Unabhängig, entdeckerfreudig, lesebegeistert: Interview mit dem Guggolz Verlag

Der Guggolz Verlag ist einer der Verlage, die uns am meisten am Herzen liegen, denn mit jeder Neuerscheinung spürt man die Sorgfalt und die Liebe zur Literatur. Erst vor Kurzem durften wir euch Petre M. Andreevskis „Quecke“ vorstellen und freuen uns jedes Mal auf neue Entdeckungen. Wir durften den Gründer und Verleger des Verlages interviewen.

  1. Wer bist du und wofür steht der Guggolz Verlag?

Foto_Guggolz_© Martin WalzIch bin Sebastian Guggolz, Gründer und Verleger des Guggolz Verlags, geboren 1982 am Bodensee, Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Hamburg, anschließend etliche Jahre für Matthes & Seitz Berlin gearbeitet und nebenher frei für andere Verlage. 2014 dann habe ich den Guggolz Verlag gegründet, ein Ein-Mann-Unternehmen, mit dem ich mich der Neu- und Wiederentdeckung vergessener Klassiker aus Ost- und Nordeuropa widme, in erster oder neuer Übersetzung. Ich veröffentliche zwei Bücher pro Saison, also vier im Jahr, in enger Zusammenarbeit mit den Übersetzern, alle Texte werden mit Anmerkungen und Nachworten ausgestattet, um den Lesern leichteren Zugang zu ermöglichen. Ich will diese Regionen, also Nord- und Osteuropa, auf unserer literarischen Landkarte auch literaturhistorisch sichtbar machen, unseren Blick erweitern und schärfen, weil ich überzeugt bin, dass die Gegenwart nur mit ihrer Vorgeschichte verstanden werden kann. Und im schnelllebigen Buchgeschäft wird so schnell vergessen, dass man gar nicht oft genug auf die Vergangenheit verweisen und sie verfügbar machen kann.

  1. Was ist die nächste Neuerscheinung des Verlages?

Im Februar erscheinen die neuen beiden Frühjahrsbücher, der schottische Klassiker »Lied vom Abendrot« von Lewis Grassic Gibbon, eine große Erzählung aus dem Jahr 1932 von einer jungen Frau auf dem schottischen Land, die ihren Weg findet, zwischen Bildungshunger und einer unerschütterlichen Liebe zur schottischen Landschaft, ihrer Heimat. Esther Kinsky hat den von schottischem Dialekt geprägten Roman in eine großartige deutsche Fassung gebracht. Der zweite Titel ist »Humbug und Variationen«, eine Sammlung von Geschichten von Ion Luca Caragiale, dem rumänischen Klassiker der Jahrhundertwende. Caragiale ist 1912 gestorben, war in Auszügen bereits zuvor, vor allem in der DDR, ins Deutsche übersetzt, und galt lange Zeit als unübersetzbar. Jetzt jedoch kann er in dieser neuen, unideologischen Übersetzung von Eva Ruth Wemme wiederentdeckt werden – ein großes Sprach- und Lesevergnügen, ein unvergleichlicher Einblick in die rumänische Gesellschaft um 1900.

  1. Wie kam es zu der Entscheidung, den Guggolz Verlag zu gründen?

Ich selbst hatte das Gefühl, dass mir so viel Kenntnis der europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts fehlt, dass ich mich auf die Suche nach Klassikern der jeweiligen Länder gemacht habe. Dabei wurde schnell klar, dass uns deutschen Lesern so vieles fehlt und dass so vieles vergessen wurde. Und da ich überzeugt war, dass ein kleiner Verlag nur mit einem sehr klar identifizierbaren Profil eine Chance hat, zu überleben, stand auch schnell die Entscheidung fest, das Programm so konzentriert wie möglich aufzubauen. Ich wusste, als Mitarbeiter in anderen Verlagen könnte ich nur Teile meiner Projekte umsetzen und müsste immer Kompromisse eingehen, und das wollte ich nicht. Also blieb nur die Möglichkeit eines eigenen Verlags: So kratzte ich alles Geld zusammen, das ich bekommen konnte, und es kam zur Gründung des eigenen Verlags.

  1. Wenn du Guggolz Verlag in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?

Unabhängig, entdeckerfreudig, lesebegeistert.

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa? Hast du einen „Lieblingsreiseort oder -tipp“ aus dieser Gegend?

