Der KLAK Verlag: Interview mit Verleger Jörg Becken

„KLAK ist der Verlag für zeitgenössische Themen in Literatur, Sachbuch und Jugendbuch. Inhalte die das Profil des Verlages deutlich machen, können mit folgenden Begriffen umrissen werden: modernes Leben, Kulturlandschaft, Erinnerungskultur, Vergangenheitsaufarbeitung, Diktaturerfahrung, Europa, Transformationsprozesse, Migration und Minderheitenkulturen.“, lautet die Beschreibung des KLAK Verlages auf dessen Website. Der Verleger Jörg Becken hat ihn uns und seine Titel vorgestellt.

  1. Wer bist Du und wofür steht der KLAK Verlag?

Ich bin Historiker von Beruf und habe mein Berufsleben in Bibliotheken, Archiven sowie auch im soziokulturellen Bereich verbracht. Vor 12 Jahren habe ich mich mit der Firma Kulturlandschaft Aktiv selbständig gemacht. Daher der Name – KLAK steht für Kulturlandschaft Aktiv.

In diesem Rahmen habe ich Projekte und Publikationen im Bereich Tourismus, unter anderem in Polen durchgeführt sowie historische Ausstellungen kuratiert, die sich mit Diktatur-Aufarbeitung beschäftigten. Außerdem war ich immer im Bereich Migration und Minderheiten (vor allem Roma und Sinti) engagiert, nicht nur publizistisch.

Aus diesen Erfahrungen und Netzwerken generierte sich das erste Programm von KLAK, das man so umreißen kann: zeitgenössische Themen in Literatur, Sachbuch und Jugendbuch, modernes Leben, Kulturlandschaft, Erinnerungskultur, Vergangenheitsaufarbeitung, Diktaturerfahrung, Europa, Transformationsprozesse, Migration und Minderheitenkulturen.

  1. Was ist Dein Highlight der Herbstvorschau des KLAK Verlages?

Als Verleger möchte man ungern eines seiner publizistischen Kinder bevorzugen, man steckt in jedes Projekt ausreichend Herzblut, jedes hat seine eigene Geschichte und Berechtigung. Sonst könnte man diese Arbeit und den Bedingungen des Buchmarktes nicht machen. Aber ich freue mich besonders auf neue Bücher über Polen, weil sich hier langfristiges Engagement und Zusammenarbeit wiederspiegelt. Da ist einerseits ein Schelmenessay von Piotr Lachmann „Wie ich (nicht) vertrieben wurde“, andererseits der Band „Gespräche über polnische Fotografie“, der extra für dieses Buch geführte Interviews des Fotografie-Experten Jens Pepper mit den wichtigsten 20 Fotografen der letzten Jahrzehnte versammelt. Ein besonderes Zeitdokument über Kunst, Politik und Gesellschaft aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel.

Und dann gibt es noch Überraschungen aus Frankreich, Rumänien… auf die ich mich sehr freue.

  1. Wie kam es zur Veröffentlichung polnischer Titel im Programm? Warum ist es Deiner Meinung nach wichtig, die literarischen Prozesse des Nachbarlandes Polen auch in Deutschland sichtbar zu machen? Gibt es spezielle Methoden, die Deutsch-Polnische Community zu erreichen?

Mit Polen, seiner Geschichte, Kultur und Landschaft bin ich schon seit Kindheit und Jugend verbunden. Und als der Eiserne Vorhang in Europa fiel, hatten wir plötzlich die Möglichkeit, ganz neu auf zivilgesellschaftlicher Ebene etwas zu gestalten. Es ist unser wichtigstes östliches Nachbarland und ich fand, dass wir zu einem ähnlichen partnerschaftlichen Verhältnis kommen müssen, wie Westdeutschland mit Frankreich… und tatsächlich, was in den letzten 28 Jahren aufgebaut wurde, grenzt an ein Wunder und kann gar nicht genug wertgeschätzt, gepflegt und weiterentwickelt werden.

So war es natürlich, dass von den internationalen Titeln im Verlag die polnischen den Anfang bildeten. Die polnische Community in Berlin und Deutschland ist groß und gehört zu den Gruppen mit der besten Ausbildung und starken kulturellen Bedürfnissen. Aber als Verlagskunden unterscheiden sie sich nicht allzu viel von der übrigen Gesellschaft.

