Kat Kaufmann: „Die Nacht ist laut. Der Tag ist finster“

9783455001051„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“, so lautet der Titel des zweiten Romans von Kat Kaufmann. Erschienen ist er bei Hoffmann und Campe Verlag/TEMPO Bücher in diesem Frühjahr. Mit ihrem Erstlingswerk „Superposition“ hat Kaufmann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt gewonnen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist Kaufmann gleichzeitig auch Jazzsängerin-Schrägstich- Komponistin-Schrägstrich-Fotografin. Wer Kat Kaufmann und ihr Werk bisher nicht kannte, wird spätestens bei der Information, dass sie den Umschlag selbst gestaltete, neugierig gemacht (an dieser Stelle ein großes Lob an den Verlag für das Vertrauen in die Autorin und die künstlerische Freiheit!). Es scheint hier alles zu stimmen – eine dynamische, unkonventionelle Road Novel, erzählt von einer hippen Berlinerin mit einer überaus interessanten Bio. Es verwundert auch nicht, dass Kaufmann mit ihren beiden Büchern mediale Aufmerksamkeit erregt hat, indem sie neben Lob, auch Kritik geerntet hat.

Während „Superposition“ (2015) viele autobiographische Züge nachgesagt werden, begibt sich Kaufmann in diesem Buch teilweise in neue Gebiete. Hier behandelt Kaufmann Sujets wie Familienverhältnisse, Liebe und die aktuelle politische Situation. Daneben gibt es aber auch wiederkehrende Orten wie Berlin und Moskau, und wiederkehrende Motive wie der Bezug zum Judentum, zur Musik oder zum exzessiven Nachtleben. Das thematische Spektrum ist auf 272 Seiten in eine relativ herbe Sprache verpackt, die für manchen bis zum letzten Satz gewöhnungsbedürftig bleibt.

Der Protagonist, Jonas, ist ein Berliner Twen, der sich nach Moskau aufmacht, nachdem er eine geheimnisvolle Nachricht von seinem verstorbenen Opa Ernst erhält: „Finde diesen Mann! Valerij Butzukin.“ Jonas zögert nicht lange. Genervt und gelangweilt von dem grauen Muff seines Elternhauses, entscheidet er sich, dem Aufruf des geliebten Großvaters zu folgen. Jonas ist bereit, sein ganzes Leben umzukrempeln. Denn die Reise führt für ihn nicht einfach nur nach Moskau, sie soll ihn direkt zu den Antworten führen, die seine eigene Vergangenheit entschlüsseln. Begleitet wird er von Stas und Juri, zwei dubiosen Gestalten, die er in einer Berliner Kneipe kennenlernt. Die beiden verfügen über die notwendigen Kontakte zu Kriminellen und ermöglichen Jonas so die illegale Einreise nach Russland. Zusammen mit seiner Entourage gerät Jonas in mehrere gefährliche Situationen und ist schließlich in einen Mordkomplott gegen den Mafioso Krokodil verwickelt. Die ganze Geschichte ist eingebettet in den Kalten Krieg 2.0 zwischen Ameropa und Russasia, was dem Leser in Form einer laufenden Pressemitteilung am unteren Seitenrand mitgeteilt wird.

Ausgehend vom Klappentext, könnte man das Buch als eine Road Novel mit einer Prise philosophischer Überlegungen einordnen. Die erzählte Welt wird von Kaufmann auf unterschiedliche Art und Weise eingeleitet – besonders hervorstechend ist in diesem Kontext die sehr gewöhnungsbedürftige 2. Person, in der die Geschichte zu einem großen Teil erzählt wird. Hieraus entwickelt sich unwiderruflich ein eigenartiges Gefühl der Entfremdung zwischen dem Erzähler und dem Hauptcharakter, der dadurch wie seine Marionette wirkt. Hier eine kleine Kostprobe:

„Du versuchtest, die Worte auszusprechen, gibst sie in den Browser ein. Du siehst dir Tutorials an und lädst die Audiodateien der Aussprachen. Du blätterst weiter, findest Cafés und Restaurants, Empfehlungen von Ausstellungsräumen. Aber du willst ja nicht hinfahren, um Lokale zu testen oder sinnierend durch Ausstellungen zu flanieren. Du kannst das alles jederzeit abbrechen.“

