Veranstaltungskritik: Georgien allein zu Haus. Sehnsuchtsland am Rande Europas

Am 1. Juli konnte man in der Villa Elisabeth in Berlin ein Teil des eintägigen kulturellen Programms rund um Georgien sein. Das Konzept der Veranstaltung hat Christiane Bauermeister entwickelt und in Kooperation mit der georgischen Botschaft in Berlin umgesetzt. Das Programm, das ein breites Spektrum der georgischen Kultur abdeckte, wirkte auf den ersten Blick stückweit überladen – vor allem im Hinblick auf die zeitlichen Abstände, die für die jeweiligen Programmpunkte vorgesehen waren. Das Interesse des Publikums war aber groß und die Veranstaltung vollständig ausverkauft.

IMG_1974Der Direktor des Literaturmuseums in Tbilisi, Lascha Bakradze, moderierte die Veranstaltung und versuchte die Gäste auch in den Pausen mit kurzen Geschichten und Wissenswertem über Georgien zu unterhalten. Nach seiner kurzen Einführung präsentierte die sehr bekannte und geschätzte georgische Sängerin Manana Menabde ihre sentimentalen Balladen in georgischer und russischer Sprache. Im Saal machte sich melancholische Stimmung breit. Man lauschte sehnsuchtsvoll und nachdenklich der Musik, die die Gäste in eine andere Welt transportierte. Neben mir saß eine ältere Dame aus Georgien, die die Lieder fast auf der gleichen Lautstärke, wie die Sängerin gefühlvoll begleitete, während ihr deutscher Mann leise mitsummte.

19691185_1413940985320810_1857138221_nAus diesem sentimentalen Traum wurde das Publikum dann durch die Diskussionsrunde mit dem Titel „Das Trauma Stalin und die georgische Nation“ wieder zur bitteren Wirklichkeit zurückgeholt. Während der Berliner Historiker Jörg Baberowski in einem ruhigen Ton von Stalin, Lavrenti Beria und der nichtstattgefundenen Entstalinisierung in Georgien sprach, summte einige im Kopf sicher weiter die Balladen von Manana Menabde – „ოქტომბერში, თუ ჩვენს მხარეს ჩაგივლია, / შეამჩნევდი მიმობნეულს მინდორ-ველად: / პაწაწინა, მარჯნისფერი ყვავილია, / იმერეთში ეძახიან საპოვნელას.“ (Wenn Du im Oktober in unsere Gegend vorbeigeschaut hast, / hättest Du sie auf dem Felde zerstreut entdecken können: / Sie ist winzigkleine, korallenfarbige Blume, / In Imereti wird sie Sapovnela genannt.“ Neben Herrn Baberowski, über den man in Berlin weiterhin eifrig streitet, nahmen an der Diskussion die Autorin Nino Haratischwili, der Leiter des Goethe Instituts in Georgien Herr Stephan Wackwitz und der Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili teil. Mit der haltbaren These, dass die Aufarbeitung des stalinistischen Verbrechens in Georgien immer noch nicht stattgefunden hat, wechselte man nach einer kurzen Pause wieder in den nächsten Musikakt. Nun spielte die Pianistin Dudana Mazmanischwili Werke von Gija Kantscheli.

Ganz besonders gespannt waren wir auf den Literaturteil des Programms, der aber leider durch die Kürze der Zeit zur größten Enttäuschung des Abends wurde. Unter dem vielversprechenden Titel „Medeas Töchter! Leben bis ein Schuss fällt“ präsentierten drei georgische Autorinnen ihre Texte auf Deutsch. Die Moderatorin Regine Kühn ließ die Schriftstellerinnen nach einer kurzen biografischen Einführung ihre Texte vortragen. Sicherlich hätte das Publikum gerne viel mehr über die Gäste gehört, aber die Zeit drängte und der nächste Musikakt – nun mit der elektronischen Musik aus Georgien – wartete schon auf uns. Das Musikerpaar Tusia Beridze und Nikakoi haben in meiner Teenagerzeit Anfang der 2000er die schönsten elektronischen Beats des Kaukasus produziert und sind aktuell immer noch erfolgreich in der Musikbranche Georgiens tätig.