Natürlich kann ich alle Bücher aus meinem Verlag empfehlen, falls die noch nicht gelesen wurden. Ansonsten war ich kürzlich in Ljubljana in Slowenien, einem zwar kleinen Land mit aber fantastischer Literatur. Zum Beispiel Lojze Kovačič, Vitomil Zupan, Srečko Kosovel – alle große Autoren, aber viel zu unbekannt hier in Deutschland! Als Empfehlung möchte ich aber einen noch Lebenden erwähnen: Florjan Lipuš. »Seelenruhig« ist in der Übersetzung von Johann Strutz zuletzt bei Jung und Jung erschienen. Ein hochkonzentrierter, stilistisch brillanter slowenischer Autor aus Kärnten, der sich an ein Leben mit Schlägen und Bedrohung aber auch Liebe und Lust erinnert, in einer poetischen, fast hymnischen Sprache. Es wird einem bei der Lektüre schnell klar, warum Peter Handke, der Lipuš auch schon übersetzt hat, sich seit Jahren für diesen besonderen Autor einsetzt.

Neugierig geworden? Hier geht es zu den Büchern des Verlages.

Das Copyright des Fotos liegt bei Martin Walz.

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Zurab Karumidze – „Dagny oder ein Fest der Liebe“

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Zurab Karumidze ist einer der wenigen Autoren in der georgischen Gegenwartsliteratur, der in seinen Texten nicht vor stilistischen und programmatischen Experimenten zurückschreckt, sondern zugleich als erster zeitgenössischer Autor in einer Fremdsprache ein Romanexperiment gewagt hat. Der in englischer Sprache verfasste Roman „Dagny or A Love Feast“ wurde 2011 im georgischen Verlag Siesta veröffentlicht. Die wunderbare Übersetzung ins Deutsche, die dieses Jahr von dem Verleger Stefan Weidle realisiert wurde, folgt der 2013 beim Londoner „Dalkey Archive Press“ gedruckte Fassung. Das Berliner Publikum hatte am 17. Oktober im „Ocelot not just another bookstore“ die Möglichkeit, den Autor live während seiner Lesung zu erleben. Auf die Frage der Moderatorin und Verlegerin Barbara Weidle, warum er die englische Sprache für seine Romansprache gewählt habe, antwortete Karumidze, dass er damit die „Globalisierung von Georgien/von georgischer Literatur“ vorhabe.

Der postmoderne Roman verfolgt in seiner besten Tradition tatsächlich konsequent das Ziel, die georgische Kultur mit den west- und mittel-osteuropäischen Kulturen zu verbinden. Der Roman plädiert dafür, die georgische Kultur als einen Teil der europäischen Kulturtradition zu betrachten. In das georgische kulturelle Gedächtnis vorhandene Mythen, Legenden und Metapher werden in das gesamteuropäische Gedächtnis transportiert. Im Mittelpunkt des Romans stellt Karumidze die norwegische Femme fatale Dagny Juel, die 1901 in Tbilissi von ihrem Geliebten erschossen wurde. Ihr Grab befindet sich ebenfalls in Tbilissi und die Mythen um ihre Zeit in der georgischen Hauptstadt sind im kulturellen Gedächtnis des Landes immer noch vorhanden. Der Autor nimmt Dagnys Reise nach Georgien zum Anlass, um die Welt um die Jahrhundertwende zu zeichnen, die von fließenden Grenzen und Fluiditäten durchdrungen war. Die Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg scheint hier eine besondere zu sein, da diverse literarische Traditionen und kreative Ideen ineinanderfließen konnten. Karumidze verbindet in seinem Text das Gegensätzliche miteinander. Der Roman schafft es, die Figuren in die Handlung zu integrieren und sie dabei in einer gemeinsamen Geschichte zu versammeln, die sich im realen Leben nie wirklich begegnet sind. So treffen wir den bekannten griechisch-armenischen Mystiker und Esoteriker Georges Gurdjieff, den großen georgischen Dichter Wascha Pschawela und sogar den jungen Stalin, der das ganze Treiben der Boheme eher aus der Distanz wahrnimmt:

„Koba, der eines Tages Stalin sein würde, betrachtete den Vorgang von seinem Platz hinter dem Zaun aus, amüsiert von der bourgeoisen Rangelei. Diese Frau muß schon was ganz Besonderes sein! Dachte er.“

Natürlich darf dabei nicht die wichtigste georgische literarische Arbeit „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli fehlen. Die, wie sie im Roman genannt werden, „schamanische Individuen“ versammeln sich um die Muse Dagny und treten so miteinander in Kontakt. So sinniert Pschawela gemeinsam mit Gurdjieff über dieses und jenes und Dagny verzettelt sich immer mehr in den Affären, was letztendlich fatal für sie enden soll.

