Verliert man die Großmutter, verliert man die Heimat: Victor Gardon „Brunnen der Vergangenheit“

3293207413Der Roman „Brunnen der Vergangenheit“ des armenisch-französischen Schriftstellers Victor Gardon alias Vahram Gakavian ist in der deutschen Übersetzung pünktlich kurz vor der wichtigen Entscheidung des Bundestages erschienen, die planmäßige Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord einzustufen. An dem Völkermord an den Armeniern von 1915 wird jedes Jahr am 24. April gedacht. Vahram Gakavian wurde 1903 in der ostanatolischen Stadt Van geboren, aus der er 1915 mit seiner Familie vertrieben wurde. Über Tiflis kam er 1923 nach Paris, wo er auch verstarb. Seine autobiografischen Romane schrieb er auf Französisch.

„Brunnen der Vergangenheit“ ist ein Roman, der sich mit einem Teil der Weltgeschichte beschäftigt, der in der Literatur eher eine Randstellung hat. Aus der westlichen Perspektive setzte sich zwar der österreichische Schriftsteller Franz Werfel 1933 mit seinem berühmten Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit der Vertreibung und Vernichtung der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich auseinander, trotzdem ist der Roman von Victor Gardon ein besonderer Text, da der Autor selbst die Vertreibung und Vernichtung seiner Familie miterlebte.

Der kleine Wahram lebt in der Altstadt von Van mit seiner großen Familie, die von der Großmutter dominiert wird. Die enorm starke Figur der Großmutter hütet nicht nur ihre Söhne, ihre Schwiegertöchter und ihre Enkelkinder, sondern verwaltet das ganze Haus und hat immer das Sagen – auch bei den politischen Entscheidungen ihres Sohnes. Ihre Weisheiten sind das Lebenselixier der ganzen Familie. Oft sind es nur in einem Nebensatz formulierte Sprüche, die zutiefst beeindrucken:

„Es gibt keine schrecklichen Menschen, Wahram. Alle Menschen haben irgendeinen Kummer, und je mehr er sie bedrückt, umso härter werden sie. Wahram, du weißt, dass die Armenier entsetzliche Leiden erdulden mussten. Sei darum immer dienstfertig und freundlich zu allen.“

Wahram ist der einzige, der es wagt, sich den Wünschen seiner Großmutter zu widersetzen und ist überhaupt ein besonderes Mitglied der Familie. Sehr früh fängt er an, sich für die Politik und für das Leben der Erwachsenen zu interessieren. Ständig mischt er sich in den ernsten Gesprächen mit seinen Ratschlägen ein und wird immer aus dem Zimmer gescheucht, in das er sich gleich wieder durch das Fenster hineinschmuggelt. Wahram muss doch immer auf dem Laufenden sein und die existenziellen Fragen seiner Familie und seines Volkes mitdiskutieren können. Einmal begleitet er so sogar seinen Onkel Sarkis bei einer gefährlichen Reise entlang des „Tals der Armenier“, während der sie fast von den Kurden umgebracht werden und versetzt sich in Van und später während der Flucht ständig in einer lebensgefährlichen Situation.

gardon-victor-chevalierDie Idee der einheitlichen osmanischen Nation steht auf wackeligen Füßen und das sichere Leben für die armenische Bevölkerung von Van wird immer bedrohlicher. Die Angst vor den Übergriffen der Jungtürken und kurdischen Truppen wird immer größer und auf die Hilfe von Russland hoffen die Armenier immer weniger. Wahrams Vater Harutiun steht im Roman im Mittelpunkt der politischen Verhandlungen zwischen den verschiedenen Seiten und so wächst sein Sohn mit starker Liebe und großem Stolz gegenüber seiner Heimat. Die nationale Zugehörigkeit zum armenischen Volk ist bei ihm schon seit früheren Kindheit besonders ausgeprägt. Als er zum ersten Mal den Berg Ararat erblickt, wird er von den Gefühlen überwältigt:

„Er traute seinen Augen nicht. Ihm gegenüber, linker Hand, erhob sich ganz in der Ferne, fast am anderen Ende des Himmels, eine Schneekrone in die blassblaue Luft. Die flimmernde Krone war an ihrem unteren Rand von einem blau-goldenen Streifen gesäumt; dann versteckten die schweren Flanken des Berges sich hinter anderen Gipfeln, die wie aufgewühlte Wellen aussahen, welche gegen den Berg Ararat angestürmt und nun für alle Zeiten erstarrt waren. Er war es! Wahram erblickte den heiligen Berg, den Berg der Sintflut und Noahs, den höchsten Gipfel Armeniens, neben dem all die kleineren Berge wie Menschen waren, die vor dem Riesen knieten.“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die magische Welt von Wahram einmal mehr kräftig durchgeschüttelt und auseinandergebrochen. Die Flucht steht an. Und wenn sogar die sonst so unerschütterte Großmutter flieht, ist die Zukunft für die Familie mehr als unsicher. Mit erschreckenden Leidensbildern schildert der Autor Gardon das unermeßliche Leiden der Menschen, die tagelang ohne Wasser durch die Wüstenlandschaft wandern. Diese gefährlichen Fluchtrouten führen die Figuren entlang der massakrierten und durchgebrannten armenischen Dörfern, in denen nur noch die Hunde am Leben sind.

Der Roman von Victor Gardon ist eine wichtige Wissensquelle und zugleich eine spannende Lektüre, die uns auf das grausame Schicksal dieses Volkes im Osmanischen Reich aufmerksam macht – ein Schicksal, das immer im Schatten der vielen anderen Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts stand und erst mit den letzten Jahren mit nötigen Interesse gewürdigt wird.

von Irine

Vom fliegenden Staubsauger und anderen „Lese-Lebewesen“: „Die Medea von Kolchis in Kolchos“ von Giwi Margwelaschwili

1692_LSeitdem der Insel-Verlag 1991 den Roman „Muzal: ein georgischer Roman“ des deutschsprachigen Autors mit georgischen Wurzeln Giwi Margwelaschwili veröffentlichte sind fast dreißig Jahre vergangen. Heute ist der Autor beim Berliner Verbrecher Verlag zu Hause und hat hier dieses Jahr den Roman „Die Medea von Kolchis in Kolchos“ herausgebracht. Margwelaschwili wurde 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren. Während sein Vater  nach dem Zweiten Weltkrieg vom sowjetischen Geheimdienst hingerichtet wurde, musste der Autor selbst einige Jahre im Sowjetischen Speziallager Sachsenhausen und in unterschiedlichen Zwischenlagern verbringen.

Trotz seiner überdurchschnittlichen Produktivität gelangten Margwelaschwilis  Bücher bisher weder in Georgien noch in Deutschland zu einer breiten Leserschaft. Gründe dafür können unterschiedlich sein – einerseits ist es die besondere Spezifik seiner Prosa, die durch die komplexe Erzählweise und durch verwobene Handlungsmuster erreicht wird, andererseits wiederum baut er in seinen Geschichten bizarre thematische Wendungen und skurrile Figurenkonstellationen ein. Im Falle der Rezeption seines Werkes in Georgien kommen natürlich noch die übersetzungstechnischen Fragen hinzu. Nicht zufällig handelt eben sein aktueller Roman von der Problematik der ausbleibenden Leserschaft. Das Aussterben von Büchern und dessen Figuren wird im Roman durch eine besondere Erzähltechnik thematisiert. Die Frage, ob der Autor damit zurückblickend auf sein ganzes literarische Schaffen die rezeptionskritischen Fragen neu aufwerfen will, sei hier dahingestellt.

Der Autor Wakusch beauftragt seinen künstlichen Leser, den Ich-Erzähler, seine Geschichten „am Leben zu erhalten, am Lese-Leben also, denn in Geschichten und Gedichten leben alle Wesen nur, wenn sie gelesen werden, nur als Lese-Lebewesen.“ Die Geschichte spielt an der kaukasischen Schwarzmeerküste während der Sowjetzeit. Eine riesige Medea-Skulptur bewacht den Strand von Pitzunda. Der Polyp Polymat – der fliegende Staubsauger – reinigt wiederum die Luft vom ideenstofflichen Staub. Der teilweise überzeichnet anmutende Plot kann für viele Leser zunächst abschreckend wirken, aber nach den wenigen Seiten gewinnt man immer mehr den Überblick über die Handlungslinien.

