Armenier“, während der sie fast von den Kurden umgebracht werden und versetzt sich in Van und später während der Flucht ständig in einer lebensgefährlichen Situation.

gardon-victor-chevalierDie Idee der einheitlichen osmanischen Nation steht auf wackeligen Füßen und das sichere Leben für die armenische Bevölkerung von Van wird immer bedrohlicher. Die Angst vor den Übergriffen der Jungtürken und kurdischen Truppen wird immer größer und auf die Hilfe von Russland hoffen die Armenier immer weniger. Wahrams Vater Harutiun steht im Roman im Mittelpunkt der politischen Verhandlungen zwischen den verschiedenen Seiten und so wächst sein Sohn mit starker Liebe und großem Stolz gegenüber seiner Heimat. Die nationale Zugehörigkeit zum armenischen Volk ist bei ihm schon seit früheren Kindheit besonders ausgeprägt. Als er zum ersten Mal den Berg Ararat erblickt, wird er von den Gefühlen überwältigt:

„Er traute seinen Augen nicht. Ihm gegenüber, linker Hand, erhob sich ganz in der Ferne, fast am anderen Ende des Himmels, eine Schneekrone in die blassblaue Luft. Die flimmernde Krone war an ihrem unteren Rand von einem blau-goldenen Streifen gesäumt; dann versteckten die schweren Flanken des Berges sich hinter anderen Gipfeln, die wie aufgewühlte Wellen aussahen, welche gegen den Berg Ararat angestürmt und nun für alle Zeiten erstarrt waren. Er war es! Wahram erblickte den heiligen Berg, den Berg der Sintflut und Noahs, den höchsten Gipfel Armeniens, neben dem all die kleineren Berge wie Menschen waren, die vor dem Riesen knieten.“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die magische Welt von Wahram einmal mehr kräftig durchgeschüttelt und auseinandergebrochen. Die Flucht steht an. Und wenn sogar die sonst so unerschütterte Großmutter flieht, ist die Zukunft für die Familie mehr als unsicher. Mit erschreckenden Leidensbildern schildert der Autor Gardon das unermeßliche Leiden der Menschen, die tagelang ohne Wasser durch die Wüstenlandschaft wandern. Diese gefährlichen Fluchtrouten führen die Figuren entlang der massakrierten und durchgebrannten armenischen Dörfern, in denen nur noch die Hunde am Leben sind.

Der Roman von Victor Gardon ist eine wichtige Wissensquelle und zugleich eine spannende Lektüre, die uns auf das grausame Schicksal dieses Volkes im Osmanischen Reich aufmerksam macht – ein Schicksal, das immer im Schatten der vielen anderen Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts stand und erst mit den letzten Jahren mit nötigen Interesse gewürdigt wird.

von Irine

Zwischen grünen Alleen, gelben Straßen und einem Aufstieg auf den Berg: Ein Wochenende in Sofia

Als unsere Maschine aus Berlin abends um halb zehn in Sofia zur Landung ansetzte, hatte ich viele Bilder im Kopf: Graue Betonklotze im sowjetischen Stil, viel Verkehr, wenig Natur und wenig Sehenswertes. So beschränkte sich meine Vorstellung der Hauptstadt Bulgariens eher auf Negatives und natürlich sollte diese so schnell wie möglich revidiert werden. Schon auf dem Weg zu unserer Unterkunft im Zentrum viel uns eines auf; die vielen Bäume in den Straßen und das mediterrane Klima sorgten sofort für ein angenehmes Urlaubsgefühl. Schnell wurde mir klar, dass meine Vorurteile Sofias gegenüber definitiv vergessen werden mussten.

