Ein Neuanfang in Deutschland: „Das neue Leben“ von Anna Galkina

„Mittlerweile kotzen mich alle hier an. Sowohl die Nachbarn als auch meine Familie.“

514791HeH4LLettland, 1991: Mit der erlassenen Resolution „zur Wiederherstellung der staatsbürgerlichen Rechte lettischer Bürger und Grundprinzipien der Naturalisierung“ werden auf einen Schlag mehr als 700.000 lettische Einwohner zu Nichtbürgern, die in ihrem Pass die Aufschrift „ALIEN´S PASSPORT“ erhalten. Auch die Familienmitglieder der minderjährigen Nastja fallen unter dieses neue Gesetz und werden durch ihre russische Herkunft zu Staatenlosen. Selbst fast 50 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges gilt die Russisch sprechende Bevölkerung Lettlands immer noch als die Bevölkerung der Besatzer und wird daher aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Auch Nastja, ihre Mutter und ihr Stiefvater werden von den Nachbarn angefeindet und entschließen sich dazu, Riga den Rücken zu kehren und nach Deutschland auszuwandern. Doch in dem kleinen Städtchen N. in NRW im Notheim angekommen, realisieren die drei schnell, dass ihre Heimat nicht so schnell zu ersetzen ist. Zwischen Notunterkunft und Sprachschule, Arbeitsamt und Abendschule, lässt die Autorin Anna Galkina Nastja in „Das neue Leben“ (Frankfurter Verlagsanstalt) über mehrere Jahre hinweg von den Problemen in Deutschland erzählen und ein Urteil über ihre neue Heimat fällen:

„Im Städtchen N. weiß jeder, dass unterschiedliche Glaubensgruppen in verschiedenen Notunterkünften untergebracht werden sollten. Denn Nächstenliebe und Toleranz erstrecken sich meistens nicht auf Fremdartige. […] Ich habe mir das alles ein wenig anders vorgestellt. Immerhin hieß es, dass wir von der deutschen Regierung im Rahmen eines Spezialabkommens für jüdische Kontingentflüchtlinge `eingeladen´ würden. […] Als hätte man einen Sechser im Lotto gewonnen. Aber das war von kurzer Dauer. Denn so richtig scheint sich hier keiner über unsere Ankunft zu freuen.“

Mehrere Jahre verbringen Nastja und ihre Eltern in der Notunterkunft gemeinsam mit anderen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion und Zentralasien. Sie nehmen an Integrations- und Sprachkursen teil, erhalten die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und sind dennoch nie wirklich ein Teil der deutschen Gemeinschaft. Die engen Freundschaften und die erste Liebe Nastjas entstehen mit den Nachbarn direkt im Notheim. Die illustre Runde rund um Nastja und ihre Freunde Grischa und Max wird in „Das neue Leben“ lebendig und mit viel Humor geschildert. 5141PNbH6NL.jpgNastja selbst ist eine selbstbewusste und mutige Protagonistin, die trotz ihres Heimwehs mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf ihre Situation blickt. Als junge Stimme haucht Galkina ihren Figuren den nötigen Witz ein, um auch schwierige Situationen zu überstehen. So gibt es für Nastja immer einen Ausweg, beispielsweise, als sie ungewollt schwanger wird oder ihren eigentlichen Berufswunsch auf dem Arbeitsamt nicht bewilligt bekommt. Nastja blickt nach vorne – zwar hinterfragt sie immer wieder auch den Wechsel ihres Zuhauses, steht aber als junge Stimme für eine neue Generation interkultureller Frauen und Männer, die sich eine neue Heimat aufbauen. Auch Anna Galkina kam in den neunziger Jahren mit ihrer Familie aus Moskau nach Deutschland und sicher steckt in Nastja auch einiges von der Autorin. Wer deren Vorgeschichte in Moskau lesen will, kann zu Anna Galkinas Debütroman „Das kalte Licht der fernen Sterne“ greifen, der im letzten Jahr ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist und auf der Hotlist 2016 stand.