9783455405347Die Erzählung wird durch viele Rückblenden eines allwissenden Erzählers und durch dialogische Einschübe unterbrochen (auch graphisch gekennzeichnet). Aus diesen erfährt der Leser Näheres über die Gefühlswelten von Jonas und den anderen Figuren, was die sonst etwas platt gestrickten Charaktere mehrdimensional erscheinen lässt. Durch diese Verflechtung von Erzählsträngen gelingt es Kaufmann schließlich auch, einem Überraschungsmoment zu erzeugen, es ist das Highlight im Plot, und man darf dieses ruhig auch von einer Road Novel erwarten.

Die TEMPO-Bücher, wie man beim Verleger nachlesen kann, sollen „neue, unkonventionelle literarische Stimmen umfassen.“ Ohne jeden Zweifel erfüllt Kaufmanns Buch beide Versprechen, denn neu und unkonventionell ist es auf jeden Fall. Somit ist eigentlich auch schon klar, wer das Zielpublikum sein soll: „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ spricht all jene an, die an neuen Formen der literarischen Schöpfung einer postmodernen und schnelllebigen Welt interessiert sind.

Der Klappentext bewirbt das Buch als „rasant erzählte Road Novel über Leben und Tod, Schein und Wahrheit – und dem Wahnsinn dazwischen“. Kaufmanns Erzählstil ist auf jeden Fall rasant. Dies kann mit der Zeit – subjektiv betrachtend – auch anstrengend sein. Was bleibt jedoch von dem Wunsch, von Leben und Tod und gleichzeitig noch von den Sphären des Scheins, der Wahrheit und dem Dazwischen zu erzählen? Irgendwie scheint es, als würde der Roman mit all seiner Geschwindigkeit nur die Oberfläche dieser Themen überfliegen. Philosophische Fragen werden nur dezent angerissen, an keiner Stelle wird der Tiefgang gewagt. Vielleicht ist hier aber schon zu viel verlangt. Es wäre mit Sicherheit ein Gewinn, wenn Kaufmann sich etwas weniger auf sprachlich-experimentelle Rasanz und mehr auf gutes Geschichtenerzählen konzentrieren würde.

von Karolina

Kat Kaufmann (2017): Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Hamburg: TEMPO Bücher / Hoffmann und Campe Verlag. 

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Boris Sawinkows „Das schwarze Pferd“: Die Seele des Russischen Bürgerkrieges

9783869711454Boris Sawinkows „Das schwarze Pferd zeigt die Seele des Russischen Bürgerkrieges. Erstmals ist der Roman in der deutschen Übersetzung von Alexander Nitzberg  in diesem Jahr in Galiani Verlag erschienen und zeichnet die Szenen inmitten der Kämpfe. Boris Sawinkow bindet sich als Alter Ego, ein weißrussischer Offizier, ein, der in Tagebuchform von den Schlachten berichtet und 1917 erst für die Adligen kämpft, dann jedoch zu der gegnerischen Seite wechselt. In seinen Beiträgen nimmt er kein Blatt vor den Mund, berichtet von den Grausamkeiten an der Front (für die auch er oftmals die Verantwortung trägt), von der rauen Natur, die zum Schauplatz des Mordens wird und dem sinnlosen Töten, das kein Ende nehmen will – auch in den eigenen Reihen. Und obwohl die Berichte teilweise sehr knapp gehalten sind, verfehlt der Eindruck der geschilderten Bilder seine Wirkung nicht. Selbst die Liebe wird in „Das schwarze Pferd“ zu einem dreckigen Etwas.