IMG_1988Nach den leisen und melancholischen Tönen brachten die georgischen Dichter Paata Schamugia, Shalva Bakuradze und Surab Rtweliaschwili mehr Dynamik in den Abend. Sie trugen ihre Gedichte in georgischer Sprache vor, während die deutschen Übersetzungen an die Wand projiziert wurden. Der Dichter Shalva Bakuradze war meine persönliche Entdeckung des Abends. Mit einem besonderen Rhythmus, in der er die Predigten der georgischen orthodoxen Kirche imitierte, beeindruckte er mit einer Poetik, die dem Religiösen folgte und es zugleich von innen heraus dekonstruierte. Surab Rtweliaschwilis Poesie erinnerte mich sehr stark an den österreichischen Dichter Ernst Jandl und seine bekannte Lautgedichte. Ein besonderer Höhepunkt des Abends war Giorgi Kiknadzes Jazztrio. Die Musiker haben den Abend mit wunderbaren Melodien abgeschlossen. Leider haben wir den kulinarischen Teil der Veranstaltung nicht mehr erleben können, da es fast unmöglich war, sich durch die unendliche Schlange durchzukämpfen.

IMG_1993Insgesamt ist die Veranstaltung gelungen, gerade auch durch die wilde Mischung der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler und trotz der knappen Zeit, die für den jeweiligen Programmpunkt vorgesehen war. Wir hatten oft den Eindruck, dass die einzelnen Teile des Programms viel mehr Zeit gebraucht hätten, um den ausgewählten Themen den nötigen Raum bieten zu können. Großes Problem war aber auch gerade anfangs die schlechte Akustik und immer wieder das dadurch bedingte unruhige Publikum.  Die Veranstaltung war dennoch ein wunderbarer erster Vorgeschmack auf den Gastlandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 und machte die Gäste noch neugieriger auf das kommende Buchmessenprogramm.

von Irine

Ein Jahrhundert Georgien: „Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili

Nino Haratischwilis „Das achte Leben (für Brilka)“ (Frankfurter Verlagsanstalt) ist mit seinen über 1200 Seiten ein wichtiges Werk für die Aufarbeitung der georgischen Geschichte. Über 6 Generationen spannt sich dieser gewaltige Roman der heute in Hamburg lebenden Autorin, der 1900  beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Frauen einer Familie in der georgischen Hauptstadt Tbilisi, deren Schicksal in einzelnen Epochen erzählt wird.

Mit harschen Worten beschreibt Haratischwili das Leben der Familie um Ururgroßmutter Stasia, die zwar zu Beginn als Besitzerin einer Schokoladenfabrik in der Oberschicht lebt, aber mit der zunehmenden Gewalt, der Hilflosigkeit und dem Wunsch nach Freiheit in anderen Ländern immer mehr zusammenbricht und verarmt. Hier sind es nicht nur die äußeren politischen Einflüsse, die prägen, sondern auch die gewalttätigen Familienaußeinandersetzungen und verlorenen Träume. Wie viel Leid kann eine einzige Person ertragen? In diesem Roman möchte man oft die Augen verschließen und die Kapitel überspringen. Während des Lesens wird der Wunsch immer größer, dass doch endlich einmal eine Episode durch Glück und Liebe geprägt sein soll – vergebens. Es ist nur konsequent erzählt, wenn Haratischwili den Lesern keine Pause gönnt und auch ihnen den letzten Funken Hoffnung raubt, denn vor der Realität sollte niemand die Augen verschließen, so grausam sie auch sein mag.