Heimat, Integration, Familie – „Das neue Leben“ ist eine humorvolle Erzählung, der es manchmal etwas an Tiefgründigkeit mangelt. Anna Galkina erzählt ihre ganz eigene Flüchtlingsgeschichte, in der der Osten auf den Westen trifft – und umgekehrt, denn, egal woher die Protagonisten auch kommen, eines haben sie alle gemeinsam: den Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit.

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten, 20 € (D)
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt; Auflage: 1 (30. August 2017)
  • ISBN-13: 978-3627002428

Annika

 

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Schlüsselwerk der mazedonischen Literatur: „Quecke“ von Petre M. Andreevski

„Unser Stamm ist eine Quecke […] keine Armee und keine Krankheit kann ihn ausmerzen. Die Quecke ist ein Unkraut […]. Zertritt sie nur, zerr an ihr, so viel du willst, reiß sie mitsamt den Wurzeln raus – sie stirbt doch nicht.“

51ValXyrAkLPetre M. Andreevskis „Pirej“ erschien 1980 und ist mittlerweile eines der Schlüsselwerke der mazedonischen Literatur. In der großartigen Übersetzung von Benjamin Langer hat es die Geschichte in diesem Jahr auch endlich mit dem Guggolz Verlag in einer wunderschönen und hochwertigen Aufmachung nach Deutschland geschafft.
„Quecke“ (deutscher Titel) ist nicht nur die Geschichte des Ehepaares Jon und Velika, die der Erste Weltkrieg auseinanderreißt, sondern auch die des mazedonischen Volkes, das nach dem Balkankrieg unter der ehemaligen Herrschaft des Osmanischen Reichs als Spielball zwischen Bulgarien, Serbien und Griechenland um seine eigene Identität und Nationalität kämpft.

Es ist ein einfaches Leben, das die Bauern Jon und Velika in ihrem Dorf führen. Als Selbstversorger packen alle mit an, die Kinder werden regelrecht auf dem Feld geboren und das Leben geht jeden Tag seinen Weg. Mit dem Ersten Weltkrieg und der Einberufung Jons beginnen sich die Erzähllinien zu trennen. Jon, der an der Seite der Serben gegen die Bulgaren kämpft, schildert den Alltag an der Front – zwischen Leben und Tod, Hoffnung und Leid. Velika, die mit den drei Kindern zurückbleibt, wird zum Oberhaupt der Familie und damit auch ein Beispiel der starken Frauen des Krieges. In beiden Handlungssträngen ist „Quecke“ ein Werk des großen Leidens und der Trauer, das auf beeindruckende und emotionale Weise die verschiedenen Sichten der Opfer des Krieges – der zurückgebliebenen Familien und der kämpfenden Soldaten – verbindet. Von dieser persönlichen Sicht aus springt Andreevski auch zum Politischen. Mazedonien, das erst wesentlich später unabhängig werden sollte, wird gleichgesetzt mit einem Unkraut, ein Unkraut, das sich immer wieder durch die Erde kämpft und Stand behält. Der Autor gibt seiner Heimat und seinem Land damit eine Bezeichnung, die trotz all ihrer scheinbar offensichtlichen Negativität für Stärke und Durchhaltevermögen steht.

Auf den Schlachtfeldern treffen die mazedonischen Soldaten aufeinander, die, obwohl sie serbisch und bulgarisch sprechen, Nachbarn und Freunde sind. Im Original werden ihre Gespräche und Zurufe auch auf diesen Sprachen wiedergegeben, dieser Aspekt der verschiedenen sprachlichen Identitäten fehlt in der deutschen Übersetzung jedoch zwangsläufig. Benjamin Langer hat die Dialoge gekonnt der deutschen Sprache angepasst, dabei aber die Eigenarten des Mazedonischen nicht außer Acht gelassen. Im Nachwort beschreibt er die mühsame Suche nach bestimmten scheinbar unübersetzbaren Wörtern und Begriffen, an deren Übersetzung teilweise ganze mazedonische Dörfer beteiligt waren. In engem Kontakt stand er hierbei auch mit den Kindern und Enkeln des Autors, der 2006 verstarb.

