Literaturauslese

Immer wieder stoßen wir auf spannende Titel, deren Handlung sich im osteuropäischen Raum abspielt, deren Autorinnen und Autoren aber nicht aus diesem stammen. Natürlich möchten wir euch auch hier einen Einblick in die vielfältigen Erscheinungen geben und freuen uns, euch mit unserer ersten Literaturauslese einige Romane zu präsentieren, die uns in den letzten Monaten begleitet haben:

cover-9783957573636Aus dem wunderbaren Berliner Verlag Matthes & Seitz stammt das Buch „Ein russischer Roman“ des bekannten französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère. Der Autor geht in seinem Roman seiner Familiengeschichte mütterlicherseits nach und landet bei seinem Großvater, der 1898 in Tbilissi, Georgien geboren wurde. Georges Zurabischwili verschwand allerdings 1944 spurlos in Frankreich. Die fünfzehnjährige Mutter des Autors wuchs danach ohne ihren Vater auf und diese Tragödie wurde in ihrer späteren Familie zum Tabuthema erklärt. Eben dieses Schweigen will Carrère mit diesem Romanprojekt brechen, indem er sich der eigenen Familiengeschichte stellt, die russische Sprache lernt und in die tiefste Provinz Russlands reist. Kotelnitsch heißt der Ort, der dem Autor den Schlüssel zu den Geheimnissen der Familie geben soll: „Kotelnitsch ist für mich der Ort, an dem man sich aufhält, wenn man verschwunden ist.“ Mit Grammatikübungen, Tschechow und Lermontow entdeckt er den Draht zur russischen Sprache wieder, die er als Kind in der Familie hörte und selbst auch sprach. Die Liebesgeschichte zwischen dem Autor und Sophie zieht durch das ganze Buch und führt den Lesern andererseits die Komplexität der Beziehungen auf eine besondere Weise vor Augen.

41YaurGR--LEine dunkle Burg inmitten der wilden Karpathen ist das Setting des Romans „Karpathia“ (Frankfurter Verlagsanstalt) des französischen Schriftstellers Mathias Menegoz. 1833 reist der ungarische Graf Alexander Korvanyi mit seiner jungen Frau Cara von Österreich nach Transilvanien, um am Rand des habsburgischen Reichs das Lehnsgut seiner Familie zu verwalten und wiederzubeleben. Doch die beiden erwartet alles andere als Willkommensgrüße. Das Verhältnis zu den ansässigen Magyaren, Walachen und Sachsen ist schwierig, das prächtige Anwesen ist mittlerweile verfallen und dem Paar schlägt von Anfang an ein großes Misstrauen entgegen. Als dann auch noch ein Junge aus dem Lager der umher reisenden Zigeuner (sic!) verschwindet, nimmt das Unheil seinen Lauf …
Spannungsgeladen und atmosphärisch entführt uns Menegoz` Debütroman „Karpathia“ in die mittelalterliche Welt Transilvaniens. Schon das Cover verspricht genau die düstere Stimmung, die die Leser erwarten können. Für uns definitiv ein Jahreshighlight und sehr zu empfehlen!

41EPUvQK2WL.jpgJulian Barnes ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren und hat mit seinem neuesten Roman „Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer & Witsch) einen Roman veröffentlicht, der die Leser mitten in die Dreißiger Jahre bis hin in die Zeit des Kalten Krieges wirft. Dreh- und Angelpunkt ist der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch, dessen Biografie für den Roman künstlerisch bearbeitet wurde. Nachdem dessen Uraufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu einem Skandal führt – Stalin verlässt vorzeitig das Theater und das Stück landet auf dem Index – wartet Schostakowitsch jeden Tag auf seine Verhaftung, zum Glück vergeblich, denn seine Musik soll noch bis in die 70er-Jahre der westlichen Welt die sowjetische Kunst näher bringen. „Der Lärm der Zeit“ behandelt die Frage nach der Kunst in der Politik. Wie weit darf die Kunst gehen? Wie weit darf sie sich beeinflussen lassen? Leider wird die Handlung um Schostakowitsch schnell „aberzählt“, die Figuren erscheinen blass und wirklicher Spaß am Lesen kommt nicht auf.  Trotz der wenigen Seiten (256, um genau zu sein) zieht sich das Buch doch ziemlich. Schade!