Es sind die vielen verschiedene Figuren, die aus „Das achte Leben“ einen Erzählepos machen, der seinesgleichen sucht.  Hervorragend und intensiv recherchiert präsentiert Haratischwili hier eine komplexe Erzählung, die das gesamte letzte Jahrhundert der georgischen Geschichte umspannt und dabei nichts auslässt. Zwar mögen die einzelnen Handlungsstränge der Familie teilweise auch zu konstruiert, zu grauenhaft wirken, doch die Konflikte Georgiens als Teil der UdSSr und der Bürgerkrieg nach dem Fall des Eisernen Vorhangs prägen auch diese realistische Geschichte und sind somit elementarer Teil des Romans. Bedauernswert ist, dass wohl viele eigentlich Interessierte bei diesem Seitenumfang zurückschrecken und sich somit die Chance nehmen, die Geschichte Georgiens und seiner Frauen für sich zu entdecken. Fakt ist, dass Haratschwili einer der großen Stimmen der georgisch-deutschen Gegenwartsliteratur ist und in „Das achte Leben“ eine historische Geschichte kunstvoll in die Romangestalt einwebt, die für viele Leser leider fremd sein wird. Besonders spannend ist hierbei, dass Haratischwili diesen Roman auf Deutsch schrieb, obwohl sie in ihm die georgische Geschichte verarbeitet. Die Autorin, die ihre Romane ausschließlich auf Deutsch schreibt, ist damit ebenfalls in der Migrationsliteratur zu Hause, zählt sie doch zu den deutschen Schriftstellerinnen, die in ihrem Herkunftsland zwar übersetzt werden, aber noch lange nicht den gleichen Erfolg haben wie in ihrer neuen Heimat. Auch „Das achte Leben“ wird auch wie ihre bisherigen Roman derzeit in Georgien übersetzt, der Erscheinungstermin ist allerdings noch unklar. Hier kennt man die Autorin eher als Dramatikerin, deren Theaterstücke in Tbilisi aufgeführt werden.

Weiterführende Interviews mit der Autorin

„Mein Anspruch ist jedoch nicht, fortzubilden, ich habe keine endgültigen Antworten. Um meine Fragen beantworten zu können, habe ich mich auf eine Odyssee begeben, habe recherchiert und parallel weiter geschrieben, das war für mich eine außergewöhnliche Arbeitsweise.“Nino Haratischwili im Interview mit faust über ihre Arbeit am Roman

„Ich finde, Schreiben ist Gegenwart. Es geschieht immer im Verhältnis zu dem Ort, an dem ich mich aufhalte. Über ihn reflektiere ich, auf ihn reagiere ich. Und inzwischen finde ich es für mich auch legitim, das auf Deutsch zu tun.“ – Nino Haratschwili im Interview mit der taz über ihr Verhältnis zu Georgien, Deutschland und ihre Identität als Schriftstellerin

Annika

Exil auf Georgisch: „Touristenfrühstück“ von Zaza Burchuladze

Bb_Touristenfrühstück_Bundeskakadu.indd„Touristenfrühstück“ (Georgisch Turistis Sauzme, Sulakauri 2015) ist der zweite Roman vom georgischen Autor Zaza Burchuladze, der nun in der deutschen Übersetzung erschienen ist – an dieser Stelle sei die wunderbare Leistung der Übersetzerin Natia Mikeladze-Bachsoliani gewürdigt. Die Buchprämiere, die am 15. März in Berlin im Literarischen Kolloquium am Wannsee stattfand, wurde von der deutsch-georgischen Autorin Nino Haratischwili moderiert, die für den Roman auch das Nachwort mit dem Titel „Landschaften des Exils“ verfasste. Die deutschsprachigen Leser sind mit den Romanen von Haratischwili bereits bestens vertraut, vor allem nach dem Erscheinen ihres dritten Romans „Das achte Leben. Für Brilka“, der das breite Lesepublikum begeisterte.

