Interview mit Petya Lund, Verlegerin des eta Verlages

Den 2016 gegründeten eta Verlag, der sich darauf spezialisiert hat, bulgarische Literatur in Deutschland zu veröffentlichen, haben wir euch ja bereits etwas näher vorgestellt. Nun durften wir Petya Lund, der Verlegerin, ein paar Fragen stellen und freuen uns, noch mehr über den spannenden Verlag und die Neuerscheinungen zu erfahren!

Petya_01-600x600Wer bist du und wofür steht der eta Verlag?
Mein Name ist Petya Lund, komme aus Bulgarien und lebe schon seit 15 Jahren in Deutschland – 4 davon in Berlin. Ich habe Medienwissenschaften und Slawistik in Köln studiert, wo ich meine Leidenschaft für das Übersetzen entdeckte. Später wurde ich auch als Dolmetscherin tätig, unter anderem für bulgarische Autoren bei der Leipziger Buchmesse. Dort habe ich einerseits einige Autoren kennengelernt, aber auch die Lücke für zeitgenössische Literatur aus Bulgarien entdeckt. So kam die Gründung des eta Verlages, der für junge bulgarische Literatur steht und sich als eine Brücke versteht, die dem deutschsprachigen Publikum die Möglichkeit bieten möchte, diese ziemlich unbekannte Kultur näher zu kommen.

Was ist die nächste Neuerscheinung des Verlages?
Als nächstes werden zwei Bücher erscheinen: eine Anthologie mit Kurzgeschichten von 17 Autoren mit dem Namen „Ein fremder Freund“, übersetzt von Elvira Bormann-Nassonowa, Gabi Tiemann und Andreas Tretner, der auch das Vorwort zum Buch geschrieben hat. Die Autoren sind diejenigen, die die bulgarische Literaturszene in den letzten 20 Jahren bewegen und prägen. Dieses Buch war aufgrund der Anzahl der Autoren, Übersetzer, Lektoren usw. ein doch ziemlich komplexes Projekt, das schon länger als ein Jahr in der Entstehung ist. Ich bin sehr gespannt, wie es ankommen wird.

Autoren des Projekts: Elena Alexieva / Yordanka Beleva / Silvia Choleva / Peter Denchev / Kristin Dimitrova / Dejan Enev / Vassil Georgiev / Georgi Gospodinov / Angel Igov / Mirela Ivanova / Zachary Karabaschliev / Alek Popov / Todora Radeva / Alexander Špatov / Todor P. Todorov /Silvia Tomova / Emanuil A. Vidinski

Das zweite Buch für den Herbst, und insgesamt das vierte des eta Verlages, ist auch ein äußerst spezielles: es handelt sich dabei um ein zweisprachiges Lyrikband von Georgi Gospodinov. Das Buch heißt „Lapidarium“ und wurde das erste Mal vor 25 Jahren in Bulgarien herausgegeben. Das besondere dabei ist, dass es mehr oder weniger ein Kunstprojekt ist, bei dem die übersetzten Gedichte (Übersetzer Henrike Schmidt, Alexander Sitzmann und Valeria Jäger) von der Künstlerin Gabi Bergmann visuell interpretiert und umgesetzt werden. Das Buch ist wahnsinnig schön und ich freue mich riesig darauf!

Wenn du den eta Verlag in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?
Kulturvermittlung, Qualitätsanspruch, Neugier

Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa?
Neben zahlreiche Autoren aus Bulgarien, empfehle ich folgende Autoren, die ich in diesem Sommer gelesen habe: Edo Popović, Dana Todorović, Narine Abgaryan, Dubravka Ugresic usw.

Hast du einen Geheimtipp für Bulgarien, ein verstecktes „Must-See/- Do?
Auf jeden Fall die Rodopen! Das ist ein magisches Gebirge, in dem man sich nicht nicht verlieben kann. Und generell empfehle ich die Natur und die kleineren Orte in Bulgarien, wo man das echte, authentische Leben im Land noch miterleben kann, so wie es auch vor 100 Jahren war. 

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Die bulgarische Dystopie: „Die Farben des Grauens“ von Jordan Iwantschew

Rot wie Blut und schwarz wie die Nacht: In „Die Farben des Grauens“ (Dittrich Verlag) entwirft der bulgarische Autor Jordan Iwantschew eine dystopische Zukunftsversion Bulgariens, das nach einer schweren Wirtschaftskrise und Unruhen nicht mehr existiert. Sofia, 2002: Die verbliebenen Einwohner kämpfen zwischen Trümmern um ihr Überleben. Die Nahrungsmittel sind knapp und durch die Blockaden in den Vororten ist die Verbindung zu den Bauernhöfen der Dörfer gekappt. Auch der einstige Philosophieprofessor Vesselinow, sein Sohn Christo und der Ex-Fußballer Nedew wollen diesen Albtraum verlassen und wagen die Flucht Richtung gut bewachter Grenze, denn der Westen hat sich zwar abgeschottet, doch ihre Hoffnung auf Freiheit ist größer als die Angst. Ihr Weg wird zum Martyrium, an deren Ende das Leben oder der Tod steht.