  1. Werden weitere osteuropäische Länder folgen? Wie triffst Du Deine Auswahl?

Es gibt bereits Bücher von Autoren aus Rumänien, Slowenien, Serbien, aber auch Argentinien, den USA. Mit der Schublade Osteuropa tue ich mich nicht nur geografisch sehr schwer. Einerseits sind die Länder und ihre Literaturen doch sehr unterschiedlich. Litauen z.B. gehört offiziell zu Nordeuropa, obwohl es natürlich die Geschichte Osteuropas teilt. Und viele Autoren schreiben über globale Themen, die auch Westeuropa angehen, z.B. Peter Johnssons Buch über „Stalins Mord in Katyn“ arbeitet die westliche und östliche Dimension dieser Tragödie und des Umgangs damit auf. Auch die Reportagen des slowenischen Autors Boštjan Videmšek über die Flüchtlingstragödie führt regionale und globale Sichtweisen zusammen. Und so könnte man die Zuordnung Osteuropa bei jedem Buch wiederlegen. Es stört mich, weil es immer eine Reduzierung des Autors und seines Anliegens bedeutet, und weil hier Erwartungen der Leser aufgebaut und bedient werden, die dem nicht gerecht werden.

Das Programm des Verlages gruppiert sich um thematische Schwerpunkte, versuchte verschiedene Perspektiven zu zeigen, aus welchem Land diese kommen, ist eigentlich zweitrangig. Es geht auch darum, die Vielfalt in Ost- Südosteuropa, also im postkommunistischen Raum zu entdecken, der ist in unserer Gesellschaft nach anfänglichem Interesse wieder ziemlich aus dem Fokus geraten und die Stereotypen erweisen sich als sehr langlebig. Hier eine gleichberechtigte Balance aufzubauen ist schon eine kulturelle Aufgabe.

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Osteuropa?

Zu meinen Lieblingsbüchern zählt immer noch der Klassiker „Die Puppe“ von Bolesław Prus aus dem Jahr 1889. Aber auch die kroatische Gegenwartsautorin Dubravka Ugrešić hat uns viel zu erzählen.

Und wenn ich noch einen Tipp für den KLAK Verlag nennen darf: Im Herbstprogramm präsentieren wir die rumänische Autorin Doina Ruști mit ihrem Roman „Das Phantom der Mühle“, eine wunderbare und lebendige Erzählerin.

Veranstaltungskritik: Georgien allein zu Haus. Sehnsuchtsland am Rande Europas

Am 1. Juli konnte man in der Villa Elisabeth in Berlin ein Teil des eintägigen kulturellen Programms rund um Georgien sein. Das Konzept der Veranstaltung hat Christiane Bauermeister entwickelt und in Kooperation mit der georgischen Botschaft in Berlin umgesetzt. Das Programm, das ein breites Spektrum der georgischen Kultur abdeckte, wirkte auf den ersten Blick stückweit überladen – vor allem im Hinblick auf die zeitlichen Abstände, die für die jeweiligen Programmpunkte vorgesehen waren. Das Interesse des Publikums war aber groß und die Veranstaltung vollständig ausverkauft.

IMG_1974Der Direktor des Literaturmuseums in Tbilisi, Lascha Bakradze, moderierte die Veranstaltung und versuchte die Gäste auch in den Pausen mit kurzen Geschichten und Wissenswertem über Georgien zu unterhalten. Nach seiner kurzen Einführung präsentierte die sehr bekannte und geschätzte georgische Sängerin Manana Menabde ihre sentimentalen Balladen in georgischer und russischer Sprache. Im Saal machte sich melancholische Stimmung breit. Man lauschte sehnsuchtsvoll und nachdenklich der Musik, die die Gäste in eine andere Welt transportierte. Neben mir saß eine ältere Dame aus Georgien, die die Lieder fast auf der gleichen Lautstärke, wie die Sängerin gefühlvoll begleitete, während ihr deutscher Mann leise mitsummte.

19691185_1413940985320810_1857138221_nAus diesem sentimentalen Traum wurde das Publikum dann durch die Diskussionsrunde mit dem Titel „Das Trauma Stalin und die georgische Nation“ wieder zur bitteren Wirklichkeit zurückgeholt. Während der Berliner Historiker Jörg Baberowski in einem ruhigen Ton von Stalin, Lavrenti Beria und der nichtstattgefundenen Entstalinisierung in Georgien sprach, summte einige im Kopf sicher weiter die Balladen von Manana Menabde – „ოქტომბერში, თუ ჩვენს მხარეს ჩაგივლია, / შეამჩნევდი მიმობნეულს მინდორ-ველად: / პაწაწინა, მარჯნისფერი ყვავილია, / იმერეთში ეძახიან საპოვნელას.“ (Wenn Du im Oktober in unsere Gegend vorbeigeschaut hast, / hättest Du sie auf dem Felde zerstreut entdecken können: / Sie ist winzigkleine, korallenfarbige Blume, / In Imereti wird sie Sapovnela genannt.“ Neben Herrn Baberowski, über den man in Berlin weiterhin eifrig streitet, nahmen an der Diskussion die Autorin Nino Haratischwili, der Leiter des Goethe Instituts in Georgien Herr Stephan Wackwitz und der Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili teil. Mit der haltbaren These, dass die Aufarbeitung des stalinistischen Verbrechens in Georgien immer noch nicht stattgefunden hat, wechselte man nach einer kurzen Pause wieder in den nächsten Musikakt. Nun spielte die Pianistin Dudana Mazmanischwili Werke von Gija Kantscheli.