In der fiktiven Welt werden die Bücher von Wakusch schon seit geraumer Zeit immer weniger von den Lesern aufgeschlagen. Für die Leser, die mit den Texten von Margwelaschwili vertraut sind, ist die Figur Wakusch bereits bekannt. In diesem Roman hat man es gleichzeitig mit zwei Wakusch-Gestalten zu tun – die reale Person Wakusch, der als Autor des Textes auftritt, und der lesestoffliche Wakusch als Buchfigur. Wie in anderen Texten von Margwelaschwili wird hier ebenfalls viel über die narrativen Möglichkeiten der Literatur philosophiert, die dem Autor eine unendliche Tiefe zum literarischen Experimentieren bieten können. Der Ich-Erzähler teilt uns an einer Stelle von seiner wichtigen Erkenntnis mit:

„So erfuhr ich die Wahrheit meines Seins und überhaupt allen Seins in den Wakuscherzählungen. Daß es nämlich ein textweltliches und text- oder eben buchweltpersönliches Sein ist, daß wir hier alle Lese-Lebewesen sind, Wesen also, die nur von ihrem vorstellenden Gelesenwerden durch ihre Leser leben.“

Zu diesem „erzähltheoretischen und thematischen Mischmasch“ kommt noch die Figur von Medea hinzu, die in der Sowjetunion lebt. Zu ihr liefert der Roman aber eine nicht minder kreative Antwort: Sowohl die reale historische Figur von Medea, als auch die Chefideologen der Sowjetunion – Lenin und Stalin: die „falsi apostoli“ des Kommunismus – haben sehr viele Menschen auf den Gewissen. Und warum soll die Figur von Medea den gleichnamigen Roman von Christa Wolf lesen? Vielleicht deshalb, um die mythische Geschichte von dem Mord an ihren Kindern zu korrigieren. Erzähltheoretisch würde dies auf der erzähltechnischen Ebene folgend aussehen:

„Nur darum kann diese Medea hier beruhigt sein: in ihrem standbildweltlichen Lebensmoment kann ihren Kindern durch die Korinther nichts geschehen. Aber ist die hier nicht ein besonderer Fall, steht sie nicht als Standbild im Lesestoff einer Wakuschgeschichte und muß der Standbildweltstoff aus dem sie gemacht ist, nicht in erster Linie eine lesekörperstofflicher sein?“

Die zu kritisch lesenden Leser seien an dieser Stelle schon einmal vorgewarnt. Wir finden aber, dass jenseits des auf den ersten Blick überfordernd wirkenden Plots der Roman viele kleine Perlen, um in Margwelschwilis Worten zu sprechen, im „Lesekörperstoff“ versteckt hält. Mit seiner besonders spielerisch konstruierten Sprache, in der der Autor mit Wortwiederholungen gekonnt jongliert und aus dem Höhepunkt seiner Kreativität die Wortverbindungen, wie diese, schöpft, beeindruckt uns der Roman ganz gewiss:

„(…) daß aller Lesekörperstoff unserer Text- oder Buchwelt, selbst der am realistischsten aufgemachte, ein irreales Phantasma ist und der Irrealismus deshalb als die primäre Seinsverfassung gewertet werden muß, nach der wir hier alle gelesen werdend leben.“

von Irine

Giwi Margwelaschwili: Die Medea von Kolchis in Kolchos, Berlin: Verbrecher Verlag, 2016.

Weitere Information zum Autor und zu seinen Büchern:

http://www.giwi-margwelaschwili.de/index.html

Mehr über seine Titel beim Verbrecher Verlag:

http://www.verbrecherverlag.de/autor/91

Superheldinnen von besonderer Art: „Superheldinnen“ von Barbi Marković

cover_1813Superheldinnen (Residenz Verlag, 2016) ist der zweite Roman von Barbi Marković, der in deutscher Sprache vorliegt. Genauer gesagt wurde der Roman im Unterschied zum im Suhrkamp Verlag bereits 2009 erschienenen Ausgehen (Izlaženje, Verlag Rende, Belgrad 2006), das stark vom Werk des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard inspiriert wurde, zweisprachig geschrieben. Die Autorin schrieb einige Passagen auf Serbisch, die in dieser Ausgabe von Mascha Dabić ins Deutsche übertragen wurden. Das Zwischensprachliche und Zwischenkulturelle steht im Roman im Mittelpunkt. Nicht zuletzt deshalb wurde die aus Belgrad stammende Autorin dieses Jahr zusammen mit Senthuran Varatharajah mit dem Chamisso-Förderpreis 2017 ausgezeichnet. Aktuell lebt Barbi Marković in Wien.

