„Eichhörnchen hatten uns enttäuscht“ – Tijan Sila: Tierchen Unlimited

9783462050264Krieg, Flucht und die bevorstehende Integration in einem fremden Land wie Deutschland sind die Themen des Debütromans „Tierchen Unlimited“ von Tijan Sila (Kiepenheuer & Witsch). Der Autor Sila kam wie der Held des Romans in Sarajevo zur Welt und wanderte mit seiner Familie 1994 nach Deutschland aus. Der Ich-Erzähler erzählt mit einer starken Stimme von seinem Leben in Deutschland und von seiner Kindheit, die er in Bosnien verbracht hat. Seine neue beste Freundin Sarah, die Polizistin werden will, prägt sein Leben. Sarahs familiäre Situation hätte sich Besseres wünschen können – ihr Vater bringt sich um, nachdem sein Sohn in Bosnien im Krieg getötet wird, da er auf kroatischer Seite als Neonazi gegen Moslems kämpft. Die Freundschaft zu Sarah ist durchaus eine Seltsame. Ein Paar werden die beiden nie, aber auch keine Freunde im klassischen Sinne:

„Sarah rang mich zweimal wöchentlich auf ihre Matratze nieder, klemmte mein Gesicht zwischen ihre Handflächen und die Lippen schürzten los. Es geschah unangekündigt, und das Warten auf ihren nächsten Überfall war meine Medizin. Sie hielt mich aufrecht. Was für eine seltsame Freundschaft, dachte ich damals. Eine deutsche Freundschaft. So läuft das hier. Ich kapiere gar nix, aber ich mag es.“

Der Krieg aus der Kindheit der Figur hat ein grausames und brutales Gesicht. Die slowenischen und muslimischen Namen konnten damals darauf hinweisen, wer Feind und wer Freund war. Die Kindheit in Sarajevo und die Freundschaft mit Janez, mit slowenischen Vor- und muslimischen Nachnamen, macht das Leben der Hauptfigur noch aufregender. Der Krieg spiegelte sich bei den Kriegskindern in den brutalen und mit Gewalt geladenen Spielen wieder. Die grausamen Bilder der Jahre bleiben fest im Gedächtnis des Erzählers verankert:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht mehr genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie die Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken.“

Das Stehlen gehört besonders im Sommer zum Alltag der Kriegskinder und das Leben wird ständig durch die Angst vom Tod geprägt. Videospiele, Comics und Pornomagazine werden ausgeliehen oder geklaut, die dann wiederum bei den UN-Soldaten gegen Lunchpakete getauscht werden. Das Klauen wird später zum festen Bestandteil des Lebens der Hauptfigur in Deutschland. Er bricht mit seinen Freunden in Luxuswohnungen ein und läuft dann mit Rolex und mit Burberry Mantel herum. Wenn er in der schwierigen Situation steckt, kümmern sich seine Freunde Faruk oder Sarah darum – „Überlass mir die Rache. Ich kümmere mich um den Nazi. Du bist ein braver Kerl.“ Was ist das aber, das ihn so anders und zerbrechlich macht? Ist es vielleicht die Erfahrung des Krieges, die er ständig mit sich trägt und die sein neues Leben in Deutschland bestimmt?

Mit seinem Debüt schafft Sila eine spannende Erzählung, die trotz der vielen Wiederholungen und stilistischen Schwächen überzeugt, und auf die Unmöglichkeit der raschen Aufarbeitung von traumatischen Kriegserfahrungen gekonnt hinweist – Erfahrungen und Erlebnisse, die den Menschen auch viele Jahre später nach dem Krieg nicht vollständig loslassen.

von Irine

 

Tijan Sila (2017): Tierchen unlimited. Verlag: Kiepenheuer & Witsch. 

 

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„Licht an! Juden, es ist ein Pogrom! Licht an!“: Moyshe Kulbak – Montag. Ein kleiner Roman.

cover_kulbak_mail-250x423.jpgDer weißrussisch-litauische Autor Moyshe Kulbak schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts in jiddischer Sprache. Der hauptsächlich als Dichter bekannte Kulbak veröffentlichte auch Romane wie das dieses Jahr beim Berliner Verlag edition.fotoTAPETA erschienene Buch „Montag. Ein kleiner Roman.“ Dieses wunderbar aus dem Jiddischen ins Deutsche von Sophie Lichtenstein übertragene schmale Buch leistet vieles auf diesen wenigen Seiten.