Der Roman handelt von einem Alter Ego des Schriftstellers – dem Autor Burchuladze, der aus Georgien nach Berlin ausgewandert ist. Die tagebuchartige Form des Buches folgt in ihrer Handlung dem Ich-Erzähler durch seinen Alltag in Berlin. Da der Roman viele biografischen Parallele zum eigentlichen Autor Burchuladze zieht und die Figuren aus dem realen Leben des Schriftstellers einführt, entsteht der Eindruck, dass die Grenze zwischen Fiktion und Realität immer mehr verwischt wird. Privates und Intimes werden hier skrupellos mit den Lesern geteilt. Reale Personen aus seinem früheren Leben in Tbilisi sowie seine neuen Bekanntschaften aus Berlin kommen im Roman ebenfalls vor. Mal ist er am Gesundbrunnen, mal am Görlitzer Bahnhof oder Humboldthain, oder läuft vom Alex zum Dussmann an der Friedrichstrasse, um den neun Roman von Jonathan Franzen zu kaufen und stößt im Regal doch zufällig dabei auf sein eigenes Buch.

Über die Emigration, über das Schreiben aus der Distanz und über den Perspektivwechsel auf das Heimatland durch das Exil wird im Roman viel nachgedacht – wie auch im folgenden Zitat:

„Die Heimat kann nur verlassen werden, wenn alles abgeschnitten wird, was einen damit verbindet. Alles, was sich in eine innere Emigration verwandeln kann. Das ist ein rein technisches Detail. Wichtig ist der Moment, wenn die Vergangenheit abgeworfen wird, wie der Schwanz einer Eidechse. Zu fliehen, ohne sich umzudrehen, ohne einen Blick zurück, wenn vom Himmel Schwefel und Feuer niedergeht. Es ist ja bekannt, dass der Blick zurück nichts Gutes bringt, wie bei Lots Frau, die deshalb zur Salzsäule erstarrt.“

Die literarischen Ohrfeigen werden in allen Büchern von Burchuladze immer gnadenlos ausgeteilt – auch dieser Roman ist keine Ausnahme. Mal sind es die georgischen Literaturkritiker, die sich hier in Witzfiguren verwandeln und dabei namentlich genannt werden, mal die Vertreter der georgischen Regierung – So zum Beispiel der jetzige georgische Botschafter in Berlin. Das permanente Spiel mit den realen und fiktiven Handlungsebenen sowie das mit der ständigen Selbstinszenierung wird hier in ihrer Gänze ausgeschöpft. Der fiktive Zaza Burchuladze wird durch den Ich-Erzähler durch das Sieb aller Kritiken geführt. Auch Georgier müssen hier einiges einstecken. Sätze wie diese waren bei der Lesung im lcb zu hören: „Wir sind zwar ein Volk wie ein Häufchen Scheiße, aber so hübsch, dass es schade darum wäre, uns das Klo runterzuspülen.“ In Georgien mögen sich manche Leserinnen und Leser über die Äußerungen des fiktiven Autors Burchuladze aufregen, bei dem Berliner Publikum sorgte dieser Satz jedoch nur für einen Lacher. Burchuladze ist im Roman sowohl arrogant als auch bescheiden, was stückweit etwas neues für seine Prosa ist. Er ist der Autor – wie er selbst am Anfang des Romans feststellt – eines halben Romans und einigen Erzählungen – ein „FIRST CLASS SECOND HAND AUTOR“ eben.

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Welche Gefühle und Gedanken verbinden den Erzähler noch mit seiner Heimat? Die Sehnsucht nach Tbilisi wird an einer Stelle sehr vorsichtig und in einem leicht nostalgischen Ton formuliert. Berlin war und bleibt für ihn ein leerer Raum, Tbilisi hingegen ist ein Raum mit Spiegeln, wo er sich selbst permanent reflektiert sieht. Von einem Heimweh kann man hier nicht im klassischen Sinne sprechen. Vielmehr sind es die einzelnen Fragmente aus seinem früheren Leben, die der Erzähler nun aus der Ferne nachtrauert:

„Dafür vermisse ich die Straßenfeger, die am frühen Morgen in der Stadt ausschwärmen. Natürlich gibt es in Berlin auch Straßenfeger, aber sie sind bei Weitem nicht so artistisch wie unsere. Der Berliner Straßenfeger reinigt die Bürgersteige gründlich, als bereite er die Stadt für einen chirurgischen Eingriff, der Tbilisser benützt den Besen wie der Künstler einen Pinsel.“

Der Roman lebt von Vergleichen aller Art, die teilweise mit dem einfachen Namedropping konstruiert werden. Dies hindert allerdings den Lesefluss und man hat oft als Leserin den Eindruck, dass die Namen von bekannten Schriftstellern, Musikern und Denkern nur um Nennungs willen in die Erzählung eingeführt werden.

Zaza Burchuladze hat mit „Touristenfrühstück“ einen Roman vorgelegt, der nicht nur das Exildasein des Autors literarisch aufarbeitet, sondern zugleich ein intimes Selbstporträt in den Zwischenraum Berlin-Tbilisi entwirft, das trotz einiger stilistischen und erzählerischen Schwächen überzeugt. Einerseits taucht man als Leserin in das Wahrheit-Fiktion-Spiel ein, andererseits stellt man aber selbst die vermeintlichen Selbstentlavrungs- und Selbsthinterfragungsmanöver des Autors ständig in Frage. Vielleicht ist dies auch das größte Verdienst des Buches, die Grenzen zwischen den beiden Polen derart zu verschieben und miteinander zu vermischen, dass man beim Lesen des Romans letztendlich nicht von der Verwobenheit der Frage abwenden kann.

von Irine

Zaza Burchuladze: Touristenfrühstück. Blumenbar Verlag, 2017 (Übersetzung: Natia Mikeladze-Bachsoliani)

Originalausgabe: ზაზა ბურჭულაძე: ტურისტის საუზმე, ბაკურ სულაკაურის გამომცემლობა, 2015.

Litauen auf der Leipziger Buchmesse

Bereits zum zweiten Mal ist Litauen Gastland einer deutschen Buchmesse. Schon 2002 konnte sich das kleine Land zwischen West und Ost auf der Frankfurter Buchmesse als literarischer Standort behaupten. Nun gibt es fast 15 Jahre später erneut das Motto „Fortsetzung folgt“, denn Litauen bietet fortwährend ein spannendes Programm an Kultur und Literatur. Wir haben uns unter den 26 Neuerscheinungen und Übersetzungen für dieses Jahr mal umgesehen und ein paar unserer Highlights rausgesucht.

NalIhR8NQiuErbzkApEw_9783945370100Klassiker der litauischen Literatur: „Das weiße Leintuch“ von Antanas Škėma (Guggolz Verlag)
Antanas Škėma (1910–1961) hinterließ einen Roman, der bis heute bedeutenden Einfluss auf die litauische Literatur ausübt: »Das weiße Leintuch«. Geschrieben zwischen 1952 und 1954, wurde er noch nie zuvor ins Deutsche übersetzt. Der Protagonist Antanas Garšva, ein litauischer Exilschriftsteller, arbeitet als Liftboy in einem vielstöckigen New Yorker Hotel. Antanas Garšva, Alter Ego von Antanas Škėma, ist vor den Sowjets aus Litauen geflohen, hadert aber mit der bigotten litauischen Leitkultur und der Trivialität der amerikanischen Konsumgesellschaft. In Rückblenden und Reflexionen versucht er seinen dramatischen Lebensweg zu verarbeiten und ihm einen Sinn zu geben, in der New Yorker Gegenwart findet er sich verstrickt in ein Dreiecksverhältnis mit seiner Geliebten Elena und ihrem Ehemann.