Mit „Pirej“ hat Petre M. Andreevski ein Jahrhundertwerk der mazedonischen Literatur geschaffen, das das Leid und die Hoffnung des Krieges zeigt und exemplarisch an seinen Figuren die Stärke und Probleme seiner Heimat.

 

  • Gebundene Ausgabe: 445 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Guggolz Verlag; Auflage: 1 (1. August 2017)
  • Übersetzung: Benjamin Langer
  • ISBN-13: 978-3945370131
  • Originaltitel: Pirej

Annika

 

„Eichhörnchen hatten uns enttäuscht“ – Tijan Sila: Tierchen Unlimited

9783462050264Krieg, Flucht und die bevorstehende Integration in einem fremden Land wie Deutschland sind die Themen des Debütromans „Tierchen Unlimited“ von Tijan Sila (Kiepenheuer & Witsch). Der Autor Sila kam wie der Held des Romans in Sarajevo zur Welt und wanderte mit seiner Familie 1994 nach Deutschland aus. Der Ich-Erzähler erzählt mit einer starken Stimme von seinem Leben in Deutschland und von seiner Kindheit, die er in Bosnien verbracht hat. Seine neue beste Freundin Sarah, die Polizistin werden will, prägt sein Leben. Sarahs familiäre Situation hätte sich Besseres wünschen können – ihr Vater bringt sich um, nachdem sein Sohn in Bosnien im Krieg getötet wird, da er auf kroatischer Seite als Neonazi gegen Moslems kämpft. Die Freundschaft zu Sarah ist durchaus eine Seltsame. Ein Paar werden die beiden nie, aber auch keine Freunde im klassischen Sinne:

„Sarah rang mich zweimal wöchentlich auf ihre Matratze nieder, klemmte mein Gesicht zwischen ihre Handflächen und die Lippen schürzten los. Es geschah unangekündigt, und das Warten auf ihren nächsten Überfall war meine Medizin. Sie hielt mich aufrecht. Was für eine seltsame Freundschaft, dachte ich damals. Eine deutsche Freundschaft. So läuft das hier. Ich kapiere gar nix, aber ich mag es.“

Der Krieg aus der Kindheit der Figur hat ein grausames und brutales Gesicht. Die slowenischen und muslimischen Namen konnten damals darauf hinweisen, wer Feind und wer Freund war. Die Kindheit in Sarajevo und die Freundschaft mit Janez, mit slowenischen Vor- und muslimischen Nachnamen, macht das Leben der Hauptfigur noch aufregender. Der Krieg spiegelte sich bei den Kriegskindern in den brutalen und mit Gewalt geladenen Spielen wieder. Die grausamen Bilder der Jahre bleiben fest im Gedächtnis des Erzählers verankert:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht mehr genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie die Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken.“

Das Stehlen gehört besonders im Sommer zum Alltag der Kriegskinder und das Leben wird ständig durch die Angst vom Tod geprägt. Videospiele, Comics und Pornomagazine werden ausgeliehen oder geklaut, die dann wiederum bei den UN-Soldaten gegen Lunchpakete getauscht werden. Das Klauen wird später zum festen Bestandteil des Lebens der Hauptfigur in Deutschland. Er bricht mit seinen Freunden in Luxuswohnungen ein und läuft dann mit Rolex und mit Burberry Mantel herum. Wenn er in der schwierigen Situation steckt, kümmern sich seine Freunde Faruk oder Sarah darum – „Überlass mir die Rache. Ich kümmere mich um den Nazi. Du bist ein braver Kerl.“ Was ist das aber, das ihn so anders und zerbrechlich macht? Ist es vielleicht die Erfahrung des Krieges, die er ständig mit sich trägt und die sein neues Leben in Deutschland bestimmt?

