Kinder- und Märchenbücher aus Georgien und Polen

Kinder- und Märchenbücher aus Georgien: Schlaf gut (ძილი ნებისა) & Der König, der nicht lachen konnte – Märchen aus Georgien

csm_Nadareischwili_Schlafgut_Cover_02_4695cb9266Das zweisprachige Kinderbuch „Schlaf gut“ (Baobab Books) von der georgischen Autorin und Illustratorin Tatia Nadareischwili ist eine besondere Ausgabe in vielerlei Hinsicht. Der Autorin, die für die LeserInnen von Read Ost bereits durch ihre Illustrationen für das Buch „Die Stadt auf dem Wasser“ (AvivA Verlag) von Salome Benidze bekannt ist, gelingt hier eine faszinierende Geschichte um einen Jungen, der nicht schlafen kann und sich auf eine Reise in die vielfältige Welt der Tiere begibt, um die Schlafgewohnheiten von Giraffen, vom Faultier oder von Pottwalen auszuprobieren. Wir begegnen dem Jungen im Karopyjama als er Fledermäuse beim Schlafen nachzumachen wagt und von einem Ast kopfüber hängt; Oder wie die Enten, so auch er, auf dem Wasser stets mit einem Auge offen zu schlafen versucht.

Mit wenig Text und wunderbaren Zeichnungen, die durch den universellen Humor, der sowohl für die Kleinsten unter uns als auch für Erwachsene funktioniert, schafft Tatia Nadareischwili eine Erzählung, die durch Liebe, Freundschaft und der einzigartigen Symbiose zwischen Mensch und Tier durchdrungen ist. Mit den eher dezent gehaltenen Farben schafft sie durch ihre Bilder eine Atmosphäre der Ruhe und Zuneigung, die nicht nur den Kindern gut tut. Die Idee zu diesem Buch entstand dann, als die Autorin diverse Aufnahmen schlafender Pottwale gesehen hat.

Die Ausgabe dieses zweisprachigen Bilderbuches (aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld) wurde teils durch Spenden finanziert und im wunderbaren Baobab Books (Fachstelle zur Förderung kultureller Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur) aus Basel herausgebracht, der sich in seinem Programm auf Kindergeschichten, Bilderbüchern und Jugendromanen aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Ozeanien und dem Nahen Osten konzentriert. Eine ausdrückliche Empfehlung für jede Familie mit Kindern!

 


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„Der König, der nicht lachen konnte“ (NordSüd Verlag) versammelt zweiundzwanzig georgische Volksmärchen, die von verschiedenen Illustratoren aus Georgien mit Zeichnungen versehen wurden. Diese aufwändige Arbeit wurde zum größten Teil von Otar Karalaschwili, dem Leiter des Buchkunstzentrums in Tbilissi geleistet. Er schuf für diese faszinierende Ausgabe nicht nur Zeichnungen, sondern hat außerdem einige Märchen wunderbar ins Deutsche übertragen. Der Züricher Verlag hat erfreulicherweise in einem hochqualitativen Ausgabe diese Märchen nun publiziert (Aus dem Georgischen von Heinz Fähnrich, Otar Karalaschwili und Sebastian Minkner).

Die Märchensammlung wird mit einem Märchen namens „Halbhuhn“ (geo: „ნახევარქათამა“) eröffnet. Die Zeichnung stammt von Tatia Nadareischwili. Das Halbhuhn verschlingt alles um sich herum und rettet sich letztendlich vor dem König, indem es das kürzlich verschluckte Meer aus seinem Bauch fließen lässt und den König mit seinem Gefolge ertränkt. Die georgischen Volksmärchen verarbeiten oft harte Stoffe und gehen teilweise an die Grenze des Brutalen. Sie drehen sich um Könige, Waisen, Füchse und andere Tiere. Besonders hervorzuheben sind die Märchen, die kurz und knackig humorvolle, abenteuerliche und schicksalhafte Geschichten erzählen, wie z. B. „Die Mücke und das Blatt“ (Illustriert von Mai Laschauri).

