Literaturauslese

Immer wieder stoßen wir auf spannende Titel, deren Handlung sich im osteuropäischen Raum abspielt, deren Autorinnen und Autoren aber nicht aus diesem stammen. Natürlich möchten wir euch auch hier einen Einblick in die vielfältigen Erscheinungen geben und freuen uns, euch mit unserer ersten Literaturauslese einige Romane zu präsentieren, die uns in den letzten Monaten begleitet haben:

cover-9783957573636Aus dem wunderbaren Berliner Verlag Matthes & Seitz stammt das Buch „Ein russischer Roman“ des bekannten französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère. Der Autor geht in seinem Roman seiner Familiengeschichte mütterlicherseits nach und landet bei seinem Großvater, der 1898 in Tbilissi, Georgien geboren wurde. Georges Zurabischwili verschwand allerdings 1944 spurlos in Frankreich. Die fünfzehnjährige Mutter des Autors wuchs danach ohne ihren Vater auf und diese Tragödie wurde in ihrer späteren Familie zum Tabuthema erklärt. Eben dieses Schweigen will Carrère mit diesem Romanprojekt brechen, indem er sich der eigenen Familiengeschichte stellt, die russische Sprache lernt und in die tiefste Provinz Russlands reist. Kotelnitsch heißt der Ort, der dem Autor den Schlüssel zu den Geheimnissen der Familie geben soll: „Kotelnitsch ist für mich der Ort, an dem man sich aufhält, wenn man verschwunden ist.“ Mit Grammatikübungen, Tschechow und Lermontow entdeckt er den Draht zur russischen Sprache wieder, die er als Kind in der Familie hörte und selbst auch sprach. Die Liebesgeschichte zwischen dem Autor und Sophie zieht durch das ganze Buch und führt den Lesern andererseits die Komplexität der Beziehungen auf eine besondere Weise vor Augen.

41YaurGR--LEine dunkle Burg inmitten der wilden Karpathen ist das Setting des Romans „Karpathia“ (Frankfurter Verlagsanstalt) des französischen Schriftstellers Mathias Menegoz. 1833 reist der ungarische Graf Alexander Korvanyi mit seiner jungen Frau Cara von Österreich nach Transilvanien, um am Rand des habsburgischen Reichs das Lehnsgut seiner Familie zu verwalten und wiederzubeleben. Doch die beiden erwartet alles andere als Willkommensgrüße. Das Verhältnis zu den ansässigen Magyaren, Walachen und Sachsen ist schwierig, das prächtige Anwesen ist mittlerweile verfallen und dem Paar schlägt von Anfang an ein großes Misstrauen entgegen. Als dann auch noch ein Junge aus dem Lager der umher reisenden Zigeuner (sic!) verschwindet, nimmt das Unheil seinen Lauf …
Spannungsgeladen und atmosphärisch entführt uns Menegoz` Debütroman „Karpathia“ in die mittelalterliche Welt Transilvaniens. Schon das Cover verspricht genau die düstere Stimmung, die die Leser erwarten können. Für uns definitiv ein Jahreshighlight und sehr zu empfehlen!

41EPUvQK2WL.jpgJulian Barnes ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren und hat mit seinem neuesten Roman „Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer & Witsch) einen Roman veröffentlicht, der die Leser mitten in die Dreißiger Jahre bis hin in die Zeit des Kalten Krieges wirft. Dreh- und Angelpunkt ist der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch, dessen Biografie für den Roman künstlerisch bearbeitet wurde. Nachdem dessen Uraufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu einem Skandal führt – Stalin verlässt vorzeitig das Theater und das Stück landet auf dem Index – wartet Schostakowitsch jeden Tag auf seine Verhaftung, zum Glück vergeblich, denn seine Musik soll noch bis in die 70er-Jahre der westlichen Welt die sowjetische Kunst näher bringen. „Der Lärm der Zeit“ behandelt die Frage nach der Kunst in der Politik. Wie weit darf die Kunst gehen? Wie weit darf sie sich beeinflussen lassen? Leider wird die Handlung um Schostakowitsch schnell „aberzählt“, die Figuren erscheinen blass und wirklicher Spaß am Lesen kommt nicht auf.  Trotz der wenigen Seiten (256, um genau zu sein) zieht sich das Buch doch ziemlich. Schade!