Mit seinem Debüt schafft Sila eine spannende Erzählung, die trotz der vielen Wiederholungen und stilistischen Schwächen überzeugt, und auf die Unmöglichkeit der raschen Aufarbeitung von traumatischen Kriegserfahrungen gekonnt hinweist – Erfahrungen und Erlebnisse, die den Menschen auch viele Jahre später nach dem Krieg nicht vollständig loslassen.

von Irine

 

Tijan Sila (2017): Tierchen unlimited. Verlag: Kiepenheuer & Witsch. 

 

Autorentipp: Terézia Mora

Terézia Mora gehört zu den erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautorinnen und erhielt seit Beginn ihrer Karriere als Schriftstellerin 1998 zahlreiche Literaturpreise, u.a. auch für ihre Übersetzungen aus dem Ungarischen (u.a. Péter Esterházy, Gábor Németh und Péter Zilahy). Die Autorin wurde 1971 im ungarischen Sopron geboren und wuchs zweisprachig auf. Mit dem Studium siedelte sie 1990 nach Berlin über, absolvierte ein Studium als Drehbuchautorin und begann, erste Texte zu veröffentlichen. Trotz ihrer ungarisch-deutschen Herkunft schreibt Terézia Mora auf Deutsch und sieht die Sprache auch als ihre Zugangssprache zur Literatur. In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung sprach sie über diese Identifikation und darüber, dass sie das Ungarische weiterhin benutze, aber sich dennoch als Ausländerin fühlen würde. Ungarn ist dennoch oder gerade deswegen immer wieder Teil ihrer Erzählungen.
Mit diesem Beitrag wollen wir euch diese spannende Autorin mit ihren vielseitigen Texten vorstellen.

Die geplante Trilogie um den IT-Spezialisten Darius Kopp beinhaltet bisher die Teile „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“, die als Hardcover im Luchterhand Literaturverlag und als Taschenbuch bei btb erschienen sind. Als ich die ersten Kapitel von „Das Ungeheuer“ (ja, ich habe die Bände leider in der falschen Reihenfolge gelesen) las, war mir sofort klar: Her mit dem weiteren Band! Im Nachhinein kann ich nicht unbedingt benennen, was mir in dieser Erzählung um Darius Kopp so gefiel – die Sprache ist einfach und verständlich, mal frech und rotzig, mal versöhnlich, die Figuren eher bemitleidenswert als spaßbringend – und dennoch erinnere ich mich an den Sog, der mich erfasst hatte und nicht mehr losließ. Beide Teile schildern das Leben des „9 to 5-Durchschnittsarbeiters“ Darius Kopp, der eigentlich nur in Ruhe seinen Alltag bewältigen möchte. Ihr habt es sicher schon erraten: Dieser Wunsch wird nicht erfüllt. In  „Der letzte Mann auf dem Kontinent“ kämpft Dario in einfacher Form gegen den kleinen Irrsinn der Globalisierung und versucht händeringend, einen seiner internationalen Chefs ans Telefon zu bekommen. Was soll er bloß mit dem Haufen Geld tun, das ein Kunde in seinem Büro hinterlassen hat? Es geht um seinen Job und um seine Existenz, denn die Geschäfte laufen schon lange nicht mehr gut. Das viel Geld in der Pappschachtel könnte ihn retten, nicht nur beruflich. In „Das Ungeheuer“ ist die Katastrophe geschehen: Der Job ist weg und seine geliebte Flora hat sich umgebracht. Eine Suche beginnt, die Suche, die ihn mit Floras Tagebuch bis nach Ungarn in ihre alte Heimat bringt und die eine vollkommen neue Welt der Emotionen zutage fördert. Für den Roman erhielt die Autorin 2013 den Deutschen Buchpreis.