Die Oktoberrevolution und deren Einflüsse auf das osteuropäische jüdische Leben ist die politische Folie, die den Roman und das Leben der Protagonisten bestimmen. Im Zentrum der Erzählung steht die Figur des Hebräisch-Lehrers Mordkhe Markus, der exemplarisch die mit der Revolution und der nachfolgenden Umwälzungen in den jüdischen Gemeinden von Weißrussland erfolgte Wandlung beschreibt und zugleich über diese Veränderung reflektiert. Die ersten Schüsse auf der Straße, die er aus seinem Dachkämmerchen in der Zeit der Revolution wahrnimmt, fallen dann, als er sich in der Stille in das Buch Hiob vertieft. Zwar bleibt der auf den ersten Blick von der Außenwelt eher distanzierte Mordkhe den revolutionären Wellen fern, trotzdem wird aus seiner „Fensterperspektive“ die Revolution am ehesten erfahrbar. In einer Passage beschreibt Kulbak folgende Szene:

„Am anderen Ende des Marktplatzes, weit entfernt, ertönte eine Stimme… Die Masse rührte sich kaum, und auf einmal erscholl ein Schrei, wie aus einem Grab, sodass sich einem das Herz zusammenzog und niemand, niemand wusste, dass es so etwas gibt: REVOLUTION.“

Kulbak zeichnet Figuren, die Natürliches und Übernatürliches auf eine beeindruckende Weise miteinander verbinden. Die Schwester Stesye und Gnesye, die im Roman als „Feldmesserinnen“ bezeichnet werden, werden als wunderliche Gestalten der Stadt dargestellt. Die poetische Sprache, in der Kulbak das Leben dieser Figuren beschreibt, überzeugt durch ihre Einfachheit und geschickte Komplexität, in der die grundsätzlichen philosophischen Fragen des menschlichen Daseins behandelt werden. Hier verschmilzt sich miteinander eine gewisse Melancholie, die den jüdischen Alltag und die jüdische kulturelle Tradition bestimmen. Mordke wird als jüdischen Seismografen der Zeit im Roman stilisiert. Die Revolution, die einerseits die Befreiung des Proletariats mit sich brachte, aber zugleich eine unsichere Zukunft für die jüdische Bevölkerung seiner Stadt sichtbar machte, blieb für ihn ein schwieriges und undurchschaubares Phänomen.

Kulbak zeichnet mit diesem Roman als einer der Ersten in jiddischer Sprache schreibenden Autoren das Leben seiner Gemeinde und wirft die Fragen auf, die erst später an ihrer Intensität gewinnen. Er spricht schon in den Anfangsjahren der kommunistischen Ordnung Problematiken und Zweifel an, die in den 30er Jahren die bittere Realität werden. Die Realität, die unter anderem das Leben des Autors Kulbak im negativen Sinne bestimmt. 1937 wird er in Minsk verhaftet und wenig später nach einem stalinistischen Schauprozess hingerichtet.

von Irine

Moyshe Kulbak (2017): Montag. Ein kleiner Roman. Aus dem Jiddischen Sophie Lichtenstein. Berlin: edition.fotoTAPETA. 

600 M² GLÜCK – DIE DATSCHA: Ein gemeinsames Bildbandprojekt von Evgeny Makarov und Lew Rubinstein

imagegroupPünktlich zur Sommer- und Ferienzeit ist beim Münchner Kunstbuchverlag Sieveking der wunderbare Fotoband von Evgeny Makarov mit Texten von Lew Rubinstein erschienen. „600 M2 Glück – die Datscha“ versammelt Fotografien aus der Datschasiedlung „Orekhovo“ bei St. Petersburg. Makarov reiste 2013 zu dem Ort seiner Kindheit und fotografierte Landschaften und Menschen, die dort jedes Jahr vom Mai bis Oktober in ihrem gewöhnlichen Rhythmus leben. Das Coverbild zeigt die „Kirschendame“ Anna. Beeindruckend gelassen liegt sie auf einer Bank und greift nach den rot leuchtenden Kirschen, die großzügig über ihren Kopf wachsen. Die Dichotomie „Stadt-Land“ wird hier durch das Zitat von Anna noch weiter unterstützt. Die Datscha heißt für sie schlicht und einfach das Leben – „In der Stadt werde ich nur krank und müde. Hier habe ich immer etwas zu tun, das hält mich jung.“

