„Eichhörnchen hatten uns enttäuscht“ – Tijan Sila: Tierchen Unlimited

9783462050264Krieg, Flucht und die bevorstehende Integration in einem fremden Land wie Deutschland sind die Themen des Debütromans „Tierchen Unlimited“ von Tijan Sila (Kiepenheuer & Witsch). Der Autor Sila kam wie der Held des Romans in Sarajevo zur Welt und wanderte mit seiner Familie 1994 nach Deutschland aus. Der Ich-Erzähler erzählt mit einer starken Stimme von seinem Leben in Deutschland und von seiner Kindheit, die er in Bosnien verbracht hat. Seine neue beste Freundin Sarah, die Polizistin werden will, prägt sein Leben. Sarahs familiäre Situation hätte sich Besseres wünschen können – ihr Vater bringt sich um, nachdem sein Sohn in Bosnien im Krieg getötet wird, da er auf kroatischer Seite als Neonazi gegen Moslems kämpft. Die Freundschaft zu Sarah ist durchaus eine Seltsame. Ein Paar werden die beiden nie, aber auch keine Freunde im klassischen Sinne:

„Sarah rang mich zweimal wöchentlich auf ihre Matratze nieder, klemmte mein Gesicht zwischen ihre Handflächen und die Lippen schürzten los. Es geschah unangekündigt, und das Warten auf ihren nächsten Überfall war meine Medizin. Sie hielt mich aufrecht. Was für eine seltsame Freundschaft, dachte ich damals. Eine deutsche Freundschaft. So läuft das hier. Ich kapiere gar nix, aber ich mag es.“

Der Krieg aus der Kindheit der Figur hat ein grausames und brutales Gesicht. Die slowenischen und muslimischen Namen konnten damals darauf hinweisen, wer Feind und wer Freund war. Die Kindheit in Sarajevo und die Freundschaft mit Janez, mit slowenischen Vor- und muslimischen Nachnamen, macht das Leben der Hauptfigur noch aufregender. Der Krieg spiegelte sich bei den Kriegskindern in den brutalen und mit Gewalt geladenen Spielen wieder. Die grausamen Bilder der Jahre bleiben fest im Gedächtnis des Erzählers verankert:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht mehr genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie die Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken.“

Das Stehlen gehört besonders im Sommer zum Alltag der Kriegskinder und das Leben wird ständig durch die Angst vom Tod geprägt. Videospiele, Comics und Pornomagazine werden ausgeliehen oder geklaut, die dann wiederum bei den UN-Soldaten gegen Lunchpakete getauscht werden. Das Klauen wird später zum festen Bestandteil des Lebens der Hauptfigur in Deutschland. Er bricht mit seinen Freunden in Luxuswohnungen ein und läuft dann mit Rolex und mit Burberry Mantel herum. Wenn er in der schwierigen Situation steckt, kümmern sich seine Freunde Faruk oder Sarah darum – „Überlass mir die Rache. Ich kümmere mich um den Nazi. Du bist ein braver Kerl.“ Was ist das aber, das ihn so anders und zerbrechlich macht? Ist es vielleicht die Erfahrung des Krieges, die er ständig mit sich trägt und die sein neues Leben in Deutschland bestimmt?

Mit seinem Debüt schafft Sila eine spannende Erzählung, die trotz der vielen Wiederholungen und stilistischen Schwächen überzeugt, und auf die Unmöglichkeit der raschen Aufarbeitung von traumatischen Kriegserfahrungen gekonnt hinweist – Erfahrungen und Erlebnisse, die den Menschen auch viele Jahre später nach dem Krieg nicht vollständig loslassen.

von Irine

 

Tijan Sila (2017): Tierchen unlimited. Verlag: Kiepenheuer & Witsch. 

 

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Suizid als eine Art Familientradition: Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“

U1_978-3-498-07389-3.inddDie literarische Tätigkeit der Autorin Natascha Wodin nimmt ihren Anfang in den 80er Jahren. 1983 ist ihr erster Roman „Die gläserne Stadt“ erschienen. Dann folgten zwar weitere Veröffentlichungen, doch die breite Leserschaft erreichte die Autorin erst mit ihrem aktuellen Roman „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt Verlag, 2017). Für dieses autobiografische Buch wurde sie dieses Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und das deutschsprachige Feuilleton schenkte dem Roman große Aufmerksamkeit. Natascha Wodin wurde 1945 in Deutschland in einer russisch-ukrainischen Zwangsarbeiterfamilie geboren, die während des Zweiten Weltkrieges aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppt wurde.

