Zurab Karumidze – „Dagny oder ein Fest der Liebe“

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Zurab Karumidze ist einer der wenigen Autoren in der georgischen Gegenwartsliteratur, der in seinen Texten nicht vor stilistischen und programmatischen Experimenten zurückschreckt, sondern zugleich als erster zeitgenössischer Autor in einer Fremdsprache ein Romanexperiment gewagt hat. Der in englischer Sprache verfasste Roman „Dagny or A Love Feast“ wurde 2011 im georgischen Verlag Siesta veröffentlicht. Die wunderbare Übersetzung ins Deutsche, die dieses Jahr von dem Verleger Stefan Weidle realisiert wurde, folgt der 2013 beim Londoner „Dalkey Archive Press“ gedruckte Fassung. Das Berliner Publikum hatte am 17. Oktober im „Ocelot not just another bookstore“ die Möglichkeit, den Autor live während seiner Lesung zu erleben. Auf die Frage der Moderatorin und Verlegerin Barbara Weidle, warum er die englische Sprache für seine Romansprache gewählt habe, antwortete Karumidze, dass er damit die „Globalisierung von Georgien/von georgischer Literatur“ vorhabe.

Der postmoderne Roman verfolgt in seiner besten Tradition tatsächlich konsequent das Ziel, die georgische Kultur mit den west- und mittel-osteuropäischen Kulturen zu verbinden. Der Roman plädiert dafür, die georgische Kultur als einen Teil der europäischen Kulturtradition zu betrachten. In das georgische kulturelle Gedächtnis vorhandene Mythen, Legenden und Metapher werden in das gesamteuropäische Gedächtnis transportiert. Im Mittelpunkt des Romans stellt Karumidze die norwegische Femme fatale Dagny Juel, die 1901 in Tbilissi von ihrem Geliebten erschossen wurde. Ihr Grab befindet sich ebenfalls in Tbilissi und die Mythen um ihre Zeit in der georgischen Hauptstadt sind im kulturellen Gedächtnis des Landes immer noch vorhanden. Der Autor nimmt Dagnys Reise nach Georgien zum Anlass, um die Welt um die Jahrhundertwende zu zeichnen, die von fließenden Grenzen und Fluiditäten durchdrungen war. Die Zeit noch vor dem Ersten Weltkrieg scheint hier eine besondere zu sein, da diverse literarische Traditionen und kreative Ideen ineinanderfließen konnten. Karumidze verbindet in seinem Text das Gegensätzliche miteinander. Der Roman schafft es, die Figuren in die Handlung zu integrieren und sie dabei in einer gemeinsamen Geschichte zu versammeln, die sich im realen Leben nie wirklich begegnet sind. So treffen wir den bekannten griechisch-armenischen Mystiker und Esoteriker Georges Gurdjieff, den großen georgischen Dichter Wascha Pschawela und sogar den jungen Stalin, der das ganze Treiben der Boheme eher aus der Distanz wahrnimmt:

„Koba, der eines Tages Stalin sein würde, betrachtete den Vorgang von seinem Platz hinter dem Zaun aus, amüsiert von der bourgeoisen Rangelei. Diese Frau muß schon was ganz Besonderes sein! Dachte er.“

Natürlich darf dabei nicht die wichtigste georgische literarische Arbeit „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli fehlen. Die, wie sie im Roman genannt werden, „schamanische Individuen“ versammeln sich um die Muse Dagny und treten so miteinander in Kontakt. So sinniert Pschawela gemeinsam mit Gurdjieff über dieses und jenes und Dagny verzettelt sich immer mehr in den Affären, was letztendlich fatal für sie enden soll.

„Dagny oder ein Fest der Liebe“ ist eine Liebeserklärung an das intellektuelle Treiben am Anfang des 20. Jahrhunderts in Georgien. Ein wahrer Hingucker ist das Buch auch durch die Covergestaltung von Levke Leiß, die durch ihre besondere Technik beeindruckende Buntstiftzeichnungen schafft.

Von Irine

Zurab Karumidze (2017): Dagny oder ein Fest der Liebe. Bonn: Weidle Verlag. Aus dem Englischen von Stefan Weidle.

 

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„Als flöge ein kleiner Vogel davon“: Marjana Gaponenko – „Annuschka Blume“

AnnuschkaBlume-ok.inddDie aus Odessa stammende deutschsprachige Autorin Marjana Gaponenko hat mittlerweile ihren dritten Roman mit dem Titel „Das letzte Rennen“ (C. H. Beck Verlag) veröffentlicht und wird im Feuilleton breit besprochen. Diese Buchbesprechung konzentriert sich allerdings auf ihr erstes Romanprojekt „Annuschka Blume“ aus dem Jahr 2010, das im österreichischen Residenz Verlag erschienen ist.

