Rezension: Naira Gelaschwili – „Ich bin sie“

1688_LDer Roman „Ich bin sie“ der georgischen Schriftstellerin Naira Gelaschwili ist in Georgien 2012 erschienen und gewann 2013 dort den wichtigsten Literaturpreis, den „Saba“. In Vorbereitung auf den Gaslandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 ist der Roman dieses Jahr beim Berliner Verbrecher Verlag erschienen. Gelaschwili veröffentlichte in Georgien neben Kurzgeschichten bereits sechs Romane und leitete jahrelang das „Kaukasische Haus“ in Tbilissi. Neben ihrer schriftstellerischen und universitären Tätigkeit ist sie vor allem als Aktivistin für den Naturschutz in Georgien bekannt.

Die Geschichte in “Ich bin sie” konzentriert sich auf das 13-jährige Mädchen Nia Lelischwili, das unglücklich verliebt ist. Ihr Nachbar und deutlich älterer Medizinstudent erobert ihr Herz, als sie ihn eines Tages durch ihr Fenster erblickt. Seitdem dreht sich das Leben des Mädchens nur um ihn, wodurch sie alles um sich herum vernachlässigt. Nia schwänzt die Schule, verfolgt ihren Schwarm heimlich und registriert jeden Schritt von Gogi in Tbilisi. Um ihre starken Gefühle ausdrücken zu können, entdeckt sie die Lyrik Rainer Maria Rilkes und erfindet eine verschlüsselte Zeichensprache. Nach einigen zufälligen intimen Begegnungen mit ihrem Geliebten verschwindet der Student eines Tages aus ihrem Leben und angeblich auch aus der Stadt. Seitdem geht sie seinen Spuren nach, bis sie 2010 plötzlich einen Anruf von ihrer Freundin bekommt und die Erinnerungen zurückkehren.

956e6b5bb8abc189d87cee27752a33caGelschwili erzählt die Geschichte um Nia in Zeitsprüngen. Mal nähern wir uns der Geschichte im Jahr 1959, wo die Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt und landen dann im nächsten Kapitel im Jahr 2010, wo Nia ihre Suche über fünfzig Jahre später wieder neu aufnimmt. Zwischendrin spiegelt das Kapitel „Das Jahr 1975“ Nias Erfahrungen an der Universität als Germanistin wieder. Hier werden sowohl die bekanntesten georgischen Klassiker als auch das wichtigste georgische Epos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaveli oder die Gedichte aus dem georgischen Kanon analysiert. In den Seminaren wird über die Liebe in den quasiphilosophischen Gesprächen und Interpretationsversuchen sinniert. Diese Passagen sind auch die, die am wenigsten überzeugen.

Die Liebesgeschichte im Roman „Ich bin sie“ geht trotz der auf den ersten Blick gut durchdachten Dramatik nicht wirklich auf. Die Figuren bleiben bis zum Schluss des Romans ziemlich blass und die Dialoge wiederum langweilig. Sowohl die pubertierende als auch die Erwachsene Nia schafft es nicht, eine interessante Figur zu werden. Die Liebesgeschichte schöpft aus der einfachen Banalität und driftet hie und da ins Kitschige.

von Irine

Naira Gelaschwili (2017): Ich bin sie. Berlin: Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen von Lia Wittek.

 

 

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Doppelbesprechung des Romans „LUCRECIA515“ von Lasha Bugadze

51dhOjAlXOLAnnika sagt zum Roman:
Hinter Lasha Bugadzes „LUCRECIA515“ verbirgt sich nicht nur der Titel seines neuen Romans aus der Frankfurter Verlagsanstalt, sondern auch das Computerpasswort seines Protagonisten Sandro, der sich trotz Frau und Kind auf diverse Liebschaften einlässt, die ihm im Roman schließlich zum Verhängnis werden.