Die archäologischen Ausgrabungen direkt im Zentrum an der Metro

Die Mutter unserer Vermieterin empfing uns herzlich in der über ein Hotelportal gebuchten Wohnung und erklärte uns trotz der Sprachbarriere alles, was wir wissen mussten. In der Dunkelheit gab es leider noch nicht zu viel zu sehen, doch gleich am ersten Morgen überraschte uns der Anblick des Witoschagebirges, das sich vor Sofia erhebt und immer wieder majestätisch zwischen den Häuserreihen hervorlugte. Ein kurzer Spaziergang sollte uns zum Treffpunkt der „Sofia Free Walking Tour“ führen und führte uns vorbei an kleinen Geschäften, charmanten Straßenbahnen und einer Straße, in der an kleinen Ständen und Tischen regelmäßig Bücher verkauft werden. Auch hier zeigte sich wieder das Bild einer wirklich grünen und belebten Stadt.

Wahrzeichen der Stadt: Die Alexander-Newski-Kirche

Die Free Walking Tour mit unserem unterhaltsamen Guide Stanislav führte uns vorbei an den Sehenswürdigkeiten Sofias. Neben den vielen beeindruckenden religiösen Häusern, die eine angenehme Multikultistimmung ergeben (auf nur einem Quadratkilometer stehen sich beispielsweise problemlos eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge direkt gegenüber), bietet die Stadt viele Museen, Shoppingmöglichkeiten und rund um das Highlight, der Alexander-Newski-Kathedrale, ganz im Stil des „Zauberer von Oz“ eine gelb gepflasterte Straße. Ein angeblich königliches Geschenk oder teurer Klimbim? Man ist sich uneinig – zumal die gelben Steine bei Regen gefährlich rutschig werden. Spannend sind auch die archäologischen Ausgrabungen des alten Sofias direkt in einer zentralen Metrostation, auf die man nur stößt, wenn man sich die Stufen hinabwagt.

Der Nationale Kulturpalast Sofias ist der Mittelpunkt der Stadt

Entspannung und Natur bieten die Berge rund um Sofia. Hier hatten wir uns einen Tag später der „Sofia Green Tour“ angeschlossen, die mit dem Start am Unesco-Weltkulturerbe, der Kirche von Bojana, steil zu einem verwunschenen See und dem Bojana-Wasserfall führt. Für unsportliche Menschen wie mich ist der Aufstieg wirklich eine Herausforderung, belohnt wird man dafür sicher mit einem grandiosen Ausblick – sicher, weil wir uns leider mitten in einer Regenwolke befanden und uns somit die weite Ferne verwehrt blieb. Im Winter kann man hier übrigens auch Skifahren.

Das gelbe Kopfsteinpflaster im Zentrum ist der ideale Platz für herrschaftliche Autos

Unsere Zeit in Sofia war leider viel zu schnell vorbei und wir konnten nur einen kleinen Einblick in das Leben hier bekommen – generell haben wir an diesem Wochenende festgestellt, dass Bulgarien so viel mehr bietet als die von mir befürchtete trostlose Atmosphäre und den Strandurlaub am Schwarzen Meer. Unser Reiseführer versprach mit dem Startpunkt Sofia noch so viel mehr Sehenswertes und wir kommen sicher bald zurück, um noch mehr von diesem vielseitigen Land zu sehen!

Annika

Zwischen New York und Kaunas: „Das weisse Leintuch“ von Antanas Škėmas

„Eine Seele, in ein weißes Leintuch gehüllt. Das ist Ihre Erlösung.“

Antanas Škėmas Roman „Das weisse Leintuch“ handelt von dem litauischen Exilschiftsteller Antanas Garšva, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Liftboy im New Yorker Trubel arbeitet und sich hier in ein Verhältnis mit seiner Geliebten Elena verstrickt, die verheiratet ist. In Rückblenden erfahren die Leser den dramatischen Lebensweg des Dichters, der in seinem Heimatland von den politischen Feinden verfolgt und bedroht wurde. Verfasst zwischen 1952 und 1954, ist im Guggolz Verlag erstmals die deutsche Übersetzung von Claudia Sinnig erschienen und gibt dem bekannten litauischen Autor nun auch in Deutschland eine Stimme. Ziel des Guggolz Verlages ist es, den „Regionen auf der literarischen Landkarte sichtbar zu machen, die häufig nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen“(Quelle: http://www.guggolz-verlag.de/verlag).