Ganz besonders gespannt waren wir auf den Literaturteil des Programms, der aber leider durch die Kürze der Zeit zur größten Enttäuschung des Abends wurde. Unter dem vielversprechenden Titel „Medeas Töchter! Leben bis ein Schuss fällt“ präsentierten drei georgische Autorinnen ihre Texte auf Deutsch. Die Moderatorin Regine Kühn ließ die Schriftstellerinnen nach einer kurzen biografischen Einführung ihre Texte vortragen. Sicherlich hätte das Publikum gerne viel mehr über die Gäste gehört, aber die Zeit drängte und der nächste Musikakt – nun mit der elektronischen Musik aus Georgien – wartete schon auf uns. Das Musikerpaar Tusia Beridze und Nikakoi haben in meiner Teenagerzeit Anfang der 2000er die schönsten elektronischen Beats des Kaukasus produziert und sind aktuell immer noch erfolgreich in der Musikbranche Georgiens tätig.

IMG_1988Nach den leisen und melancholischen Tönen brachten die georgischen Dichter Paata Schamugia, Shalva Bakuradze und Surab Rtweliaschwili mehr Dynamik in den Abend. Sie trugen ihre Gedichte in georgischer Sprache vor, während die deutschen Übersetzungen an die Wand projiziert wurden. Der Dichter Shalva Bakuradze war meine persönliche Entdeckung des Abends. Mit einem besonderen Rhythmus, in der er die Predigten der georgischen orthodoxen Kirche imitierte, beeindruckte er mit einer Poetik, die dem Religiösen folgte und es zugleich von innen heraus dekonstruierte. Surab Rtweliaschwilis Poesie erinnerte mich sehr stark an den österreichischen Dichter Ernst Jandl und seine bekannte Lautgedichte. Ein besonderer Höhepunkt des Abends war Giorgi Kiknadzes Jazztrio. Die Musiker haben den Abend mit wunderbaren Melodien abgeschlossen. Leider haben wir den kulinarischen Teil der Veranstaltung nicht mehr erleben können, da es fast unmöglich war, sich durch die unendliche Schlange durchzukämpfen.

IMG_1993Insgesamt ist die Veranstaltung gelungen, gerade auch durch die wilde Mischung der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler und trotz der knappen Zeit, die für den jeweiligen Programmpunkt vorgesehen war. Wir hatten oft den Eindruck, dass die einzelnen Teile des Programms viel mehr Zeit gebraucht hätten, um den ausgewählten Themen den nötigen Raum bieten zu können. Großes Problem war aber auch gerade anfangs die schlechte Akustik und immer wieder das dadurch bedingte unruhige Publikum.  Die Veranstaltung war dennoch ein wunderbarer erster Vorgeschmack auf den Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 und machte die Gäste noch neugieriger auf das kommende Buchmessenprogramm.

von Irine

Suizid als eine Art Familientradition: Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“

U1_978-3-498-07389-3.inddDie literarische Tätigkeit der Autorin Natascha Wodin nimmt ihren Anfang in den 80er Jahren. 1983 ist ihr erster Roman „Die gläserne Stadt“ erschienen. Dann folgten zwar weitere Veröffentlichungen, doch die breite Leserschaft erreichte die Autorin erst mit ihrem aktuellen Roman „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt Verlag, 2017). Für dieses autobiografische Buch wurde sie dieses Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und das deutschsprachige Feuilleton schenkte dem Roman große Aufmerksamkeit. Natascha Wodin wurde 1945 in Deutschland in einer russisch-ukrainischen Zwangsarbeiterfamilie geboren, die während des Zweiten Weltkrieges aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppt wurde.

Wie oft in den Romanen mit einer ähnlichen Thematik, fängt auch bei Wodin alles mit der Recherche im Internet an. Die literarische Figur der Autorin gibt in der Suchmasche den Namen ihrer Mutter ein und öffnet nicht nur online die verlorene Seite ihrer Familiengeschichte, nach der sie all die Jahre davor erfolglos gesucht hatte. Ihre aus Mariupol deportierten Eltern wurden während des Krieges als Zwangsarbeiter in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig eingesetzt und gründeten nach Kriegsende eine Familie in Westdeutschland. Doch das Nachkriegsleben gestaltete sich für sie alles andere als idyllisch. Der Selbstmord der Mutter von Natascha Wodin eröffnet und schließt die Erzählung und damit auch die ganze Familiengeschichte der Autorin. Beim Lesen des Buches hat man oft das Gefühl, diese Art vom Erzählen der eigenen Familiengeschichte bereits aus einem anderen Buch zu kennen. Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag 2014) funktioniert auf den ersten Blick als Pendant zu Wodins Roman. Die komplexen Fragen nach der Zuverlässigkeit des eigenen Gedächtnisses und der familiären Überlieferungen spielt bei Wodin, wie bei Petrowskaja, eine wichtige Rolle. Was ist damals in Wirklichkeit passiert und was hat das Familiengedächtnis in den Jahren danach dazugedichtet? Was wissen wir über unsere Vorfahren und was können wir noch herausfinden? Nicht nur die Figur der Mutter Jewgenia Iwaschtschenko steht hier im Mittelpunkt der Erzählung, sondern auch ihre Schwester Lidia mit ihrem nicht minder aufregenden Leben.