Mit Ende 30 ist das Leben des Familienvaters Sandro nicht spektakulär. Als Teilhaber einer Saucenfabrik in Tiflis gehört er zu den wirtschaftlichen Gewinnern Georgiens, doch um ehrlich zu sein: er langweilt sich. Zwischen Ehe und Arbeit wird Sandro so zum Liebhaber der verschiedensten Frauen, die er akribisch kategorisiert und in einem Notizbuch sammelt. Sogar auf der Arbeit wird sein Ziel so, die jungen Mitarbeiterinnen auf einen Drink einzuladen und dabei zu wetten, wie lange er es wohl schafft, diese ins Bett zu bekommen. Scham- und problemlos springt er von einer Geliebten zur nächsten und spielt dabei ein Versteckspiel mit seiner Frau Keti, der er – ebenfalls als einstige Geliebte neben seiner Exfrau – das Ja-Wort gab und die die Mutter seines Sohnes ist. Erst mit der jungen Fernsehjournalistin Ana gibt es erstmals eine Frau, die den Spieß umdreht. Sie ist es, die dem Mann, dem sich alle hingeben, hinhält und für die er erstmals wieder Gefühle entwickelt. Schnell wird die Liebe zu Ana zu dem Wunsch, auch mit ihr zusammenzuleben. Die anderen Frauen treten in den Hintergrund und auch Keti muss mit ansehen, wie ihr Mann nicht mehr nur für einen Abend wegbleibt, sondern ganze „Geschäftsreisen“ unternimmt. Als betrogene Ehefrau knackt sie das Passwort ihres Mannes und schreibt Ana – mit turbulenten Folgen für alle drei …

„LUCRECIA515“ war nach den 2015 ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen Roman „Der Literaturexpress“ bereits die zweite Geschichte des georgischen Autors, die ich las. Diesmal wurde es für mich leider zu einer Enttäuschung. Der Traum des Mannes, der alle Frauen problemlos verführen kann ist ein Traum, dem nicht unbedingt ein ganzes Buch gewidmet werden muss. Schnell wurden die Protagonisten zu Stereotypen: Sandro, der Frauenheld, Keti, die eifersüchtige Ehefrau und Ana, die neue wilde Geliebte. Keine der Figuren konnte sich für mich durch viel Sympathie auszeichnen und noch nicht mal bei Keti reichte das Mitleid, um die Handlung zu tragen. Speziell Sandro als tragende Rolle zeichnet sich bis zum Schluss durch eine unglaubliche Selbstsicherheit aus, die ihn unfähig macht, aus seinen Fehlern zu lernen und den Frauen in seinem Leben Respekt entgegen zu bringen. Mal läuft er Ana hinterher, mal betitelt er sie als „Schlampe“, die er am liebsten umbringen würde. Als „hochamüsant“ beschreibt der Klappentext die Erzählung. Das Amüsante blieb mir leider bis zum Schluss verborgen und die angesprochene „Gesellschaftssatire“ verliert sich ebenfalls in banalen und klischeebeladenen Situationen. „LUCRECIA515“ ist für mich leider ein großer Flop. Der Roman nimmt viel Zeit und gibt wenig her, kaum Spannung, kaum Charaktere mit wirklichem Charakter, kaum Spaß.

Irine sagt zum Roman:

1607108_10151914299519211_1023678089_nIch habe das Buch kurz nach dem Erscheinen zunächst im Original – auf Georgisch – gelesen. Ich finde, dass der Roman eine unglaubliche Geschwindigkeit im Erzählen entwickelt und dadurch der Erzählfluss dieses besondere Tempo bekommt. Die Höhen und Tiefen der Hauptfiguren gehen fließend ineinander über und man kann sich keine einzige Minute langweilen. Durch die besondere Komik leidet man auch nicht mit den Figuren mit – man lacht eher über sie.

Bugadze hat einen Text geschrieben, der nicht allzu ernst gelesen werden soll. Der Roman stellt den georgischen Mann in der kollektiven Krise dar. Das patriarchalische System wackelt, da die Männer weder zu Hause mit ihren Frauen, noch in den Beziehungen jenseits der Ehe ihre Position wirklich behaupten können. Der Mann wird in der eigenen Falle fest gefangen. Bugadze geht es weniger darum, Sympathien zu entwickeln, sondern eher darum, die Figuren in ihrer Lächerlichkeit bloßzustellen. Das sind die georgischen Männer – die berühmten Machos im Kaukasus – die in der Realität einfache armselige Gestalten sind wie der Roman uns zeigen will. Trotz der sprachlichen und stilistischen Schwächen und Passagen, die teilweise sehr plakativ und banal wirken, lese ich den Roman durchaus sehr politisch und freue mich, dass er nun auch für die deutschsprachigen LeserInnen in Übersetzung von Nino Haratischwili & Martin Büttner zugänglich ist.

von Annika & Irine

Lasha Bugadze (2017): LUCRECIA515. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt. Übersetzt von Nino Haratischwili und Martin Büttner. 