Außer Anna zeigen die stückweit melancholischen Aufnahmen Figuren, die nur selten ihre Gesichter zeigen. Sie werden eher als verschwommene Gestalten dargestellt und sind kaum vor dem dazugehörigen landschaftlichen Hintergrund wahrzunehmen. Hier gehen Menschen den üblichen Tätigkeiten nach – sie reparieren Autos, gehen Angeln oder ruhen sich einfach aus. Die Fotos von Makarov zeigen die üblichen Holzhäuser mit den kleinen Gärten, die durch ihre chaotische Ordnung auffallen. Überhaupt ist eine gewisse Unordnung der wichtigste Bestandteil des Gartens und von Innenräumen der Datschen – als ob man hierher alles bringt, was man in der Stadt als unbrauchbar aussortiert hat, hier findet alles zumindest irgendwann Gebrauch. Datschen sind die Ablageorte des Alten, des Kaputtgegangenen, die hier zum neuen Leben erweckt werden.

Das Essay von Lew Rubinstein, das dem Fotoband beigefügt wird, ordnet die Kultur des Lebens auf der Datscha historisch ein und erklärt den Begriff im Hinblick auf dessen Wandlung und Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen hier das 20. Jahrhundert und die kommunistischen Jahre Russlands, während dessen die Datscha als einen vermeintlichen Zufluchtsort stilisiert wurde und mit dem bestimmten Freiheitsgefühl in Verbindung stand. Der Text vom Rubinstein ergänzt die Bilder, ohne zugleich über sie dominieren zu wollen.

Ein schöner Bildband zum Blättern und zum ästhetischen Genuss für die LeserInnen, die sich für die russische Kultur und die osteuropäischen Landschaften interessieren. Es sind die einzelnen kleinen Details, die in den Fotos am Meisten begeistern – wie die schimmernden Wassertropfen an den Fingern des jungen Anglers am abendlichen See. Der entschleunigte, verlangsamte Rhythmus des Lebens auf Datscha kommt in diesem Bild in allen Dingen zur Sprache. Hier fließt die Zeit besonders langsam und die Landschaft strahlt die Ruhe und Gelassenheit der Dämmerung, die insbesondere im Sommer durch die beeindruckenden Bilder einbricht.

von Irine

600 M² GLÜCK – DIE DATSCHA (2017): FOTOGRAFIEN VON EVGENY MAKAROV. TEXT VON LEW RUBINSTEIN. AUS DEM RUSSISCHEN VON ROSEMARIE TIETZE. München: Sieveking Verlag.

 

 

 

 

 

Interview: Nadine Lashuk mit „Liebesgrüße aus Minsk“

produkt-11919Noch immer gibt es auch für uns Länder und Orte, von denen wir zwar schon gehört haben, zu denen uns aber leider das Hintergrundwissen fehlt. Eines dieser Länder ist Belarus. Zwischen Polen, der Ukraine, Litauen, Lettland und natürlich dem großen Nachbarn Russland liegt Belarus zwar scheinbar gar nicht so entfernt von unserem Standort Berlin, ist aber dennoch kein Touristenmagnet, eher im Gegenteil. Mit „Liebesgrüße aus Minsk“ (Malik) gibt uns Nadine Lashuk viele spannende Einblicke in ihre neue zweite Heimat, wo sie nicht nur neue Freunde, sondern auch die große Liebe gefunden hat. Neben den kulturellen Eigenarten berichtet sie auch über politische Probleme und schreibt darüber, warum es nicht „Weißrussland“ heißt und wie das Verhältnis des Russischen zum Weißrussischen ist.
Heute pendelt die Autorin und Projektmanagerin mit ihrer deutsch-belarussischen Familie zwischen NRW und Minsk hin und her. Wir durften Nadine einige Fragen stellen.

Was hat dich zum Schreiben deines Buches motiviert?

Das Buch kam zu mir, sozusagen. Ich führe schon seit einigen Jahren meinen Blog nadinelashuk.de, und den hat Erik Riemenschneider von der Agentur Rauchzeichen in Berlin gelesen. Er hat mich dann gefragt, ob ich nicht Lust habe, ein Buch zu schreiben. Na, und wer träumt nicht davon, ein Buch über sein Leben zu veröffentlichen?