Es sind die großen Gegensätze des Lebens, die „Das weisse Leintuch“ bestimmen. Antanas lebt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen der Heimat in Kaunas und dem Exil in New York. Als Schriftsteller wurde er einst in Litauen gefeiert, als Liftboy kutschiert er in den USA jetzt die Schönen und Reichen von oben nach unten und wieder zurück. Und auch die große Liebe ist nah und doch fern. Der einzige Ausweg scheint für Antanas Freund, ebenfalls ein litauischer Emigrant, nur noch der Selbstmord zu sein, doch Antanas selbst ist fortwährend auf der Suche nach dem Sinn seiner neuen Existenz in den USA.

„Ich fürchte mich vor der Ruhe, sie umklammert mich, die Angst ist besser. In der Hölle ist es erlaubt, vom verlorenen Paradies zu träumen.“

Antanas träumt vom erfüllten Leben – frei von den Zwängen seiner Erinnerungen, frei von seiner Vergangenheit – als Zukunftsbild trägt er das Dichterleben mit Elena an seiner Seite in sich. Er will „einen Gedichtzyklus schreiben, in dem jeder Buchstabe wie gemeißelt ist.“ Doch die Realität sieht anders aus. Der Protagonist lebt von Tag zu Tag, kann sich nicht richtig in das Gefüge der lauten Großstadt einbringen. Mit seinen persönlichen Aufzeichnungen umspannt er fast ein halbes Jahrhundert Litauens und manchmal wirkt der Roman seltsam modern, bedenkt man doch seine Entstehungszeit. Dies ist auch die Leistung der Übersetzerin Claudia Sinnig, die der Erzählung einen aktuellen Erzählklang verleiht.

Die Geschichte des Antanas Garšva ist auch gleichzeitig die Geschichte des Autors und damit wohl dessen persönlichstes Werk. Škėma, der im litauischen Kaunas als Schauspieler und Regisseur arbeitete, floh 1944 vor der sowjetischen Besatzung nach Deutschland und verbrachte hier mehrere prägende Jahre in Displaced Persons Camps. 1949 siedelte er in die USA über, wo er sein Geld ebenfalls als Liftboy verdiente. Trotz mehrerer Kurzgeschichten, Dramen und Artikel sollte „Das weisse Leintuch“ sein einziger Roman bleiben. Auch die Werke seines Protagonisten wurden „während der ersten sowjetischen Besatzung […] in den sowjetischen Zeitungen und Zeitschriften nicht gedruckt. Sein Werk wurde als reaktionär und formalistisch bezeichnet“.

„Das weisse Leintuch“ ist eine Geschichte mit viel Tiefgang, gemixt mit humoristischen Passagen, die das Leben als Liftboy beschreiben. Geschickt steigert es das Interesse an der litauischen Besatzungsgeschichte und lenkt den Fokus auf die einzelnen Schicksale der litauischen Emigranten.

Ein Blick in das Verlagsprogramm des Guggolz Verlages lohnt sich sehr! Neben russischen, estnischen und tschechischen Titeln gibt es u.a. auch Werke aus Finnland, den Färöer Inseln und aus Schottland.