ლაშა ბუღაძე (2013): lucrecia515. თბილისი: ბაკურ სულაკაურის გამომცემლობა. 

 

Veranstaltungskritik: Georgien allein zu Haus. Sehnsuchtsland am Rande Europas

Am 1. Juli konnte man in der Villa Elisabeth in Berlin ein Teil des eintägigen kulturellen Programms rund um Georgien sein. Das Konzept der Veranstaltung hat Christiane Bauermeister entwickelt und in Kooperation mit der georgischen Botschaft in Berlin umgesetzt. Das Programm, das ein breites Spektrum der georgischen Kultur abdeckte, wirkte auf den ersten Blick stückweit überladen – vor allem im Hinblick auf die zeitlichen Abstände, die für die jeweiligen Programmpunkte vorgesehen waren. Das Interesse des Publikums war aber groß und die Veranstaltung vollständig ausverkauft.

IMG_1974Der Direktor des Literaturmuseums in Tbilisi, Lascha Bakradze, moderierte die Veranstaltung und versuchte die Gäste auch in den Pausen mit kurzen Geschichten und Wissenswertem über Georgien zu unterhalten. Nach seiner kurzen Einführung präsentierte die sehr bekannte und geschätzte georgische Sängerin Manana Menabde ihre sentimentalen Balladen in georgischer und russischer Sprache. Im Saal machte sich melancholische Stimmung breit. Man lauschte sehnsuchtsvoll und nachdenklich der Musik, die die Gäste in eine andere Welt transportierte. Neben mir saß eine ältere Dame aus Georgien, die die Lieder fast auf der gleichen Lautstärke, wie die Sängerin gefühlvoll begleitete, während ihr deutscher Mann leise mitsummte.

19691185_1413940985320810_1857138221_nAus diesem sentimentalen Traum wurde das Publikum dann durch die Diskussionsrunde mit dem Titel „Das Trauma Stalin und die georgische Nation“ wieder zur bitteren Wirklichkeit zurückgeholt. Während der Berliner Historiker Jörg Baberowski in einem ruhigen Ton von Stalin, Lavrenti Beria und der nichtstattgefundenen Entstalinisierung in Georgien sprach, summte einige im Kopf sicher weiter die Balladen von Manana Menabde – „ოქტომბერში, თუ ჩვენს მხარეს ჩაგივლია, / შეამჩნევდი მიმობნეულს მინდორ-ველად: / პაწაწინა, მარჯნისფერი ყვავილია, / იმერეთში ეძახიან საპოვნელას.“ (Wenn Du im Oktober in unsere Gegend vorbeigeschaut hast, / hättest Du sie auf dem Felde zerstreut entdecken können: / Sie ist winzigkleine, korallenfarbige Blume, / In Imereti wird sie Sapovnela genannt.“ Neben Herrn Baberowski, über den man in Berlin weiterhin eifrig streitet, nahmen an der Diskussion die Autorin Nino Haratischwili, der Leiter des Goethe Instituts in Georgien Herr Stephan Wackwitz und der Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili teil. Mit der haltbaren These, dass die Aufarbeitung des stalinistischen Verbrechens in Georgien immer noch nicht stattgefunden hat, wechselte man nach einer kurzen Pause wieder in den nächsten Musikakt. Nun spielte die Pianistin Dudana Mazmanischwili Werke von Gija Kantscheli.