Eine wichtige Leistung des Buches ist die Beschäftigung mit den Schicksalen der sowjetischen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges. Dieses Thema ist in der deutschsprachigen Literatur ein noch nicht aufgearbeitetes Terrain und Wodin macht hier mit Sicherheit einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung. Die Erzählerin des Buches versucht mit Vorsicht und durch die Vermeidung der einfachen Gegenüberstellung von Opfergruppen der Konzentrationslager und der nichtjüdischen Zwangsarbeitern an Letztere zu erinnern, indem sie über das Leben ihrer Eltern erzählt:

„Seit vielen Jahren schon suchte ich nach irgendeinem Buch von einem ehemaligen Zwangsarbeiter, nach einer literarischen Stimme, an der ich mich hätte orientieren können, vergeblich.“

Während der erste Teil des Buches eher durch die erzählerischen und stilistischen Schwächen geprägt ist, nimmt die Erzählung in der zweiten Hälfte immer mehr an Wucht an, die mehr und mehr überzeugt. Als die Erzählerin über die ersten Nachkriegsjahre ihrer Familie in Deutschland erzählt und ihre Geschichte nicht mehr aus der unzuverlässigen Begebenheiten der Vergangenheit zusammensetzt und schöpft, sondern aus ihren unmittelbaren Kindheitserinnerungen, beginnt der spannendste und zugleich der stärkste Teil des Buches. Mit einer ausgewogenen und nüchternen Sprache erzählt hier Wodin von den schweren psychischen Zuständen ihrer Mutter, die sich von ihren beiden Töchtern immer mehr entfernt, auch von dem gewaltätigen Vater und von dem Leben am Rande der deutschen Gesellschaft, in der sie stets als unerwünschte Ausländer betrachtet werden. Die Erzählerin erzeugt Bilder, die durch ihre Grausamkeit und Brutalität schockieren und zugleich zum Nachdenken motivieren, um die Komplexität und zerstörerische Kraft des Krieges am Beispiel von einzelnen Schicksalen sichtbar machen zu können. Ihre Mutter ist das Fundament ihrer Familiengeschichte und ausgerechnet sie geht als Erste zugrunde – u.a. wegen der Verlust ihrer Heimat, wegen des grausamen Krieges und der darauffolgenden Zwangsarbeit.

von Irine

Natascha Wodin (2017): Sie kam aus Mariupol. Reinbek: Rowohlt Verlag. 

 

Literarische Reise in Georgien: Das Internationale Literaturfestival in Tbilisi und das deutschsprachige Programm

18765768_1703684399933288_4018678469253722592_nIm Rahmen des Deutsch-Georgisches Jahr 2017/საქართველო-გერმანიის წელი 2017 präsentierte dieses Jahr das Internationele Literaturfestival in Tbilisi ein spannendes und umfangreiches Programm zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. AutorInnen aus Österreich und Deutschland lasen im Goethe-Institut-Georgien, im wunderschönen Schriftstellerhaus und im Literarischen Museum in Tbilisi aus ihren alten und neuen Romanen/Stücken und machten das georgische und internationale Publikum mit den spannenden literarischen Prozessen vertraut. Wir hatten die Möglichkeit, ein unmittelbarer Teil des Festivals zu sein und auf Einladung der Autorin und Kuratorin des Programms – mit dem Titel „Perspektiven: Literatur im Dialog“ – Nino Haratischwili, die Lesungen mit den AutorInnen zu moderieren. Das deutschsprachige Programm wurde vom Auswärtigen Amt gefördert und vom Goethe-Institut durchgeführt.

In Tbilisi lasen dieses Jahr Katja Petrowskaja, Olga Grjasnowa, Clemens Meyer, 18813973_1704708329830895_7444538580208335666_nUlla Lenze, Volker Schmidt & Katja Lange-Müller. Die Auswahl der AutorInnen, die durch mehreren kulturellen Einflüsse geprägt sind, war keinesfalls zufällig, sondern diente zur vollständigen Präsentation der aktuellen literarischen Prozessen in Deutschland. Die Autorin Olga Grjasnowa las aus ihrem aktuellen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ (Aufbau Verlag) und sprach über den Krieg in Syrien und über den Entstehungsprozess des Buches, während dem sie viel in den unterschiedlichen Ländern gereist, Flüchtlinge interviewt und ausführlich recherchiert hat. Mit Katja Petrowskaja sprachen wir über ihr spannendes Debüt „Vielleicht Esther“ und über ihre Kindheitserinnerungen an das 18839100_1706087183026343_3461158225957043862_nsowjetische Georgien. Die Übersetzerin Maia Badridze las Ausschnitte aus den Romanen in georgischer Sprache und das Interesse des Publikums hat gezeigt, dass die Texte unbedingt auch bald in der vollständigen Form auf Georgisch erscheinen sollten. Der Autor Clemens Meyer las aus seinem ersten Roman „Als wir träumten“ und begeisterte das Publikum durch seine Geschichten über die Wendezeit in Leipzig. Mit Ulla Lenze diskutierten wir über das Schreiben zwischen den Kulturen und über ihre Aufenthalte in Istanbul und Mumbai.