51bDXr0pQ9LSchauplatz des Romans „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles (List) ist das berühmte 5 Sterne-Hotel Metropol direkt am Platz des Geschehens der russischen Hauptstadt. Hier spielt sich das komplette Leben des einstigen Lebemanns Graf Rostov ab, nachdem dieser aufgrund eines reißerischen Gedichtes 1922 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt wird. Über 30 Jahre verbringt der sympathische und liebenswerte Rostov in einem Hinterzimmer im sechsten Stock und wird zur Seele des Hauses. Als Hilfskellner und Vertrauter einiger wichtiger Persönlichkeiten prägt er das Leben seiner Mitmenschen und das, obwohl ihm das Russland vor der Tür verwehrt bleibt. „Ein Gentleman in Moskau“ ist ein Schatz! Towles entwirft eine kleine Welt im Hotel Metropol, die den Leser zwar ebenfalls einschränkt, gleichzeitig aber so viele interessante Charaktere und Wendungen präsentiert, dass man die Räumlichkeiten rund um das Restaurant „Piazza“ oder „Bojarski“, die Näherei Marinas oder den Barbierraum nicht mehr verlassen möchte. Daumen hoch für dieses großartige Buch, das man nicht mehr aus den Händen legen möchte!

von Annika & Irine

Advertisements

Kat Kaufmann: „Die Nacht ist laut. Der Tag ist finster“

9783455001051„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“, so lautet der Titel des zweiten Romans von Kat Kaufmann. Erschienen ist er bei Hoffmann und Campe Verlag/TEMPO Bücher in diesem Frühjahr. Mit ihrem Erstlingswerk „Superposition“ hat Kaufmann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt gewonnen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist Kaufmann gleichzeitig auch Jazzsängerin-Schrägstich- Komponistin-Schrägstrich-Fotografin. Wer Kat Kaufmann und ihr Werk bisher nicht kannte, wird spätestens bei der Information, dass sie den Umschlag selbst gestaltete, neugierig gemacht (an dieser Stelle ein großes Lob an den Verlag für das Vertrauen in die Autorin und die künstlerische Freiheit!). Es scheint hier alles zu stimmen – eine dynamische, unkonventionelle Road Novel, erzählt von einer hippen Berlinerin mit einer überaus interessanten Bio. Es verwundert auch nicht, dass Kaufmann mit ihren beiden Büchern mediale Aufmerksamkeit erregt hat, indem sie neben Lob, auch Kritik geerntet hat.

Während „Superposition“ (2015) viele autobiographische Züge nachgesagt werden, begibt sich Kaufmann in diesem Buch teilweise in neue Gebiete. Hier behandelt Kaufmann Sujets wie Familienverhältnisse, Liebe und die aktuelle politische Situation. Daneben gibt es aber auch wiederkehrende Orten wie Berlin und Moskau, und wiederkehrende Motive wie der Bezug zum Judentum, zur Musik oder zum exzessiven Nachtleben. Das thematische Spektrum ist auf 272 Seiten in eine relativ herbe Sprache verpackt, die für manchen bis zum letzten Satz gewöhnungsbedürftig bleibt.

Der Protagonist, Jonas, ist ein Berliner Twen, der sich nach Moskau aufmacht, nachdem er eine geheimnisvolle Nachricht von seinem verstorbenen Opa Ernst erhält: „Finde diesen Mann! Valerij Butzukin.“ Jonas zögert nicht lange. Genervt und gelangweilt von dem grauen Muff seines Elternhauses, entscheidet er sich, dem Aufruf des geliebten Großvaters zu folgen. Jonas ist bereit, sein ganzes Leben umzukrempeln. Denn die Reise führt für ihn nicht einfach nur nach Moskau, sie soll ihn direkt zu den Antworten führen, die seine eigene Vergangenheit entschlüsseln. Begleitet wird er von Stas und Juri, zwei dubiosen Gestalten, die er in einer Berliner Kneipe kennenlernt. Die beiden verfügen über die notwendigen Kontakte zu Kriminellen und ermöglichen Jonas so die illegale Einreise nach Russland. Zusammen mit seiner Entourage gerät Jonas in mehrere gefährliche Situationen und ist schließlich in einen Mordkomplott gegen den Mafioso Krokodil verwickelt. Die ganze Geschichte ist eingebettet in den Kalten Krieg 2.0 zwischen Ameropa und Russasia, was dem Leser in Form einer laufenden Pressemitteilung am unteren Seitenrand mitgeteilt wird.