Ganz besonders gespannt waren wir auf den Literaturteil des Programms, der aber leider durch die Kürze der Zeit zur größten Enttäuschung des Abends wurde. Unter dem vielversprechenden Titel „Medeas Töchter! Leben bis ein Schuss fällt“ präsentierten drei georgische Autorinnen ihre Texte auf Deutsch. Die Moderatorin Regine Kühn ließ die Schriftstellerinnen nach einer kurzen biografischen Einführung ihre Texte vortragen. Sicherlich hätte das Publikum gerne viel mehr über die Gäste gehört, aber die Zeit drängte und der nächste Musikakt – nun mit der elektronischen Musik aus Georgien – wartete schon auf uns. Das Musikerpaar Tusia Beridze und Nikakoi haben in meiner Teenagerzeit Anfang der 2000er die schönsten elektronischen Beats des Kaukasus produziert und sind aktuell immer noch erfolgreich in der Musikbranche Georgiens tätig.

IMG_1988Nach den leisen und melancholischen Tönen brachten die georgischen Dichter Paata Schamugia, Shalva Bakuradze und Surab Rtweliaschwili mehr Dynamik in den Abend. Sie trugen ihre Gedichte in georgischer Sprache vor, während die deutschen Übersetzungen an die Wand projiziert wurden. Der Dichter Shalva Bakuradze war meine persönliche Entdeckung des Abends. Mit einem besonderen Rhythmus, in der er die Predigten der georgischen orthodoxen Kirche imitierte, beeindruckte er mit einer Poetik, die dem Religiösen folgte und es zugleich von innen heraus dekonstruierte. Surab Rtweliaschwilis Poesie erinnerte mich sehr stark an den österreichischen Dichter Ernst Jandl und seine bekannte Lautgedichte. Ein besonderer Höhepunkt des Abends war Giorgi Kiknadzes Jazztrio. Die Musiker haben den Abend mit wunderbaren Melodien abgeschlossen. Leider haben wir den kulinarischen Teil der Veranstaltung nicht mehr erleben können, da es fast unmöglich war, sich durch die unendliche Schlange durchzukämpfen.

IMG_1993Insgesamt ist die Veranstaltung gelungen, gerade auch durch die wilde Mischung der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler und trotz der knappen Zeit, die für den jeweiligen Programmpunkt vorgesehen war. Wir hatten oft den Eindruck, dass die einzelnen Teile des Programms viel mehr Zeit gebraucht hätten, um den ausgewählten Themen den nötigen Raum bieten zu können. Großes Problem war aber auch gerade anfangs die schlechte Akustik und immer wieder das dadurch bedingte unruhige Publikum.  Die Veranstaltung war dennoch ein wunderbarer erster Vorgeschmack auf den Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 und machte die Gäste noch neugieriger auf das kommende Buchmessenprogramm.

von Irine

Szenen inmitten des Krieges: „Abzählen“ von Tamta Melaschwili

Das literarische Debüt „Abzählen“ der georgischen Autorin und Frauenrechtlerin Tamta Melaschwili (großartig übersetzt von Natia Mikeladze-Bachsoliani) aus dem Unionsverlag ist kein gewöhnlicher Roman über den Krieg. Im Mittelpunkt stehen hier nicht die Soldaten an der Front oder die Politiker dahinter, sondern der Alltag dreier dreizehnjähriger Mädchen, die in Georgien leben und sich in ihrer vom Krieg betroffenen Umgebung behaupten müssen. Während die Väter nicht weit entfernt kämpfen, bleiben die Frauen und Kinder und die, die zu alt oder zu schwach sind, zurück. Sie leben zwischen Hunger und Armut. „Abzählen“ ist hierbei nicht an den Schauplatz Georgien gebunden. In jedem kriegsgebeutelten Land kann die Geschichte als Beispiel stehen, wie der Krieg gerade die unschuldigsten prägt und beeinflusst. Im Nachwort nimmt die Autorin dazu Bezug: „Ich glaubte und glaube immer noch daran, dass Gewalt keine Nationalitäten kennt. Auch keine Grenzen. Dass sie überall gleich vernichtend und überall die größte menschliche Tragödie ist.“