Dieser einzigartige Band versammelt Märchen, die für jedes Kind in Georgien ein wichtiger Teil der Kindheitslektüre sind, wie „Nazarkekia“ (Aschenscharrer), der sogar die Riesen durch seine List und Tücke bändigen kann, „Zikara“,  „Chutkuntschula“ (eine abenteuerliche Geschichte mit neun Brüdern, die eines Tages aufbrechen, um eine passende Arbeit zu finden). Chutkuntschula ist der jüngste Bruder, der den bösen Riesen letztendlich einen Streich spielt.

Die titelgebende Geschichte „Der König, der nicht lachen konnte“ folgt dem klassischen Muster des georgischen Volksmärchens. Der König, der tatsächlich nicht lachen kann, schickt seine drei Söhne mit einer schweren Aufgabe fort. Nur der Jüngste ist der Herausforderungen letztendlich gewachsen und löst alle möglichen Rätsel, tötet den widerlichen Dew und befreit seine Mutter. So kann der König endlich wieder lachen. Beeindruckend illustriert Otar Karalashwili das Märchen „Sismara“. Sismara – der Träumer – ist ein Waisenjunge, der immer wundersame Träume sieht und mit der bösen Stiefmutter zu kämpfen hat:

„Ich träumte, dass ich mit einem Bein auf dem Anfang und mit dem anderen auf dem Ende von Bagdad stand. Zur Rechten saß mir die Sonne, zur Linken der Mond, und der strahlende Morgenstern badete mein Gesicht.“

Als alle um ihn herum seine Träume haben wollen, geht er fort. Doch das Leben in der Fremde bereitet ihm etliche Abenteuer vor. Das Ende bleibt aber glücklich, wie in meisten georgischen Märchen. Solche Erzählungen werden immer mit folgenden Worten abgeschlossen:

„Leid vergeht und Freude bleibt
Spreu verweht, Getreide bleibt.“

 


 

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„Unsere Bücher sollen auch weiterhin keine Billig-Schmöker sein, die man nach dem Lesen wegwirft, sondern Kinderbücher mit Charme und Magie, die Sie immer wieder gerne aus dem Regal holen und an die Sie sich auch als Erwachsener mit Liebe erinnern.“, heißt es auf der Webseite des Knabe-Verlages Weimar. Mit „Der grüne Wanderer“ dürfen wir euch ein Kinderbuch vorstellen, was genau diesem Wunsch entspricht, denn die bunte Geschichte rund um Gräumelin, die von der polnischen Autorin Liliana Bardijewska geschrieben und wunderschön von Emilia Dziubak illustriert wurde, ist ein wahrer Hingucker. Als Gäumelin feststellt, dass er beginnt, grün zu werden und sich damit von allen seinen Freunden und der Umgebung im Grauland abhebt, begibt er sich auf die Reise in die Welt der Farben. Begleitet wird er dabei von Königen, Schnecken, Winden und Stürmen, alle in leuchtenden, satten und atemberaubenden Farben, doch im Grünland angekommen, muss er feststellen, dass es zu Hause doch am schönsten ist. „Der grüne Wanderer“ überzeugt durch wundervolle Illustrationen und eine liebevolle Geschichte. Hochwertig aufgemacht ist es ein absoluter Geschenketipp für Kinder ab 6 Jahren!

von Irine & Annika

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Zurab Karumidze – „Dagny oder ein Fest der Liebe“

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Zurab Karumidze ist einer der wenigen Autoren in der georgischen Gegenwartsliteratur, der in seinen Texten nicht vor stilistischen und programmatischen Experimenten zurückschreckt, sondern zugleich als erster zeitgenössischer Autor in einer Fremdsprache ein Romanexperiment gewagt hat. Der in englischer Sprache verfasste Roman „Dagny or A Love Feast“ wurde 2011 im georgischen Verlag Siesta veröffentlicht. Die wunderbare Übersetzung ins Deutsche, die dieses Jahr von dem Verleger Stefan Weidle realisiert wurde, folgt der 2013 beim Londoner „Dalkey Archive Press“ gedruckte Fassung. Das Berliner Publikum hatte am 17. Oktober im „Ocelot not just another bookstore“ die Möglichkeit, den Autor live während seiner Lesung zu erleben. Auf die Frage der Moderatorin und Verlegerin Barbara Weidle, warum er die englische Sprache für seine Romansprache gewählt habe, antwortete Karumidze, dass er damit die „Globalisierung von Georgien/von georgischer Literatur“ vorhabe.