Ausgehend vom Klappentext, könnte man das Buch als eine Road Novel mit einer Prise philosophischer Überlegungen einordnen. Die erzählte Welt wird von Kaufmann auf unterschiedliche Art und Weise eingeleitet – besonders hervorstechend ist in diesem Kontext die sehr gewöhnungsbedürftige 2. Person, in der die Geschichte zu einem großen Teil erzählt wird. Hieraus entwickelt sich unwiderruflich ein eigenartiges Gefühl der Entfremdung zwischen dem Erzähler und dem Hauptcharakter, der dadurch wie seine Marionette wirkt. Hier eine kleine Kostprobe:

„Du versuchtest, die Worte auszusprechen, gibst sie in den Browser ein. Du siehst dir Tutorials an und lädst die Audiodateien der Aussprachen. Du blätterst weiter, findest Cafés und Restaurants, Empfehlungen von Ausstellungsräumen. Aber du willst ja nicht hinfahren, um Lokale zu testen oder sinnierend durch Ausstellungen zu flanieren. Du kannst das alles jederzeit abbrechen.“

9783455405347Die Erzählung wird durch viele Rückblenden eines allwissenden Erzählers und durch dialogische Einschübe unterbrochen (auch graphisch gekennzeichnet). Aus diesen erfährt der Leser Näheres über die Gefühlswelten von Jonas und den anderen Figuren, was die sonst etwas platt gestrickten Charaktere mehrdimensional erscheinen lässt. Durch diese Verflechtung von Erzählsträngen gelingt es Kaufmann schließlich auch, einem Überraschungsmoment zu erzeugen, es ist das Highlight im Plot, und man darf dieses ruhig auch von einer Road Novel erwarten.

Die TEMPO-Bücher, wie man beim Verleger nachlesen kann, sollen „neue, unkonventionelle literarische Stimmen umfassen.“ Ohne jeden Zweifel erfüllt Kaufmanns Buch beide Versprechen, denn neu und unkonventionell ist es auf jeden Fall. Somit ist eigentlich auch schon klar, wer das Zielpublikum sein soll: „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ spricht all jene an, die an neuen Formen der literarischen Schöpfung einer postmodernen und schnelllebigen Welt interessiert sind.

Der Klappentext bewirbt das Buch als „rasant erzählte Road Novel über Leben und Tod, Schein und Wahrheit – und dem Wahnsinn dazwischen“. Kaufmanns Erzählstil ist auf jeden Fall rasant. Dies kann mit der Zeit – subjektiv betrachtend – auch anstrengend sein. Was bleibt jedoch von dem Wunsch, von Leben und Tod und gleichzeitig noch von den Sphären des Scheins, der Wahrheit und dem Dazwischen zu erzählen? Irgendwie scheint es, als würde der Roman mit all seiner Geschwindigkeit nur die Oberfläche dieser Themen überfliegen. Philosophische Fragen werden nur dezent angerissen, an keiner Stelle wird der Tiefgang gewagt. Vielleicht ist hier aber schon zu viel verlangt. Es wäre mit Sicherheit ein Gewinn, wenn Kaufmann sich etwas weniger auf sprachlich-experimentelle Rasanz und mehr auf gutes Geschichtenerzählen konzentrieren würde.

von Karolina

Kat Kaufmann (2017): Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Hamburg: TEMPO Bücher / Hoffmann und Campe Verlag. 