8639Es ist die unschuldige Kindheit, die der Krieg besonders trifft. Wenn die Nachricht der gefallenen Familienmitglieder durch die Dörfer hallen und die Mütter kaum noch genug Essen für ihre Kinder haben, springt „Abzählen“ nicht nur hin und her zwischen Schrecken und Alltag, sondern auch zwischen den drei Tagen der Erzählung. Geschickt bricht Melaschwili mit der gängigen Erzählstrukutur, wenn sie Zeiten vertauscht und die Szenen so durchmischt. Obwohl der Krieg nicht weit entfernt wütet, leben die drei Freundinnen zwar ein Leben in ihrer vorgespielten Freiheit zwischen verlassenen Häusern, Briefboten mit den schlimmsten Nachrichten und knappen Essensrationen, wirken aber dennoch in sich abgeschottet vom Grauen. Ihre Jugend beginnt gerade erst und natürlich lässt sich auch im Krieg die Abenteuerlust nicht immer nehmen. Die leeren Häuser werden so zu Spielplätzen und Fundgruben, die jungen Grenzsoldaten zu möglichen Verehrern. Erschreckend schnell zeigt sich, wie normal die drei Mädchen mittlerweile selbst mit den grausamsten Bildern, beispielsweise eine entstellte Leiche, umgehen.

„Abzählen“ wurde 2013 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, ist für mich aber nicht unbedingt ein reines Jugendbuch. Die etwas sperrig eingeleiteten Dialoge („Sagt Ninzo: …“) wirken umständlich und anfangs fehl am Platz. Sicher können sich hier einige Leser nicht mit diesem speziellen Stilmittel anfreunden, das Melaschwili im Nachwort als die Sprache ihrer Kindheit beschreibt. Dennoch legt die linguistische Eigenart des Textes, der von den Gesprächen der Mädchen lebt, den Fokus einmal mehr auf die Unschuld der Kinder und verspricht die Illusion einer heilen Welt, in der man lediglich auf dem Spielplatz mit den Nachbarskindern Krieg spielt. Doch in „Abzählen“ ist der Krieg die bittere Realität, dem die Protagonistinnen einen starken Willen und eine aggressive Sprache entgegensetzen.

Das komplette Nachwort der Autorin gibt es auch online: http://www.unionsverlag.com/info/link.asp?link_id=8987&title_id=2650

Artikel zur Autorin gibt es auch hier:
http://www.novinki.de/?s=Tamta+Melaschwili&submit=Suchen

  • Taschenbuch: 128 Seiten, 9,95 € (D)
  • Verlag: Unionsverlag; Auflage: 1 (13. Mai 2013)
  • Übersetzung: Natia Mikeladze-Bachsoliani
  • ISBN-13: 978-3293206175
  • Originaltitel: Gatwla

Annika

Literarische Reise in Georgien: Das Internationale Literaturfestival in Tbilisi und das deutschsprachige Programm

18765768_1703684399933288_4018678469253722592_nIm Rahmen des Deutsch-Georgisches Jahr 2017/საქართველო-გერმანიის წელი 2017 präsentierte dieses Jahr das Internationele Literaturfestival in Tbilisi ein spannendes und umfangreiches Programm zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. AutorInnen aus Österreich und Deutschland lasen im Goethe-Institut-Georgien, im wunderschönen Schriftstellerhaus und im Literarischen Museum in Tbilisi aus ihren alten und neuen Romanen/Stücken und machten das georgische und internationale Publikum mit den spannenden literarischen Prozessen vertraut. Wir hatten die Möglichkeit, ein unmittelbarer Teil des Festivals zu sein und auf Einladung der Autorin und Kuratorin des Programms – mit dem Titel „Perspektiven: Literatur im Dialog“ – Nino Haratischwili, die Lesungen mit den AutorInnen zu moderieren. Das deutschsprachige Programm wurde vom Auswärtigen Amt gefördert und vom Goethe-Institut durchgeführt.