Als ehemaliger „Top-Terrorist“ Russlands stand Sawinkow unter besonderer Beobachtung und beschrieb im französischen Exil neben zwei weiteren Romanen Jahre später den Wahnsinn des Russischen Bürkerkrieges. Mit zahlreichem Informationsmaterial ist diese Ausgabe des Galiani Verlages nicht nur ein Stück Weltliteratur, sondern auch eine historische (Charakter-)Studie. Die Protagonisten verdeutlichen durch das Wechseln der Fronten und das Töten ihrer Landsleute die Unsinnigkeit des Krieges. Der weißrussische Offizier agiert voller Härte. Eine passende Farbe, um „Das schwarze Pferd“ ist wohl trotz des blauen Einbandes ein ewiges grau, von Blutrot durchkreuzt. Es ist eine Kunst des Autors „Das schwarze Pferd“ so lebendig erscheinen zu lassen. Nicht immer erhalten die Leserinnen und Leser alle Informationen, nicht immer werden die Strukturen unter den Charakteren sofort klar und dennoch bzw. gerade dadurch ist das Gefühl, dabei zu sein, umso stärker.

„Das schwarze Pferd“ ist grausam, düster und apokalyptisch. Der Roman ist eine Empfehlung für alle, die Geschichte erleben wollen und dabei nicht vor blutigen Szenen zurückschrecken.

 

  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten, 23 € (D)
  • Verlag: Galiani-Berlin (9. März 2017)
  • Übersetzung: Alexander Nitzberg
  • ISBN-13: 978-3869711454

Annika

 

„Ich weiß nicht, wohin es geht“: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann

42762Bis zu ihrem Debütroman „Außer sich“, der dieses Jahr beim Suhrkamp Verlag erschienen ist und gleich für den wichtigen Literaturpreis hierzulande, für den Deutschen Buchpreis, nominiert war, war Sasha Marianna Salzmann als Hausautorin im Berliner Maxim Gorki Theater bekannt. Wie die Vielzahl der Stücke des Gorki Theaters, so handelt auch der Roman von Salzmann von Migration in der „postmigrantischen“ Welt.

„Außer sich“ ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Roman. Er ist stark experimentell und zugleich deutlich unkonventionell geschrieben. Es fällt auf, dass der Autorin beim Schreiben ganz besonders daran lag, die Grenzen jeglicher Art zu verwischen. Die Sexualität hat hier kein Geschlecht und die Figuren keine fixierte Identität. Sie verwandeln sich ständig, wechseln ihr Äußeres, tauschen ständig ihre Wohnorte aus und sind dauernd auf der Suche. Im Mittelpunkt dieses Romans steht eine russisch-jüdische Familie, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in einem Asylheim in einer Kleinstadt in Deutschland landet. So ist auch die Autorin Salzmann mit ihrer Familie in den 90er Jahren aus Russland als russische Jüdin emigriert.

Die Eltern der Hauptfigur des Romans führen eine angespannte Beziehung. Die Kinder Alissa und Anton sind Zwillinge und mit besonders starken Nähten miteinander verbunden. Doch Anton taucht unter, als Alissa aka Ali schon in Berlin studiert. Seine Spuren führen Alissa nach Istanbul – in die Stadt der fließenden Grenzen und schon längst miteinander verschmolzenen Gegensätze. Bei Onkel Cemal kommt Ali unter und schließt sehr schnell neue Bekanntschaften. Katharina wird zu ihrer Geliebten. Sie ist transsexuell und ebenfalls russischsprachig. Die Suche nach dem Bruder wächst mit der Zeit in die Suche nach sich selbst über. So sieht Ali Antons Schatten ab und an in den Bars von Istanbul, oder ist es vielleicht doch ihr Selbstbild im Spiegel, das immer mehr dem von Anton gleicht?

Im Roman wird viel in Rückblenden erzählt. Die Familiengeschichte von Alissa reicht bis zu ihren Urgroßeltern zurück und behandelt fast das ganze Jahrhundert der kommunistischen Geschichte in Russland. Alis Großvater Daniil stammt aus einer Rabbinerfamilie und entdeckt das religiöse jüdische Leben erst im höheren Alter in Deutschland. Der sowjetische Antisemitismus hat die jüdische Tradition in der Familie fast vollständig zerstört. Ali weiß, dass keine von ihren Beziehungen wirklich lange halten können und ihr Reisepass längst nicht mehr nötig ist, um die staatlichen Grenzen passieren zu können. Letztendlich ist es die Hybridität, in der sie ihr Zuhause findet:

„Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als Nächstes passieren könnte. Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – Als ein Er oder eine Sie?“

„Außer sich“ ist eine sehr starke Prosa, die keine Experimente scheut und unserer globalisierten Welt einen adäquaten fiktionalen transkulturellen Weltentwurf auf hohem literarischen Niveau entgegenstellt.

von Irine

Sascha Marianna Salzmann (2017): Außer sich. Berlin: Suhrkamp Verlag.