  • Gebundene Ausgabe: 255 Seiten, 21 € (D)
  • Verlag: Guggolz Verlag; Auflage: 1 (15. Februar 2017)
  • Übersetzung: Claudia Sinnig
  • ISBN-13: 978-3945370100
  • Originaltitel: Balta drobule

Annika

Russland und Zentralasien: Zwei Reiseberichte

Reiseliteratur über exotische Routen und außergewöhnliche Destinationen liegt schon länger im Trend und wird gerade durch zahlreiche Neuerscheinungen diverser ReisebloggerInnen immer beliebter. Mit „Sowjetistan“ und „Couchsurfing durch Russland“ haben wir uns zwei aktuelle Titel angesehen, deren VerfasserInnen sich bewusst dazu entschieden haben, ihre eigenen Grenzen aufzubrechen und sich mit Kulturen und Ländern auseinanderzusetzen, die außerhalb der gängigen Reiserouten liegen.

Stephan Orth katapultierte sich mit „Couchsurfing im Iran“ (Malik) direkt in die Beststellerlisten. Auch der Nachfolgeband „Couchsurfing in Russland“ (Malik) steht dem in nichts nach. Erneut gestaltete der Journalist seine sechswöchige Reiseroute anhand seiner Couchsurfingangebote und flog und fuhr so von St. Petersburg über Tschetschenien nach Wladiwostok, von der Krim ins Altai-Gebirge. Dabei traf er die verschiedensten Menschen und reflektierte immer wieder das Verhältnis der verschiedenen kulturellen Gruppen zu Putin und zu Europa. Das Ergebnis sind viele kleine Reiseberichte, die mit Humor von seinen Begegnungen erzählen, aber nicht unbedingt immer in die Tiefe gehen. „Couchsurfing in Russland“ ist ein Reisebuch, das schnell gelesen und auch schnell wieder vergessen ist. Ein wenig mehr Einblicke in den Alltag und die Geschichte der jeweiligen Einwohner wäre sicher nicht verkehrt gewesen. Alkoholabhängige, vor sich hin torkelnde Russen? Check! Begeisterte Putinanhänger? Check! Russische Frauen zwischen Pelz und Prunk? Check! Orth bestätigt viele Klischees, doch manchmal fragt man sich dann doch, ob das wirklich alles sein kann. Als Basis für den Russlandurlaub sicher unterhaltsam, als Lektüre für Kenner eher nicht.

Erika Fatlands Buch „Sowjetistan: Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan“ (suhrkamp Taschenbuch) ist der Bericht über die zweimalige Reise der Autorin in diese 5 zentralasiatischen Länder, die für viele unbekannt sind und noch heute stark vom großen Nachbarn Russland beeinflusst werden. Geprägt werden ihre Berichte von der großen Gastfreundschaft und Willkommenskultur der Einwohner, aber auch von den politischen Problemen der verschiedenen Regionen.
Pferde in Kasachstan, ein mechanisches Buch als Denkmal in Turkmenistan, die Diktatur in Usbekistan – viele Themen kann Fatland in ihrem Buch nur anreißen, doch somit entsteht eine unterhaltsame Mischung aus ihren humorvollen Begegnungen und bitterem Ernst. Zwar ist es der Titel, der vor dem Lesen bereits negative Bilder heraufbeschwört, doch was die Autorin in „Sowjetistan“ präsentiert, ist eine spannende Region, die touristisch noch vollkommen unerschlossen ist und Lust auf das Reisen macht. Das Buch selbst ist eher leichte Kost, doch die Hintergründe und kleinen Details zur Landeskunde, die Fatland offenbart und öffnet, machen „Sowjetistan“ zu einer Leseempfehlung für alle, die abseits von Australien, USA und Co. das Abenteuer Reisen noch intensiver erleben möchten.