Der postmoderne Roman verfolgt in seiner besten Tradition tatsächlich konsequent das Ziel, die georgische Kultur mit den west- und mittel-osteuropäischen Kulturen zu verbinden. Der Roman plädiert dafür, die georgische Kultur als einen Teil der europäischen Kulturtradition zu betrachten. In das georgische kulturelle Gedächtnis vorhandene Mythen, Legenden und Metapher werden in das gesamteuropäische Gedächtnis transportiert. Im Mittelpunkt des Romans stellt Karumidze die norwegische Femme fatale Dagny Juel, die 1901 in Tbilissi von ihrem Geliebten erschossen wurde. Ihr Grab befindet sich ebenfalls in Tbilissi und die Mythen um ihre Zeit in der georgischen Hauptstadt sind im kulturellen Gedächtnis des Landes immer noch vorhanden. Der Autor nimmt Dagnys Reise nach Georgien zum Anlass, um die Welt um die Jahrhundertwende zu zeichnen, die von fließenden Grenzen und Fluiditäten durchdrungen war. Die Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg scheint hier eine besondere zu sein, da diverse literarische Traditionen und kreative Ideen ineinanderfließen konnten. Karumidze verbindet in seinem Text das Gegensätzliche miteinander. Der Roman schafft es, die Figuren in die Handlung zu integrieren und sie dabei in einer gemeinsamen Geschichte zu versammeln, die sich im realen Leben nie wirklich begegnet sind. So treffen wir den bekannten griechisch-armenischen Mystiker und Esoteriker Georges Gurdjieff, den großen georgischen Dichter Wascha Pschawela und sogar den jungen Stalin, der das ganze Treiben der Boheme eher aus der Distanz wahrnimmt:

„Koba, der eines Tages Stalin sein würde, betrachtete den Vorgang von seinem Platz hinter dem Zaun aus, amüsiert von der bourgeoisen Rangelei. Diese Frau muß schon was ganz Besonderes sein! Dachte er.“

Natürlich darf dabei nicht die wichtigste georgische literarische Arbeit „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli fehlen. Die, wie sie im Roman genannt werden, „schamanische Individuen“ versammeln sich um die Muse Dagny und treten so miteinander in Kontakt. So sinniert Pschawela gemeinsam mit Gurdjieff über dieses und jenes und Dagny verzettelt sich immer mehr in den Affären, was letztendlich fatal für sie enden soll.

„Dagny oder ein Fest der Liebe“ ist eine Liebeserklärung an das intellektuelle Treiben am Anfang des 20. Jahrhunderts in Georgien. Ein wahrer Hingucker ist das Buch auch durch die Covergestaltung von Levke Leiß, die durch ihre besondere Technik beeindruckende Buntstiftzeichnungen schafft.

Von Irine

Zurab Karumidze (2017): Dagny oder ein Fest der Liebe. Bonn: Weidle Verlag. Aus dem Englischen von Stefan Weidle.

 

Salome Benidze: „Die Stadt auf dem Wasser“

Benidze_Titelbild2_Abendkleid-Titelseite-gr.kurz & kritisch

Das Buch „Die Stadt auf dem Wasser“ der jungen georgischen Autorin Salome Benidze kann sowohl als ein Roman als auch als eine Geschichtensammlung gelesen werden. Der Berliner AvivA Verlag, zu dessen Programm es gehört, den Frauen aus allen Künsten eine Stimme zu geben, veröffentlichte zur Vorbereitung zum Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 die deutsche Übersetzung des Buches. Salome Benidzes Prosa liegt programmatisch die feministische Perspektive zugrunde. Die Autorin versucht sich mit ihrem Debüt in die neue Welle – hier kann exemplarisch der Text „Abzählen“ von Tamta Melaschwili genannt werden – der georgischen feministischen Literatur einzuschreiben und scheitert dabei.

Im Mittelpunkt der Geschichten, die dieses schmale Buch mit wunderbaren Illustrationen von Tatia Nadareischwili versammelt, stehen sieben Frauen. Lydia, Ilaria, Helena u.a. ähneln sich auf den ersten Blick nicht wirklich, doch die Gefühlswelten sind es, die diese Frauen miteinander verbinden. Ihre Sehnsüchte, Träume, romantischen Vorstellungen und feste Ziele bestimmen die Lebensläufe der Figuren. Und es ist zuletzt das Wasser, das die Schicksale dieser Frauen in unterschiedlicher Art und Weise beeinflusst.