Das Monster und sein Schöpfer: „Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt“ von Nikita Afanasjew

„Jakob Ziegler war weg, Johann Zeit war da.“

51Bgrhs-ZrLBanküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt: Das sind die drei Alternativen, die sich der Mitzwanziger Jakob Ziegler für den Neudreißiger Jakob Ziegler ausgedacht hat, sollten seine Träume von der Zukunft nicht erfüllt werden. So viel darf bereits verraten werden: Jakob steht auch mit 30 noch nicht auf der Liste der bekanntesten zeitgenössischen Künstler – geschweige denn überhaupt darauf, im Gegenteil … In „Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt“ von Nikita Afanasjew aus dem Verlag Voland & Quist steckt der talentierte Jakob in einer Sackgasse. Die Galerie wartet auf neue Bilder, die Jakob fortwährend aufschiebt, seine Freunde schleppen sich von Party zu Party und die Beziehung zu seiner Freundin Jolanda ist auch nicht mehr die, die sie mal war. Als Höhepunkt dessen dreht ihm sein Onkel dann auch noch den Geldhahn zu. Eine Idee muss her! Jakob Ziegler erfindet Johann Zeit, der durch Untergrundaktionen gegen Politik und Wirtschaft zum Gespräch der Stadt wird.

„Ja, sagte er, der Mann mit allen Eigenschaften. Also allen positiven Eigenschaften. Ich meine mit allen Vorzügen. Du weißt schon, was ich meine, oder? So einer, der Geschichten erzählt, selbst wenn er nicht da ist. […]“

Es ist die typische „Berlin-Generationskulisse“, die der Deutsch-Russe Nikita Afanasjew in seinem Roman beschreibt. Dunkle Partys, abgewrackte Locations und zwischendrin die kreativen zugezogenen Köpfe einer neuen Kunstszene, die sich mit dem Geld ihrer Eltern über Wasser halten, sich aber gleichzeitig selbst bemitleiden und sich nicht aufraffen können, etwas für ihr Leben zu tun. Jakob, Ben, Jolanda; sie alle warten auf den großen Wurf, auf die Rettung aus ihrer Einöde. Jakobs Rettung ist der coole und geheimnisvolle Johann Zeit, der in Lederkluft rumläuft und Dinge sagt, die Jakob sich nie trauen würde, öffentlich in den Mund zu nehmen. Johann Zeit wird zum Selbstläufer und plötzlich bekommt er genau den Ruhm, den Jakob sich so sehnlichst wünscht. Leider ist genau dieser Part so schnell erzählt, dass man sich am Ende fragen muss: „Das war es jetzt?“ Viel Zeit investiert der Roman in Jakobs Geschichte, bevor der Roman kurz richtig an Fahrt aufnimmt, um sich dann wieder zu verlieren und genau dann wiederum zu enden, wenn es noch einmal losgeht.

Als Sympathieträger kann (und soll) Hauptfigur Jakob (vermutlich) nicht überzeugen. Generell bleiben die Charaktere recht blass und werden zu hippen Stereotypen, die irgendwo zwischen Kunst und Kneipen leben. Frech und jung ist der Roman stellenweise, doch er verschwindet schnell als einer dieser neuen „Berlinromane“ über Identitätsfindung und dem Wunsch nach dem Durchbruch als Künstler/Musiker/Schauspieler/Tänzer etc. Johann Zeit ist die Figur, hinter sich viele verstecken wollen. Doch gleichzeitig wird er auch zum gefährlichen Widersacher, wenn sich wie in Frankensteins Monster dieses gegen seinen Schöpfer stellt. Diese Gefahr wird durch einen Eventagenten begünstigt, der mit seinen Ideen rund um die nächtlichen Aktionen über den Kopf von Jakob entscheidet und die Profitgier der Kunstszene darstellt. Doch trotz dieser Interpretation bleibt „Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt“ ein seichter Roman, den man schnell wieder vergisst. Schade!

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten, 22 € (D)
  • Verlag: Verlag Voland & Quist; Auflage: 1 (26. September 2017)
  • ISBN-13: 978-3863911812

Annika

Boris Sawinkows „Das schwarze Pferd“: Die Seele des Russischen Bürgerkrieges

9783869711454Boris Sawinkows „Das schwarze Pferd zeigt die Seele des Russischen Bürgerkrieges. Erstmals ist der Roman in der deutschen Übersetzung von Alexander Nitzberg  in diesem Jahr in Galiani Verlag erschienen und zeichnet die Szenen inmitten der Kämpfe. Boris Sawinkow bindet sich als Alter Ego, ein weißrussischer Offizier, ein, der in Tagebuchform von den Schlachten berichtet und 1917 erst für die Adligen kämpft, dann jedoch zu der gegnerischen Seite wechselt. In seinen Beiträgen nimmt er kein Blatt vor den Mund, berichtet von den Grausamkeiten an der Front (für die auch er oftmals die Verantwortung trägt), von der rauen Natur, die zum Schauplatz des Mordens wird und dem sinnlosen Töten, das kein Ende nehmen will – auch in den eigenen Reihen. Und obwohl die Berichte teilweise sehr knapp gehalten sind, verfehlt der Eindruck der geschilderten Bilder seine Wirkung nicht. Selbst die Liebe wird in „Das schwarze Pferd“ zu einem dreckigen Etwas.