51bDXr0pQ9LSchauplatz des Romans „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles (List) ist das berühmte 5 Sterne-Hotel Metropol direkt am Platz des Geschehens der russischen Hauptstadt. Hier spielt sich das komplette Leben des einstigen Lebemanns Graf Rostov ab, nachdem dieser aufgrund eines reißerischen Gedichtes 1922 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt wird. Über 30 Jahre verbringt der sympathische und liebenswerte Rostov in einem Hinterzimmer im sechsten Stock und wird zur Seele des Hauses. Als Hilfskellner und Vertrauter einiger wichtiger Persönlichkeiten prägt er das Leben seiner Mitmenschen und das, obwohl ihm das Russland vor der Tür verwehrt bleibt. „Ein Gentleman in Moskau“ ist ein Schatz! Towles entwirft eine kleine Welt im Hotel Metropol, die den Leser zwar ebenfalls einschränkt, gleichzeitig aber so viele interessante Charaktere und Wendungen präsentiert, dass man die Räumlichkeiten rund um das Restaurant „Piazza“ oder „Bojarski“, die Näherei Marinas oder den Barbierraum nicht mehr verlassen möchte. Daumen hoch für dieses großartige Buch, das man nicht mehr aus den Händen legen möchte!

von Annika & Irine

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Kat Kaufmann: „Die Nacht ist laut. Der Tag ist finster“

9783455001051„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“, so lautet der Titel des zweiten Romans von Kat Kaufmann. Erschienen ist er bei Hoffmann und Campe Verlag/TEMPO Bücher in diesem Frühjahr. Mit ihrem Erstlingswerk „Superposition“ hat Kaufmann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt gewonnen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist Kaufmann gleichzeitig auch Jazzsängerin-Schrägstich- Komponistin-Schrägstrich-Fotografin. Wer Kat Kaufmann und ihr Werk bisher nicht kannte, wird spätestens bei der Information, dass sie den Umschlag selbst gestaltete, neugierig gemacht (an dieser Stelle ein großes Lob an den Verlag für das Vertrauen in die Autorin und die künstlerische Freiheit!). Es scheint hier alles zu stimmen – eine dynamische, unkonventionelle Road Novel, erzählt von einer hippen Berlinerin mit einer überaus interessanten Bio. Es verwundert auch nicht, dass Kaufmann mit ihren beiden Büchern mediale Aufmerksamkeit erregt hat, indem sie neben Lob, auch Kritik geerntet hat.

Während „Superposition“ (2015) viele autobiographische Züge nachgesagt werden, begibt sich Kaufmann in diesem Buch teilweise in neue Gebiete. Hier behandelt Kaufmann Sujets wie Familienverhältnisse, Liebe und die aktuelle politische Situation. Daneben gibt es aber auch wiederkehrende Orten wie Berlin und Moskau, und wiederkehrende Motive wie der Bezug zum Judentum, zur Musik oder zum exzessiven Nachtleben. Das thematische Spektrum ist auf 272 Seiten in eine relativ herbe Sprache verpackt, die für manchen bis zum letzten Satz gewöhnungsbedürftig bleibt.

Der Protagonist, Jonas, ist ein Berliner Twen, der sich nach Moskau aufmacht, nachdem er eine geheimnisvolle Nachricht von seinem verstorbenen Opa Ernst erhält: „Finde diesen Mann! Valerij Butzukin.“ Jonas zögert nicht lange. Genervt und gelangweilt von dem grauen Muff seines Elternhauses, entscheidet er sich, dem Aufruf des geliebten Großvaters zu folgen. Jonas ist bereit, sein ganzes Leben umzukrempeln. Denn die Reise führt für ihn nicht einfach nur nach Moskau, sie soll ihn direkt zu den Antworten führen, die seine eigene Vergangenheit entschlüsseln. Begleitet wird er von Stas und Juri, zwei dubiosen Gestalten, die er in einer Berliner Kneipe kennenlernt. Die beiden verfügen über die notwendigen Kontakte zu Kriminellen und ermöglichen Jonas so die illegale Einreise nach Russland. Zusammen mit seiner Entourage gerät Jonas in mehrere gefährliche Situationen und ist schließlich in einen Mordkomplott gegen den Mafioso Krokodil verwickelt. Die ganze Geschichte ist eingebettet in den Kalten Krieg 2.0 zwischen Ameropa und Russasia, was dem Leser in Form einer laufenden Pressemitteilung am unteren Seitenrand mitgeteilt wird.