600 M² GLÜCK – DIE DATSCHA: Ein gemeinsames Bildbandprojekt von Evgeny Makarov und Lew Rubinstein

imagegroupPünktlich zur Sommer- und Ferienzeit ist beim Münchner Kunstbuchverlag Sieveking der wunderbare Fotoband von Evgeny Makarov mit Texten von Lew Rubinstein erschienen. „600 M2 Glück – die Datscha“ versammelt Fotografien aus der Datschasiedlung „Orekhovo“ bei St. Petersburg. Makarov reiste 2013 zu dem Ort seiner Kindheit und fotografierte Landschaften und Menschen, die dort jedes Jahr vom Mai bis Oktober in ihrem gewöhnlichen Rhythmus leben. Das Coverbild zeigt die „Kirschendame“ Anna. Beeindruckend gelassen liegt sie auf einer Bank und greift nach den rot leuchtenden Kirschen, die großzügig über ihren Kopf wachsen. Die Dichotomie „Stadt-Land“ wird hier durch das Zitat von Anna noch weiter unterstützt. Die Datscha heißt für sie schlicht und einfach das Leben – „In der Stadt werde ich nur krank und müde. Hier habe ich immer etwas zu tun, das hält mich jung.“

Außer Anna zeigen die stückweit melancholischen Aufnahmen Figuren, die nur selten ihre Gesichter zeigen. Sie werden eher als verschwommene Gestalten dargestellt und sind kaum vor dem dazugehörigen landschaftlichen Hintergrund wahrzunehmen. Hier gehen Menschen den üblichen Tätigkeiten nach – sie reparieren Autos, gehen Angeln oder ruhen sich einfach aus. Die Fotos von Makarov zeigen die üblichen Holzhäuser mit den kleinen Gärten, die durch ihre chaotische Ordnung auffallen. Überhaupt ist eine gewisse Unordnung der wichtigste Bestandteil des Gartens und von Innenräumen der Datschen – als ob man hierher alles bringt, was man in der Stadt als unbrauchbar aussortiert hat, hier findet alles zumindest irgendwann Gebrauch. Datschen sind die Ablageorte des Alten, des Kaputtgegangenen, die hier zum neuen Leben erweckt werden.

Das Essay von Lew Rubinstein, das dem Fotoband beigefügt wird, ordnet die Kultur des Lebens auf der Datscha historisch ein und erklärt den Begriff im Hinblick auf dessen Wandlung und Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen hier das 20. Jahrhundert und die kommunistischen Jahre Russlands, während dessen die Datscha als einen vermeintlichen Zufluchtsort stilisiert wurde und mit dem bestimmten Freiheitsgefühl in Verbindung stand. Der Text vom Rubinstein ergänzt die Bilder, ohne zugleich über sie dominieren zu wollen.

Ein schöner Bildband zum Blättern und zum ästhetischen Genuss für die LeserInnen, die sich für die russische Kultur und die osteuropäischen Landschaften interessieren. Es sind die einzelnen kleinen Details, die in den Fotos am Meisten begeistern – wie die schimmernden Wassertropfen an den Fingern des jungen Anglers am abendlichen See. Der entschleunigte, verlangsamte Rhythmus des Lebens auf Datscha kommt in diesem Bild in allen Dingen zur Sprache. Hier fließt die Zeit besonders langsam und die Landschaft strahlt die Ruhe und Gelassenheit der Dämmerung, die insbesondere im Sommer durch die beeindruckenden Bilder einbricht.

von Irine

600 M² GLÜCK – DIE DATSCHA (2017): FOTOGRAFIEN VON EVGENY MAKAROV. TEXT VON LEW RUBINSTEIN. AUS DEM RUSSISCHEN VON ROSEMARIE TIETZE. München: Sieveking Verlag.