Wir lernen Helena kennen, die in das Familiengeschäft eingestiegen ist und die Bäckerei und das Cafè „Der rote Krake“ gemeinsam mit ihrer Tante Adela betreibt. Sie färbt sich abends die Lippen mit Berberitzen und träumt davon, aus ihnen ein besonderes Getränk zu erfinden. Ilaria wiederum kommt in die fremde Stadt als Baby in einem Boot und wird von einem Schwimmer gefunden. Und wir lesen die Geschichte von Maria, die direkt am Meer in ärmsten Verhältnissen in einer Hütte leben muss und sich eines Tages in Johannes verliebt. Doch die Liebe hält nicht lang.

Salome Benidze zeichnet Figuren mit meist tragischen Schicksalen, die man aber wegen der „übersüßten“ Sprache, die durch romantische Metaphern, Vergleiche und Bilder zusammengesetzt ist, nicht wirklich ernst nehmen kann. Jede Figur duftet hier entweder nach Orangenblüten, Pfirsichen, Mandeln oder Berberitzen. Das überzeichnete Ausschmücken der Figuren, deren Gefühlswelten und deren Träume hinterlassen den Eindruck, dass die Autorin sich hinter dieser Phantastik, dem Märchenhaften und letztendlich der Leere versteckt. Nach jedem Satz bekommt man immer stärkeren süßen Geschmack im Mund und will nach dem Beenden des Buches gleich einen starken schwarzen Tee hinterhertrinken.

Im Roman von Benidze werden Schneeflocken gezählt, die Flüsse weinen und die Vögel bringen Blumen mit, „die auf den Vulkanplateaus in Island wachsen.“ Das Universum duftet hier wie die „Sonnenblumen in der Mittagshitze“. Wir werden beim Lesen von Lilienknospen und Weinblättern umgeben und müssen zwischendurch immer kurz innehalten, um nicht von diesen betäubenden Düften ersticken zu müssen.

von Irine

Salome Benidze (2017): Die Stadt auf dem Wasser. Berlin: AvivA Verlag. Aus dem Georgischen von Iunona Guruli.

 

Rezension: Naira Gelaschwili – „Ich bin sie“

1688_LDer Roman „Ich bin sie“ der georgischen Schriftstellerin Naira Gelaschwili ist in Georgien 2012 erschienen und gewann 2013 dort den wichtigsten Literaturpreis, den „Saba“. In Vorbereitung auf den Gaslandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 ist der Roman dieses Jahr beim Berliner Verbrecher Verlag erschienen. Gelaschwili veröffentlichte in Georgien neben Kurzgeschichten bereits sechs Romane und leitete jahrelang das „Kaukasische Haus“ in Tbilissi. Neben ihrer schriftstellerischen und universitären Tätigkeit ist sie vor allem als Aktivistin für den Naturschutz in Georgien bekannt.

Die Geschichte in “Ich bin sie” konzentriert sich auf das 13-jährige Mädchen Nia Lelischwili, das unglücklich verliebt ist. Ihr Nachbar und deutlich älterer Medizinstudent erobert ihr Herz, als sie ihn eines Tages durch ihr Fenster erblickt. Seitdem dreht sich das Leben des Mädchens nur um ihn, wodurch sie alles um sich herum vernachlässigt. Nia schwänzt die Schule, verfolgt ihren Schwarm heimlich und registriert jeden Schritt von Gogi in Tbilisi. Um ihre starken Gefühle ausdrücken zu können, entdeckt sie die Lyrik Rainer Maria Rilkes und erfindet eine verschlüsselte Zeichensprache. Nach einigen zufälligen intimen Begegnungen mit ihrem Geliebten verschwindet der Student eines Tages aus ihrem Leben und angeblich auch aus der Stadt. Seitdem geht sie seinen Spuren nach, bis sie 2010 plötzlich einen Anruf von ihrer Freundin bekommt und die Erinnerungen zurückkehren.