Ausgehend vom Klappentext, könnte man das Buch als eine Road Novel mit einer Prise philosophischer Überlegungen einordnen. Die erzählte Welt wird von Kaufmann auf unterschiedliche Art und Weise eingeleitet – besonders hervorstechend ist in diesem Kontext die sehr gewöhnungsbedürftige 2. Person, in der die Geschichte zu einem großen Teil erzählt wird. Hieraus entwickelt sich unwiderruflich ein eigenartiges Gefühl der Entfremdung zwischen dem Erzähler und dem Hauptcharakter, der dadurch wie seine Marionette wirkt. Hier eine kleine Kostprobe:

„Du versuchtest, die Worte auszusprechen, gibst sie in den Browser ein. Du siehst dir Tutorials an und lädst die Audiodateien der Aussprachen. Du blätterst weiter, findest Cafés und Restaurants, Empfehlungen von Ausstellungsräumen. Aber du willst ja nicht hinfahren, um Lokale zu testen oder sinnierend durch Ausstellungen zu flanieren. Du kannst das alles jederzeit abbrechen.“

9783455405347Die Erzählung wird durch viele Rückblenden eines allwissenden Erzählers und durch dialogische Einschübe unterbrochen (auch graphisch gekennzeichnet). Aus diesen erfährt der Leser Näheres über die Gefühlswelten von Jonas und den anderen Figuren, was die sonst etwas platt gestrickten Charaktere mehrdimensional erscheinen lässt. Durch diese Verflechtung von Erzählsträngen gelingt es Kaufmann schließlich auch, einem Überraschungsmoment zu erzeugen, es ist das Highlight im Plot, und man darf dieses ruhig auch von einer Road Novel erwarten.

Die TEMPO-Bücher, wie man beim Verleger nachlesen kann, sollen „neue, unkonventionelle literarische Stimmen umfassen.“ Ohne jeden Zweifel erfüllt Kaufmanns Buch beide Versprechen, denn neu und unkonventionell ist es auf jeden Fall. Somit ist eigentlich auch schon klar, wer das Zielpublikum sein soll: „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ spricht all jene an, die an neuen Formen der literarischen Schöpfung einer postmodernen und schnelllebigen Welt interessiert sind.

Der Klappentext bewirbt das Buch als „rasant erzählte Road Novel über Leben und Tod, Schein und Wahrheit – und dem Wahnsinn dazwischen“. Kaufmanns Erzählstil ist auf jeden Fall rasant. Dies kann mit der Zeit – subjektiv betrachtend – auch anstrengend sein. Was bleibt jedoch von dem Wunsch, von Leben und Tod und gleichzeitig noch von den Sphären des Scheins, der Wahrheit und dem Dazwischen zu erzählen? Irgendwie scheint es, als würde der Roman mit all seiner Geschwindigkeit nur die Oberfläche dieser Themen überfliegen. Philosophische Fragen werden nur dezent angerissen, an keiner Stelle wird der Tiefgang gewagt. Vielleicht ist hier aber schon zu viel verlangt. Es wäre mit Sicherheit ein Gewinn, wenn Kaufmann sich etwas weniger auf sprachlich-experimentelle Rasanz und mehr auf gutes Geschichtenerzählen konzentrieren würde.

von Karolina

Kat Kaufmann (2017): Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Hamburg: TEMPO Bücher / Hoffmann und Campe Verlag. 

Wenn der Traum zum Albtraum wird: „Kukolka“ von Lana Lux

9783351036935„Ich beneidete die anderen Mädchen […] nicht lange für ihr tolles früheres Leben mit Eltern, Schule, Freunden und einem Zuhause. Mir war nämlich klargeworden, dass ich die Einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten gewesen.“

Die Erkenntnis kommt spät, aber sie beschreibt Samiras Leben sehr genau – sie war schon immer ein Teil des äußeren Rands der Gesellschaft. Keine Eltern, aufgewachsen im Heim, von den anderen Kindern gemobbt und als Zigeunerin beschimpft, von ihrem „Retter“ Rocky zum Betteln und Klauen gezwungen, später von ihrem „Freund“ in die Prostitution getrieben. Wahrlich nicht die Mitte der Gesellschaft, aber von der Protagonistin so kindlich, so naiv, so normal beschrieben, dass es schmerzt. Samira ist erst sieben Jahre alt, als sie aus dem Heim abhaut, 15 als sie körperlich und nervlich völlig am Ende ist… Und dem Leser krampft sich das Herz zusammen angesichts der Gewalt, des Missbrauchs, der Manipulation und auch des Todes, welche/n sie in ihrem jungen Leben ertragen oder mit ansehen muss. Nur die Sprache will manchmal nicht so ganz ins Bild einer sieben- oder achtjährigen passen: zu derb, zu erwachsen. Was ein wenig an der Authentizität des Romans kratzt, aber das Gesamtbild nicht verunstaltet.