Als ehemaliger „Top-Terrorist“ Russlands stand Sawinkow unter besonderer Beobachtung und beschrieb im französischen Exil neben zwei weiteren Romanen Jahre später den Wahnsinn des Russischen Bürkerkrieges. Mit zahlreichem Informationsmaterial ist diese Ausgabe des Galiani Verlages nicht nur ein Stück Weltliteratur, sondern auch eine historische (Charakter-)Studie. Die Protagonisten verdeutlichen durch das Wechseln der Fronten und das Töten ihrer Landsleute die Unsinnigkeit des Krieges. Der weißrussische Offizier agiert voller Härte. Eine passende Farbe, um „Das schwarze Pferd“ ist wohl trotz des blauen Einbandes ein ewiges grau, von Blutrot durchkreuzt. Es ist eine Kunst des Autors „Das schwarze Pferd“ so lebendig erscheinen zu lassen. Nicht immer erhalten die Leserinnen und Leser alle Informationen, nicht immer werden die Strukturen unter den Charakteren sofort klar und dennoch bzw. gerade dadurch ist das Gefühl, dabei zu sein, umso stärker.

„Das schwarze Pferd“ ist grausam, düster und apokalyptisch. Der Roman ist eine Empfehlung für alle, die Geschichte erleben wollen und dabei nicht vor blutigen Szenen zurückschrecken.

 

  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten, 23 € (D)
  • Verlag: Galiani-Berlin (9. März 2017)
  • Übersetzung: Alexander Nitzberg
  • ISBN-13: 978-3869711454

Annika

 

Wenn der Traum zum Albtraum wird: „Kukolka“ von Lana Lux

9783351036935„Ich beneidete die anderen Mädchen […] nicht lange für ihr tolles früheres Leben mit Eltern, Schule, Freunden und einem Zuhause. Mir war nämlich klargeworden, dass ich die Einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten gewesen.“

Die Erkenntnis kommt spät, aber sie beschreibt Samiras Leben sehr genau – sie war schon immer ein Teil des äußeren Rands der Gesellschaft. Keine Eltern, aufgewachsen im Heim, von den anderen Kindern gemobbt und als Zigeunerin beschimpft, von ihrem „Retter“ Rocky zum Betteln und Klauen gezwungen, später von ihrem „Freund“ in die Prostitution getrieben. Wahrlich nicht die Mitte der Gesellschaft, aber von der Protagonistin so kindlich, so naiv, so normal beschrieben, dass es schmerzt. Samira ist erst sieben Jahre alt, als sie aus dem Heim abhaut, 15 als sie körperlich und nervlich völlig am Ende ist… Und dem Leser krampft sich das Herz zusammen angesichts der Gewalt, des Missbrauchs, der Manipulation und auch des Todes, welche/n sie in ihrem jungen Leben ertragen oder mit ansehen muss. Nur die Sprache will manchmal nicht so ganz ins Bild einer sieben- oder achtjährigen passen: zu derb, zu erwachsen. Was ein wenig an der Authentizität des Romans kratzt, aber das Gesamtbild nicht verunstaltet.