In Tbilisi lasen dieses Jahr Katja Petrowskaja, Olga Grjasnowa, Clemens Meyer, 18813973_1704708329830895_7444538580208335666_nUlla Lenze, Volker Schmidt & Katja Lange-Müller. Die Auswahl der AutorInnen, die durch mehreren kulturellen Einflüsse geprägt sind, war keinesfalls zufällig, sondern diente zur vollständigen Präsentation der aktuellen literarischen Prozessen in Deutschland. Die Autorin Olga Grjasnowa las aus ihrem aktuellen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ (Aufbau Verlag) und sprach über den Krieg in Syrien und über den Entstehungsprozess des Buches, während dem sie viel in den unterschiedlichen Ländern gereist, Flüchtlinge interviewt und ausführlich recherchiert hat. Mit Katja Petrowskaja sprachen wir über ihr spannendes Debüt „Vielleicht Esther“ und über ihre Kindheitserinnerungen an das 18839100_1706087183026343_3461158225957043862_nsowjetische Georgien. Die Übersetzerin Maia Badridze las Ausschnitte aus den Romanen in georgischer Sprache und das Interesse des Publikums hat gezeigt, dass die Texte unbedingt auch bald in der vollständigen Form auf Georgisch erscheinen sollten. Der Autor Clemens Meyer las aus seinem ersten Roman „Als wir träumten“ und begeisterte das Publikum durch seine Geschichten über die Wendezeit in Leipzig. Mit Ulla Lenze diskutierten wir über das Schreiben zwischen den Kulturen und über ihre Aufenthalte in Istanbul und Mumbai.

Im Rahmen des Festivals fand die Preisverleihung des „Preises von Giwi Margwelaschwili“ statt. Der Preis ging dieses Jahr an den Dichter und Übersetzer David Tserediani. Mit dem Preis werden jedes Jahr AutorInnen oder andere Kulturschaffende ausgezeichnet, die sich durch ihre besondere Verdienste bei der Vertiefung der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien auszeichnen. David Tserediani hat unter anderem in über 30 Jahren Arbeit Goethes „Faust“ ins Georgische übertragen und sitzt aktuell an der Übersetzung des zweiten Bandes. Außerdem machte er georgische LeserInnen mit den Texten von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Lion Feuchtwanger u.a. vertraut. Im wunderbaren ROYAL DISTRICT THEATRE stellte der österreichische Theaterautor und Regisseur Volker Schmidt sein neues Stück „Djihad“ vor. Die SchauspiellerInnen des Theaters lasen einen Auszug aus dem Stück.

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Außerdem hatten die deutschsprachigen Autorinnen die Möglichkeit, gemeinsam mit den georgischen Kollegen – Lasha Bughadze, Tamar Tandashwili und Irma Tavelidze – über die aktuellen gesellschaftlichen Themen zu diskutieren. Die Diskussionen „Angry white man“ und „Europa als Idee“, die von dem Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili moderiert wurde, haben eine breite Palette der Positionen und Problematiken im europäischen Kontext aktualisiert, um sie kritisch hinterfragen zu können.

IMG_1813Wir haben eine sehr aufregende und inspirierende Zeit in Tbilisi verbracht und waren am letzten Tag noch schnell in die wunderschöne Altstadt unterwegs. Wir kommen nächstes Jahr auf jeden Fall wieder und sind daher schon sehr auf das Programm des Festivals gespannt.

 

von Irine

 

„Der Schah kommt nicht immer als Zerstörer“: „Royal Mary“ von Abo Iaschaghaschwili

9783940524607-250x423Mit dem Roman „Royal Mary“ gewann der junge georgische Autor Abo Iaschaghaschwili 2015 den wichtigsten literarischen Preis Georgiens – den Saba. Iaschaghaschwili hat bereits drei Romane veröffentlicht und „Royal Mary. Ein Mord in Tiflis“ ist sein erstes Buch, das nun auch auf Deutsch beim Berliner Verlag edition.fotoTAPETA erschienen ist. In Georgien wird der Autor oft mit dem populären, georgischen Schriftsteller Aka Morchiladze verglichen. Die „bösen Zungen“ sprechen sogar von der schlichten Nachahmung von Morchiladzes Prosa, aber in den Zeiten der „absoluten Intertextualität“ und der ständigen Vernetzung und Verschmelzung aller denkbaren Texte der Welt sollte dieser Kritikpunkt nicht allzu Ernst genommen werden. Wie in den Romanen von Aka Morchiladze, so ist auch in der Prosa von Iaschaghaschwili das 19. Jahrhundert die magischste und spannendste Zeit in der georgischen Geschichte und insbesondere der der Hauptstadt Tiflis dar. Tiflis ist hier der Ort des blühenden Multikulturalismus und der Multiethnizität. Die besondere Atmosphäre der Stadt gleicht dem steten Karnevaltreiben mit Kostümen und Masken aus aller Welt.

