Kafkaeskes Schachspiel: „Sopotin“ von Dana Todorović

„Wohl dem, der sich einen Weg nach Logowskoj selbst ebnet und durch das wundersame Fenster den Nullpunkt der Wirklichkeit erspäht, wo Dualitäten aufhören, zu existieren, und das Leben zu seinem ursprünglichen Sinn zurückkehrt, wo es keine Wut, Schuld, Reue, Enttäuschung gibt und keine verpassten Gelegenheiten oder nicht erlebte Augenblicke, und wo der menschliche Geist ungehemmt mit Freude im einzigartigen Erleben seines Daseins erstrahlt.“

In Dana Todorović` „Sopotin“ aus dem KLAK Verlag ist der Name Programm. In der aus dem Serbischen von Elvira Veselinović übersetzten Erzählung dreht sich alles um den Schachmeister Sopotin, der sich für das Freundschaftsturnier „Grigori Andrejewitsch Sopotin gegen das Volk“ der Herausforderung stellt, den Austragungsort, den Logowskoj Park, erst dann zu verlassen, wenn er von einem Gegner besiegt wird.  So versammelt sich eine illustre Runde um den zu besiegenden und sorgt für eine stimmungsgeladene Geschichte, die auch von kafkaesken Elementen lebt – denn im Gegensatz zu der realen Ebene des Nicht-Verlierens sind es der Park und ein rätselhaftes Monster in den Bäumen, die Sopotin den Ausgang versperren.

Die Autorin Dana Todorović entstammt einer serbischen Schauspielerfamilie. Auch sie studierte anfangs Schauspiel, bevor sie sich der Literatur widmete und zwei Kinderbücher in Slowenien sowie mehrere Kurzgeschichten in serbischen Literaturzeitschriften veröffentlichte. Vielleicht ist „Sopotin“ gerade durch ihre Ausbildung so konzentriert auf wenige Rollen begrenzt und auf den Punkt geschrieben – die idealen Voraussetzungen für ein Theaterstück. Sopotins` Kosmos beschränkt sich auf den Logowskoj Park und obwohl er sich gegen das Turnier sträubt, scheint es für ihn bereits vorab keinen Ausweg zu geben. Die Geschichte um den Schachmeister umspannt mehrere Tage, während denen die Teilnehmer ihr Leben komplett auf das Turnier ausrichten. Sie schlafen auf Bänken, essen Mitgebrachtes von der Familie oder Freunden und stellen ihre Aufgabe nicht in Frage. Nachts wird das Geschehen zum plötzlichen Albtraum, wenn die Gefährten Sopotins plötzlich erstarren und dieser der einzige Mensch auf der Welt zu sein scheint.

Mit „Sopotin“ hat Dana Todorović eine Erzählung geschrieben, die viele Fragen offenlässt und bewusst mit den Gegensätzen zwischen Realität und Traum spielt. Gewiss kann man in die Geschehnisse viel hineininterpretieren, doch dies sei den neuen Lesern überlassen, die gemeinsam mit Sopotin den Logowskoj Park betreten. Das Buch ist gutes ein Beispiel für die moderne serbische Literatur und stand daher sicher nicht ohne Grund auf der Shortlist für den NIN-Preis, dem wichtigsten Buchpreis Serbiens.

Ihr wollt mehr von Dana Todorović lesen? Das erste auf deutsch übersetzte Buch „Das tragische Schicksal des Moritz Tóth“ erschien 2016 beim Leipziger Literaturverlag.

  • Taschenbuch: 159 Seiten
  • Verlag: KLAK Verlag (13. März 2017)
  • Übersetzung: Elvira Veselinović
  • ISBN-10: 3943767779
  • Originaltitel: Park Logovskoj

Annika

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„Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ von Svetislav Basara

Svetislav Basaras „Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ (Dittrich Verlag) erschien vor 20 Jahren in Jugoslawien und mauserte sich hier schnell zum Kultroman. Trotz des großen Erfolges in der Heimat dauerte es nach der Übersetzung von dem „Führer in die innere Mongolei“ 2008 im Antje Kunstmann Verlag noch bis 2014, bis der Dittrich Verlag den serbischen Autor auch in Deutschland mit einer Übersetzung des Romans würdigte. Als Teil der sehr zu empfehlenden Edition Balkan können wir nun diese interessante Zusammenstellung fiktiver Dokumente rund um die „Evangelischen Radfahrer des Rosenkreuzes“ erlesen und entdecken.