Im Rahmen des Festivals fand die Preisverleihung des „Preises von Giwi Margwelaschwili“ statt. Der Preis ging dieses Jahr an den Dichter und Übersetzer David Tserediani. Mit dem Preis werden jedes Jahr AutorInnen oder andere Kulturschaffende ausgezeichnet, die sich durch ihre besondere Verdienste bei der Vertiefung der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien auszeichnen. David Tserediani hat unter anderem in über 30 Jahren Arbeit Goethes „Faust“ ins Georgische übertragen und sitzt aktuell an der Übersetzung des zweiten Bandes. Außerdem machte er georgische LeserInnen mit den Texten von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Lion Feuchtwanger u.a. vertraut. Im wunderbaren ROYAL DISTRICT THEATRE stellte der österreichische Theaterautor und Regisseur Volker Schmidt sein neues Stück „Djihad“ vor. Die SchauspiellerInnen des Theaters lasen einen Auszug aus dem Stück.

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Außerdem hatten die deutschsprachigen Autorinnen die Möglichkeit, gemeinsam mit den georgischen Kollegen – Lasha Bughadze, Tamar Tandashwili und Irma Tavelidze – über die aktuellen gesellschaftlichen Themen zu diskutieren. Die Diskussionen „Angry white man“ und „Europa als Idee“, die von dem Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili moderiert wurde, haben eine breite Palette der Positionen und Problematiken im europäischen Kontext aktualisiert, um sie kritisch hinterfragen zu können.

IMG_1813Wir haben eine sehr aufregende und inspirierende Zeit in Tbilisi verbracht und waren am letzten Tag noch schnell in die wunderschöne Altstadt unterwegs. Wir kommen nächstes Jahr auf jeden Fall wieder und sind daher schon sehr auf das Programm des Festivals gespannt.

 

von Irine

 

Verliert man die Großmutter, verliert man die Heimat: Victor Gardon „Brunnen der Vergangenheit“

3293207413Der Roman „Brunnen der Vergangenheit“ des armenisch-französischen Schriftstellers Victor Gardon alias Vahram Gakavian ist in der deutschen Übersetzung pünktlich kurz vor der wichtigen Entscheidung des Bundestages erschienen, die planmäßige Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord einzustufen. An dem Völkermord an den Armeniern von 1915 wird jedes Jahr am 24. April gedacht. Vahram Gakavian wurde 1903 in der ostanatolischen Stadt Van geboren, aus der er 1915 mit seiner Familie vertrieben wurde. Über Tiflis kam er 1923 nach Paris, wo er auch verstarb. Seine autobiografischen Romane schrieb er auf Französisch.

„Brunnen der Vergangenheit“ ist ein Roman, der sich mit einem Teil der Weltgeschichte beschäftigt, der in der Literatur eher eine Randstellung hat. Aus der westlichen Perspektive setzte sich zwar der österreichische Schriftsteller Franz Werfel 1933 mit seinem berühmten Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit der Vertreibung und Vernichtung der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich auseinander, trotzdem ist der Roman von Victor Gardon ein besonderer Text, da der Autor selbst die Vertreibung und Vernichtung seiner Familie miterlebte.

Der kleine Wahram lebt in der Altstadt von Van mit seiner großen Familie, die von der Großmutter dominiert wird. Die enorm starke Figur der Großmutter hütet nicht nur ihre Söhne, ihre Schwiegertöchter und ihre Enkelkinder, sondern verwaltet das ganze Haus und hat immer das Sagen – auch bei den politischen Entscheidungen ihres Sohnes. Ihre Weisheiten sind das Lebenselixier der ganzen Familie. Oft sind es nur in einem Nebensatz formulierte Sprüche, die zutiefst beeindrucken:

„Es gibt keine schrecklichen Menschen, Wahram. Alle Menschen haben irgendeinen Kummer, und je mehr er sie bedrückt, umso härter werden sie. Wahram, du weißt, dass die Armenier entsetzliche Leiden erdulden mussten. Sei darum immer dienstfertig und freundlich zu allen.“