956e6b5bb8abc189d87cee27752a33caGelschwili erzählt die Geschichte um Nia in Zeitsprüngen. Mal nähern wir uns der Geschichte im Jahr 1959, wo die Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt und landen dann im nächsten Kapitel im Jahr 2010, wo Nia ihre Suche über fünfzig Jahre später wieder neu aufnimmt. Zwischendrin spiegelt das Kapitel „Das Jahr 1975“ Nias Erfahrungen an der Universität als Germanistin wieder. Hier werden sowohl die bekanntesten georgischen Klassiker als auch das wichtigste georgische Epos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaveli oder die Gedichte aus dem georgischen Kanon analysiert. In den Seminaren wird über die Liebe in den quasiphilosophischen Gesprächen und Interpretationsversuchen sinniert. Diese Passagen sind auch die, die am wenigsten überzeugen.

Die Liebesgeschichte im Roman „Ich bin sie“ geht trotz der auf den ersten Blick gut durchdachten Dramatik nicht wirklich auf. Die Figuren bleiben bis zum Schluss des Romans ziemlich blass und die Dialoge wiederum langweilig. Sowohl die pubertierende als auch die Erwachsene Nia schafft es nicht, eine interessante Figur zu werden. Die Liebesgeschichte schöpft aus der einfachen Banalität und driftet hie und da ins Kitschige.

von Irine

Naira Gelaschwili (2017): Ich bin sie. Berlin: Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen von Lia Wittek.

 

 

Doppelbesprechung des Romans „LUCRECIA515“ von Lasha Bugadze

51dhOjAlXOLAnnika sagt zum Roman:
Hinter Lasha Bugadzes „LUCRECIA515“ verbirgt sich nicht nur der Titel seines neuen Romans aus der Frankfurter Verlagsanstalt, sondern auch das Computerpasswort seines Protagonisten Sandro, der sich trotz Frau und Kind auf diverse Liebschaften einlässt, die ihm im Roman schließlich zum Verhängnis werden.

Mit Ende 30 ist das Leben des Familienvaters Sandro nicht spektakulär. Als Teilhaber einer Saucenfabrik in Tiflis gehört er zu den wirtschaftlichen Gewinnern Georgiens, doch um ehrlich zu sein: er langweilt sich. Zwischen Ehe und Arbeit wird Sandro so zum Liebhaber der verschiedensten Frauen, die er akribisch kategorisiert und in einem Notizbuch sammelt. Sogar auf der Arbeit wird sein Ziel so, die jungen Mitarbeiterinnen auf einen Drink einzuladen und dabei zu wetten, wie lange er es wohl schafft, diese ins Bett zu bekommen. Scham- und problemlos springt er von einer Geliebten zur nächsten und spielt dabei ein Versteckspiel mit seiner Frau Keti, der er – ebenfalls als einstige Geliebte neben seiner Exfrau – das Ja-Wort gab und die die Mutter seines Sohnes ist. Erst mit der jungen Fernsehjournalistin Ana gibt es erstmals eine Frau, die den Spieß umdreht. Sie ist es, die dem Mann, dem sich alle hingeben, hinhält und für die er erstmals wieder Gefühle entwickelt. Schnell wird die Liebe zu Ana zu dem Wunsch, auch mit ihr zusammenzuleben. Die anderen Frauen treten in den Hintergrund und auch Keti muss mit ansehen, wie ihr Mann nicht mehr nur für einen Abend wegbleibt, sondern ganze „Geschäftsreisen“ unternimmt. Als betrogene Ehefrau knackt sie das Passwort ihres Mannes und schreibt Ana – mit turbulenten Folgen für alle drei …

„LUCRECIA515“ war nach den 2015 ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen Roman „Der Literaturexpress“ bereits die zweite Geschichte des georgischen Autors, die ich las. Diesmal wurde es für mich leider zu einer Enttäuschung. Der Traum des Mannes, der alle Frauen problemlos verführen kann ist ein Traum, dem nicht unbedingt ein ganzes Buch gewidmet werden muss. Schnell wurden die Protagonisten zu Stereotypen: Sandro, der Frauenheld, Keti, die eifersüchtige Ehefrau und Ana, die neue wilde Geliebte. Keine der Figuren konnte sich für mich durch viel Sympathie auszeichnen und noch nicht mal bei Keti reichte das Mitleid, um die Handlung zu tragen. Speziell Sandro als tragende Rolle zeichnet sich bis zum Schluss durch eine unglaubliche Selbstsicherheit aus, die ihn unfähig macht, aus seinen Fehlern zu lernen und den Frauen in seinem Leben Respekt entgegen zu bringen. Mal läuft er Ana hinterher, mal betitelt er sie als „Schlampe“, die er am liebsten umbringen würde. Als „hochamüsant“ beschreibt der Klappentext die Erzählung. Das Amüsante blieb mir leider bis zum Schluss verborgen und die angesprochene „Gesellschaftssatire“ verliert sich ebenfalls in banalen und klischeebeladenen Situationen. „LUCRECIA515“ ist für mich leider ein großer Flop. Der Roman nimmt viel Zeit und gibt wenig her, kaum Spannung, kaum Charaktere mit wirklichem Charakter, kaum Spaß.