Im Vorwort des Romans beschreibt Basara sein Werk als „Fama“, was sich auf deutsch am ehesten mit „Gerücht“ übersetzen lässt. Auch die Erzählungen um die seit dem Mittelalter existierenden „Evangelischen Radfahrer des Rosenkreuzes“ sind Gerüchte, Fantasien und wilde Berichte, die sich zusammengewürfelt in dem Buch finden lassen und ein Gesamtbild ergeben, das die Leser verblüfft und verwirrt zugleich zurücklassen.
„Ich dachte, unsere Zeit sei eine Zeit des Fragmentierten, des Halbfertigen, des Unfertigen.“, lautet die Erklärung für dieses Wirrwarr aus Stimmen u.a. von real existierenden Personen wie Arthur Conan Doyle oder Sigmund Freud oder fiktiven Figuren wie Karl dem Grässlichen. Im Mittelpunkt der Dokumente stehen immer die Fahrradfahrer, die sich selber als „Nachkommen des Oströmischen Reiches, von Byzanz“ betrachten und sich weigern, „jegliche Nachfolgestaaten-Schöpfungen, die auf den ehemals byzantinischen Territorium entstanden sind, anzuerkennen“. Neben ihren wilden häretischen Theorien rund um die Heiligkeit des Fahrrads (so ergibt dieses aus der Vogelperspektive ein Kreuz und Mann und Frau werden zu Fahrradmotiven, die Frau wohlgemerkt ohne Stange in der Mitte) sind die Mitglieder Feinde von Uhren, die sie in regelmäßigen Aktionen zerstören. Denn die Zeit existiert nur als Konstrukt der Menschen und teilt das Leben so zu kategorisch ein. Was für die Anhänger zählt, ist insbesondere das Leben nach dem Tod, auf das sie sich durch Weissagungen verstorbener Mitglieder, die sie im Traum besuchen, vorbereitet werden und indem sich alle verbinden. Träume werden hier zu Treffpunkten.

„Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ mag auf den ersten Blick sperrig wirken, doch schnell zeigt sich der faszinierende Sog, den Basara mit dem Spiel zwischen Fiktion und Realität ausübt. Erwartet man hier eine konventionelle Handlung, wird man schnell enttäuscht. Genauer genommen könnte man das Buch auch nach der Hälfte weglegen und wäre genau so schlau wie nach Beendigung aller Kapitel. Die Berichte gliedern sich in Briefe, Analysen, Kurzgeschichten und biografischen Erzählungen, die nach und nach die Bilder der Fahrradfahrer verdeutlichen. Geschickt bindet der Autor Skizzen und sogar Fotos ein, die die Figuren zeigen sollen. Wohin die literarische Reise geht, bleibt lange unklar und Basara hält starr an seinem Konzept des „Halbfertigen“ fest. „Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ ist definitiv keine einfache Lektüre, spielt er zwar mit großen Motiven wie der Traumdeutung, dem Leben nach dem Tod, dem Glauben an Gott und das ewige Leben, präsentiert aber gleichzeitig einen „Nicht-Roman“, der ebenfalls, wie im Nachwort empfohlen, von hinten gelesen werden kann.

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Dittrich, Berlin; Auflage: 1 (10. März 2014)
  • Übersetzung: Mascha Dabic
  • ISBN-13: 978-3943941197
  • Originaltitel: Fama o biciklistima

Annika

Superheldinnen von besonderer Art: „Superheldinnen“ von Barbi Marković

cover_1813Superheldinnen (Residenz Verlag, 2016) ist der zweite Roman von Barbi Marković, der in deutscher Sprache vorliegt. Genauer gesagt wurde der Roman im Unterschied zum im Suhrkamp Verlag bereits 2009 erschienenen Ausgehen (Izlaženje, Verlag Rende, Belgrad 2006), das stark vom Werk des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard inspiriert wurde, zweisprachig geschrieben. Die Autorin schrieb einige Passagen auf Serbisch, die in dieser Ausgabe von Mascha Dabić ins Deutsche übertragen wurden. Das Zwischensprachliche und Zwischenkulturelle steht im Roman im Mittelpunkt. Nicht zuletzt deshalb wurde die aus Belgrad stammende Autorin dieses Jahr zusammen mit Senthuran Varatharajah mit dem Chamisso-Förderpreis 2017 ausgezeichnet. Aktuell lebt Barbi Marković in Wien.