regeEinblick in das litauische Dorfleben: „Der Regengott und andere Erzählungen“ von Alvydas Šlepikas (mittdeldeutscher verlag)
Die neun Erzählungen des litauischen Meistererzählers Alvydas Šlepika sentführen in ein Dorf irgendwo in der litauischen »Provinz«. Mit viel Einfühlungsvermögen und Liebe zum Detail erzählt der Autor aus den verschiedenen Perspektiven seiner Helden in authentischer Weise leicht surrealistisch wirkende Geschichten, die zu fesseln vermögen. Unversehens wird der Leser von dieser nicht ganz alltäglichen Alltagswelt »eingesogen«, der er nur schwerlich wieder entrinnen kann.

cover_1857Drei Generationen in Chinatown: „Fische und Drachen“ von Undiné Radzevičiūtė  (Residenz Verlag)
Drei Frauengenerationen teilen eine Altstadtwohnung mitten in Chinatown: Großmutter Amigorena, Mama Nora, Autorin erotischer Kriminalromane, sowie deren erwachsene Töchter Miki und Schascha. Täglich tragen sie auf engstem Raum mit rasantem Witz ihre absurden Wortgefechte aus. Auch Schascha schreibt, allerdings über den geheimnisvollen Jesuiten und Maler Giuseppe Castiglione, der 1715–1766 am Hof des Kaisers von China lebte, doch statt diesen zu missionieren, immer tiefer in die chinesische Kultur und ihre Rätsel eintauchte. Ein umwerfend komischer Roman über zwei Kulturen, die sich anziehen und bekämpfen, verehren und missverstehen, über eine Faszination, der Schascha genauso erliegt wie Jahrhunderte vor ihr der Jesuit Castiglione.

9783866602144Ein Essay über die Hassliebe zwischen Litauen und Russen: „Moskauer Pelmeni“ von Laurynas Katkus (Leipziger Literaturverlag)
Dieser autobiographische Essay erkundet die geschichtlich motivierte Hassliebe zwischen Litauern (stellvertretend für Ostmitteleuropäer) und Russen. Aufgewachsen in einer zweisprachigen Umgebung im sowjetischen Vilnius, schildert der Autor Einflüsse der russischen Denkweise, Reisen durch Russland, die Auseinandersetzung mit der russischen Literatur und Kunst sowie die Jahre der Perestroika, die Unabhängigkeitsbewegung und schließlich persönliche Bekanntschaften mit russischen Schriftstellern und Intelektuellen. In Litauen wurde der Essay noch vor der Ukraine-Krise veröffentlicht und löste ein weites Echo in der Literaturkritik aus. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten des Westens, Russlands Mentalität zu verstehen, verleihen ihm erneut Aktualität.

46763Reisen nach Litauen: „Mein litauischer Führerschein – Ausflüge zum Ende der Europäischen Union“ von Felix Ackermann (Suhrkamp)
Was hält Europa heute zusammen? Wie gehen die Menschen in Litauen mit der Freiheit um, die sie vor einem Vierteljahrhundert gewonnen haben? Wie funktioniert die Europäische Union an ihren östlichen Außengrenzen, zwischen Kaliningrad und der Republik Belarus? Statt über diese Fragen am Berliner Schreibtisch nachzudenken, bricht Felix Ackermann 2011 auf, um Gastwissenschaftler in der litauischen Hauptstadt zu werden. Seine Familie erlebt in Wilna ein Europa der ganz praktischen Herausforderungen. Die Kinder lernen Litauisch und werden zu kleinen Patrioten erzogen. Seine Frau bringt eine Tochter zur Welt, die sogleich einen litauischen Personencode erhält. Und er selbst macht endlich doch noch seinen Führerschein in einer Kleinstadt namens Utena.

Mehr Litauen? Eine Übersicht aller Titel gibt es hier.

Weitere spannende Links rund um den Gastlandauftritt:

„Die Welt“ über den Besuch verschiedener Redakteure in Litauen.
„Litauen auf der Buchmesse“ – zdf aspekte hat einige litauische Autoren besucht und mit ihnen über das Verhältnis zu Russland gesprochen
Zusammenstellung einiger Veröffentlichungen auf br.de
Bericht über Claudia Sinnig, eine der wichtigsten Übersetzerinnen litauischen Literatur