Wie sieht dein perfekter Tag in Minsk aus? Was sollten Reisende nicht verpassen?

Ein perfekter Tag in Minsk beginnt mit frisch gebackenen Bliny und Beeren von der Datscha. Dann gehe ich auf den großen Markt, Kamarovka, und kaufe frisches Obst und Gemüse. Anschließend könnte man sich auf die Spuren der belarussischen jungen Designer begeben und ein bisschen shoppen. Um sich davon zu erholen, empfiehlt sich ein Zwischenstopp in der Galereja „U“, einer Bar im Stadtzentrum mit angeschlossenem Ausstellungsraum und Buchladen. Die Erdbeerlimo dort ist unschlagbar. Nachmittags flaniert man durch den Gorkipark oder geht bei schlechtem Wetter in die Nationalbibliothek oder in den Zirkus.

Wenn man ein Auto hat oder viel Zeit empfehle ich auf jeden Fall einen Abstecher in das Freiluft- Heimatkundemuseum in Strochycy zu machen (etna.by). Dort gibt es ein tolles Restaurant mit belarussischer Küche und viele interessante Veranstaltungen.

Ansonsten kann man in einem der vielen Restaurants in Minsk die belarussische Küche kennen lernen (z.B. im Café Graj oder im Restaurant Kamianica) und dann an der neuen Partymeile am Ufer des Svitschlach den Abend ausklingen lassen.

Wie bringst du Belarus nach Deutschland? Was fehlt dir an Belarus am meisten, wenn du in Deutschland bist?

Mir fehlen am meisten die Natur, und die Möglichkeit, in die Weite zu blicken. Auch wenn das Ruhrgebiet grün ist: Die Möglichkeit, kilometerweit über Wälder und Felder zu blicken, ist hier nicht gegeben.

Aus Belarus nehmen wir immer „Zukerki“ mit: Belarussische Pralinen, zum Beispiel „Belaruskaja Bul’ba“, eine Art Trüffel, oder „Krasnaja Shapotschka“, Rotkäppchen. Der Rest meiner Familie schwört auch auf belarussisches Brot und Buchweizen, das muss also auch immer mit in den Koffer. Ich selber kaufe auch gerne T-Shirts mit belarussischen Ornamenten, die sind voll im Trend in Belarus. Auf meinem Blog habe ich beschrieben, wo man welche erstehen kann (http://nadinelashuk.de/2017/03/23/belarussische-ornamente/).

Eine gute Frau hat immer ein Huhn im Kühlschrank!“ – Das war eine der vielen Aussagen deiner Schwiegermutter zur perfekten Hausfrau. Befolgst du diesen Rat? 

Allerdings! Nach zehn Jahren Ehe habe ich die Weisheit dieser Aussage erkannt. Ich habe immer ein Huhn im Kühlschrank, um eine Hühnersuppe zuzubereiten. Allerdings bin ich noch keine „exzellente“ Hausfrau – die hat immer ein lebendes Huhn im Hof, das sie schlachten, ausnehmen und zu Suppe verarbeiten kann.

Wo siehst du die größten kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Belarus? 

In unserer deutsch- belarussischen Familie gibt es natürlich oft diese „interkulturellen Momente“, die zeigen, dass Deutsche und Belarussen doch irgendwie anders ticken:
Wenn es eine Beleidigung wäre, die Schwiegereltern im Hotel einzuquartieren, wenn es selbstverständlich ist, dass meine Schwiegereltern auch noch den x-sten Übernachtungsgast freundlich empfangen.
Oder wenn mein Mann mal wieder sagt, dass wir Deutsche uns nur beschweren, als Volkssport quasi und ich mich 0darüber ärgere, wie Belarussen mit Themen wie „Ehe für alle“ umgehen.

„Die Slawen sind bloß ein Häuflein Fossilien“: Ziemowit Szczerek – Mordor kommt und frisst uns auf

3d-rgb-mordor-ziemowit-szczerekDer Verlag Voland & Quist hat mit der Reihe „Sonar“ bereits einige spannende AutorInnen aus Mittelosteuropa der deutschsprachigen Leserschaft präsentiert. Darunter ist zum Beispiel der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch, der hierzulande mit seinen wunderbaren Romanen „Paranoia“ und „Mova“ bekannt geworden ist. Ziemowit Szczerek führt nun mit seinem Buch „Mordor kommt und frisst uns auf“ diesen Schwerpunkt des Verlags auf hohem literarischen Niveau weiter.