Lana Lux‘ Debütroman Kukolka (Aufbau Verlag) spielt in der Ukraine Anfang der 1990’er Jahre. Schauplatz der Handlung ist Dnipropetrowsk, was zugleich der Geburtsort der Autorin ist. Mit zehn Jahren verlässt sie diesen zusammen mit ihren Eltern für Deutschland. Nicht umsonst träumt vielleicht Kukolka – so Samiras Spitzname aufgrund ihrer grün-blauen Augen und des puppenhaften Gesichts – davon, nach Deutschland auszuwandern, ihrer besten Freundin Marina zu folgen, die das Glück hatte, von Deutschen adoptiert zu werden. Sie bekommt sogar ein Paket von Marina, mit Bonbons, Milka-Schokolade, einem Brief, einer Barbie. Und es sind diese kleinen Dinge – der Geschmack der Schokolade, der Umschlag mit Marinas deutscher Adresse, die echte Barbie, der Wunsch Marina wiederzusehen – die Samira nicht untergehen lassen, an die sie sich klammert wie an einen Hoffnungsträger, die sie all die Gewalt, die Drogen, den Schmerz … überleben lassen. Diese Dinge geben ihr Halt in einer Welt voller Verrat, Beschönigung, Konkurrenz, Missgunst, in einer Welt in der es an allem mangelt. Jeder denkt nur an sich, wahre Liebe gibt es nicht. Aber Kukolka ist glücklich – meistens zumindest. Bei Rocky hat sie ihr eigenes Sofa zum Schlafen, immer etwas zum Essen und klauen sowie betteln kann sie gut – das scheine ihr im Blut zu liegen – sodass sie nie zu wenig Geld mit nach Hause bringt. Dass sie von dem Geld nie etwas wiedersehen wird, weil Rocky es nicht für ihr Ticket nach Deutschland zurücklegt, sondern davon Schutzgeld bezahlt, ahnt sie nicht.

Dennoch schafft sie es nach Deutschland. Eines Tages tritt Dima in ihr Leben. Sie steht in einer Unterführung, es ist kalt und grau und sie singt. Das ist ihr zweites großes Talent. Da taucht ein junger, gutaussehender Mann auf, ist begeistert von ihrer Stimme, schenkt ihr Rosen, kommt sie immer wieder in der Unterführung besuchen, geht mit ihr essen. Samira ist ganz benebelt vor lauter Glück und Verliebtheit. Später sind es die Drogen mit denen er sie vollpumpt. Doch sie liebt ihn und er muss sie auch lieben. Sonst hätte er sie doch nicht mit zu sich genommen, oder? Dass sie sich bereits in voller Fahrt auf einer Abwärtsspirale befindet, merkt sie nicht. Versteht sie nicht. Auch nicht, als er sie illegal nach Deutschland schleust. Dafür ist Samira zu naiv, zu gutgläubig, noch zu kindlich. Erst später als sie es wie zufällig aus dem Strudel herausschafft, realisiert sie, was eigentlich passiert ist. Deutschland, das Land ihrer Träume, wird zum Albtraum.

„Dieser furchtbare Körper mit zu vielen Öffnungen. Ich wollte sie alle für immer verschließen, wollte meinen Körper in eine unzerstörbare Plastikfolie einschweißen, so wie alles Wertvolle in Deutschland eingeschweißt wird. Aber er war nicht wertvoll genug. Ich war nicht wertvoll. Bloß ein Niemand. Schlimmer noch. Wer niemand ist, kann alles werden. Ich nicht. Ich war eine Nutte. Das war eine Endstation.“

Lana Lux lässt Samira eine Welt schildern von der man nichts weiß, von der man hoffte, dass es sie nicht gibt, aber sie existiert. Sowohl damals nach der Perestroika und wahrscheinlich, leider, auch noch heute. Zwangsprostitution bereits im Kindesalter ist kein Einzelschicksal. Samira steht stellvertretend für viele Frauen und Mädchen aus dem östlichen Europa. Für ein Leben in dem jede Veränderung eine Verbesserung der Situation verspricht, aber eigentlich nur ein weiterer Schritt in Richtung Abgrund ist. Das Glück sitzt auf Samiras Fahrt nach unten auf dem Beifahrersitz oder wahlweise sie – bis sie aussteigt. Einen kleinen Hoffnungsträger trägt sie noch bei sich: Olga Pismena, Uhlandstraße 144. Vielleicht hat sie das Glück noch nicht ganz verlassen.