Iaschaghaschwili verschiebt mit diesem Roman stückweit die Perspektive vom europäischen Zentrum in die peripheren Räume Europas. Tiflis ist hier die Stadt, in der sich die führenden Mächte Europas aufeinandertreffen. Das Chaos der Stadt eignet sich bestens für die unauffälligen Tätigkeiten der Geheimagenten verschiedener Nationalitäten. Tiflis lebt auch nach den mysteriösen Morden und nach geheimnisvollem Verschwinden des besten Rennpferdes Royal Mary – des Pferdes, das als Geschenk für den persischen Schah gedacht war – sein gewohntes Leben weiter. Georgier, Armenier, Russen und die jüdische Bevölkerung der Stadt, die mit dem klassischen Antisemitismus zu kämpfen hat, leben und arbeiten hier miteinander.

686890ab38ab10ec5847448e8fc07ad7Der elegante Franzose Louis Albre nimmt die Lösung des Falls um das gestohlene Pferd auf sich und liebt es dabei, das Chaos der Stadt zu beobachtet: „[…] alles war ständig in Bewegung und die Vielfalt der Charaktere in dieser gar nicht so großen Stadt Tiflis doch beachtlich.“ Wie in der besten Tradition von klassischen Kriminalgeschichten wird der Franzose durch seinen Assistenten Chripli unterstützt. Dieses an Sherlock und Watson erinnernde Paar verfolgt die Spuren der Fälle, die sie zunächst zum griechischen Stallknecht Apollon Chrisantidis, zu Mamed Ali Oglu und u.a. zu dem deutschen Reisenden Friedrich Grimmelshausen führen. Die geheimnissvolle Mordfälle werden mit jedem Tag verwobener, und es scheint fast so, als ob der Shisha-Rauch aus den Kaffeebuden des Schaitan-Basars, auf dem sich Taschendiebe, Räuber, Gauner und Schwindler aufhalten, nun die ganze Stadt durch seinen Nebel gehüllt hatte. Noch komplizierter wird es mit dem Besuch des Shahs und den weißen und roten Rosen, die auf den Mordplätzen gefunden werden.

„Royal Mary“ ist mit viel Witz und Humor geschrieben. Als Leser folgt man gerne den Hauptfiguren des Romans in den dunkelsten und verdächtigsten Ecken der Stadt, die vieles zu verbergen haben. Der besondere Schreibstil von Iaschaghaschwili, in dem er teilweise die Sprache der damaligen transnationalen Stadt imitiert und rekonstruiert, ist mit der deutschen Übersetzung zum größten Teil verloren gegangen. Andererseits wäre die ideale Übertragung des spezifischen georgischen Kolorits ins Deutsche aber auch fast undenkbar. „Royal Mary” ist eine erfrischende, spannungsvolle und heitere Lektüre, die die LeserInnen mit seinem karnevalesken Treiben mitreißt und eine verlorene Welt des 19. Jahrhunderts auf eine kreative und authentische Weise wieder zum Leben erweckt.

von Irine

Abo Iaschaghaschwili: Royal Mary. Ein Mord in Tiflis. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2017 (Übersetzung: Lia Wittek)

Originalausgabe: აბო იასაღაშვილი: როიალ მერი. დიოგენე, 2015.

Ein Jahrhundert Georgien: „Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili

Nino Haratischwilis „Das achte Leben (für Brilka)“ (Frankfurter Verlagsanstalt) ist mit seinen über 1200 Seiten ein wichtiges Werk für die Aufarbeitung der georgischen Geschichte. Über 6 Generationen spannt sich dieser gewaltige Roman der heute in Hamburg lebenden Autorin, der 1900  beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Frauen einer Familie in der georgischen Hauptstadt Tbilisi, deren Schicksal in einzelnen Epochen erzählt wird.