Ähnlich wie der Ich-Erzähler des Romans Lukasz Ponczynski reiste Szczerek jahrelang durch die Ukraine und weitere osteuropäische Länder herum und berichtete für unterschiedliche polnische Zeitungen von seinen Eindrücken. Die Erzählung setzt beim Passieren der polnisch-ukrainischen Grenze an und schafft bereits auf den ersten Seiten des Romans das Bild des sogenannten Ostens, das stark aus dem bewussten Aufgreifen von klischeehaften Perspektiven schöpft. Zum ersten Mal eröffnet sich hier dem Ich-Erzähler der angeblich unbekannte postsowjetische Raum. Alles ist hier fehl am Platz und zeugt von der Unkultiviertheit und von dem immer noch andauernden Chaos nach dem Zerfall des kommunistischen Systems:

„Eine Welt, die ich mir bis dahin nur hatte ausmalen können, hatte Gestalt angenommen, und was für eine! Ein paar Typen spazierten in karierten Hausschlappen herum. Der Jesus auf einer Kirchenwand war dunkel wie ein Kaukasier. Von den Blechkuppeln stach einem die Sonne in die Augen.“

Die erste Stadt, die der Erzähler mit seinem Begleiter Hawran besucht, ist Lwiw. Geschickt spielt der Autor hier mit der Idee der Zugehörigkeit Lwiws zu Polen. Hawran kennt sich in der Ukraine bestens aus und macht seinen Freund auf den berühmten Vigor-Balsam aufmerksam. Berauscht von diesem Zaubertrank, der aus zwölf ukrainischen Kräutern zubereitet wird, besuchen sie etliche Orte während ihrer Reise, die eher durch Zufälle, als von einem Plan bestimmt werden. Sie laufen auf die Spuren von Bruno Schulz durch Drohobytsch, besuchen die Städte Frankiwsk und Odessa und machen Pausen auf leeren und heruntergekommenen Bahnhöfen. Sie fahren mit alten Marschrutkas, die mit deutschen Werbeslogans versehen sind oder mit alten sowjetischen Ladas, die nur durch ein Wunder noch funktionieren können. Die monotone Landschaft mit Ruinen wird nur durch die einzelnen Begegnungen mit Menschen gebrochen, die aus der Masse herausfallen. Auf der Reise treffen sie Menschen, die sich durch ihre radikalen politischen Positionen im Gedächtnis bleiben. Wie z. B. den westukrainer Taras, der streng an die Dichotomie von West und Ost hält und den postsowjetischen Raum als gleich verdorben betrachtet – „Taras war ein westukrainischer Separatist. Ein galizischer.“ Galizien wird im Roman überhaupt als der einzige zivilisierte Raum im gesamten Osten stilisiert.

Im Sound des Gonzojournalismus beschreiben, der Autor, wie auch die Hauptfigur, die Ukraine als ein Land der Anarchie. Gonzo im Sinne der totalen Übertreibung, der maßlosen Verfälschung der Ereignisse, Überzeichnung der Figuren und der klischeehaften Darstellung der Realität – „Gonzo heißt Schnaps, Kippen, Drogen und Weiber.“ Der Erzähler arbeitet ebenfalls für die Presse und missbraucht kreativ die Gegebenheit, dass man in Polen gerne Negatives über das Nachbarland Ukraine liest. Seine Fakereportagen werden immer populärer und zugleich radikaler, da die Polen sich immer besser fühlen, wenn sie erfahren, dass es den Nachbarn zugleich viel schlechter geht, so der Erzähler. Nicht zufällig beschreibt er die Begegnungen mit den polnischen Reisegruppen, die überfüllt durch die Schadenfreude wieder in die Heimat zurückkehren – eine therapeutische Maßnahme eben.

Szczerek ist ein Roman gelungen, der den Lesern mit einem heiteren Ton die aktuellen Problematiken des „Ostens“ vor Augen führt. Durch das bewusste Aufgreifen von Vorurteilen und Ressentiments, die über den postsowjetischen Raum im Westen herrschen, prangert er zugleich die Hierarchie innerhalb des Ostens an, die hier exemplarisch durch die Gegenüberstellung von Polen und Ukraine funktioniert. Der Roman begeistert durch seinen klugen Humor und durch die Dynamik des Erzählens, die bis zum Schluss nicht an seinem einzigartigen Rhythmus verliert.

von Irine

Ziemowit Szczerek (2017): Mordor kommt und frisst uns auf. Dresden: Voland & Quist (Aus dem Polnischen von Thomas Weiler).