„Dagny oder ein Fest der Liebe“ ist eine Liebeserklärung an das intellektuelle Treiben am Anfang des 20. Jahrhunderts in Georgien. Ein wahrer Hingucker ist das Buch auch durch die Covergestaltung von Levke Leiß, die durch ihre besondere Technik beeindruckende Buntstiftzeichnungen schafft.

Von Irine

Zurab Karumidze (2017): Dagny oder ein Fest der Liebe. Bonn: Weidle Verlag. Aus dem Englischen von Stefan Weidle.

 

„Als flöge ein kleiner Vogel davon“: Marjana Gaponenko – „Annuschka Blume“

AnnuschkaBlume-ok.inddDie aus Odessa stammende deutschsprachige Autorin Marjana Gaponenko hat mittlerweile ihren dritten Roman mit dem Titel „Das letzte Rennen“ (C. H. Beck Verlag) veröffentlicht und wird im Feuilleton breit besprochen. Diese Buchbesprechung konzentriert sich allerdings auf ihr erstes Romanprojekt „Annuschka Blume“ aus dem Jahr 2010, das im österreichischen Residenz Verlag erschienen ist.

Gaponenko ist mit ihrem Debüt direkt ein besonderes Buch gelungen, das trotz der postmodernen literarischen Tendenzen zur klassischen Tradition des Briefromans zurückkehrt und in dem sich eine mitreißende Liebesgeschichte zwischen Annuschka und Piotr entwickelt. Anna Konstantinowna ist als Lehrerin in der ukrainischen Provinz tätig. Der Journalist Piotr ist die wichtigste Person in ihrem Leben und die Briefe, die sie regelmäßig aus dem fernen Ausland von ihm empfängt, das Elixier ihres Lebens. Piotr hält sich in Bagdad auf und will durch sein Forschungsprojekt „(…) beweisen, dass es keinen Unterschied (…) zwischen Bergen und Steppe“ (gibt). Doch in Wirklichkeit ist es die Poesie, die seine Forschung leitet. Die philosophierenden Gedanken werden im Briefwechsel durch die Zärtlichkeiten abgelöst, die die beiden Liebenden in einer besonders emotionalen Sprache wiedergeben. Piotr träumt von seiner Heimat am Schwarzen Meer und Annuschka erzählt von ihrem Alltag in der Schule und von ihren Nachbarn. Die Briefe zeugen von einer romantischen Sicht auf die Welt, die wiederum nie ins Kitschige oder Konstruierte übergeht:

„Wie Sie wissen, liebe Anna Konstantinowna, heißt die beste Kartoffelsorte unserer Heimat Sineglazka, Blauäuglein. Oder die anderen, hören Sie nur, wie sie klingeln: Adretta, Diamant, Nikita, Udatscha, Glück, Wodopad, Wasserfall, Podsneschnik, Schneeglöckchen! Die Bauern selbst sprechen diese Namen ohne jedes Pathos aus. Sie tun es den besten Dichtern nach, die, um ihren Zauber wohl wissend, beim Vortrag der romantischsten Stelle nicht mit der Wimper zucken. Die Bauern sind (…) Dichter der Erde (…).“

Nicht nur die Bauern, sondern die beiden Briefadressaten beherrschen die Sprache der Poesie auf hohem Niveau und sehen die Welt mit einer Brille, die in den kleinsten Details aus dem Alltag das Existenzielle schöpfen kann. Anna und Piotr sind kein Liebespaar von klassischen Art. Die Gefühle sind es, die ihre Leben bestimmen und das Glück, das auch im Unglück dominieren kann:

„Ob ich unglücklich bin? Auch ein unglücklicher Mensch ist ein glücklicher, allein weil es ihm gegeben ist zu empfinden. (…) Mein lieber Piotr Michailowitsch, ich zweifle, dass es Sie gibt. (…) Heute ist mir jedoch, als wäre ich Sie. Heute komme ich mir einsam vor und doch so erfüllt, als wären wir zu Tausenden da, ein Schmetterlingsschwarm.“

Anna schreibt für Piotr die Aufsätze ihrer Schüler auf und lässt sich von ihm für ihren Unterricht inspirieren. Sie füllen die Leben gegenseitig mit Liebe, Dichtung, Fantasie und Sinn. Sie kommen sich zwar nie körperlich nah, sind aber zugleich sehr eng miteinander verbunden. Sie tauschen ihre Träume aus, denken über die Vergangenheit und Zukunft nach und geben einander die Kraft zum Leben. Eine besondere Lektüre während der winterlichen Tage, die den Blick von LeserInnen für das Besondere im Unscheinbaren schärfen will.

 
von Irine

Marjana Gaponenko (2010): Annuschka Blume. Salzburg/Wien: Residenz Verlag. 