Annika

„Der Schah kommt nicht immer als Zerstörer“: „Royal Mary“ von Abo Iaschaghaschwili

9783940524607-250x423Mit dem Roman „Royal Mary“ gewann der junge georgische Autor Abo Iaschaghaschwili 2015 den wichtigsten literarischen Preis Georgiens – den Saba. Iaschaghaschwili hat bereits drei Romane veröffentlicht und „Royal Mary. Ein Mord in Tiflis“ ist sein erstes Buch, das nun auch auf Deutsch beim Berliner Verlag edition.fotoTAPETA erschienen ist. In Georgien wird der Autor oft mit dem populären, georgischen Schriftsteller Aka Morchiladze verglichen. Die „bösen Zungen“ sprechen sogar von der schlichten Nachahmung von Morchiladzes Prosa, aber in den Zeiten der „absoluten Intertextualität“ und der ständigen Vernetzung und Verschmelzung aller denkbaren Texte der Welt sollte dieser Kritikpunkt nicht allzu Ernst genommen werden. Wie in den Romanen von Aka Morchiladze, so ist auch in der Prosa von Iaschaghaschwili das 19. Jahrhundert die magischste und spannendste Zeit in der georgischen Geschichte und insbesondere der der Hauptstadt Tiflis dar. Tiflis ist hier der Ort des blühenden Multikulturalismus und der Multiethnizität. Die besondere Atmosphäre der Stadt gleicht dem steten Karnevaltreiben mit Kostümen und Masken aus aller Welt.

Iaschaghaschwili verschiebt mit diesem Roman stückweit die Perspektive vom europäischen Zentrum in die peripheren Räume Europas. Tiflis ist hier die Stadt, in der sich die führenden Mächte Europas aufeinandertreffen. Das Chaos der Stadt eignet sich bestens für die unauffälligen Tätigkeiten der Geheimagenten verschiedener Nationalitäten. Tiflis lebt auch nach den mysteriösen Morden und nach geheimnisvollem Verschwinden des besten Rennpferdes Royal Mary – des Pferdes, das als Geschenk für den persischen Schah gedacht war – sein gewohntes Leben weiter. Georgier, Armenier, Russen und die jüdische Bevölkerung der Stadt, die mit dem klassischen Antisemitismus zu kämpfen hat, leben und arbeiten hier miteinander.

686890ab38ab10ec5847448e8fc07ad7Der elegante Franzose Louis Albre nimmt die Lösung des Falls um das gestohlene Pferd auf sich und liebt es dabei, das Chaos der Stadt zu beobachtet: „[…] alles war ständig in Bewegung und die Vielfalt der Charaktere in dieser gar nicht so großen Stadt Tiflis doch beachtlich.“ Wie in der besten Tradition von klassischen Kriminalgeschichten wird der Franzose durch seinen Assistenten Chripli unterstützt. Dieses an Sherlock und Watson erinnernde Paar verfolgt die Spuren der Fälle, die sie zunächst zum griechischen Stallknecht Apollon Chrisantidis, zu Mamed Ali Oglu und u.a. zu dem deutschen Reisenden Friedrich Grimmelshausen führen. Die geheimnissvolle Mordfälle werden mit jedem Tag verwobener, und es scheint fast so, als ob der Shisha-Rauch aus den Kaffeebuden des Schaitan-Basars, auf dem sich Taschendiebe, Räuber, Gauner und Schwindler aufhalten, nun die ganze Stadt durch seinen Nebel gehüllt hatte. Noch komplizierter wird es mit dem Besuch des Shahs und den weißen und roten Rosen, die auf den Mordplätzen gefunden werden.

„Royal Mary“ ist mit viel Witz und Humor geschrieben. Als Leser folgt man gerne den Hauptfiguren des Romans in den dunkelsten und verdächtigsten Ecken der Stadt, die vieles zu verbergen haben. Der besondere Schreibstil von Iaschaghaschwili, in dem er teilweise die Sprache der damaligen transnationalen Stadt imitiert und rekonstruiert, ist mit der deutschen Übersetzung zum größten Teil verloren gegangen. Andererseits wäre die ideale Übertragung des spezifischen georgischen Kolorits ins Deutsche aber auch fast undenkbar. „Royal Mary” ist eine erfrischende, spannungsvolle und heitere Lektüre, die die LeserInnen mit seinem karnevalesken Treiben mitreißt und eine verlorene Welt des 19. Jahrhunderts auf eine kreative und authentische Weise wieder zum Leben erweckt.

von Irine

Abo Iaschaghaschwili: Royal Mary. Ein Mord in Tiflis. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2017 (Übersetzung: Lia Wittek)

Originalausgabe: აბო იასაღაშვილი: როიალ მერი. დიოგენე, 2015.