Irine sagt zum Roman:

1607108_10151914299519211_1023678089_nIch habe das Buch kurz nach dem Erscheinen zunächst im Original – auf Georgisch – gelesen. Ich finde, dass der Roman eine unglaubliche Geschwindigkeit im Erzählen entwickelt und dadurch der Erzählfluss dieses besondere Tempo bekommt. Die Höhen und Tiefen der Hauptfiguren gehen fließend ineinander über und man kann sich keine einzige Minute langweilen. Durch die besondere Komik leidet man auch nicht mit den Figuren mit – man lacht eher über sie.

Bugadze hat einen Text geschrieben, der nicht allzu ernst gelesen werden soll. Der Roman stellt den georgischen Mann in der kollektiven Krise dar. Das patriarchalische System wackelt, da die Männer weder zu Hause mit ihren Frauen, noch in den Beziehungen jenseits der Ehe ihre Position wirklich behaupten können. Der Mann wird in der eigenen Falle fest gefangen. Bugadze geht es weniger darum, Sympathien zu entwickeln, sondern eher darum, die Figuren in ihrer Lächerlichkeit bloßzustellen. Das sind die georgischen Männer – die berühmten Machos im Kaukasus – die in der Realität einfache armselige Gestalten sind wie der Roman uns zeigen will. Trotz der sprachlichen und stilistischen Schwächen und Passagen, die teilweise sehr plakativ und banal wirken, lese ich den Roman durchaus sehr politisch und freue mich, dass er nun auch für die deutschsprachigen LeserInnen in Übersetzung von Nino Haratischwili & Martin Büttner zugänglich ist.

von Annika & Irine

Lasha Bugadze (2017): LUCRECIA515. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt. Übersetzt von Nino Haratischwili und Martin Büttner. 

ლაშა ბუღაძე (2013): lucrecia515. თბილისი: ბაკურ სულაკაურის გამომცემლობა. 

 

Veranstaltungskritik: Georgien allein zu Haus. Sehnsuchtsland am Rande Europas

Am 1. Juli konnte man in der Villa Elisabeth in Berlin ein Teil des eintägigen kulturellen Programms rund um Georgien sein. Das Konzept der Veranstaltung hat Christiane Bauermeister entwickelt und in Kooperation mit der georgischen Botschaft in Berlin umgesetzt. Das Programm, das ein breites Spektrum der georgischen Kultur abdeckte, wirkte auf den ersten Blick stückweit überladen – vor allem im Hinblick auf die zeitlichen Abstände, die für die jeweiligen Programmpunkte vorgesehen waren. Das Interesse des Publikums war aber groß und die Veranstaltung vollständig ausverkauft.

IMG_1974Der Direktor des Literaturmuseums in Tbilisi, Lascha Bakradze, moderierte die Veranstaltung und versuchte die Gäste auch in den Pausen mit kurzen Geschichten und Wissenswertem über Georgien zu unterhalten. Nach seiner kurzen Einführung präsentierte die sehr bekannte und geschätzte georgische Sängerin Manana Menabde ihre sentimentalen Balladen in georgischer und russischer Sprache. Im Saal machte sich melancholische Stimmung breit. Man lauschte sehnsuchtsvoll und nachdenklich der Musik, die die Gäste in eine andere Welt transportierte. Neben mir saß eine ältere Dame aus Georgien, die die Lieder fast auf der gleichen Lautstärke, wie die Sängerin gefühlvoll begleitete, während ihr deutscher Mann leise mitsummte.