Wahram ist der einzige, der es wagt, sich den Wünschen seiner Großmutter zu widersetzen und ist überhaupt ein besonderes Mitglied der Familie. Sehr früh fängt er an, sich für die Politik und für das Leben der Erwachsenen zu interessieren. Ständig mischt er sich in den ernsten Gesprächen mit seinen Ratschlägen ein und wird immer aus dem Zimmer gescheucht, in das er sich gleich wieder durch das Fenster hineinschmuggelt. Wahram muss doch immer auf dem Laufenden sein und die existenziellen Fragen seiner Familie und seines Volkes mitdiskutieren können. Einmal begleitet er so sogar seinen Onkel Sarkis bei einer gefährlichen Reise entlang des „Tals der Armenier“, während der sie fast von den Kurden umgebracht werden und versetzt sich in Van und später während der Flucht ständig in einer lebensgefährlichen Situation.

gardon-victor-chevalierDie Idee der einheitlichen osmanischen Nation steht auf wackeligen Füßen und das sichere Leben für die armenische Bevölkerung von Van wird immer bedrohlicher. Die Angst vor den Übergriffen der Jungtürken und kurdischen Truppen wird immer größer und auf die Hilfe von Russland hoffen die Armenier immer weniger. Wahrams Vater Harutiun steht im Roman im Mittelpunkt der politischen Verhandlungen zwischen den verschiedenen Seiten und so wächst sein Sohn mit starker Liebe und großem Stolz gegenüber seiner Heimat. Die nationale Zugehörigkeit zum armenischen Volk ist bei ihm schon seit früheren Kindheit besonders ausgeprägt. Als er zum ersten Mal den Berg Ararat erblickt, wird er von den Gefühlen überwältigt:

„Er traute seinen Augen nicht. Ihm gegenüber, linker Hand, erhob sich ganz in der Ferne, fast am anderen Ende des Himmels, eine Schneekrone in die blassblaue Luft. Die flimmernde Krone war an ihrem unteren Rand von einem blau-goldenen Streifen gesäumt; dann versteckten die schweren Flanken des Berges sich hinter anderen Gipfeln, die wie aufgewühlte Wellen aussahen, welche gegen den Berg Ararat angestürmt und nun für alle Zeiten erstarrt waren. Er war es! Wahram erblickte den heiligen Berg, den Berg der Sintflut und Noahs, den höchsten Gipfel Armeniens, neben dem all die kleineren Berge wie Menschen waren, die vor dem Riesen knieten.“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die magische Welt von Wahram einmal mehr kräftig durchgeschüttelt und auseinandergebrochen. Die Flucht steht an. Und wenn sogar die sonst so unerschütterte Großmutter flieht, ist die Zukunft für die Familie mehr als unsicher. Mit erschreckenden Leidensbildern schildert der Autor Gardon das unermeßliche Leiden der Menschen, die tagelang ohne Wasser durch die Wüstenlandschaft wandern. Diese gefährlichen Fluchtrouten führen die Figuren entlang der massakrierten und durchgebrannten armenischen Dörfern, in denen nur noch die Hunde am Leben sind.

Der Roman von Victor Gardon ist eine wichtige Wissensquelle und zugleich eine spannende Lektüre, die uns auf das grausame Schicksal dieses Volkes im Osmanischen Reich aufmerksam macht – ein Schicksal, das immer im Schatten der vielen anderen Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts stand und erst mit den letzten Jahren mit nötigen Interesse gewürdigt wird.

von Irine

Ein Klassiker der estnischen Literatur: „Wikmans Zöglinge“ von Jaan Kross

jaankross_wikmanszoeglinge_web150dpiTallinn, 1938: In der estnischen Hauptstadt besucht Jaak Sirkel das renommierte Wikmansche Gymnasium. Die Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind für die jungen Männer geprägt von einer seltenen Unbeschwertheit und einem nur kurz währenden Nationalbewusstsein. Die Schüler verbringen den Alltag mit Streichen an Lehrern, versuchen Prüfungen zu umgehen und treffen sich mit neuen Freundinnen.

„Hier war die Vergangenheit über einen langen Zeitraum so bedrückend, dass jetzt, gerade jetzt – gestern, heute, morgen -, Männer und Frauen, Ideen und Taten, geboren werden müssen, auf denen sich dereinst unsere Größe begründen will. Und ich will – und Sie müssen wollen – dass das Wikmansche Gymnasium einen rühmlichen Anteil daran hat.“

Jan Kross` „Wikmans Zöglinge“ (Osburg Verlag) ist ein Klassiker der estnischen Literatur. Der Autor präsentiert in seinem Roman eine Welt, wie sie in Estland des 20. Jahrhunderts immer nur kurz Bestand hatte. Die Schüler seiner Geschichte zählten zur ersten Generation, die innerhalb eines estnischen Staates aufwuchs. Immer wieder geriet Estland zuvor als Spielball zwischen die Fronten der jeweiligen Mächte, bis das Land nach dem Ersten Weltkrieg zu einem eigenen Staat wurde. Jahrhunderte lang war die Kultur des Landes durch andere Sprachen wie deutsch und russisch geprägt, doch zur Zeit des Wikmanschen Gymnasiums ist es auch erstmals das estnische Bewusstsein, das das Land prägt und durch das die großen Romane des Landes entstehen. Jan Kross selbst veröffentlichte noch einen zweiten Band des vorliegenden Romans, der bisher jedoch nicht auf Deutsch übersetzt wurde und indem die Zeit des Zweiten Weltkrieges geschildert wird.