Wie auch in den Kopp-Bänden geht es in Moras neuer Kurzgeschichtensammlung „Die Liebe unter Aliens“ (Luchterhand Literaturverlag) um einfache, durchschnittliche Menschen, ihre Emotionen, um das Reflektieren des Vergangenen und Zukünftigen. Moras Texte sind hierbei so nah an der Realität, das fast keine Luft mehr zum Atmen bleibt. Sie beschreibt Momentaufnahmen, die in ihrer Kürze und Intensität Romanen in nichts nachkommen. Bei jeder Geschichte könnte die kurze Erzählung den Start in ein neues Buch geben. Zwar lassen sich in der Sammlung  für mich nicht unbedingt Highlights finden, dennoch beweisen sie Moras Erzählkraft und teils nüchterne, teils sehr emotionale Sprache.

Hier geht es zur Webseite der Autorin.

Annika

Verlagsvorstellung: Der Nischen Verlag wird 6 Jahre alt!

Bereits seit 6 Jahren steht der Nischen Verlag für hochwertige, ungarische Literatur, die dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden soll. Mit zeitgenössischen Autorinnen und Autoren wie zum Beispiel Krisztina Tóth, Gergely Péterfy und Györgyi Spiró verlegt der Verlag die großen Stimmen der ungarischen Literatur. Dass der Nischen Verlag viel Herzblut in seine Erscheinungen steckt, ist bereits auf den ersten Blick klar: Paul Lendvai ist Journalist, seine Frau Zsóka Verlegerin und Lektorin, beide stammen aus Ungarn und sind Experten der ungarischen Kultur und Politik. Mit der Gründung des Nischen Verlages 2011 holten die beiden ihre Heimat nach Wien, wo der Verlag bis heute seinen Sitz hat. Sie finanzieren die Neuerscheinungen aus eigenen Mitteln und stehen in engen Kontakt zu Übersetzern, Lektoren und Herstellern. Als „Herzensangelegenheit“ bezeichnet Zsóka Lendvai das Unternehmen, das die Titel sorgfältig aussucht und vom ungarischen Buchkünstler Zoltán Kemény gestalten lässt. 2013 wurde der Nischen Verlag daher auch mit dem Bruno-Kreisky-Sonderpreis für verlegerische Leistungen ausgezeichnet.

Ich habe den Nischen Verlag erstmals auf der Buch Wien 2016 entdeckt (viel zu spät!) und war sofort begeistert vom Programm. Gerade für Fans der süd- und osteuropäischen Literatur sollte der Verlag kein Geheimtipp mehr sein! Das Ehepaar Lendvai hat hier wirklich eine Nische gefunden und mit 2-3 Neuerscheinungen pro Jahr erfolgreich besetzt. Auf Read Ost haben wir schon eine Besprechung der Kurzgeschichtensammlung „Pixel“ von Krisztina Tóth veröffentlicht, weitere Titel werden hoffentlich bald folgen. Insgesamt sind bisher 14 Werke im Nischen Verlag erschienen. Im Oktober diesen Jahres veröffentlicht der Verlag Nummer 15 und 16: „Stumme Wiesen“ von Tibor Noé Kiss und eine weitere Kurzgeschichtensammlung Krisztina Tóths: „Die brennende Braut“.

 

 

 

 

 

 

Wir wünschen dem Nischen Verlag weiterhin alles Gute und freuen uns auf die viele neuen literarischen Entdeckungen!