Lana Lux‘ Debütroman Kukolka (Aufbau Verlag) spielt in der Ukraine Anfang der 1990’er Jahre. Schauplatz der Handlung ist Dnipropetrowsk, was zugleich der Geburtsort der Autorin ist. Mit zehn Jahren verlässt sie diesen zusammen mit ihren Eltern für Deutschland. Nicht umsonst träumt vielleicht Kukolka – so Samiras Spitzname aufgrund ihrer grün-blauen Augen und des puppenhaften Gesichts – davon, nach Deutschland auszuwandern, ihrer besten Freundin Marina zu folgen, die das Glück hatte, von Deutschen adoptiert zu werden. Sie bekommt sogar ein Paket von Marina, mit Bonbons, Milka-Schokolade, einem Brief, einer Barbie. Und es sind diese kleinen Dinge – der Geschmack der Schokolade, der Umschlag mit Marinas deutscher Adresse, die echte Barbie, der Wunsch Marina wiederzusehen – die Samira nicht untergehen lassen, an die sie sich klammert wie an einen Hoffnungsträger, die sie all die Gewalt, die Drogen, den Schmerz … überleben lassen. Diese Dinge geben ihr Halt in einer Welt voller Verrat, Beschönigung, Konkurrenz, Missgunst, in einer Welt in der es an allem mangelt. Jeder denkt nur an sich, wahre Liebe gibt es nicht. Aber Kukolka ist glücklich – meistens zumindest. Bei Rocky hat sie ihr eigenes Sofa zum Schlafen, immer etwas zum Essen und klauen sowie betteln kann sie gut – das scheine ihr im Blut zu liegen – sodass sie nie zu wenig Geld mit nach Hause bringt. Dass sie von dem Geld nie etwas wiedersehen wird, weil Rocky es nicht für ihr Ticket nach Deutschland zurücklegt, sondern davon Schutzgeld bezahlt, ahnt sie nicht.

Dennoch schafft sie es nach Deutschland. Eines Tages tritt Dima in ihr Leben. Sie steht in einer Unterführung, es ist kalt und grau und sie singt. Das ist ihr zweites großes Talent. Da taucht ein junger, gutaussehender Mann auf, ist begeistert von ihrer Stimme, schenkt ihr Rosen, kommt sie immer wieder in der Unterführung besuchen, geht mit ihr essen. Samira ist ganz benebelt vor lauter Glück und Verliebtheit. Später sind es die Drogen mit denen er sie vollpumpt. Doch sie liebt ihn und er muss sie auch lieben. Sonst hätte er sie doch nicht mit zu sich genommen, oder? Dass sie sich bereits in voller Fahrt auf einer Abwärtsspirale befindet, merkt sie nicht. Versteht sie nicht. Auch nicht, als er sie illegal nach Deutschland schleust. Dafür ist Samira zu naiv, zu gutgläubig, noch zu kindlich. Erst später als sie es wie zufällig aus dem Strudel herausschafft, realisiert sie, was eigentlich passiert ist. Deutschland, das Land ihrer Träume, wird zum Albtraum.

„Dieser furchtbare Körper mit zu vielen Öffnungen. Ich wollte sie alle für immer verschließen, wollte meinen Körper in eine unzerstörbare Plastikfolie einschweißen, so wie alles Wertvolle in Deutschland eingeschweißt wird. Aber er war nicht wertvoll genug. Ich war nicht wertvoll. Bloß ein Niemand. Schlimmer noch. Wer niemand ist, kann alles werden. Ich nicht. Ich war eine Nutte. Das war eine Endstation.“

Lana Lux lässt Samira eine Welt schildern von der man nichts weiß, von der man hoffte, dass es sie nicht gibt, aber sie existiert. Sowohl damals nach der Perestroika und wahrscheinlich, leider, auch noch heute. Zwangsprostitution bereits im Kindesalter ist kein Einzelschicksal. Samira steht stellvertretend für viele Frauen und Mädchen aus dem östlichen Europa. Für ein Leben in dem jede Veränderung eine Verbesserung der Situation verspricht, aber eigentlich nur ein weiterer Schritt in Richtung Abgrund ist. Das Glück sitzt auf Samiras Fahrt nach unten auf dem Beifahrersitz oder wahlweise sie – bis sie aussteigt. Einen kleinen Hoffnungsträger trägt sie noch bei sich: Olga Pismena, Uhlandstraße 144. Vielleicht hat sie das Glück noch nicht ganz verlassen.

„Es war wie ein echtes Wunder. Erst vor einer Stunde war ich noch im Auto auf dem Weg zum nächsten Kunden. Erst vor einer Stunde war ich noch gefangen. Erst vor einer Stunde hatte ich kaum Hoffnung auf Freiheit. Und jetzt war ich durch einen glücklichen Zufall genau vor der richtigen Haustür gelandet.“

von Elisabeth

Lana Lux (2017): Kukolka. Berlin: Aufbau Verlag. 