 

 

 

 

 

Das freie und wilde Künstlerleben: „Elephantinas Moskauer Jahre“ von Julia Kissina

Die deutsch-russische Künstlerin und Schriftstellerin Julia Kissina wurde 1966 in Kiew geboren, verbrachte aber ihre Studienjahre in Moskau und lebt seit 2003 in Berlin. Als Vertreterin der Moskauer Konzeptualisten und Mitglied in verschiedenen Autoren- und Literaturkreisen war sie gerade in Moskau immer mittendrin im künstlerischem Geschehen. So ist es sicher kein Zufall, dass sie in ihrem Roman „Elephantinas Moskauer Jahre“ (Suhrkamp, 2016) ihre Protagonistin von Kiew ins Moskau der 80er Jahre schickt und diese hier verschiedenste wilde Episoden zwischen Dichtern, Denkern und Philosophen erleben lässt.

Denn es gibt weder Anfang noch Ende. Es gibt keine Hierarchie der Ereignisse und es kann sie nicht geben. Vor dem Massiv der Zeit sind alle Ereignisse gleich und gänzlich ununterscheidbar.“

Ab 1981 lebt die junge Protagonistin, deren Künstlername „Elephantina“ ist, in Moskau und nimmt ein Schauspielstudium auf. Sie hangelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt mal bei Verwandten, mal im Untergrund – oftmals in der Kälte und Gefahr. Zu ihrem wilden Leben gehören diverse illustre Künstlerinnen und Künstler, allen voran ihr Schwarm Tomat, auch gerne als Tomatenjunge, Tomatenmensch oder Tomatensaft bezeichnet, nur ist dieser leider verheiratet. Neben dem Studium widmet Elephantina sich ihrem Werk „Die sieben Stufen des Todes“ und der Poesie. Es ist ihre künstlerische Ader, die ihre Welt zu einem Abenteuer macht, doch schnell kann man den Überblick über ihre vielen Begegnungen verlieren, die durch die Spitznamen ihrer Bekannten noch wirrer werden.

`Elephantina, du bist eine Vollidiotin!´, sagte Moskau zu mir.
Ich streckte der Stadt die Zunge raus.“

„Elephantinas Moskauer Jahre“ lebt von ihren Figuren. Allen voran steht Elephantina, die aus den vielen Episoden, die sich von 1981 bis 1985 strecken, eine bunte Welt zwischen dem sich ankündigenden politischen Umschwung und ihren persönlichen Problemen schafft. Manchmal wirkt diese zwar konstruiert, ist aber äußerst unterhaltsam. Gleichzeitig ist der Roman ein Einblick in ein wildes, fiktives Künstlerleben, das sicher auch durch wirkliche Begegnungen der Autorin beeinflusst wurde. Elephantina lässt sich von niemandem und durch nichts verändern. Schnell wurden die Geschichten für mich jedoch zu einer einzigen, die sich in ähnlicher Form immer wieder abspielte. Kissina beweist zwar sehr viel Humor und literarisches Können (nicht zu vergessen ist hier die gelungene Übersetzung von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova), doch ich könnte ehrlich gesagt keine der vielen Episoden auf Anhieb wiedergeben. „Elephantinas Moskauer Jahre“ ist ein außergewöhnlicher Roman, der mich leider nicht unbedingt überzeugen konnte.

„Frühling auf dem Mond“ (Suhrkamp, 2013) startete Kissina ihre geplante Trilogie über die spätsowjetische Zeit, die mit „Elephantinas Moskauer Jahre“ fortgeführt wurde. Obwohl die Autorin fließend Deutsch spricht, schreibt sie, im Gegensatz zu der zweiten großen aus Kiew stammenden und in Berlin lebenden Autorin Katja Petrowskaja, auf Russisch.

Mehr zur Autorin und zum Titel gibt es hier:
http://www.zeit.de/2016/32/elephantinas-moskauer-jahre-julia-kissina-roman

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten, 22,95 € (D)
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (8. Mai 2016)
  • Übersetzung: Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova
  • ISBN-13: 978-3518425329
  • Originaltitel: Elefantina ili Korablekrusccenija Dostoevceva

Annika