Der KLAK Verlag: Interview mit Verleger Jörg Becken

„KLAK ist der Verlag für zeitgenössische Themen in Literatur, Sachbuch und Jugendbuch. Inhalte die das Profil des Verlages deutlich machen, können mit folgenden Begriffen umrissen werden: modernes Leben, Kulturlandschaft, Erinnerungskultur, Vergangenheitsaufarbeitung, Diktaturerfahrung, Europa, Transformationsprozesse, Migration und Minderheitenkulturen.“, lautet die Beschreibung des KLAK Verlages auf dessen Website. Der Verleger Jörg Becken hat ihn uns und seine Titel vorgestellt.

  1. Wer bist Du und wofür steht der KLAK Verlag?

Ich bin Historiker von Beruf und habe mein Berufsleben in Bibliotheken, Archiven sowie auch im soziokulturellen Bereich verbracht. Vor 12 Jahren habe ich mich mit der Firma Kulturlandschaft Aktiv selbständig gemacht. Daher der Name – KLAK steht für Kulturlandschaft Aktiv.

In diesem Rahmen habe ich Projekte und Publikationen im Bereich Tourismus, unter anderem in Polen durchgeführt sowie historische Ausstellungen kuratiert, die sich mit Diktatur-Aufarbeitung beschäftigten. Außerdem war ich immer im Bereich Migration und Minderheiten (vor allem Roma und Sinti) engagiert, nicht nur publizistisch.

Aus diesen Erfahrungen und Netzwerken generierte sich das erste Programm von KLAK, das man so umreißen kann: zeitgenössische Themen in Literatur, Sachbuch und Jugendbuch, modernes Leben, Kulturlandschaft, Erinnerungskultur, Vergangenheitsaufarbeitung, Diktaturerfahrung, Europa, Transformationsprozesse, Migration und Minderheitenkulturen.

  1. Was ist Dein Highlight der Herbstvorschau des KLAK Verlages?

Als Verleger möchte man ungern eines seiner publizistischen Kinder bevorzugen, man steckt in jedes Projekt ausreichend Herzblut, jedes hat seine eigene Geschichte und Berechtigung. Sonst könnte man diese Arbeit und den Bedingungen des Buchmarktes nicht machen. Aber ich freue mich besonders auf neue Bücher über Polen, weil sich hier langfristiges Engagement und Zusammenarbeit wiederspiegelt. Da ist einerseits ein Schelmenessay von Piotr Lachmann „Wie ich (nicht) vertrieben wurde“, andererseits der Band „Gespräche über polnische Fotografie“, der extra für dieses Buch geführte Interviews des Fotografie-Experten Jens Pepper mit den wichtigsten 20 Fotografen der letzten Jahrzehnte versammelt. Ein besonderes Zeitdokument über Kunst, Politik und Gesellschaft aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel.

Und dann gibt es noch Überraschungen aus Frankreich, Rumänien… auf die ich mich sehr freue.

  1. Wie kam es zur Veröffentlichung polnischer Titel im Programm? Warum ist es Deiner Meinung nach wichtig, die literarischen Prozesse des Nachbarlandes Polen auch in Deutschland sichtbar zu machen? Gibt es spezielle Methoden, die Deutsch-Polnische Community zu erreichen?

Mit Polen, seiner Geschichte, Kultur und Landschaft bin ich schon seit Kindheit und Jugend verbunden. Und als der Eiserne Vorhang in Europa fiel, hatten wir plötzlich die Möglichkeit, ganz neu auf zivilgesellschaftlicher Ebene etwas zu gestalten. Es ist unser wichtigstes östliches Nachbarland und ich fand, dass wir zu einem ähnlichen partnerschaftlichen Verhältnis kommen müssen, wie Westdeutschland mit Frankreich… und tatsächlich, was in den letzten 28 Jahren aufgebaut wurde, grenzt an ein Wunder und kann gar nicht genug wertgeschätzt, gepflegt und weiterentwickelt werden.