 

Wahrheit, Leben, Gefühle: Interview mit Susanne Schenzle von Ink Press

20171011_162955„Für Ink Press ist es wichtig, in steter Berührung mit den Künsten zu sein. Dies wird Bücher hervorbringen, die die Zeit überdauern, da es in der Kunst, die sie in sich tragen, um alles geht.“

Im August durften wir euch bereits den
albanischen Titel „Hana“ von Elvira Dones vorstellen. Wir freuen uns, euch auch den Kopf hinter Ink Press vorzustellen: Susanne Schenzle ist die Verlegerin dieses spannenden Verlages aus der Schweiz, den wir euch wärmstens empfehlen möchten.

  1. Wer bist du und wofür steht Ink Press?

Durch meine Buchhändlerlehre in einer Buchhandlung in einer Kleinstadt in der Schweiz und deren Buchhändler bin ich in Berührung mit Gilles Deleuze, Thomas Bernhard, Guntram Vesper und weiterer mich sehr prägender Lektüre gekommen. Die Buchhandlung war ein Begegnungsort mitten in der Stadt, daneben ein großer Platz vor der Kirche. Die Menschen haben gekauft, gelesen und sind wieder gekommen, um über ihre Lektüre zu sprechen. Für mich war es das Paradies, auch habe ich da viele Autorinnen und Autoren aus der Schweiz lesen gelernt, wie Ruth Schweikert, Hansjörg Schneider, Ernst Halter, Matthias Zschokke. Danach bin ich, mit Stationen dazwischen, über ein Volontariat beim Ammann Verlag in die Verlagswelt eingetreten und war in Kürze durch und durch von der Verlegerei angefixt. Noch während meiner letzten Zeit bei Ammann habe ich zusammen mit Christian Ruzicska Secession aus der Taufe gehoben und nach dem Ausstieg Ende Dezember 2014 in Zürich Ink Press gegründet.

Ink Press ist ein Raum für Künstlerinnen und Künstler und ihre Publikationen, eine Möglichkeit, mit Haut und Haaren an die Öffentlichkeit zu treten, pur und klar, ohne Schnörkel und Bandagen.

  1. Was ist die nächste Neuerscheinung des Verlages?

Gerade eben ist die deutsche Erstausgabe von Kerana Angelovas Debütroman Elada Pinjo und die Zeit bei Ink Press erschienen. Das ist die Nummer 4 in der Bulgarischen Reihe. Kerana Angelova ist die erste Autorin aus Bulgarien im Programm von Ink Press. Ihr Debütroman wurde dort vielfach ausgezeichnet.

Die Übersetzerin schreibt darüber im Nachwort:

Der Roman stellt die schillernde Komplexität des Lebens als Bewegung mit und in den Sprachen dar. Er behandelt die Frage der Freiheit in einer Welt, in der ein Groβteil der Eltern ihren Kindern anstelle des Gefühls von Heimat das Gefühl von verlorener Heimat weitergeben muss. Er erörtert, wer die „Mütter“ und „Väter“ dieser Freiheit sind, was Kultur bedeutet, was Muttersprache und Vaterland noch sein können und wie die Kinder der Migration, die wir alle sind, zu einer Subjektivität gelangen, mit der wir vollwertig leben können. In allen seinen Facetten schlägt Elada Pinjo und die Zeit einen Begriff von Sprache und Mehrsprachigkeit vor, der bedeutsam ist.

  1. Wie kam es zu der Entscheidung, Ink Press zu gründen?

In Zürich habe ich Viktoria Dimitrova Popova kennengelernt – eine Übersetzerin, die so von Mehrsprachigkeit spricht, wie ich es noch nie gehört habe –, und sie hat mir von Kalin Terzijskis Roman Alkohol erzählt. In dieser Zeit war ich eine leidenschaftliche Leserin von Karl Ove Knausgård, die ich auch nach wie vor bin, weil ich in allen Texten, die ich lese, Wahrheit finden will.