Die mystische Suche nach dem Vater: „Der Windreiter“ von Renata Šerelytė

„Mir…mir fehlt das Narrativ so sehr…das Narrativ. Wo warst du? Was ist mit dir passiert?“

Renata Šerelytės „Der Windreiter“ ist ein litauischer Roman, der im Zuge der Neuerscheinungen rund um den Gastlandauftritt des Baltikumstaates auf der Leipziger Buchmesse im Wieser Verlag erschien. Die Autorin wurde 1970 in einem litauischen Dorf geboren, lebt heute in Vilnius und gilt als eine der wichtigsten Stimmen ihres Landes. „Der Windreiter“ ist nach „Blaubarts Kinder“ ihr zweiter Roman, der in deutscher Übersetzung von Cornelius Hell im Wieser Verlag veröffentlicht wurde.

„Der Windreiter“ ist die Suche nach dem verlorenen Vater aus Sibirien, die Hauptfigur des Romans Sascha, von einem Kamerateam begleitet, zum Gehöft ihrer Großeltern bringt. Doch was nun folgt, ist eine Geschichte, deren Plot kaum zusammenfassbar ist und es scheint fast so, als hätten sich alle Figuren gegen eine lineare und klare Erzählweise verschworen. Von verwahrlosenden Kindern der Nachbarhöfe über Hexen und Zauberei bis hin zu Erinnerungen an die einstigen sexuellen Beziehungen der Hauptcharaktere ist „Der Windreiter“ ein kompliziert verwobener Text, der in erster Linie durch das Motiv des Vatersuchens zusammengehalten wird. Diese Suche weckt in den Figuren auch eine Sehnsucht an das Bessere, ob in der Vergangenheit oder der Zukunft.

„Wir möchten, dass er das vergisst, was sich in den Tiefen seiner Seele verbirgt. Doch je grausamer man versucht, es herauszuschlagen, umso mehr grünt es und flicht in die Achselhöhle, als würde es sich rächen, weil wir nicht zu lassen, dass es seine wollüstigen, rötlich violetten Blüten des Wahnsinns frei ausbreitet…“

Die Erzählung ist ein bunter Ritt durch die kulturelle Landschaft Litauens und spielt mit der Stadt- und Landthematik, die durch die vielen Figuren verkörpert werden. Man könnte fast sagen, dass die Suche nach dem Vater im Roman zugleich die Suche nach der Freiheit und dem Ankommen bedeutet. Gleichzeitig gibt das die Hoffnung auf Erlösung, Frieden und Abschluss mit der Vergangenheit für das gesamte Land. Die Vaterfigur aus dem fernen Sibirien mag viele an die Familienschicksale aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, doch in „Der Windreiter“ wirkt sie dann doch etwas vorgeschoben, wenn sich plötzlich alles um andere Dinge dreht.

Der Roman kann mit einigen Passagen unterhalten, doch überfordert er an vielen Stellen und erzwingt oft eine Ratlosigkeit, die sich nicht löst. „Der Windreiter“ ist damit eine literarische Herausforderung, bei der jeder Leser das herausziehen muss, was er dem Text individuell entnehmen kann.

Mehr baltische Literatur gibt es auch auf baltbuch.blogspot.de!

  • Gebundene Ausgabe: 200 Seiten, 19,80 € (D)
  • Verlag: Wieser Verlag (1. März 2017)
  • Übersetzung: Cornelius Hell
  • ISBN-13: 978-3990292303
  • Originaltitel: Vejo raitelis

Annika