Im Zentrum der Handlung des Romans stehen die drei Superheldinnen und Freundinnen Mascha, Direktorka und die leicht depressive Ich-Erzählerin. Alle drei können kaum unterschiedlicher sein: Sie haben übernatürliche Kräfte unterschiedlicher Art und treffen sich jeden Samstag im Café Sette Fontane in Wien, um sich über die aktuellen Pläne auszutauschen. Mascha experimentiert mit „Auslöschungen“ und „Blitzen“ und gilt als Anführerin der Gruppe. Direktorka hilft den Freundinnen dabei, die Kräfte weiter zu verstärken. Und die Ich-Erzählerin stellt sich wie folgt vor:

„Enttäuscht vom Leben, mit einem dehnbaren Gewissen. Bilanz zu ziehen hatte mir schon immer Vergnügen bereitet.“

Der Kampf für das bessere und menschenwürdige Leben kann nur gemeinsam geführt werden. Der Wechsel von Ländern und Städten ist ein Teil der Identitäten der Superheldinnen und zugleich die erste Maßnahme zu Problemlösungen. Berlin, Sarajevo und Belgrad sind Orte, in denen sich die Romanfiguren aufhalten. Überhaupt ist das nomadenhafte Leben ein fester Bestandteil des Romans. Hierzu konstatiert die Hauptfigur des Romans an einer Stelle folgendes:

„Dabei fiel mir ein, dass die Städte uns immer wieder kauten und ausschpuckten; und wir zogen unermüdlich um, vergrößerten unsere Reichweite. Es fiel mir auch ein, dass die Tauben auf die gleiche Weise herumflogen, ständig auf der Suche nach schmutzigen Terrassen mit vollen Mistkübeln, von denen niemand sie mit einem Besen verjagen würde, darüber hinaus hegten sie sogar die Hoffnung, dass ein einsamer und kranker Mensch im Ruhestand ihnen erlauben würde, ein Nest unter seinem Bett zu bauen.“

Die Superheldinnen betreiben außerdem eine Sonntagskolumne in der Zeitschrift Astroblick. Mascha, die wegen des Krieges nach Österreich übersiedelte, kam als Erste der Gruppe zum Schreiben und fühlte sich schnell ziemlich souverän auf dem Gebiet. Die „Auslöschungen“ – hier muss man gleich an den letzen Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard denken, der der Autorin eventuell ebenfalls als Inspirationsquelle diente – die die Superheldinnen ab und zu praktizierten, lassen die Menschen nicht vollständig verschwinden. Sie tauchen in besseren Bedingungen wieder auf, bleiben aber für ihr früheres Umfeld unzugänglich.

Das Leben der Figuren des Romans ähnelt dem Leben von Obdachlosen und Straßenkindern. Ohne Geld und ohne Dach auf dem Kopf ziehen sie von einer Stadt in die andere und hoffen stets auf ein besseres Leben. Die in Sarajevo Mascha nahe stehende Rabija war schon immer die Antiheldin der Gruppe. Ihr mysteriöser Tod sorgt immer noch für Spekulationen in der Gruppe; so scheint der eine Teil des Körpers, der auf dem Platz der Befreiung in Sarajevo gefunden wurde, eventuell durch den Versuch der Selbstauslöschung übrig geblieben zu sein. Die Superheldinnen wissen allerdings eins ganz genau: Sie wollen auf keinen Fall wie Rabija enden. Doch die Zeit von großen Veränderungen ist schon angetreten: „Das ist unser Happy End, und wir haben nicht vor, es uns kaputt zu machen.“

Barbi Marković hat einen etwas schwer zugänglichen Roman geschrieben, der mit vielen literarischen Formen und Stilen spielt und die Zweisprachigkeit in einer kreativen Form umsetzt. Trotz des stark verwobenen Plots und der Brüche, die durch die Passagen in der serbischen Sprache erzeugt werden, bleibt man als Leser stets bei den Romanheldinnen, die ein aufregendes Leben zu führen versuchen und sowohl zwischen den Welten als auch zwischen den brutalen Zeiten des Jugoslavienkrieges und dem modernen Berlin hin und herbewegen.

von Irine

Barbi Marković: Superheldinnen. Wien: Residenz Verlag. 2016.