„Es war wie ein echtes Wunder. Erst vor einer Stunde war ich noch im Auto auf dem Weg zum nächsten Kunden. Erst vor einer Stunde war ich noch gefangen. Erst vor einer Stunde hatte ich kaum Hoffnung auf Freiheit. Und jetzt war ich durch einen glücklichen Zufall genau vor der richtigen Haustür gelandet.“

von Elisabeth

Lana Lux (2017): Kukolka. Berlin: Aufbau Verlag. 

Rezension: Ignacy Karpowicz – „Sonka“

produkt-10002760Nicht schon wieder eine deutsch-polnische Liebesgeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in der noch ein bisschen Vergangenheitsbewältigung steckt und die nur so vor Klischees trieft. Dies zumindest könnte man nach dem Lesen des Klappentextes des 2017 in deutscher Übersetzung beim Berlin Verlag erschienenen Romans „Sonka“ denken. Trotz möglicher Voreingenommenheit wird sich der Leser glücklich schätzen, diesen Überraschungsroman gelesen zu haben.

Igor/Ignacy, ein wohlstandsverwöhnter und sinnsuchender Theaterregisseur aus der großen Hauptstadt Warschau, bleibt mit einer Autopanne mitten im Nirgendwo stehen. Dieses Nirgendwo befindet sich in der polnischen Wojewodschaft Podlachien, einem dünn besiedelten Landstrich an der Grenze zu Weißrussland, der sich vor allem durch seine Multikulturalität und Vielsprachigkeit auszeichnet und nicht mehr ins mittlerweile als homogen propagierte Polen passen will.

Dieses Nirgendwo – jahrhundertlange Heimat für Minderheiten von Juden, Tartaren, Orthodoxen – ist der Schauplatz, an dem Igor auf die belarussische Bäuerin Sonka/Sonia trifft, die wie aus einer komplett anderen Zeit gefallen zu sein scheint.

„… die Geschichte ist den Menschen immer Feind. Den Menschen – und besonders den Frauen.“

Aus der Zufallsbegegnung dieses gegensätzlichen Paares wird eine Reise in die Vergangenheit mehrerer Länder, einer vergessenen Region und einer Zeit, in der eine Frau nicht mehr wert war als das Schwein im Stall. Eine Zeit, die den Menschen und insbesondere den Frauen, euphemistisch formuliert, nicht wohlgesinnt war. Schnell wird klar, dass die Liebesgeschichte Sonias zum deutschen SS-Soldaten Joachim nur eine Randnotiz ist und für eine größere Erkenntnis stehen soll. Der Erkenntnis, dass die polnische Opferrolle, die sich dieses Land nicht erst seit Ende des Zweiten Weltkrieges in einem ewigen Mantra selbst auferlegt, sich nicht ganz mit den historischen Tatsachen und den damaligen Lebenswirklichkeiten der Menschen deckt. Ein Weltbild vor allem, das über ein schwarz-weißes Geschichtsverständnis hinausgeht und auf jegliche Gefühlsduselei verzichtet.

„Blut, Chaos, Sperma, Schweiß“

Ignacy Karpowicz ist ein in Polen preisgekrönter Autor, der mit all seinen Werken für die Nike nominiert war – dem wohl wichtigsten polnischen Literaturpreis. In der deutschen Literaturlandschaft ist Karpowicz noch weitestgehend unbekannt und „Sonka“ ist bisher auch die einzige deutsche Übersetzung des Schriftstellers, auf die aber hoffentlich noch weitere folgen werden.

Bei einer Lesung Mitte September in der polnischen Buchhandlung buchIbund in Berlin-Neukölln erzählte der aus Białystok stammende Autor, dass Sonia keine Gestalt seiner Fantasie sei, sondern tatsächlich existiert habe, er aber ihre Geschichte erst nach ihrem Tod niederschreiben wollte. Genau wie der Ignacy im Roman, der nach dem Tod Sonias aus einer fast verlorenen Lebensgeschichte ein Bühnenstück konzipiert und damit seine innere Leere zu füllen versucht. Übrigens nur eine von vielen Parallelen zwischen dem Erzähler und dem Schriftsteller.