Rezension: Ignacy Karpowicz – „Sonka“

produkt-10002760Nicht schon wieder eine deutsch-polnische Liebesgeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in der noch ein bisschen Vergangenheitsbewältigung steckt und die nur so vor Klischees trieft. Dies zumindest könnte man nach dem Lesen des Klappentextes des 2017 in deutscher Übersetzung beim Berlin Verlag erschienenen Romans „Sonka“ denken. Trotz möglicher Voreingenommenheit wird sich der Leser glücklich schätzen, diesen Überraschungsroman gelesen zu haben.

Igor/Ignacy, ein wohlstandsverwöhnter und sinnsuchender Theaterregisseur aus der großen Hauptstadt Warschau, bleibt mit einer Autopanne mitten im Nirgendwo stehen. Dieses Nirgendwo befindet sich in der polnischen Wojewodschaft Podlachien, einem dünn besiedelten Landstrich an der Grenze zu Weißrussland, der sich vor allem durch seine Multikulturalität und Vielsprachigkeit auszeichnet und nicht mehr ins mittlerweile als homogen propagierte Polen passen will.

Dieses Nirgendwo – jahrhundertlange Heimat für Minderheiten von Juden, Tartaren, Orthodoxen – ist der Schauplatz, an dem Igor auf die belarussische Bäuerin Sonka/Sonia trifft, die wie aus einer komplett anderen Zeit gefallen zu sein scheint.

„… die Geschichte ist den Menschen immer Feind. Den Menschen – und besonders den Frauen.“

Aus der Zufallsbegegnung dieses gegensätzlichen Paares wird eine Reise in die Vergangenheit mehrerer Länder, einer vergessenen Region und einer Zeit, in der eine Frau nicht mehr wert war als das Schwein im Stall. Eine Zeit, die den Menschen und insbesondere den Frauen, euphemistisch formuliert, nicht wohlgesinnt war. Schnell wird klar, dass die Liebesgeschichte Sonias zum deutschen SS-Soldaten Joachim nur eine Randnotiz ist und für eine größere Erkenntnis stehen soll. Der Erkenntnis, dass die polnische Opferrolle, die sich dieses Land nicht erst seit Ende des Zweiten Weltkrieges in einem ewigen Mantra selbst auferlegt, sich nicht ganz mit den historischen Tatsachen und den damaligen Lebenswirklichkeiten der Menschen deckt. Ein Weltbild vor allem, das über ein schwarz-weißes Geschichtsverständnis hinausgeht und auf jegliche Gefühlsduselei verzichtet.

„Blut, Chaos, Sperma, Schweiß“

Ignacy Karpowicz ist ein in Polen preisgekrönter Autor, der mit all seinen Werken für die Nike nominiert war – dem wohl wichtigsten polnischen Literaturpreis. In der deutschen Literaturlandschaft ist Karpowicz noch weitestgehend unbekannt und „Sonka“ ist bisher auch die einzige deutsche Übersetzung des Schriftstellers, auf die aber hoffentlich noch weitere folgen werden.

Bei einer Lesung Mitte September in der polnischen Buchhandlung buchIbund in Berlin-Neukölln erzählte der aus Białystok stammende Autor, dass Sonia keine Gestalt seiner Fantasie sei, sondern tatsächlich existiert habe, er aber ihre Geschichte erst nach ihrem Tod niederschreiben wollte. Genau wie der Ignacy im Roman, der nach dem Tod Sonias aus einer fast verlorenen Lebensgeschichte ein Bühnenstück konzipiert und damit seine innere Leere zu füllen versucht. Übrigens nur eine von vielen Parallelen zwischen dem Erzähler und dem Schriftsteller.

Gefragt, woraus sein Roman besteht, antwortete Karpowicz „aus Blut, Chaos, Sperma, Schweiß“. Es ist ein Roman, der auf die Grundbedürfnisse des Menschen heruntergebrochen ist, sowohl in seiner schönsten als auch in seiner dunkelsten Ausprägung. Karpowicz wollte keine falschen Gefühle im Leser erzeugen, keine „Tränen herausdrücken“, aber dafür die Mechanismen des Leidens aufzeigen. Diese Mechanismen des Leidens werden durch Sonia verkörpert, die ohne Selbstmitleid auf ein Leben aus Gewalt, einmal gefundener und ein anderes Mal nicht erwiderter Liebe, Lüge und eigenen Verfehlungen zurückblickt.