Ich war sofort begeistert, vom Autor angetan und habe realisiert, dass hier jemand universell über sein Leben schreibt, so, dass es berührt und polarisiert, das ist das, was mich interessiert. Lesen bedeutet für mich, dazu angeregt zu werden, über alles Wichtige im Leben nachzudenken. Auch geht es mir darum, Büchern eine Lebenszeit zu ermöglichen, eine nachhaltige, sprich, als Verlegerin war mir klar, dass ich, wenn ich Literatur aus Bulgarien auf Deutsch in einem Verlag publiziere, dies in einer Reihe tun werde, damit jeder Band ein Teil des Ganzen wird. Durch das Kennenlernen der Literatur von Kalin Terzijski und anderer Autorinnen und Autoren aus Bulgarien wuchs in mir der Impuls INK PRESS zu gründen, um diese Art von Literatur auf Deutsch zu publizieren und Werke, die mir seit ich lese, zeitlos und wichtig erscheinen.

  1. Wenn du Ink Press in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?

Wahrheit, Leben, Gefühle

  1. Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa? Hast du einen „Lieblingsreiseort oder -tipp“ aus dieser Gegend?

Magda Szabós Roman Die Elemente ist eines der Bücher, welches es mir am meisten angetan hat. Es ist in einer neuen Übersetzung bei Secession erschienen und nach wie vor lieferbar. Die Autorin hat ein grosses Werk hinterlassen und ist eine der meistgelesenen Schreibenden aus Ungarn. Eine Familiengeschichte. Gertrud Lehnert im Deutschlandfunk über Die Elemente:

Der Roman zeichnet ein außerordentlich beeindruckendes und teilweise beklemmendes Psychogramm sehr unterschiedlicher Menschen, die es gut meinen und dennoch aneinander scheitern. Denn sie können sich nicht verständigen; jede ist in ihrer eigenen Wahrnehmung gefangen. Und so läuft alles, was sie einander Gutes tun wollen, hoffnungslos ins Leere oder schlägt in sein Gegenteil um.

Ich empfehle allen ans Schwarze Meer zu reisen, zum Beispiel in die Stadt Burgas in Bulgarien. Dort gibt es einen Meeresgarten, in dem man Tage lesend verbringen und immer wieder in die Wellen hüpfen kann. Was brauchen Lesende mehr neben guter Lektüre: Eine Bank zum Lesen unter schönsten Bäumen, das Meer und ein traumhaftes Wetter! Kerana Angelovas Prosa ist gespickt davon.

Salome Benidze: „Die Stadt auf dem Wasser“

Benidze_Titelbild2_Abendkleid-Titelseite-gr.kurz & kritisch

Das Buch „Die Stadt auf dem Wasser“ der jungen georgischen Autorin Salome Benidze kann sowohl als ein Roman als auch als eine Geschichtensammlung gelesen werden. Der Berliner AvivA Verlag, zu dessen Programm es gehört, den Frauen aus allen Künsten eine Stimme zu geben, veröffentlichte zur Vorbereitung zum Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 die deutsche Übersetzung des Buches. Salome Benidzes Prosa liegt programmatisch die feministische Perspektive zugrunde. Die Autorin versucht sich mit ihrem Debüt in die neue Welle – hier kann exemplarisch der Text „Abzählen“ von Tamta Melaschwili genannt werden – der georgischen feministischen Literatur einzuschreiben und scheitert dabei.

Im Mittelpunkt der Geschichten, die dieses schmale Buch mit wunderbaren Illustrationen von Tatia Nadareischwili versammelt, stehen sieben Frauen. Lydia, Ilaria, Helena u.a. ähneln sich auf den ersten Blick nicht wirklich, doch die Gefühlswelten sind es, die diese Frauen miteinander verbinden. Ihre Sehnsüchte, Träume, romantischen Vorstellungen und feste Ziele bestimmen die Lebensläufe der Figuren. Und es ist zuletzt das Wasser, das die Schicksale dieser Frauen in unterschiedlicher Art und Weise beeinflusst.

Wir lernen Helena kennen, die in das Familiengeschäft eingestiegen ist und die Bäckerei und das Cafè „Der rote Krake“ gemeinsam mit ihrer Tante Adela betreibt. Sie färbt sich abends die Lippen mit Berberitzen und träumt davon, aus ihnen ein besonderes Getränk zu erfinden. Ilaria wiederum kommt in die fremde Stadt als Baby in einem Boot und wird von einem Schwimmer gefunden. Und wir lesen die Geschichte von Maria, die direkt am Meer in ärmsten Verhältnissen in einer Hütte leben muss und sich eines Tages in Johannes verliebt. Doch die Liebe hält nicht lang.