Gefragt, woraus sein Roman besteht, antwortete Karpowicz „aus Blut, Chaos, Sperma, Schweiß“. Es ist ein Roman, der auf die Grundbedürfnisse des Menschen heruntergebrochen ist, sowohl in seiner schönsten als auch in seiner dunkelsten Ausprägung. Karpowicz wollte keine falschen Gefühle im Leser erzeugen, keine „Tränen herausdrücken“, aber dafür die Mechanismen des Leidens aufzeigen. Diese Mechanismen des Leidens werden durch Sonia verkörpert, die ohne Selbstmitleid auf ein Leben aus Gewalt, einmal gefundener und ein anderes Mal nicht erwiderter Liebe, Lüge und eigenen Verfehlungen zurückblickt.

Die Mehrsprachigkeit und Multikulturalität Podlachiens, die sich in der Sprache der Geschichte niederschlägt, kommt in der deutschen Übersetzung leider nicht durch, da nur wenige Begriffe im belarussischen Original bzw. im Original des typischen Mischdialekts dieser Region belassen wurden. Trotzdem hat Katharina Kowarczyk eine hervorragende Übersetzungsarbeit geleistet und den distanzierten und nüchternen Ton des Autors vortrefflich transportiert.

von Sandra

Ignacy Karpowicz (2017): Sonka. Aus dem Polnischen von Katharina Kowarczyk. Berlin Verlag.

 

„Ich weiß nicht, wohin es geht“: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann

42762Bis zu ihrem Debütroman „Außer sich“, der dieses Jahr beim Suhrkamp Verlag erschienen ist und gleich für den wichtigen Literaturpreis hierzulande, für den Deutschen Buchpreis, nominiert war, war Sasha Marianna Salzmann als Hausautorin im Berliner Maxim Gorki Theater bekannt. Wie die Vielzahl der Stücke des Gorki Theaters, so handelt auch der Roman von Salzmann von Migration in der „postmigrantischen“ Welt.

„Außer sich“ ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Roman. Er ist stark experimentell und zugleich deutlich unkonventionell geschrieben. Es fällt auf, dass der Autorin beim Schreiben ganz besonders daran lag, die Grenzen jeglicher Art zu verwischen. Die Sexualität hat hier kein Geschlecht und die Figuren keine fixierte Identität. Sie verwandeln sich ständig, wechseln ihr Äußeres, tauschen ständig ihre Wohnorte aus und sind dauernd auf der Suche. Im Mittelpunkt dieses Romans steht eine russisch-jüdische Familie, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in einem Asylheim in einer Kleinstadt in Deutschland landet. So ist auch die Autorin Salzmann mit ihrer Familie in den 90er Jahren aus Russland als russische Jüdin emigriert.

Die Eltern der Hauptfigur des Romans führen eine angespannte Beziehung. Die Kinder Alissa und Anton sind Zwillinge und mit besonders starken Nähten miteinander verbunden. Doch Anton taucht unter, als Alissa aka Ali schon in Berlin studiert. Seine Spuren führen Alissa nach Istanbul – in die Stadt der fließenden Grenzen und schon längst miteinander verschmolzenen Gegensätze. Bei Onkel Cemal kommt Ali unter und schließt sehr schnell neue Bekanntschaften. Katharina wird zu ihrer Geliebten. Sie ist transsexuell und ebenfalls russischsprachig. Die Suche nach dem Bruder wächst mit der Zeit in die Suche nach sich selbst über. So sieht Ali Antons Schatten ab und an in den Bars von Istanbul, oder ist es vielleicht doch ihr Selbstbild im Spiegel, das immer mehr dem von Anton gleicht?

Im Roman wird viel in Rückblenden erzählt. Die Familiengeschichte von Alissa reicht bis zu ihren Urgroßeltern zurück und behandelt fast das ganze Jahrhundert der kommunistischen Geschichte in Russland. Alis Großvater Daniil stammt aus einer Rabbinerfamilie und entdeckt das religiöse jüdische Leben erst im höheren Alter in Deutschland. Der sowjetische Antisemitismus hat die jüdische Tradition in der Familie fast vollständig zerstört. Ali weiß, dass keine von ihren Beziehungen wirklich lange halten können und ihr Reisepass längst nicht mehr nötig ist, um die staatlichen Grenzen passieren zu können. Letztendlich ist es die Hybridität, in der sie ihr Zuhause findet:

„Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als Nächstes passieren könnte. Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – Als ein Er oder eine Sie?“

„Außer sich“ ist eine sehr starke Prosa, die keine Experimente scheut und unserer globalisierten Welt einen adäquaten fiktionalen transkulturellen Weltentwurf auf hohem literarischen Niveau entgegenstellt.

von Irine

Sascha Marianna Salzmann (2017): Außer sich. Berlin: Suhrkamp Verlag.