Die Mehrsprachigkeit und Multikulturalität Podlachiens, die sich in der Sprache der Geschichte niederschlägt, kommt in der deutschen Übersetzung leider nicht durch, da nur wenige Begriffe im belarussischen Original bzw. im Original des typischen Mischdialekts dieser Region belassen wurden. Trotzdem hat Katharina Kowarczyk eine hervorragende Übersetzungsarbeit geleistet und den distanzierten und nüchternen Ton des Autors vortrefflich transportiert.

von Sandra

Ignacy Karpowicz (2017): Sonka. Aus dem Polnischen von Katharina Kowarczyk. Berlin Verlag.

 

„Ich weiß nicht, wohin es geht“: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann

42762Bis zu ihrem Debütroman „Außer sich“, der dieses Jahr beim Suhrkamp Verlag erschienen ist und gleich für den wichtigen Literaturpreis hierzulande, für den Deutschen Buchpreis, nominiert war, war Sasha Marianna Salzmann als Hausautorin im Berliner Maxim Gorki Theater bekannt. Wie die Vielzahl der Stücke des Gorki Theaters, so handelt auch der Roman von Salzmann von Migration in der „postmigrantischen“ Welt.

„Außer sich“ ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Roman. Er ist stark experimentell und zugleich deutlich unkonventionell geschrieben. Es fällt auf, dass der Autorin beim Schreiben ganz besonders daran lag, die Grenzen jeglicher Art zu verwischen. Die Sexualität hat hier kein Geschlecht und die Figuren keine fixierte Identität. Sie verwandeln sich ständig, wechseln ihr Äußeres, tauschen ständig ihre Wohnorte aus und sind dauernd auf der Suche. Im Mittelpunkt dieses Romans steht eine russisch-jüdische Familie, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in einem Asylheim in einer Kleinstadt in Deutschland landet. So ist auch die Autorin Salzmann mit ihrer Familie in den 90er Jahren aus Russland als russische Jüdin emigriert.

Die Eltern der Hauptfigur des Romans führen eine angespannte Beziehung. Die Kinder Alissa und Anton sind Zwillinge und mit besonders starken Nähten miteinander verbunden. Doch Anton taucht unter, als Alissa aka Ali schon in Berlin studiert. Seine Spuren führen Alissa nach Istanbul – in die Stadt der fließenden Grenzen und schon längst miteinander verschmolzenen Gegensätze. Bei Onkel Cemal kommt Ali unter und schließt sehr schnell neue Bekanntschaften. Katharina wird zu ihrer Geliebten. Sie ist transsexuell und ebenfalls russischsprachig. Die Suche nach dem Bruder wächst mit der Zeit in die Suche nach sich selbst über. So sieht Ali Antons Schatten ab und an in den Bars von Istanbul, oder ist es vielleicht doch ihr Selbstbild im Spiegel, das immer mehr dem von Anton gleicht?

Im Roman wird viel in Rückblenden erzählt. Die Familiengeschichte von Alissa reicht bis zu ihren Urgroßeltern zurück und behandelt fast das ganze Jahrhundert der kommunistischen Geschichte in Russland. Alis Großvater Daniil stammt aus einer Rabbinerfamilie und entdeckt das religiöse jüdische Leben erst im höheren Alter in Deutschland. Der sowjetische Antisemitismus hat die jüdische Tradition in der Familie fast vollständig zerstört. Ali weiß, dass keine von ihren Beziehungen wirklich lange halten können und ihr Reisepass längst nicht mehr nötig ist, um die staatlichen Grenzen passieren zu können. Letztendlich ist es die Hybridität, in der sie ihr Zuhause findet:

„Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als Nächstes passieren könnte. Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – Als ein Er oder eine Sie?“

„Außer sich“ ist eine sehr starke Prosa, die keine Experimente scheut und unserer globalisierten Welt einen adäquaten fiktionalen transkulturellen Weltentwurf auf hohem literarischen Niveau entgegenstellt.

von Irine

Sascha Marianna Salzmann (2017): Außer sich. Berlin: Suhrkamp Verlag.