19691185_1413940985320810_1857138221_nAus diesem sentimentalen Traum wurde das Publikum dann durch die Diskussionsrunde mit dem Titel „Das Trauma Stalin und die georgische Nation“ wieder zur bitteren Wirklichkeit zurückgeholt. Während der Berliner Historiker Jörg Baberowski in einem ruhigen Ton von Stalin, Lavrenti Beria und der nichtstattgefundenen Entstalinisierung in Georgien sprach, summte einige im Kopf sicher weiter die Balladen von Manana Menabde – „ოქტომბერში, თუ ჩვენს მხარეს ჩაგივლია, / შეამჩნევდი მიმობნეულს მინდორ-ველად: / პაწაწინა, მარჯნისფერი ყვავილია, / იმერეთში ეძახიან საპოვნელას.“ (Wenn Du im Oktober in unsere Gegend vorbeigeschaut hast, / hättest Du sie auf dem Felde zerstreut entdecken können: / Sie ist winzigkleine, korallenfarbige Blume, / In Imereti wird sie Sapovnela genannt.“ Neben Herrn Baberowski, über den man in Berlin weiterhin eifrig streitet, nahmen an der Diskussion die Autorin Nino Haratischwili, der Leiter des Goethe Instituts in Georgien Herr Stephan Wackwitz und der Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili teil. Mit der haltbaren These, dass die Aufarbeitung des stalinistischen Verbrechens in Georgien immer noch nicht stattgefunden hat, wechselte man nach einer kurzen Pause wieder in den nächsten Musikakt. Nun spielte die Pianistin Dudana Mazmanischwili Werke von Gija Kantscheli.

Ganz besonders gespannt waren wir auf den Literaturteil des Programms, der aber leider durch die Kürze der Zeit zur größten Enttäuschung des Abends wurde. Unter dem vielversprechenden Titel „Medeas Töchter! Leben bis ein Schuss fällt“ präsentierten drei georgische Autorinnen ihre Texte auf Deutsch. Die Moderatorin Regine Kühn ließ die Schriftstellerinnen nach einer kurzen biografischen Einführung ihre Texte vortragen. Sicherlich hätte das Publikum gerne viel mehr über die Gäste gehört, aber die Zeit drängte und der nächste Musikakt – nun mit der elektronischen Musik aus Georgien – wartete schon auf uns. Das Musikerpaar Tusia Beridze und Nikakoi haben in meiner Teenagerzeit Anfang der 2000er die schönsten elektronischen Beats des Kaukasus produziert und sind aktuell immer noch erfolgreich in der Musikbranche Georgiens tätig.

IMG_1988Nach den leisen und melancholischen Tönen brachten die georgischen Dichter Paata Schamugia, Shalva Bakuradze und Surab Rtweliaschwili mehr Dynamik in den Abend. Sie trugen ihre Gedichte in georgischer Sprache vor, während die deutschen Übersetzungen an die Wand projiziert wurden. Der Dichter Shalva Bakuradze war meine persönliche Entdeckung des Abends. Mit einem besonderen Rhythmus, in der er die Predigten der georgischen orthodoxen Kirche imitierte, beeindruckte er mit einer Poetik, die dem Religiösen folgte und es zugleich von innen heraus dekonstruierte. Surab Rtweliaschwilis Poesie erinnerte mich sehr stark an den österreichischen Dichter Ernst Jandl und seine bekannte Lautgedichte. Ein besonderer Höhepunkt des Abends war Giorgi Kiknadzes Jazztrio. Die Musiker haben den Abend mit wunderbaren Melodien abgeschlossen. Leider haben wir den kulinarischen Teil der Veranstaltung nicht mehr erleben können, da es fast unmöglich war, sich durch die unendliche Schlange durchzukämpfen.