Wie oft in den Romanen mit einer ähnlichen Thematik, fängt auch bei Wodin alles mit der Recherche im Internet an. Die literarische Figur der Autorin gibt in der Suchmasche den Namen ihrer Mutter ein und öffnet nicht nur online die verlorene Seite ihrer Familiengeschichte, nach der sie all die Jahre davor erfolglos gesucht hatte. Ihre aus Mariupol deportierten Eltern wurden während des Krieges als Zwangsarbeiter in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig eingesetzt und gründeten nach Kriegsende eine Familie in Westdeutschland. Doch das Nachkriegsleben gestaltete sich für sie alles andere als idyllisch. Der Selbstmord der Mutter von Natascha Wodin eröffnet und schließt die Erzählung und damit auch die ganze Familiengeschichte der Autorin. Beim Lesen des Buches hat man oft das Gefühl, diese Art vom Erzählen der eigenen Familiengeschichte bereits aus einem anderen Buch zu kennen. Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag 2014) funktioniert auf den ersten Blick als Pendant zu Wodins Roman. Die komplexen Fragen nach der Zuverlässigkeit des eigenen Gedächtnisses und der familiären Überlieferungen spielt bei Wodin, wie bei Petrowskaja, eine wichtige Rolle. Was ist damals in Wirklichkeit passiert und was hat das Familiengedächtnis in den Jahren danach dazugedichtet? Was wissen wir über unsere Vorfahren und was können wir noch herausfinden? Nicht nur die Figur der Mutter Jewgenia Iwaschtschenko steht hier im Mittelpunkt der Erzählung, sondern auch ihre Schwester Lidia mit ihrem nicht minder aufregenden Leben.

Eine wichtige Leistung des Buches ist die Beschäftigung mit den Schicksalen der sowjetischen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges. Dieses Thema ist in der deutschsprachigen Literatur ein noch nicht aufgearbeitetes Terrain und Wodin macht hier mit Sicherheit einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung. Die Erzählerin des Buches versucht mit Vorsicht und durch die Vermeidung der einfachen Gegenüberstellung von Opfergruppen der Konzentrationslager und der nichtjüdischen Zwangsarbeitern an Letztere zu erinnern, indem sie über das Leben ihrer Eltern erzählt:

„Seit vielen Jahren schon suchte ich nach irgendeinem Buch von einem ehemaligen Zwangsarbeiter, nach einer literarischen Stimme, an der ich mich hätte orientieren können, vergeblich.“

Während der erste Teil des Buches eher durch die erzählerischen und stilistischen Schwächen geprägt ist, nimmt die Erzählung in der zweiten Hälfte immer mehr an Wucht an, die mehr und mehr überzeugt. Als die Erzählerin über die ersten Nachkriegsjahre ihrer Familie in Deutschland erzählt und ihre Geschichte nicht mehr aus der unzuverlässigen Begebenheiten der Vergangenheit zusammensetzt und schöpft, sondern aus ihren unmittelbaren Kindheitserinnerungen, beginnt der spannendste und zugleich der stärkste Teil des Buches. Mit einer ausgewogenen und nüchternen Sprache erzählt hier Wodin von den schweren psychischen Zuständen ihrer Mutter, die sich von ihren beiden Töchtern immer mehr entfernt, auch von dem gewaltätigen Vater und von dem Leben am Rande der deutschen Gesellschaft, in der sie stets als unerwünschte Ausländer betrachtet werden. Die Erzählerin erzeugt Bilder, die durch ihre Grausamkeit und Brutalität schockieren und zugleich zum Nachdenken motivieren, um die Komplexität und zerstörerische Kraft des Krieges am Beispiel von einzelnen Schicksalen sichtbar machen zu können. Ihre Mutter ist das Fundament ihrer Familiengeschichte und ausgerechnet sie geht als Erste zugrunde – u.a. wegen der Verlust ihrer Heimat, wegen des grausamen Krieges und der darauffolgenden Zwangsarbeit.

von Irine

Natascha Wodin (2017): Sie kam aus Mariupol. Reinbek: Rowohlt Verlag. 