Mit harschen Worten beschreibt Haratischwili das Leben der Familie um Ururgroßmutter Stasia, die zwar zu Beginn als Besitzerin einer Schokoladenfabrik in der Oberschicht lebt, aber mit der zunehmenden Gewalt, der Hilflosigkeit und dem Wunsch nach Freiheit in anderen Ländern immer mehr zusammenbricht und verarmt. Hier sind es nicht nur die äußeren politischen Einflüsse, die prägen, sondern auch die gewalttätigen Familienaußeinandersetzungen und verlorenen Träume. Wie viel Leid kann eine einzige Person ertragen? In diesem Roman möchte man oft die Augen verschließen und die Kapitel überspringen. Während des Lesens wird der Wunsch immer größer, dass doch endlich einmal eine Episode durch Glück und Liebe geprägt sein soll – vergebens. Es ist nur konsequent erzählt, wenn Haratischwili den Lesern keine Pause gönnt und auch ihnen den letzten Funken Hoffnung raubt, denn vor der Realität sollte niemand die Augen verschließen, so grausam sie auch sein mag.

Es sind die vielen verschiedene Figuren, die aus „Das achte Leben“ einen Erzählepos machen, der seinesgleichen sucht.  Hervorragend und intensiv recherchiert präsentiert Haratischwili hier eine komplexe Erzählung, die das gesamte letzte Jahrhundert der georgischen Geschichte umspannt und dabei nichts auslässt. Zwar mögen die einzelnen Handlungsstränge der Familie teilweise auch zu konstruiert, zu grauenhaft wirken, doch die Konflikte Georgiens als Teil der UdSSr und der Bürgerkrieg nach dem Fall des Eisernen Vorhangs prägen auch diese realistische Geschichte und sind somit elementarer Teil des Romans. Bedauernswert ist, dass wohl viele eigentlich Interessierte bei diesem Seitenumfang zurückschrecken und sich somit die Chance nehmen, die Geschichte Georgiens und seiner Frauen für sich zu entdecken. Fakt ist, dass Haratschwili einer der großen Stimmen der georgisch-deutschen Gegenwartsliteratur ist und in „Das achte Leben“ eine historische Geschichte kunstvoll in die Romangestalt einwebt, die für viele Leser leider fremd sein wird. Besonders spannend ist hierbei, dass Haratischwili diesen Roman auf Deutsch schrieb, obwohl sie in ihm die georgische Geschichte verarbeitet. Die Autorin, die ihre Romane ausschließlich auf Deutsch schreibt, ist damit ebenfalls in der Migrationsliteratur zu Hause, zählt sie doch zu den deutschen Schriftstellerinnen, die in ihrem Herkunftsland zwar übersetzt werden, aber noch lange nicht den gleichen Erfolg haben wie in ihrer neuen Heimat. Auch „Das achte Leben“ wird auch wie ihre bisherigen Roman derzeit in Georgien übersetzt, der Erscheinungstermin ist allerdings noch unklar. Hier kennt man die Autorin eher als Dramatikerin, deren Theaterstücke in Tbilisi aufgeführt werden.

Weiterführende Interviews mit der Autorin

„Mein Anspruch ist jedoch nicht, fortzubilden, ich habe keine endgültigen Antworten. Um meine Fragen beantworten zu können, habe ich mich auf eine Odyssee begeben, habe recherchiert und parallel weiter geschrieben, das war für mich eine außergewöhnliche Arbeitsweise.“Nino Haratischwili im Interview mit faust über ihre Arbeit am Roman

„Ich finde, Schreiben ist Gegenwart. Es geschieht immer im Verhältnis zu dem Ort, an dem ich mich aufhalte. Über ihn reflektiere ich, auf ihn reagiere ich. Und inzwischen finde ich es für mich auch legitim, das auf Deutsch zu tun.“ – Nino Haratschwili im Interview mit der taz über ihr Verhältnis zu Georgien, Deutschland und ihre Identität als Schriftstellerin

Annika