Rezension: Naira Gelaschwili – „Ich bin sie“

1688_LDer Roman „Ich bin sie“ der georgischen Schriftstellerin Naira Gelaschwili ist in Georgien 2012 erschienen und gewann 2013 dort den wichtigsten Literaturpreis, den „Saba“. In Vorbereitung auf den Gaslandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 ist der Roman dieses Jahr beim Berliner Verbrecher Verlag erschienen. Gelaschwili veröffentlichte in Georgien neben Kurzgeschichten bereits sechs Romane und leitete jahrelang das „Kaukasische Haus“ in Tbilissi. Neben ihrer schriftstellerischen und universitären Tätigkeit ist sie vor allem als Aktivistin für den Naturschutz in Georgien bekannt.

Die Geschichte in “Ich bin sie” konzentriert sich auf das 13-jährige Mädchen Nia Lelischwili, das unglücklich verliebt ist. Ihr Nachbar und deutlich älterer Medizinstudent erobert ihr Herz, als sie ihn eines Tages durch ihr Fenster erblickt. Seitdem dreht sich das Leben des Mädchens nur um ihn, wodurch sie alles um sich herum vernachlässigt. Nia schwänzt die Schule, verfolgt ihren Schwarm heimlich und registriert jeden Schritt von Gogi in Tbilisi. Um ihre starken Gefühle ausdrücken zu können, entdeckt sie die Lyrik Rainer Maria Rilkes und erfindet eine verschlüsselte Zeichensprache. Nach einigen zufälligen intimen Begegnungen mit ihrem Geliebten verschwindet der Student eines Tages aus ihrem Leben und angeblich auch aus der Stadt. Seitdem geht sie seinen Spuren nach, bis sie 2010 plötzlich einen Anruf von ihrer Freundin bekommt und die Erinnerungen zurückkehren.

956e6b5bb8abc189d87cee27752a33caGelschwili erzählt die Geschichte um Nia in Zeitsprüngen. Mal nähern wir uns der Geschichte im Jahr 1959, wo die Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt und landen dann im nächsten Kapitel im Jahr 2010, wo Nia ihre Suche über fünfzig Jahre später wieder neu aufnimmt. Zwischendrin spiegelt das Kapitel „Das Jahr 1975“ Nias Erfahrungen an der Universität als Germanistin wieder. Hier werden sowohl die bekanntesten georgischen Klassiker als auch das wichtigste georgische Epos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaveli oder die Gedichte aus dem georgischen Kanon analysiert. In den Seminaren wird über die Liebe in den quasiphilosophischen Gesprächen und Interpretationsversuchen sinniert. Diese Passagen sind auch die, die am wenigsten überzeugen.

Die Liebesgeschichte im Roman „Ich bin sie“ geht trotz der auf den ersten Blick gut durchdachten Dramatik nicht wirklich auf. Die Figuren bleiben bis zum Schluss des Romans ziemlich blass und die Dialoge wiederum langweilig. Sowohl die pubertierende als auch die Erwachsene Nia schafft es nicht, eine interessante Figur zu werden. Die Liebesgeschichte schöpft aus der einfachen Banalität und driftet hie und da ins Kitschige.

von Irine

Naira Gelaschwili (2017): Ich bin sie. Berlin: Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen von Lia Wittek.

 

 

Doppelbesprechung des Romans „LUCRECIA515“ von Lasha Bugadze

51dhOjAlXOLAnnika sagt zum Roman:
Hinter Lasha Bugadzes „LUCRECIA515“ verbirgt sich nicht nur der Titel seines neuen Romans aus der Frankfurter Verlagsanstalt, sondern auch das Computerpasswort seines Protagonisten Sandro, der sich trotz Frau und Kind auf diverse Liebschaften einlässt, die ihm im Roman schließlich zum Verhängnis werden.