 

Literarische Reise in Georgien: Das Internationale Literaturfestival in Tbilisi und das deutschsprachige Programm

18765768_1703684399933288_4018678469253722592_nIm Rahmen des Deutsch-Georgisches Jahr 2017/საქართველო-გერმანიის წელი 2017 präsentierte dieses Jahr das Internationele Literaturfestival in Tbilisi ein spannendes und umfangreiches Programm zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. AutorInnen aus Österreich und Deutschland lasen im Goethe-Institut-Georgien, im wunderschönen Schriftstellerhaus und im Literarischen Museum in Tbilisi aus ihren alten und neuen Romanen/Stücken und machten das georgische und internationale Publikum mit den spannenden literarischen Prozessen vertraut. Wir hatten die Möglichkeit, ein unmittelbarer Teil des Festivals zu sein und auf Einladung der Autorin und Kuratorin des Programms – mit dem Titel „Perspektiven: Literatur im Dialog“ – Nino Haratischwili, die Lesungen mit den AutorInnen zu moderieren. Das deutschsprachige Programm wurde vom Auswärtigen Amt gefördert und vom Goethe-Institut durchgeführt.

In Tbilisi lasen dieses Jahr Katja Petrowskaja, Olga Grjasnowa, Clemens Meyer, 18813973_1704708329830895_7444538580208335666_nUlla Lenze, Volker Schmidt & Katja Lange-Müller. Die Auswahl der AutorInnen, die durch mehreren kulturellen Einflüsse geprägt sind, war keinesfalls zufällig, sondern diente zur vollständigen Präsentation der aktuellen literarischen Prozessen in Deutschland. Die Autorin Olga Grjasnowa las aus ihrem aktuellen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ (Aufbau Verlag) und sprach über den Krieg in Syrien und über den Entstehungsprozess des Buches, während dem sie viel in den unterschiedlichen Ländern gereist, Flüchtlinge interviewt und ausführlich recherchiert hat. Mit Katja Petrowskaja sprachen wir über ihr spannendes Debüt „Vielleicht Esther“ und über ihre Kindheitserinnerungen an das 18839100_1706087183026343_3461158225957043862_nsowjetische Georgien. Die Übersetzerin Maia Badridze las Ausschnitte aus den Romanen in georgischer Sprache und das Interesse des Publikums hat gezeigt, dass die Texte unbedingt auch bald in der vollständigen Form auf Georgisch erscheinen sollten. Der Autor Clemens Meyer las aus seinem ersten Roman „Als wir träumten“ und begeisterte das Publikum durch seine Geschichten über die Wendezeit in Leipzig. Mit Ulla Lenze diskutierten wir über das Schreiben zwischen den Kulturen und über ihre Aufenthalte in Istanbul und Mumbai.

Im Rahmen des Festivals fand die Preisverleihung des „Preises von Giwi Margwelaschwili“ statt. Der Preis ging dieses Jahr an den Dichter und Übersetzer David Tserediani. Mit dem Preis werden jedes Jahr AutorInnen oder andere Kulturschaffende ausgezeichnet, die sich durch ihre besondere Verdienste bei der Vertiefung der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien auszeichnen. David Tserediani hat unter anderem in über 30 Jahren Arbeit Goethes „Faust“ ins Georgische übertragen und sitzt aktuell an der Übersetzung des zweiten Bandes. Außerdem machte er georgische LeserInnen mit den Texten von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Lion Feuchtwanger u.a. vertraut. Im wunderbaren ROYAL DISTRICT THEATRE stellte der österreichische Theaterautor und Regisseur Volker Schmidt sein neues Stück „Djihad“ vor. Die SchauspiellerInnen des Theaters lasen einen Auszug aus dem Stück.

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Außerdem hatten die deutschsprachigen Autorinnen die Möglichkeit, gemeinsam mit den georgischen Kollegen – Lasha Bughadze, Tamar Tandashwili und Irma Tavelidze – über die aktuellen gesellschaftlichen Themen zu diskutieren. Die Diskussionen „Angry white man“ und „Europa als Idee“, die von dem Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili moderiert wurde, haben eine breite Palette der Positionen und Problematiken im europäischen Kontext aktualisiert, um sie kritisch hinterfragen zu können.

IMG_1813Wir haben eine sehr aufregende und inspirierende Zeit in Tbilisi verbracht und waren am letzten Tag noch schnell in die wunderschöne Altstadt unterwegs. Wir kommen nächstes Jahr auf jeden Fall wieder und sind daher schon sehr auf das Programm des Festivals gespannt.