So war es natürlich, dass von den internationalen Titeln im Verlag die polnischen den Anfang bildeten. Die polnische Community in Berlin und Deutschland ist groß und gehört zu den Gruppen mit der besten Ausbildung und starken kulturellen Bedürfnissen. Aber als Verlagskunden unterscheiden sie sich nicht allzu viel von der übrigen Gesellschaft.

  1. Werden weitere osteuropäische Länder folgen? Wie triffst Du Deine Auswahl?

Es gibt bereits Bücher von Autoren aus Rumänien, Slowenien, Serbien, aber auch Argentinien, den USA. Mit der Schublade Osteuropa tue ich mich nicht nur geografisch sehr schwer. Einerseits sind die Länder und ihre Literaturen doch sehr unterschiedlich. Litauen z.B. gehört offiziell zu Nordeuropa, obwohl es natürlich die Geschichte Osteuropas teilt. Und viele Autoren schreiben über globale Themen, die auch Westeuropa angehen, z.B. Peter Johnssons Buch über „Stalins Mord in Katyn“ arbeitet die westliche und östliche Dimension dieser Tragödie und des Umgangs damit auf. Auch die Reportagen des slowenischen Autors Boštjan Videmšek über die Flüchtlingstragödie führt regionale und globale Sichtweisen zusammen. Und so könnte man die Zuordnung Osteuropa bei jedem Buch wiederlegen. Es stört mich, weil es immer eine Reduzierung des Autors und seines Anliegens bedeutet, und weil hier Erwartungen der Leser aufgebaut und bedient werden, die dem nicht gerecht werden.

Das Programm des Verlages gruppiert sich um thematische Schwerpunkte, versuchte verschiedene Perspektiven zu zeigen, aus welchem Land diese kommen, ist eigentlich zweitrangig. Es geht auch darum, die Vielfalt in Ost- Südosteuropa, also im postkommunistischen Raum zu entdecken, der ist in unserer Gesellschaft nach anfänglichem Interesse wieder ziemlich aus dem Fokus geraten und die Stereotypen erweisen sich als sehr langlebig. Hier eine gleichberechtigte Balance aufzubauen ist schon eine kulturelle Aufgabe.

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Osteuropa?

Zu meinen Lieblingsbüchern zählt immer noch der Klassiker „Die Puppe“ von Bolesław Prus aus dem Jahr 1889. Aber auch die kroatische Gegenwartsautorin Dubravka Ugrešić hat uns viel zu erzählen.

Und wenn ich noch einen Tipp für den KLAK Verlag nennen darf: Im Herbstprogramm präsentieren wir die rumänische Autorin Doina Ruști mit ihrem Roman „Das Phantom der Mühle“, eine wunderbare und lebendige Erzählerin.

Veranstaltungskritik: Georgien allein zu Haus. Sehnsuchtsland am Rande Europas

Am 1. Juli konnte man in der Villa Elisabeth in Berlin ein Teil des eintägigen kulturellen Programms rund um Georgien sein. Das Konzept der Veranstaltung hat Christiane Bauermeister entwickelt und in Kooperation mit der georgischen Botschaft in Berlin umgesetzt. Das Programm, das ein breites Spektrum der georgischen Kultur abdeckte, wirkte auf den ersten Blick stückweit überladen – vor allem im Hinblick auf die zeitlichen Abstände, die für die jeweiligen Programmpunkte vorgesehen waren. Das Interesse des Publikums war aber groß und die Veranstaltung vollständig ausverkauft.

IMG_1974Der Direktor des Literaturmuseums in Tbilisi, Lascha Bakradze, moderierte die Veranstaltung und versuchte die Gäste auch in den Pausen mit kurzen Geschichten und Wissenswertem über Georgien zu unterhalten. Nach seiner kurzen Einführung präsentierte die sehr bekannte und geschätzte georgische Sängerin Manana Menabde ihre sentimentalen Balladen in georgischer und russischer Sprache. Im Saal machte sich melancholische Stimmung breit. Man lauschte sehnsuchtsvoll und nachdenklich der Musik, die die Gäste in eine andere Welt transportierte. Neben mir saß eine ältere Dame aus Georgien, die die Lieder fast auf der gleichen Lautstärke, wie die Sängerin gefühlvoll begleitete, während ihr deutscher Mann leise mitsummte.