Science-Fiction trifft auf Historiendrama: „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ von Jaroslav Kalfař

51iGit0yznLJaroslav Kalfařs Debütroman „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ (Tropen) ist die Geschichte des Astronauten Jakub Procházka, der als erster tschechischer Raumfahrer überhaupt für 8 Monate ins Weltall geschickt wird, um einen mysteriösen Nebel zu untersuchen. Doch noch bevor er diesen überhaupt erreicht, geht alles schief. Seine Frau Lenka ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, sein Körper beginnt zu streiken und auch seine Sinne konfrontieren ihn plötzlich mit der Frage, ob es Außerirdische wirklich gibt, als er ein seltsames Wesen sichtet.

April 2018: Die JanHus verlässt die Erde mit dem Ziel, die Tschechische Republik zu neuem Ruhm zu verhelfen. An Bord hangelt sich der einsame und gelangweilte Jakub von Videochat zu Videochat und vertreibt sich die Zeit mit Gedanken an sein Leben. Unterbrochen wird sein tristes Dasein, als ihm plötzlich ein merkwürdiges, hochintelligentes Wesen gegenübersteht, das die Menschheit erforschen möchte und seine Erinnerungen analysiert. Jakub sieht sich konfrontiert mit der schwierigen Vergangenheit seiner Familie, die nach der Flucht und dem Tod seiner Eltern, unter den Racheplänen des „Schuhmanns“ leidet, der ein Folteropfer von Jakubs Vater, einem ehemaligen Unterstützer des Regimes, ist. In verschiedenen Episoden springt die Erzählung zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart und einige Zusammenhänge werden erst wesentlich später klar. Relativ schnell offenbart sich hier die für mich größte Schwachstelle des Romans: Will die Erzählung nun Science-Fiction, Fantasy, Komödie oder Drama sein? Natürlich ist eine Kombination durchaus möglich, doch in „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ bleibt so das Gefühl des Unvollständigen zurück, denn immer dann, wenn eine Episode an Fahrt und Spannung aufnimmt, springt Jakub zu einer anderen zurück oder vor. Das Debüt des Autors erschien mir seltsam unausgewogen, so als hätte sich Kalfař erst einmal an dieser Geschichte nur ausprobiert. Vielleicht wollte Kalfař hier einfach zu viel und hätte auf seiner Checkliste der Situationen, die er gerne einbauen würde, ein paar streichen sollen.

Aus Tätern werden Opfer und aus Opfern Täter: Die Geschichte der Procházkas ist die Quelle für Jakubs Ehrgeiz. Jahrelang musste seine Familie unter dem Druck des „Schuhmanns“ leiden, dessen Namen von einer Foltermethode kommt, bei der Jakubs Vaters sein Opfer in einen eisernen Schuh steckte und ihm Stromschläge verpasste. Das ehemalige Opfer ist mittlerweile einer der mächtigsten Männer des Landes und nimmt den Angehörigen seines Peinigers nach und nach ihre Existenz. Aus ihrem Haus werden sie vertrieben, die Nachbarn gegen sie aufgehetzt und aus dem einst beschaulichen Landleben wird ein Alptraum. Jakubs Erinnerungen behandeln eine Ära voller Furcht und Schrecken und kollidieren mit der wilden Astronauten-Erzählung, die eher leicht daherkommt.

Jaroslav Kalfař migrierte mit fünfzehn Jahren in die USA, wo er Kreatives Schreiben, Literatur, Politik und europäische Geschichte studierte. Obwohl er mittlerweile in New York lebt und arbeitet, zieht es in mit „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ zurück in seine Geburtsstadt Prag. Die eigentlich amerikanische Herkunft des Romans ist durch die lockere Sprache und den fantastischen Hintergrund der Erkundung des Weltalls definitiv spürbar.

Unser Fazit: Ein ganz passabler Roman für zwischendurch – mehr aber auch nicht. Garantiert gibt es andere Geschichten, die die einzelnen Handlungspunkte besser ausführen.