Salome Benidze zeichnet Figuren mit meist tragischen Schicksalen, die man aber wegen der „übersüßten“ Sprache, die durch romantische Metaphern, Vergleiche und Bilder zusammengesetzt ist, nicht wirklich ernst nehmen kann. Jede Figur duftet hier entweder nach Orangenblüten, Pfirsichen, Mandeln oder Berberitzen. Das überzeichnete Ausschmücken der Figuren, deren Gefühlswelten und deren Träume hinterlassen den Eindruck, dass die Autorin sich hinter dieser Phantastik, dem Märchenhaften und letztendlich der Leere versteckt. Nach jedem Satz bekommt man immer stärkeren süßen Geschmack im Mund und will nach dem Beenden des Buches gleich einen starken schwarzen Tee hinterhertrinken.

Im Roman von Benidze werden Schneeflocken gezählt, die Flüsse weinen und die Vögel bringen Blumen mit, „die auf den Vulkanplateaus in Island wachsen.“ Das Universum duftet hier wie die „Sonnenblumen in der Mittagshitze“. Wir werden beim Lesen von Lilienknospen und Weinblättern umgeben und müssen zwischendurch immer kurz innehalten, um nicht von diesen betäubenden Düften ersticken zu müssen.

von Irine

Salome Benidze (2017): Die Stadt auf dem Wasser. Berlin: AvivA Verlag. Aus dem Georgischen von Iunona Guruli.

 

Literaturauslese

Immer wieder stoßen wir auf spannende Titel, deren Handlung sich im osteuropäischen Raum abspielt, deren Autorinnen und Autoren aber nicht aus diesem stammen. Natürlich möchten wir euch auch hier einen Einblick in die vielfältigen Erscheinungen geben und freuen uns, euch mit unserer ersten Literaturauslese einige Romane zu präsentieren, die uns in den letzten Monaten begleitet haben:

cover-9783957573636Aus dem wunderbaren Berliner Verlag Matthes & Seitz stammt das Buch „Ein russischer Roman“ des bekannten französischen Schriftstellers Emmanuel Carrère. Der Autor geht in seinem Roman seiner Familiengeschichte mütterlicherseits nach und landet bei seinem Großvater, der 1898 in Tbilissi, Georgien geboren wurde. Georges Zurabischwili verschwand allerdings 1944 spurlos in Frankreich. Die fünfzehnjährige Mutter des Autors wuchs danach ohne ihren Vater auf und diese Tragödie wurde in ihrer späteren Familie zum Tabuthema erklärt. Eben dieses Schweigen will Carrère mit diesem Romanprojekt brechen, indem er sich der eigenen Familiengeschichte stellt, die russische Sprache lernt und in die tiefste Provinz Russlands reist. Kotelnitsch heißt der Ort, der dem Autor den Schlüssel zu den Geheimnissen der Familie geben soll: „Kotelnitsch ist für mich der Ort, an dem man sich aufhält, wenn man verschwunden ist.“ Mit Grammatikübungen, Tschechow und Lermontow entdeckt er den Draht zur russischen Sprache wieder, die er als Kind in der Familie hörte und selbst auch sprach. Die Liebesgeschichte zwischen dem Autor und Sophie zieht durch das ganze Buch und führt den Lesern andererseits die Komplexität der Beziehungen auf eine besondere Weise vor Augen.

41YaurGR--LEine dunkle Burg inmitten der wilden Karpathen ist das Setting des Romans „Karpathia“ (Frankfurter Verlagsanstalt) des französischen Schriftstellers Mathias Menegoz. 1833 reist der ungarische Graf Alexander Korvanyi mit seiner jungen Frau Cara von Österreich nach Transilvanien, um am Rand des habsburgischen Reichs das Lehnsgut seiner Familie zu verwalten und wiederzubeleben. Doch die beiden erwartet alles andere als Willkommensgrüße. Das Verhältnis zu den ansässigen Magyaren, Walachen und Sachsen ist schwierig, das prächtige Anwesen ist mittlerweile verfallen und dem Paar schlägt von Anfang an ein großes Misstrauen entgegen. Als dann auch noch ein Junge aus dem Lager der umher reisenden Zigeuner (sic!) verschwindet, nimmt das Unheil seinen Lauf …
Spannungsgeladen und atmosphärisch entführt uns Menegoz` Debütroman „Karpathia“ in die mittelalterliche Welt Transilvaniens. Schon das Cover verspricht genau die düstere Stimmung, die die Leser erwarten können. Für uns definitiv ein Jahreshighlight und sehr zu empfehlen!