Im Zentrum der Handlung des Romans stehen die drei Superheldinnen und Freundinnen Mascha, Direktorka und die leicht depressive Ich-Erzählerin. Alle drei können kaum unterschiedlicher sein: Sie haben übernatürliche Kräfte unterschiedlicher Art und treffen sich jeden Samstag im Café Sette Fontane in Wien, um sich über die aktuellen Pläne auszutauschen. Mascha experimentiert mit „Auslöschungen“ und „Blitzen“ und gilt als Anführerin der Gruppe. Direktorka hilft den Freundinnen dabei, die Kräfte weiter zu verstärken. Und die Ich-Erzählerin stellt sich wie folgt vor:

„Enttäuscht vom Leben, mit einem dehnbaren Gewissen. Bilanz zu ziehen hatte mir schon immer Vergnügen bereitet.“

Der Kampf für das bessere und menschenwürdige Leben kann nur gemeinsam geführt werden. Der Wechsel von Ländern und Städten ist ein Teil der Identitäten der Superheldinnen und zugleich die erste Maßnahme zu Problemlösungen. Berlin, Sarajevo und Belgrad sind Orte, in denen sich die Romanfiguren aufhalten. Überhaupt ist das nomadenhafte Leben ein fester Bestandteil des Romans. Hierzu konstatiert die Hauptfigur des Romans an einer Stelle folgendes:

„Dabei fiel mir ein, dass die Städte uns immer wieder kauten und ausschpuckten; und wir zogen unermüdlich um, vergrößerten unsere Reichweite. Es fiel mir auch ein, dass die Tauben auf die gleiche Weise herumflogen, ständig auf der Suche nach schmutzigen Terrassen mit vollen Mistkübeln, von denen niemand sie mit einem Besen verjagen würde, darüber hinaus hegten sie sogar die Hoffnung, dass ein einsamer und kranker Mensch im Ruhestand ihnen erlauben würde, ein Nest unter seinem Bett zu bauen.“

Die Superheldinnen betreiben außerdem eine Sonntagskolumne in der Zeitschrift Astroblick. Mascha, die wegen des Krieges nach Österreich übersiedelte, kam als Erste der Gruppe zum Schreiben und fühlte sich schnell ziemlich souverän auf dem Gebiet. Die „Auslöschungen“ – hier muss man gleich an den letzen Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard denken, der der Autorin eventuell ebenfalls als Inspirationsquelle diente – die die Superheldinnen ab und zu praktizierten, lassen die Menschen nicht vollständig verschwinden. Sie tauchen in besseren Bedingungen wieder auf, bleiben aber für ihr früheres Umfeld unzugänglich.

Das Leben der Figuren des Romans ähnelt dem Leben von Obdachlosen und Straßenkindern. Ohne Geld und ohne Dach auf dem Kopf ziehen sie von einer Stadt in die andere und hoffen stets auf ein besseres Leben. Die in Sarajevo Mascha nahe stehende Rabija war schon immer die Antiheldin der Gruppe. Ihr mysteriöser Tod sorgt immer noch für Spekulationen in der Gruppe; so scheint der eine Teil des Körpers, der auf dem Platz der Befreiung in Sarajevo gefunden wurde, eventuell durch den Versuch der Selbstauslöschung übrig geblieben zu sein. Die Superheldinnen wissen allerdings eins ganz genau: Sie wollen auf keinen Fall wie Rabija enden. Doch die Zeit von großen Veränderungen ist schon angetreten: „Das ist unser Happy End, und wir haben nicht vor, es uns kaputt zu machen.“

Barbi Marković hat einen etwas schwer zugänglichen Roman geschrieben, der mit vielen literarischen Formen und Stilen spielt und die Zweisprachigkeit in einer kreativen Form umsetzt. Trotz des stark verwobenen Plots und der Brüche, die durch die Passagen in der serbischen Sprache erzeugt werden, bleibt man als Leser stets bei den Romanheldinnen, die ein aufregendes Leben zu führen versuchen und sowohl zwischen den Welten als auch zwischen den brutalen Zeiten des Jugoslavienkrieges und dem modernen Berlin hin und herbewegen.

von Irine

Barbi Marković: Superheldinnen. Wien: Residenz Verlag. 2016.