IMG_1993Insgesamt ist die Veranstaltung gelungen, gerade auch durch die wilde Mischung der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler und trotz der knappen Zeit, die für den jeweiligen Programmpunkt vorgesehen war. Wir hatten oft den Eindruck, dass die einzelnen Teile des Programms viel mehr Zeit gebraucht hätten, um den ausgewählten Themen den nötigen Raum bieten zu können. Großes Problem war aber auch gerade anfangs die schlechte Akustik und immer wieder das dadurch bedingte unruhige Publikum.  Die Veranstaltung war dennoch ein wunderbarer erster Vorgeschmack auf den Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 und machte die Gäste noch neugieriger auf das kommende Buchmessenprogramm.

von Irine

Szenen inmitten des Krieges: „Abzählen“ von Tamta Melaschwili

Das literarische Debüt „Abzählen“ der georgischen Autorin und Frauenrechtlerin Tamta Melaschwili (großartig übersetzt von Natia Mikeladze-Bachsoliani) aus dem Unionsverlag ist kein gewöhnlicher Roman über den Krieg. Im Mittelpunkt stehen hier nicht die Soldaten an der Front oder die Politiker dahinter, sondern der Alltag dreier dreizehnjähriger Mädchen, die in Georgien leben und sich in ihrer vom Krieg betroffenen Umgebung behaupten müssen. Während die Väter nicht weit entfernt kämpfen, bleiben die Frauen und Kinder und die, die zu alt oder zu schwach sind, zurück. Sie leben zwischen Hunger und Armut. „Abzählen“ ist hierbei nicht an den Schauplatz Georgien gebunden. In jedem kriegsgebeutelten Land kann die Geschichte als Beispiel stehen, wie der Krieg gerade die unschuldigsten prägt und beeinflusst. Im Nachwort nimmt die Autorin dazu Bezug: „Ich glaubte und glaube immer noch daran, dass Gewalt keine Nationalitäten kennt. Auch keine Grenzen. Dass sie überall gleich vernichtend und überall die größte menschliche Tragödie ist.“

8639Es ist die unschuldige Kindheit, die der Krieg besonders trifft. Wenn die Nachricht der gefallenen Familienmitglieder durch die Dörfer hallen und die Mütter kaum noch genug Essen für ihre Kinder haben, springt „Abzählen“ nicht nur hin und her zwischen Schrecken und Alltag, sondern auch zwischen den drei Tagen der Erzählung. Geschickt bricht Melaschwili mit der gängigen Erzählstrukutur, wenn sie Zeiten vertauscht und die Szenen so durchmischt. Obwohl der Krieg nicht weit entfernt wütet, leben die drei Freundinnen zwar ein Leben in ihrer vorgespielten Freiheit zwischen verlassenen Häusern, Briefboten mit den schlimmsten Nachrichten und knappen Essensrationen, wirken aber dennoch in sich abgeschottet vom Grauen. Ihre Jugend beginnt gerade erst und natürlich lässt sich auch im Krieg die Abenteuerlust nicht immer nehmen. Die leeren Häuser werden so zu Spielplätzen und Fundgruben, die jungen Grenzsoldaten zu möglichen Verehrern. Erschreckend schnell zeigt sich, wie normal die drei Mädchen mittlerweile selbst mit den grausamsten Bildern, beispielsweise eine entstellte Leiche, umgehen.

„Abzählen“ wurde 2013 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, ist für mich aber nicht unbedingt ein reines Jugendbuch. Die etwas sperrig eingeleiteten Dialoge („Sagt Ninzo: …“) wirken umständlich und anfangs fehl am Platz. Sicher können sich hier einige Leser nicht mit diesem speziellen Stilmittel anfreunden, das Melaschwili im Nachwort als die Sprache ihrer Kindheit beschreibt. Dennoch legt die linguistische Eigenart des Textes, der von den Gesprächen der Mädchen lebt, den Fokus einmal mehr auf die Unschuld der Kinder und verspricht die Illusion einer heilen Welt, in der man lediglich auf dem Spielplatz mit den Nachbarskindern Krieg spielt. Doch in „Abzählen“ ist der Krieg die bittere Realität, dem die Protagonistinnen einen starken Willen und eine aggressive Sprache entgegensetzen.

Das komplette Nachwort der Autorin gibt es auch online: http://www.unionsverlag.com/info/link.asp?link_id=8987&title_id=2650

Artikel zur Autorin gibt es auch hier:
http://www.novinki.de/?s=Tamta+Melaschwili&submit=Suchen

  • Taschenbuch: 128 Seiten, 9,95 € (D)
  • Verlag: Unionsverlag; Auflage: 1 (13. Mai 2013)
  • Übersetzung: Natia Mikeladze-Bachsoliani
  • ISBN-13: 978-3293206175
  • Originaltitel: Gatwla

Annika