Mit Ende 30 ist das Leben des Familienvaters Sandro nicht spektakulär. Als Teilhaber einer Saucenfabrik in Tiflis gehört er zu den wirtschaftlichen Gewinnern Georgiens, doch um ehrlich zu sein: er langweilt sich. Zwischen Ehe und Arbeit wird Sandro so zum Liebhaber der verschiedensten Frauen, die er akribisch kategorisiert und in einem Notizbuch sammelt. Sogar auf der Arbeit wird sein Ziel so, die jungen Mitarbeiterinnen auf einen Drink einzuladen und dabei zu wetten, wie lange er es wohl schafft, diese ins Bett zu bekommen. Scham- und problemlos springt er von einer Geliebten zur nächsten und spielt dabei ein Versteckspiel mit seiner Frau Keti, der er – ebenfalls als einstige Geliebte neben seiner Exfrau – das Ja-Wort gab und die die Mutter seines Sohnes ist. Erst mit der jungen Fernsehjournalistin Ana gibt es erstmals eine Frau, die den Spieß umdreht. Sie ist es, die dem Mann, dem sich alle hingeben, hinhält und für die er erstmals wieder Gefühle entwickelt. Schnell wird die Liebe zu Ana zu dem Wunsch, auch mit ihr zusammenzuleben. Die anderen Frauen treten in den Hintergrund und auch Keti muss mit ansehen, wie ihr Mann nicht mehr nur für einen Abend wegbleibt, sondern ganze „Geschäftsreisen“ unternimmt. Als betrogene Ehefrau knackt sie das Passwort ihres Mannes und schreibt Ana – mit turbulenten Folgen für alle drei …

„LUCRECIA515“ war nach den 2015 ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen Roman „Der Literaturexpress“ bereits die zweite Geschichte des georgischen Autors, die ich las. Diesmal wurde es für mich leider zu einer Enttäuschung. Der Traum des Mannes, der alle Frauen problemlos verführen kann ist ein Traum, dem nicht unbedingt ein ganzes Buch gewidmet werden muss. Schnell wurden die Protagonisten zu Stereotypen: Sandro, der Frauenheld, Keti, die eifersüchtige Ehefrau und Ana, die neue wilde Geliebte. Keine der Figuren konnte sich für mich durch viel Sympathie auszeichnen und noch nicht mal bei Keti reichte das Mitleid, um die Handlung zu tragen. Speziell Sandro als tragende Rolle zeichnet sich bis zum Schluss durch eine unglaubliche Selbstsicherheit aus, die ihn unfähig macht, aus seinen Fehlern zu lernen und den Frauen in seinem Leben Respekt entgegen zu bringen. Mal läuft er Ana hinterher, mal betitelt er sie als „Schlampe“, die er am liebsten umbringen würde. Als „hochamüsant“ beschreibt der Klappentext die Erzählung. Das Amüsante blieb mir leider bis zum Schluss verborgen und die angesprochene „Gesellschaftssatire“ verliert sich ebenfalls in banalen und klischeebeladenen Situationen. „LUCRECIA515“ ist für mich leider ein großer Flop. Der Roman nimmt viel Zeit und gibt wenig her, kaum Spannung, kaum Charaktere mit wirklichem Charakter, kaum Spaß.

Irine sagt zum Roman:

1607108_10151914299519211_1023678089_nIch habe das Buch kurz nach dem Erscheinen zunächst im Original – auf Georgisch – gelesen. Ich finde, dass der Roman eine unglaubliche Geschwindigkeit im Erzählen entwickelt und dadurch der Erzählfluss dieses besondere Tempo bekommt. Die Höhen und Tiefen der Hauptfiguren gehen fließend ineinander über und man kann sich keine einzige Minute langweilen. Durch die besondere Komik leidet man auch nicht mit den Figuren mit – man lacht eher über sie.

Bugadze hat einen Text geschrieben, der nicht allzu ernst gelesen werden soll. Der Roman stellt den georgischen Mann in der kollektiven Krise dar. Das patriarchalische System wackelt, da die Männer weder zu Hause mit ihren Frauen, noch in den Beziehungen jenseits der Ehe ihre Position wirklich behaupten können. Der Mann wird in der eigenen Falle fest gefangen. Bugadze geht es weniger darum, Sympathien zu entwickeln, sondern eher darum, die Figuren in ihrer Lächerlichkeit bloßzustellen. Das sind die georgischen Männer – die berühmten Machos im Kaukasus – die in der Realität einfache armselige Gestalten sind wie der Roman uns zeigen will. Trotz der sprachlichen und stilistischen Schwächen und Passagen, die teilweise sehr plakativ und banal wirken, lese ich den Roman durchaus sehr politisch und freue mich, dass er nun auch für die deutschsprachigen LeserInnen in Übersetzung von Nino Haratischwili & Martin Büttner zugänglich ist.

von Annika & Irine

Lasha Bugadze (2017): LUCRECIA515. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt. Übersetzt von Nino Haratischwili und Martin Büttner. 

ლაშა ბუღაძე (2013): lucrecia515. თბილისი: ბაკურ სულაკაურის გამომცემლობა.