Das Wikmansche Gymnasium ist ein Haus der Ideale, an dem strenge Prinzipien herrschen. Der Abschlussjahrgang rund um Jaak Sirkel halten sich zwar an diese Prinzipien, tun allerdings alles, um sich den Schulalltag zu erleichtern. So wird alles daran gesetzt, unangekündigte Prüfungen zu verhindern oder die Noten ohne viel Aufwand auf ein „sehr gut“ zu bringen. Der Alltag am Gymnasium ist zwar streng organisiert, dennoch spielt „Wikmans Zöglinge“ mit viel Komödiantik und gegenseitigen Respekt. Die Schüler sollen an Zucht und Ordnung nicht brechen, sondern mit ihnen lernen und somit zu einer neuen starken Generation für das Heimatland heranwachsen.

Jaak Sirkel steht gemeinsam mit seinen Mitschülern kurz vor dem Abitur. Doch was zu einem Wechsel in das Erwachsenenleben werden soll, wird auch zu einem Kampf an der Front des Zweiten Weltkrieges, an der die Schüler auf verschiedenen Seiten kämpfen. Zwar bestimmen die letzten beiden Schuljahre einen Großteil des Romans, dennoch sind die letzten kurzen Kapitel die Höhepunkte, wenn sich die einstigen Klassenkameraden 1943 wiedertreffen – geteilt durch unterschiedliche politische Ansichten, verbunden durch viele verschiedene Schicksale. Kross spielt hier bewusst mit einem Bruch in der Geschichte, wenn er, zuvor alles detailliert beschreibend, plötzlich einige Jahre überspringt und die Leser in das kalte Wasser schmeißt.

„Wikmans Zöglinge“ ist ein monumentales Werk, das das Augenmerk auf ein kleines Land setzt, dessen Einwohner lange für ihre eigene Kultur und Geschichte kämpfen mussten. Der Roman schafft es bemerkenswert gut, in eine scheinbar harmlose Schulgeschichte elementare Identitätsfragen mit denen der Pubertät zu verweben und einer ganzen verlorenen Generation eine Stimme zu geben.

  • Gebundene Ausgabe: 580 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Osburg Verlag (1. Februar 2017)
  • Übersetzung:  Irja Grönholm
  • ISBN-13: 978-3955101299

Annika

Rezension: „Gotland“ von Michael Stavarič

 

Gotland von Michael StavariSchon das Cover des Romans Gotland (Luchterhand) deutet auf eine düstere Geschichte hin. Das für einen Kriminalroman charakteristische Layout, in dem die Buchstaben des Titels im Moor zu versinken scheinen, schaffen schon ästhetisch einen passenden Vorgeschmack auf das Buch. Der Roman enthält mehrere Schichten und Ebenen, oder besser gesagt mehrere Romane in sich. Allein das Vorwort funktioniert durch seine skurrile Geschichte über einen frisch von seiner Recherchereise auf der Insel Gotland zurückgekehrten Schriftsteller, der sich in einer intensiven Schreibphase verliert. Als er die nächsten 20 000 Seiten an seine Verlegerin schickt, meldet sie sich nicht mehr und sobald er von ihrem Tod erfährt, wirft er sein Manuskript aus dem Fenster und setzt sich an eine neue Geschichte. Eben diese Erzählung ist der Roman, den wir nun lesen dürfen.

Gotland ist ein Ort, auf den sich Gott in allen Dingen, in den Menschen und in der Natur offenbart. Die Topographie der Insel gleicht mal dem Antlitz Gottes, mal dem Geschlecht einer Frau. Die in Ich-Form erzählten Kapitel folgen begrifflich der biblischen Schöpfungsgeschichte. So heißt der erste Teil des Buches „Genesis“ und die einzelnen Kapitel sind stark von den biblischen Stoffen, wie die Geschichte von Kain und Abel, beeinflusst. Mit dem zweiten Teil „Das Gutachten“ wird eine starke Zäsur in die Handlung des Romans eingeführt, da wir hier ein Gutachten des zuständigen Arztes über die Hauptfigur von Charles Hansson zu Lesen bekommen. In einer authentischen Fachsprache erfährt man von dessen Schizophrenie und von dem brutalen Mord an dessen Mutter. Auf dem ersten Blick ist dies eine Wendung durchaus konventioneller Art, aber die Leser sollten sich nicht täuschen lassen.