 

von Irine

 

Verliert man die Großmutter, verliert man die Heimat: Victor Gardon „Brunnen der Vergangenheit“

3293207413Der Roman „Brunnen der Vergangenheit“ des armenisch-französischen Schriftstellers Victor Gardon alias Vahram Gakavian ist in der deutschen Übersetzung pünktlich kurz vor der wichtigen Entscheidung des Bundestages erschienen, die planmäßige Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord einzustufen. An dem Völkermord an den Armeniern von 1915 wird jedes Jahr am 24. April gedacht. Vahram Gakavian wurde 1903 in der ostanatolischen Stadt Van geboren, aus der er 1915 mit seiner Familie vertrieben wurde. Über Tiflis kam er 1923 nach Paris, wo er auch verstarb. Seine autobiografischen Romane schrieb er auf Französisch.

„Brunnen der Vergangenheit“ ist ein Roman, der sich mit einem Teil der Weltgeschichte beschäftigt, der in der Literatur eher eine Randstellung hat. Aus der westlichen Perspektive setzte sich zwar der österreichische Schriftsteller Franz Werfel 1933 mit seinem berühmten Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit der Vertreibung und Vernichtung der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich auseinander, trotzdem ist der Roman von Victor Gardon ein besonderer Text, da der Autor selbst die Vertreibung und Vernichtung seiner Familie miterlebte.

Der kleine Wahram lebt in der Altstadt von Van mit seiner großen Familie, die von der Großmutter dominiert wird. Die enorm starke Figur der Großmutter hütet nicht nur ihre Söhne, ihre Schwiegertöchter und ihre Enkelkinder, sondern verwaltet das ganze Haus und hat immer das Sagen – auch bei den politischen Entscheidungen ihres Sohnes. Ihre Weisheiten sind das Lebenselixier der ganzen Familie. Oft sind es nur in einem Nebensatz formulierte Sprüche, die zutiefst beeindrucken:

„Es gibt keine schrecklichen Menschen, Wahram. Alle Menschen haben irgendeinen Kummer, und je mehr er sie bedrückt, umso härter werden sie. Wahram, du weißt, dass die Armenier entsetzliche Leiden erdulden mussten. Sei darum immer dienstfertig und freundlich zu allen.“

Wahram ist der einzige, der es wagt, sich den Wünschen seiner Großmutter zu widersetzen und ist überhaupt ein besonderes Mitglied der Familie. Sehr früh fängt er an, sich für die Politik und für das Leben der Erwachsenen zu interessieren. Ständig mischt er sich in den ernsten Gesprächen mit seinen Ratschlägen ein und wird immer aus dem Zimmer gescheucht, in das er sich gleich wieder durch das Fenster hineinschmuggelt. Wahram muss doch immer auf dem Laufenden sein und die existenziellen Fragen seiner Familie und seines Volkes mitdiskutieren können. Einmal begleitet er so sogar seinen Onkel Sarkis bei einer gefährlichen Reise entlang des „Tals der Armenier“, während der sie fast von den Kurden umgebracht werden und versetzt sich in Van und später während der Flucht ständig in einer lebensgefährlichen Situation.

gardon-victor-chevalierDie Idee der einheitlichen osmanischen Nation steht auf wackeligen Füßen und das sichere Leben für die armenische Bevölkerung von Van wird immer bedrohlicher. Die Angst vor den Übergriffen der Jungtürken und kurdischen Truppen wird immer größer und auf die Hilfe von Russland hoffen die Armenier immer weniger. Wahrams Vater Harutiun steht im Roman im Mittelpunkt der politischen Verhandlungen zwischen den verschiedenen Seiten und so wächst sein Sohn mit starker Liebe und großem Stolz gegenüber seiner Heimat. Die nationale Zugehörigkeit zum armenischen Volk ist bei ihm schon seit früheren Kindheit besonders ausgeprägt. Als er zum ersten Mal den Berg Ararat erblickt, wird er von den Gefühlen überwältigt:

„Er traute seinen Augen nicht. Ihm gegenüber, linker Hand, erhob sich ganz in der Ferne, fast am anderen Ende des Himmels, eine Schneekrone in die blassblaue Luft. Die flimmernde Krone war an ihrem unteren Rand von einem blau-goldenen Streifen gesäumt; dann versteckten die schweren Flanken des Berges sich hinter anderen Gipfeln, die wie aufgewühlte Wellen aussahen, welche gegen den Berg Ararat angestürmt und nun für alle Zeiten erstarrt waren. Er war es! Wahram erblickte den heiligen Berg, den Berg der Sintflut und Noahs, den höchsten Gipfel Armeniens, neben dem all die kleineren Berge wie Menschen waren, die vor dem Riesen knieten.“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die magische Welt von Wahram einmal mehr kräftig durchgeschüttelt und auseinandergebrochen. Die Flucht steht an. Und wenn sogar die sonst so unerschütterte Großmutter flieht, ist die Zukunft für die Familie mehr als unsicher. Mit erschreckenden Leidensbildern schildert der Autor Gardon das unermeßliche Leiden der Menschen, die tagelang ohne Wasser durch die Wüstenlandschaft wandern. Diese gefährlichen Fluchtrouten führen die Figuren entlang der massakrierten und durchgebrannten armenischen Dörfern, in denen nur noch die Hunde am Leben sind.

Der Roman von Victor Gardon ist eine wichtige Wissensquelle und zugleich eine spannende Lektüre, die uns auf das grausame Schicksal dieses Volkes im Osmanischen Reich aufmerksam macht – ein Schicksal, das immer im Schatten der vielen anderen Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts stand und erst mit den letzten Jahren mit nötigen Interesse gewürdigt wird.

von Irine

Vom fliegenden Staubsauger und anderen „Lese-Lebewesen“: „Die Medea von Kolchis in Kolchos“ von Giwi Margwelaschwili

1692_LSeitdem der Insel-Verlag 1991 den Roman „Muzal: ein georgischer Roman“ des deutschsprachigen Autors mit georgischen Wurzeln Giwi Margwelaschwili veröffentlichte sind fast dreißig Jahre vergangen. Heute ist der Autor beim Berliner Verbrecher Verlag zu Hause und hat hier dieses Jahr den Roman „Die Medea von Kolchis in Kolchos“ herausgebracht. Margwelaschwili wurde 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren. Während sein Vater  nach dem Zweiten Weltkrieg vom sowjetischen Geheimdienst hingerichtet wurde, musste der Autor selbst einige Jahre im Sowjetischen Speziallager Sachsenhausen und in unterschiedlichen Zwischenlagern verbringen.

Trotz seiner überdurchschnittlichen Produktivität gelangten Margwelaschwilis  Bücher bisher weder in Georgien noch in Deutschland zu einer breiten Leserschaft. Gründe dafür können unterschiedlich sein – einerseits ist es die besondere Spezifik seiner Prosa, die durch die komplexe Erzählweise und durch verwobene Handlungsmuster erreicht wird, andererseits wiederum baut er in seinen Geschichten bizarre thematische Wendungen und skurrile Figurenkonstellationen ein. Im Falle der Rezeption seines Werkes in Georgien kommen natürlich noch die übersetzungstechnischen Fragen hinzu. Nicht zufällig handelt eben sein aktueller Roman von der Problematik der ausbleibenden Leserschaft. Das Aussterben von Büchern und dessen Figuren wird im Roman durch eine besondere Erzähltechnik thematisiert. Die Frage, ob der Autor damit zurückblickend auf sein ganzes literarische Schaffen die rezeptionskritischen Fragen neu aufwerfen will, sei hier dahingestellt.

Der Autor Wakusch beauftragt seinen künstlichen Leser, den Ich-Erzähler, seine Geschichten „am Leben zu erhalten, am Lese-Leben also, denn in Geschichten und Gedichten leben alle Wesen nur, wenn sie gelesen werden, nur als Lese-Lebewesen.“ Die Geschichte spielt an der kaukasischen Schwarzmeerküste während der Sowjetzeit. Eine riesige Medea-Skulptur bewacht den Strand von Pitzunda. Der Polyp Polymat – der fliegende Staubsauger – reinigt wiederum die Luft vom ideenstofflichen Staub. Der teilweise überzeichnet anmutende Plot kann für viele Leser zunächst abschreckend wirken, aber nach den wenigen Seiten gewinnt man immer mehr den Überblick über die Handlungslinien.