Iwantschew schafft in seiner Dystopie eine Welt voller Schrecken und Leid. Die Menschen haben alles verloren und sind bereit, alles zu tun, um nicht zu verhungern. Der Westen hat sich angewandt, während auch in der Ukraine, Ungarn und Polen die gesellschaftlichen Werte zusammenbrechen. In seinen Schilderungen der Begegnungen und Kämpfe des Romans steht Iwantschew auf einer Stufe mit den bekannteren Werken anderer Scifi-Autoren. Wirklich überraschend sind die Situationen daher nicht und es ist schade, dass nicht näher auf die politische und gesellschaftliche Geschichte Bulgariens eingegangen wird. Hier hätte es sicher viel Potenzial gegeben, um aus dem knapp 180 Seiten umfassenden Buch eine realistischere und nachvollziehbarere Erzählung zu bauen, die sich nicht gleich wieder mit anderen ähnlichen Romanen vergleicht und sprachlich besser heraussticht. Gerade durch das abgeschlossene Philosophiestudium des Autors hätte es sicher noch einige spannende Ansätze gegeben. „Die Farben des Grauens“ verliert aus den genannten Gründen leider schnell wieder an Fahrt, nachdem das Buch gelesen wurde, ist jedoch für Dystopiefreunde sicher ein Lesevergnügen.

 

  • Taschenbuch: 150 Seiten, 16,80 € (D)
  • Verlag: Dittrich, Berlin; Auflage: 1 (7. Oktober 2011)
  • Übersetzung: Barbara Beyer
  • ISBN-13: 978-3937717579

Annika

 

Bulgarische zeitgenössische Literatur: der eta Verlag

Der erst 2016 von der aus Bulgarien stammenden Medienwissenschaftlerin und Übersetzerin Petya Lund gegründete eta Verlag hat es sich zum Ziel gemacht, zeitgenössische bulgarische Literatur auch im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen.

Mit Ivan Landzhevs „Wir Mansardenmenschen“ und Emanuil A. Vidinskis „Par Avon“ sind bisher zwei Gedichtbände erschienen, die zeigen, wie viel Leidenschaft und Liebe zum Detail hinter der Arbeit des Verlagsteams steckt. In hochwertiger Aufmachung inklusive passender Lesezeichen sind die beiden Bücher nicht nur äußerlich ein Hingucker, sondern überzeugen auch durch das lyrische Können der beiden Künstler und tragen sowohl das bulgarische Original als auch die deutsche Übersetzung. Obwohl ich mit Gedichten bisher eher die tristen Schullektüren verbunden habe, ist meine Freude groß, dass ich die Lyrik mit bulgarischen Texten neu für mich entdecken konnte und nun empfehlen kann!

Dass Emanuil A. Vidinski neben seiner Schriftstellerkarriere auch Musiker ist, merkt man seinen Gedichten in „Par Avion“ an. Songtextartig verarbeitet er die großen emotionalen Themen der Menschheit und schreibt so z.B. von der unerfüllten Liebe, von Vergänglichkeit, Einsamkeit und dem Verlust der geliebten Mutter. Besonders berührt hat mich der geschilderte „kleine Tod“, der immer dann auftritt, wenn man sich nicht mehr an den Geruch der oder des einstigen Geliebten erinnern kann. Beeindruckt war ich neben den vielen gefühlvollen Gedanken allerdings von einem ganz bestimmten Gedicht, dass durch seine Andersartigkeit sofort ins Auge fällt und sich mit der Heimat des Lyrikers auseinander setzt:

„Der Balkan
ist der Balkon Europas
manchmal treten
die Europäer hinaus
um sich ein wenig am Anblick zu erfreuen
bevor sie wieder
in ihre gemütlichen
Stuben hineintreten“

Im Gegensatz zu dem eher nach innen gekehrten „Par Avion“ ist Ivan Landzhevs „Wir Mansardenmenschen“ ein Konstrukt aus drei Teilen („Gewölbe“, „Inneneinrichtung“ und „Schrägen“) und experimenteller. Passend zu den Überschriften handeln die Gedichte von Räumlichkeiten, die physisch und psychisch die von Menschen geschaffenen Erinnerungen, Taten und Gedanken in sich tragen. Landzehvs Texte erschienen mir konstruierter und schwieriger zu fassen. Schwarzen Humor beweist der Künstler, wenn er von einem Brand in einem Orchester dichtet und dann wiederum wieder sehr viel poetische Kraft, wenn er vom „Das-der-Tat-vorausgeht“ schreibt, dem ständigen Begleiter aller Handlungen.

Wir freuen uns sehr, dass der eta Verlag den bulgarischen Autorinnen und Autoren ein „deutsches Zuhause“ gibt und sind gespannt auf die weiteren Neuerscheinungen. Ihr wollt den Verlag unterstützen? Dann nichts wie los und ab mit den Büchern in den Warenkorb!

Annika