Zurück zur Schöpfungsgeschichte des Romans: Die Kindheit von Charles ist durch die permanente Existenz Gottes geprägt. Die alleinerziehende Mutter, die erfolgreich eine Zahnarztpraxis leitet, schwärmt stets von der Insel Gotland, auf der sie angeblich den Vater ihres Kindes kennenlernte. Die Figur des abwesenden Vaters ist eine intensive Sehnsuchtsquelle für das Kind. Zur Mutterfigur pflegt er hingegen ein ambivalentes Verhältnis, das mit der Zeit durch die perversen sexuellen Triebe geladen wird. Die Mutter dominiert seinen kompletten Handlungsraum. So muss er eine katholische Grundschule besuchen, ihre Zahnarztpraxis später übernehmen und überhaupt streng ihre Regeln folgen. Die Schule bleibt für ihn ein Raum der permanent unterdrückten Sexualität, die sich später in gewalttätigen Aktionen zeigt. Beeindruckend schildert der Ich-Erzähler den Endpunkt seiner Kindheit, der mit dem Gefühl des Aufwachens im Zusammenhang steht. Die Szene in einem Schwimmbad verändert etwas grundlegend in seinem Leben und ist damit einer der Schlüsselszenen des Romans. Als durch das Unwetter mehrere tote Tauben ins Wasser landen, beginnen die Kinder sie voller Spaß zu fangen. Zwei Mädchen, die den ersten Vogel herausholen können, geraten in Streit:

„[…] eine jede von Ihnen hatte sich einen der Flügel gekrallt, man schrie, zog und kreischte, keine wollte nachgeben… der Vogel wurde schließlich von den entfesselten Kräften auseinandergerissen. Sein Rumpf fiel auf die Fliesen, die Flügel, die in den Mädchenhänden verblieben, wurden triumphierend wie kleine Fähnchen geschenkt, ich weiß selbst nicht mehr, was mir in diesem Moment durch den Kopf schoss, es war ein weiteres, unumkehrbares Ende der sich mir entziehenden Kindheit, ein Schwimmbad hätte ich nach diesem Vorfall ohnedies nie wieder betreten.“

Die Insel gewinnt für die Hauptfigur immer mehr an Bedeutung. Sie wird zu einer Projektionsfläche für seine sexuellen Lüste, für Gottessuche und für die Erkenntnisse philosophischer Art. Sei es das Kruzifix in der Zahnarztpraxis seiner Mutter, das Jesus mit einem offenen Mund und sichtbarer Zahnreihe darstellt, oder das von ihm heimlich verhüllte Gesicht seiner Mutter beim Schlafen. Alles steht im direkten Zusammenhang mit Gott und seiner Existenz. Oft sind es sehr intime Momente, die das Kind mit der Mutter verbinden. In dieser unmittelbaren Nähe verbirgt sich aber auch unterschwellig die Gewalt, die sich erst später zeigt. Die folgende Szene schildert eindrucksvoll das intensive Mutter-Sohn Verhältnis:

„Ich erinnerte mich gut daran, dass ich wie eine übermütige, tapsige Katze zu ihr schlich, ganz leise, ihr ein hauchdünnes Seidentuch […] über Augen und Mund legte, dabei zusah, wie sich dieses sachte hob und senkte; im Tuch bildeten sich Vertiefungen, ein Relief von Mutter, wie sie dalag und ruhig weiteratmete. Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, hatte Mutter stets behauptet, und wenn du irgendwann etwas ganz Schlimmes tust, dann verhülle lieber schnell dein Gesicht, vor, während und nach der Beichte;“ 

Gotland ist ein Roman, der mehr als eine verstörte Mutter-Sohn-Beziehung darstellt. Zwar verliert man oft beim Lesen den roten Faden, trotzdem bleibt man in der besonderen Atmosphäre des Buches gefangen, die mit unheimlichen Passagen fast filmische Bilder schafft, die noch lange im Gedächtnis bleiben. Durch den zweiten Teil und dem Gutachten wird ein totaler Kontrast geschaffen, der durch das Heranziehen der vermeintlich authentischen Dokumente alles davor Erzählte in Frage stellt, aber zugleich ein Gefühl des Unheimlichen, des Gespenstischen vermittelt, das zutiefst beeindruckt.

von Irine

Michael Stavarič (2017): Gotland, München: Luchterhand Literaturverlag.

 


Kurzinfo zum Autor:

Der Autor Michael Stavarič publiziert bereits seit den 2000ern Jahre Gedichte, Romane und Kinderbücher, übersetzt aus dem Tschechischen Texte von GegenwartsautorInnen und ist außerdem an unterschiedlichen Universitäten in Österreich als Dozent tätig. Stavarič hat bereits als Kind die damalige Tschechoslowakei mit seiner Familie verlassen. Er schreibt auf Deutsch und ist aktuell im Verlag Luchterhand zu Hause.