In der fiktiven Welt werden die Bücher von Wakusch schon seit geraumer Zeit immer weniger von den Lesern aufgeschlagen. Für die Leser, die mit den Texten von Margwelaschwili vertraut sind, ist die Figur Wakusch bereits bekannt. In diesem Roman hat man es gleichzeitig mit zwei Wakusch-Gestalten zu tun – die reale Person Wakusch, der als Autor des Textes auftritt, und der lesestoffliche Wakusch als Buchfigur. Wie in anderen Texten von Margwelaschwili wird hier ebenfalls viel über die narrativen Möglichkeiten der Literatur philosophiert, die dem Autor eine unendliche Tiefe zum literarischen Experimentieren bieten können. Der Ich-Erzähler teilt uns an einer Stelle von seiner wichtigen Erkenntnis mit:

„So erfuhr ich die Wahrheit meines Seins und überhaupt allen Seins in den Wakuscherzählungen. Daß es nämlich ein textweltliches und text- oder eben buchweltpersönliches Sein ist, daß wir hier alle Lese-Lebewesen sind, Wesen also, die nur von ihrem vorstellenden Gelesenwerden durch ihre Leser leben.“

Zu diesem „erzähltheoretischen und thematischen Mischmasch“ kommt noch die Figur von Medea hinzu, die in der Sowjetunion lebt. Zu ihr liefert der Roman aber eine nicht minder kreative Antwort: Sowohl die reale historische Figur von Medea, als auch die Chefideologen der Sowjetunion – Lenin und Stalin: die „falsi apostoli“ des Kommunismus – haben sehr viele Menschen auf den Gewissen. Und warum soll die Figur von Medea den gleichnamigen Roman von Christa Wolf lesen? Vielleicht deshalb, um die mythische Geschichte von dem Mord an ihren Kindern zu korrigieren. Erzähltheoretisch würde dies auf der erzähltechnischen Ebene folgend aussehen:

„Nur darum kann diese Medea hier beruhigt sein: in ihrem standbildweltlichen Lebensmoment kann ihren Kindern durch die Korinther nichts geschehen. Aber ist die hier nicht ein besonderer Fall, steht sie nicht als Standbild im Lesestoff einer Wakuschgeschichte und muß der Standbildweltstoff aus dem sie gemacht ist, nicht in erster Linie eine lesekörperstofflicher sein?“

Die zu kritisch lesenden Leser seien an dieser Stelle schon einmal vorgewarnt. Wir finden aber, dass jenseits des auf den ersten Blick überfordernd wirkenden Plots der Roman viele kleine Perlen, um in Margwelschwilis Worten zu sprechen, im „Lesekörperstoff“ versteckt hält. Mit seiner besonders spielerisch konstruierten Sprache, in der der Autor mit Wortwiederholungen gekonnt jongliert und aus dem Höhepunkt seiner Kreativität die Wortverbindungen, wie diese, schöpft, beeindruckt uns der Roman ganz gewiss:

„(…) daß aller Lesekörperstoff unserer Text- oder Buchwelt, selbst der am realistischsten aufgemachte, ein irreales Phantasma ist und der Irrealismus deshalb als die primäre Seinsverfassung gewertet werden muß, nach der wir hier alle gelesen werdend leben.“

von Irine

Giwi Margwelaschwili: Die Medea von Kolchis in Kolchos, Berlin: Verbrecher Verlag, 2016.

Weitere Information zum Autor und zu seinen Büchern:

http://www.giwi-margwelaschwili.de/index.html

Mehr über seine Titel beim Verbrecher Verlag:

http://www.verbrecherverlag.de/autor/91

Superheldinnen von besonderer Art: „Superheldinnen“ von Barbi Marković

cover_1813Superheldinnen (Residenz Verlag, 2016) ist der zweite Roman von Barbi Marković, der in deutscher Sprache vorliegt. Genauer gesagt wurde der Roman im Unterschied zum im Suhrkamp Verlag bereits 2009 erschienenen Ausgehen (Izlaženje, Verlag Rende, Belgrad 2006), das stark vom Werk des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard inspiriert wurde, zweisprachig geschrieben. Die Autorin schrieb einige Passagen auf Serbisch, die in dieser Ausgabe von Mascha Dabić ins Deutsche übertragen wurden. Das Zwischensprachliche und Zwischenkulturelle steht im Roman im Mittelpunkt. Nicht zuletzt deshalb wurde die aus Belgrad stammende Autorin dieses Jahr zusammen mit Senthuran Varatharajah mit dem Chamisso-Förderpreis 2017 ausgezeichnet. Aktuell lebt Barbi Marković in Wien.