  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten, 22€ (D)
  • Verlag: Tropen; Auflage: 1 (5. August 2017)
  • Übersetzung: Barbara Heller
  • ISBN-13: 978-3608503777
  • Originaltitel: The Spaceman of Bohemia

Annika

„Licht an! Juden, es ist ein Pogrom! Licht an!“: Moyshe Kulbak – Montag. Ein kleiner Roman.

cover_kulbak_mail-250x423.jpgDer weißrussisch-litauische Autor Moyshe Kulbak schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts in jiddischer Sprache. Der hauptsächlich als Dichter bekannte Kulbak veröffentlichte auch Romane wie das dieses Jahr beim Berliner Verlag edition.fotoTAPETA erschienene Buch „Montag. Ein kleiner Roman.“ Dieses wunderbar aus dem Jiddischen ins Deutsche von Sophie Lichtenstein übertragene schmale Buch leistet vieles auf diesen wenigen Seiten.

Die Oktoberrevolution und deren Einflüsse auf das osteuropäische jüdische Leben ist die politische Folie, die den Roman und das Leben der Protagonisten bestimmen. Im Zentrum der Erzählung steht die Figur des Hebräisch-Lehrers Mordkhe Markus, der exemplarisch die mit der Revolution und der nachfolgenden Umwälzungen in den jüdischen Gemeinden von Weißrussland erfolgte Wandlung beschreibt und zugleich über diese Veränderung reflektiert. Die ersten Schüsse auf der Straße, die er aus seinem Dachkämmerchen in der Zeit der Revolution wahrnimmt, fallen dann, als er sich in der Stille in das Buch Hiob vertieft. Zwar bleibt der auf den ersten Blick von der Außenwelt eher distanzierte Mordkhe den revolutionären Wellen fern, trotzdem wird aus seiner „Fensterperspektive“ die Revolution am ehesten erfahrbar. In einer Passage beschreibt Kulbak folgende Szene:

„Am anderen Ende des Marktplatzes, weit entfernt, ertönte eine Stimme… Die Masse rührte sich kaum, und auf einmal erscholl ein Schrei, wie aus einem Grab, sodass sich einem das Herz zusammenzog und niemand, niemand wusste, dass es so etwas gibt: REVOLUTION.“

Kulbak zeichnet Figuren, die Natürliches und Übernatürliches auf eine beeindruckende Weise miteinander verbinden. Die Schwester Stesye und Gnesye, die im Roman als „Feldmesserinnen“ bezeichnet werden, werden als wunderliche Gestalten der Stadt dargestellt. Die poetische Sprache, in der Kulbak das Leben dieser Figuren beschreibt, überzeugt durch ihre Einfachheit und geschickte Komplexität, in der die grundsätzlichen philosophischen Fragen des menschlichen Daseins behandelt werden. Hier verschmilzt sich miteinander eine gewisse Melancholie, die den jüdischen Alltag und die jüdische kulturelle Tradition bestimmen. Mordke wird als jüdischen Seismografen der Zeit im Roman stilisiert. Die Revolution, die einerseits die Befreiung des Proletariats mit sich brachte, aber zugleich eine unsichere Zukunft für die jüdische Bevölkerung seiner Stadt sichtbar machte, blieb für ihn ein schwieriges und undurchschaubares Phänomen.

Kulbak zeichnet mit diesem Roman als einer der Ersten in jiddischer Sprache schreibenden Autoren das Leben seiner Gemeinde und wirft die Fragen auf, die erst später an ihrer Intensität gewinnen. Er spricht schon in den Anfangsjahren der kommunistischen Ordnung Problematiken und Zweifel an, die in den 30er Jahren die bittere Realität werden. Die Realität, die unter anderem das Leben des Autors Kulbak im negativen Sinne bestimmt. 1937 wird er in Minsk verhaftet und wenig später nach einem stalinistischen Schauprozess hingerichtet.

von Irine

Moyshe Kulbak (2017): Montag. Ein kleiner Roman. Aus dem Jiddischen Sophie Lichtenstein. Berlin: edition.fotoTAPETA.