41EPUvQK2WL.jpgJulian Barnes ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren und hat mit seinem neuesten Roman „Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer & Witsch) einen Roman veröffentlicht, der die Leser mitten in die Dreißiger Jahre bis hin in die Zeit des Kalten Krieges wirft. Dreh- und Angelpunkt ist der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch, dessen Biografie für den Roman künstlerisch bearbeitet wurde. Nachdem dessen Uraufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu einem Skandal führt – Stalin verlässt vorzeitig das Theater und das Stück landet auf dem Index – wartet Schostakowitsch jeden Tag auf seine Verhaftung, zum Glück vergeblich, denn seine Musik soll noch bis in die 70er-Jahre der westlichen Welt die sowjetische Kunst näher bringen. „Der Lärm der Zeit“ behandelt die Frage nach der Kunst in der Politik. Wie weit darf die Kunst gehen? Wie weit darf sie sich beeinflussen lassen? Leider wird die Handlung um Schostakowitsch schnell „aberzählt“, die Figuren erscheinen blass und wirklicher Spaß am Lesen kommt nicht auf.  Trotz der wenigen Seiten (256, um genau zu sein) zieht sich das Buch doch ziemlich. Schade!

51bDXr0pQ9LSchauplatz des Romans „Ein Gentleman in Moskau“ von Amor Towles (List) ist das berühmte 5 Sterne-Hotel Metropol direkt am Platz des Geschehens der russischen Hauptstadt. Hier spielt sich das komplette Leben des einstigen Lebemanns Graf Rostov ab, nachdem dieser aufgrund eines reißerischen Gedichtes 1922 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt wird. Über 30 Jahre verbringt der sympathische und liebenswerte Rostov in einem Hinterzimmer im sechsten Stock und wird zur Seele des Hauses. Als Hilfskellner und Vertrauter einiger wichtiger Persönlichkeiten prägt er das Leben seiner Mitmenschen und das, obwohl ihm das Russland vor der Tür verwehrt bleibt. „Ein Gentleman in Moskau“ ist ein Schatz! Towles entwirft eine kleine Welt im Hotel Metropol, die den Leser zwar ebenfalls einschränkt, gleichzeitig aber so viele interessante Charaktere und Wendungen präsentiert, dass man die Räumlichkeiten rund um das Restaurant „Piazza“ oder „Bojarski“, die Näherei Marinas oder den Barbierraum nicht mehr verlassen möchte. Daumen hoch für dieses großartige Buch, das man nicht mehr aus den Händen legen möchte!

von Annika & Irine

Kat Kaufmann: „Die Nacht ist laut. Der Tag ist finster“

9783455001051„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“, so lautet der Titel des zweiten Romans von Kat Kaufmann. Erschienen ist er bei Hoffmann und Campe Verlag/TEMPO Bücher in diesem Frühjahr. Mit ihrem Erstlingswerk „Superposition“ hat Kaufmann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt gewonnen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist Kaufmann gleichzeitig auch Jazzsängerin-Schrägstich- Komponistin-Schrägstrich-Fotografin. Wer Kat Kaufmann und ihr Werk bisher nicht kannte, wird spätestens bei der Information, dass sie den Umschlag selbst gestaltete, neugierig gemacht (an dieser Stelle ein großes Lob an den Verlag für das Vertrauen in die Autorin und die künstlerische Freiheit!). Es scheint hier alles zu stimmen – eine dynamische, unkonventionelle Road Novel, erzählt von einer hippen Berlinerin mit einer überaus interessanten Bio. Es verwundert auch nicht, dass Kaufmann mit ihren beiden Büchern mediale Aufmerksamkeit erregt hat, indem sie neben Lob, auch Kritik geerntet hat.

Während „Superposition“ (2015) viele autobiographische Züge nachgesagt werden, begibt sich Kaufmann in diesem Buch teilweise in neue Gebiete. Hier behandelt Kaufmann Sujets wie Familienverhältnisse, Liebe und die aktuelle politische Situation. Daneben gibt es aber auch wiederkehrende Orten wie Berlin und Moskau, und wiederkehrende Motive wie der Bezug zum Judentum, zur Musik oder zum exzessiven Nachtleben. Das thematische Spektrum ist auf 272 Seiten in eine relativ herbe Sprache verpackt, die für manchen bis zum letzten Satz gewöhnungsbedürftig bleibt.