Im Zentrum der Handlung des Romans stehen die drei Superheldinnen und Freundinnen Mascha, Direktorka und die leicht depressive Ich-Erzählerin. Alle drei können kaum unterschiedlicher sein: Sie haben übernatürliche Kräfte unterschiedlicher Art und treffen sich jeden Samstag im Café Sette Fontane in Wien, um sich über die aktuellen Pläne auszutauschen. Mascha experimentiert mit „Auslöschungen“ und „Blitzen“ und gilt als Anführerin der Gruppe. Direktorka hilft den Freundinnen dabei, die Kräfte weiter zu verstärken. Und die Ich-Erzählerin stellt sich wie folgt vor:

„Enttäuscht vom Leben, mit einem dehnbaren Gewissen. Bilanz zu ziehen hatte mir schon immer Vergnügen bereitet.“

Der Kampf für das bessere und menschenwürdige Leben kann nur gemeinsam geführt werden. Der Wechsel von Ländern und Städten ist ein Teil der Identitäten der Superheldinnen und zugleich die erste Maßnahme zu Problemlösungen. Berlin, Sarajevo und Belgrad sind Orte, in denen sich die Romanfiguren aufhalten. Überhaupt ist das nomadenhafte Leben ein fester Bestandteil des Romans. Hierzu konstatiert die Hauptfigur des Romans an einer Stelle folgendes:

„Dabei fiel mir ein, dass die Städte uns immer wieder kauten und ausschpuckten; und wir zogen unermüdlich um, vergrößerten unsere Reichweite. Es fiel mir auch ein, dass die Tauben auf die gleiche Weise herumflogen, ständig auf der Suche nach schmutzigen Terrassen mit vollen Mistkübeln, von denen niemand sie mit einem Besen verjagen würde, darüber hinaus hegten sie sogar die Hoffnung, dass ein einsamer und kranker Mensch im Ruhestand ihnen erlauben würde, ein Nest unter seinem Bett zu bauen.“

Die Superheldinnen betreiben außerdem eine Sonntagskolumne in der Zeitschrift Astroblick. Mascha, die wegen des Krieges nach Österreich übersiedelte, kam als Erste der Gruppe zum Schreiben und fühlte sich schnell ziemlich souverän auf dem Gebiet. Die „Auslöschungen“ – hier muss man gleich an den letzen Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard denken, der der Autorin eventuell ebenfalls als Inspirationsquelle diente – die die Superheldinnen ab und zu praktizierten, lassen die Menschen nicht vollständig verschwinden. Sie tauchen in besseren Bedingungen wieder auf, bleiben aber für ihr früheres Umfeld unzugänglich.

Das Leben der Figuren des Romans ähnelt dem Leben von Obdachlosen und Straßenkindern. Ohne Geld und ohne Dach auf dem Kopf ziehen sie von einer Stadt in die andere und hoffen stets auf ein besseres Leben. Die in Sarajevo Mascha nahe stehende Rabija war schon immer die Antiheldin der Gruppe. Ihr mysteriöser Tod sorgt immer noch für Spekulationen in der Gruppe; so scheint der eine Teil des Körpers, der auf dem Platz der Befreiung in Sarajevo gefunden wurde, eventuell durch den Versuch der Selbstauslöschung übrig geblieben zu sein. Die Superheldinnen wissen allerdings eins ganz genau: Sie wollen auf keinen Fall wie Rabija enden. Doch die Zeit von großen Veränderungen ist schon angetreten: „Das ist unser Happy End, und wir haben nicht vor, es uns kaputt zu machen.“

Barbi Marković hat einen etwas schwer zugänglichen Roman geschrieben, der mit vielen literarischen Formen und Stilen spielt und die Zweisprachigkeit in einer kreativen Form umsetzt. Trotz des stark verwobenen Plots und der Brüche, die durch die Passagen in der serbischen Sprache erzeugt werden, bleibt man als Leser stets bei den Romanheldinnen, die ein aufregendes Leben zu führen versuchen und sowohl zwischen den Welten als auch zwischen den brutalen Zeiten des Jugoslavienkrieges und dem modernen Berlin hin und herbewegen.

von Irine

Barbi Marković: Superheldinnen. Wien: Residenz Verlag. 2016.