19691185_1413940985320810_1857138221_nAus diesem sentimentalen Traum wurde das Publikum dann durch die Diskussionsrunde mit dem Titel „Das Trauma Stalin und die georgische Nation“ wieder zur bitteren Wirklichkeit zurückgeholt. Während der Berliner Historiker Jörg Baberowski in einem ruhigen Ton von Stalin, Lavrenti Beria und der nichtstattgefundenen Entstalinisierung in Georgien sprach, summte einige im Kopf sicher weiter die Balladen von Manana Menabde – „ოქტომბერში, თუ ჩვენს მხარეს ჩაგივლია, / შეამჩნევდი მიმობნეულს მინდორ-ველად: / პაწაწინა, მარჯნისფერი ყვავილია, / იმერეთში ეძახიან საპოვნელას.“ (Wenn Du im Oktober in unsere Gegend vorbeigeschaut hast, / hättest Du sie auf dem Felde zerstreut entdecken können: / Sie ist winzigkleine, korallenfarbige Blume, / In Imereti wird sie Sapovnela genannt.“ Neben Herrn Baberowski, über den man in Berlin weiterhin eifrig streitet, nahmen an der Diskussion die Autorin Nino Haratischwili, der Leiter des Goethe Instituts in Georgien Herr Stephan Wackwitz und der Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili teil. Mit der haltbaren These, dass die Aufarbeitung des stalinistischen Verbrechens in Georgien immer noch nicht stattgefunden hat, wechselte man nach einer kurzen Pause wieder in den nächsten Musikakt. Nun spielte die Pianistin Dudana Mazmanischwili Werke von Gija Kantscheli.

Ganz besonders gespannt waren wir auf den Literaturteil des Programms, der aber leider durch die Kürze der Zeit zur größten Enttäuschung des Abends wurde. Unter dem vielversprechenden Titel „Medeas Töchter! Leben bis ein Schuss fällt“ präsentierten drei georgische Autorinnen ihre Texte auf Deutsch. Die Moderatorin Regine Kühn ließ die Schriftstellerinnen nach einer kurzen biografischen Einführung ihre Texte vortragen. Sicherlich hätte das Publikum gerne viel mehr über die Gäste gehört, aber die Zeit drängte und der nächste Musikakt – nun mit der elektronischen Musik aus Georgien – wartete schon auf uns. Das Musikerpaar Tusia Beridze und Nikakoi haben in meiner Teenagerzeit Anfang der 2000er die schönsten elektronischen Beats des Kaukasus produziert und sind aktuell immer noch erfolgreich in der Musikbranche Georgiens tätig.

IMG_1988Nach den leisen und melancholischen Tönen brachten die georgischen Dichter Paata Schamugia, Shalva Bakuradze und Surab Rtweliaschwili mehr Dynamik in den Abend. Sie trugen ihre Gedichte in georgischer Sprache vor, während die deutschen Übersetzungen an die Wand projiziert wurden. Der Dichter Shalva Bakuradze war meine persönliche Entdeckung des Abends. Mit einem besonderen Rhythmus, in der er die Predigten der georgischen orthodoxen Kirche imitierte, beeindruckte er mit einer Poetik, die dem Religiösen folgte und es zugleich von innen heraus dekonstruierte. Surab Rtweliaschwilis Poesie erinnerte mich sehr stark an den österreichischen Dichter Ernst Jandl und seine bekannte Lautgedichte. Ein besonderer Höhepunkt des Abends war Giorgi Kiknadzes Jazztrio. Die Musiker haben den Abend mit wunderbaren Melodien abgeschlossen. Leider haben wir den kulinarischen Teil der Veranstaltung nicht mehr erleben können, da es fast unmöglich war, sich durch die unendliche Schlange durchzukämpfen.

IMG_1993Insgesamt ist die Veranstaltung gelungen, gerade auch durch die wilde Mischung der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler und trotz der knappen Zeit, die für den jeweiligen Programmpunkt vorgesehen war. Wir hatten oft den Eindruck, dass die einzelnen Teile des Programms viel mehr Zeit gebraucht hätten, um den ausgewählten Themen den nötigen Raum bieten zu können. Großes Problem war aber auch gerade anfangs die schlechte Akustik und immer wieder das dadurch bedingte unruhige Publikum.  Die Veranstaltung war dennoch ein wunderbarer erster Vorgeschmack auf den Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 und machte die Gäste noch neugieriger auf das kommende Buchmessenprogramm.

von Irine