Der Protagonist, Jonas, ist ein Berliner Twen, der sich nach Moskau aufmacht, nachdem er eine geheimnisvolle Nachricht von seinem verstorbenen Opa Ernst erhält: „Finde diesen Mann! Valerij Butzukin.“ Jonas zögert nicht lange. Genervt und gelangweilt von dem grauen Muff seines Elternhauses, entscheidet er sich, dem Aufruf des geliebten Großvaters zu folgen. Jonas ist bereit, sein ganzes Leben umzukrempeln. Denn die Reise führt für ihn nicht einfach nur nach Moskau, sie soll ihn direkt zu den Antworten führen, die seine eigene Vergangenheit entschlüsseln. Begleitet wird er von Stas und Juri, zwei dubiosen Gestalten, die er in einer Berliner Kneipe kennenlernt. Die beiden verfügen über die notwendigen Kontakte zu Kriminellen und ermöglichen Jonas so die illegale Einreise nach Russland. Zusammen mit seiner Entourage gerät Jonas in mehrere gefährliche Situationen und ist schließlich in einen Mordkomplott gegen den Mafioso Krokodil verwickelt. Die ganze Geschichte ist eingebettet in den Kalten Krieg 2.0 zwischen Ameropa und Russasia, was dem Leser in Form einer laufenden Pressemitteilung am unteren Seitenrand mitgeteilt wird.

Ausgehend vom Klappentext, könnte man das Buch als eine Road Novel mit einer Prise philosophischer Überlegungen einordnen. Die erzählte Welt wird von Kaufmann auf unterschiedliche Art und Weise eingeleitet – besonders hervorstechend ist in diesem Kontext die sehr gewöhnungsbedürftige 2. Person, in der die Geschichte zu einem großen Teil erzählt wird. Hieraus entwickelt sich unwiderruflich ein eigenartiges Gefühl der Entfremdung zwischen dem Erzähler und dem Hauptcharakter, der dadurch wie seine Marionette wirkt. Hier eine kleine Kostprobe:

„Du versuchtest, die Worte auszusprechen, gibst sie in den Browser ein. Du siehst dir Tutorials an und lädst die Audiodateien der Aussprachen. Du blätterst weiter, findest Cafés und Restaurants, Empfehlungen von Ausstellungsräumen. Aber du willst ja nicht hinfahren, um Lokale zu testen oder sinnierend durch Ausstellungen zu flanieren. Du kannst das alles jederzeit abbrechen.“

9783455405347Die Erzählung wird durch viele Rückblenden eines allwissenden Erzählers und durch dialogische Einschübe unterbrochen (auch graphisch gekennzeichnet). Aus diesen erfährt der Leser Näheres über die Gefühlswelten von Jonas und den anderen Figuren, was die sonst etwas platt gestrickten Charaktere mehrdimensional erscheinen lässt. Durch diese Verflechtung von Erzählsträngen gelingt es Kaufmann schließlich auch, einem Überraschungsmoment zu erzeugen, es ist das Highlight im Plot, und man darf dieses ruhig auch von einer Road Novel erwarten.

Die TEMPO-Bücher, wie man beim Verleger nachlesen kann, sollen „neue, unkonventionelle literarische Stimmen umfassen.“ Ohne jeden Zweifel erfüllt Kaufmanns Buch beide Versprechen, denn neu und unkonventionell ist es auf jeden Fall. Somit ist eigentlich auch schon klar, wer das Zielpublikum sein soll: „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ spricht all jene an, die an neuen Formen der literarischen Schöpfung einer postmodernen und schnelllebigen Welt interessiert sind.

Der Klappentext bewirbt das Buch als „rasant erzählte Road Novel über Leben und Tod, Schein und Wahrheit – und dem Wahnsinn dazwischen“. Kaufmanns Erzählstil ist auf jeden Fall rasant. Dies kann mit der Zeit – subjektiv betrachtend – auch anstrengend sein. Was bleibt jedoch von dem Wunsch, von Leben und Tod und gleichzeitig noch von den Sphären des Scheins, der Wahrheit und dem Dazwischen zu erzählen? Irgendwie scheint es, als würde der Roman mit all seiner Geschwindigkeit nur die Oberfläche dieser Themen überfliegen. Philosophische Fragen werden nur dezent angerissen, an keiner Stelle wird der Tiefgang gewagt. Vielleicht ist hier aber schon zu viel verlangt. Es wäre mit Sicherheit ein Gewinn, wenn Kaufmann sich etwas weniger auf sprachlich-experimentelle Rasanz und mehr auf gutes Geschichtenerzählen konzentrieren würde.

von Karolina

Kat Kaufmann (2017): Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Hamburg: TEMPO Bücher / Hoffmann und Campe Verlag.