Gaponenko ist mit ihrem Debüt direkt ein besonderes Buch gelungen, das trotz der postmodernen literarischen Tendenzen zur klassischen Tradition des Briefromans zurückkehrt und in dem sich eine mitreißende Liebesgeschichte zwischen Annuschka und Piotr entwickelt. Anna Konstantinowna ist als Lehrerin in der ukrainischen Provinz tätig. Der Journalist Piotr ist die wichtigste Person in ihrem Leben und die Briefe, die sie regelmäßig aus dem fernen Ausland von ihm empfängt, das Elixier ihres Lebens. Piotr hält sich in Bagdad auf und will durch sein Forschungsprojekt „(…) beweisen, dass es keinen Unterschied (…) zwischen Bergen und Steppe“ (gibt). Doch in Wirklichkeit ist es die Poesie, die seine Forschung leitet. Die philosophierenden Gedanken werden im Briefwechsel durch die Zärtlichkeiten abgelöst, die die beiden Liebenden in einer besonders emotionalen Sprache wiedergeben. Piotr träumt von seiner Heimat am Schwarzen Meer und Annuschka erzählt von ihrem Alltag in der Schule und von ihren Nachbarn. Die Briefe zeugen von einer romantischen Sicht auf die Welt, die wiederum nie ins Kitschige oder Konstruierte übergeht:

„Wie Sie wissen, liebe Anna Konstantinowna, heißt die beste Kartoffelsorte unserer Heimat Sineglazka, Blauäuglein. Oder die anderen, hören Sie nur, wie sie klingeln: Adretta, Diamant, Nikita, Udatscha, Glück, Wodopad, Wasserfall, Podsneschnik, Schneeglöckchen! Die Bauern selbst sprechen diese Namen ohne jedes Pathos aus. Sie tun es den besten Dichtern nach, die, um ihren Zauber wohl wissend, beim Vortrag der romantischsten Stelle nicht mit der Wimper zucken. Die Bauern sind (…) Dichter der Erde (…).“

Nicht nur die Bauern, sondern die beiden Briefadressaten beherrschen die Sprache der Poesie auf hohem Niveau und sehen die Welt mit einer Brille, die in den kleinsten Details aus dem Alltag das Existenzielle schöpfen kann. Anna und Piotr sind kein Liebespaar von klassischen Art. Die Gefühle sind es, die ihre Leben bestimmen und das Glück, das auch im Unglück dominieren kann:

„Ob ich unglücklich bin? Auch ein unglücklicher Mensch ist ein glücklicher, allein weil es ihm gegeben ist zu empfinden. (…) Mein lieber Piotr Michailowitsch, ich zweifle, dass es Sie gibt. (…) Heute ist mir jedoch, als wäre ich Sie. Heute komme ich mir einsam vor und doch so erfüllt, als wären wir zu Tausenden da, ein Schmetterlingsschwarm.“

Anna schreibt für Piotr die Aufsätze ihrer Schüler auf und lässt sich von ihm für ihren Unterricht inspirieren. Sie füllen die Leben gegenseitig mit Liebe, Dichtung, Fantasie und Sinn. Sie kommen sich zwar nie körperlich nah, sind aber zugleich sehr eng miteinander verbunden. Sie tauschen ihre Träume aus, denken über die Vergangenheit und Zukunft nach und geben einander die Kraft zum Leben. Eine besondere Lektüre während der winterlichen Tage, die den Blick von LeserInnen für das Besondere im Unscheinbaren schärfen will.

 
von Irine

Marjana Gaponenko (2010): Annuschka Blume. Salzburg/Wien: Residenz Verlag. 

 

Kat Kaufmann: „Die Nacht ist laut. Der Tag ist finster“

9783455001051„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“, so lautet der Titel des zweiten Romans von Kat Kaufmann. Erschienen ist er bei Hoffmann und Campe Verlag/TEMPO Bücher in diesem Frühjahr. Mit ihrem Erstlingswerk „Superposition“ hat Kaufmann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt gewonnen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist Kaufmann gleichzeitig auch Jazzsängerin-Schrägstich- Komponistin-Schrägstrich-Fotografin. Wer Kat Kaufmann und ihr Werk bisher nicht kannte, wird spätestens bei der Information, dass sie den Umschlag selbst gestaltete, neugierig gemacht (an dieser Stelle ein großes Lob an den Verlag für das Vertrauen in die Autorin und die künstlerische Freiheit!). Es scheint hier alles zu stimmen – eine dynamische, unkonventionelle Road Novel, erzählt von einer hippen Berlinerin mit einer überaus interessanten Bio. Es verwundert auch nicht, dass Kaufmann mit ihren beiden Büchern mediale Aufmerksamkeit erregt hat, indem sie neben Lob, auch Kritik geerntet hat.

Während „Superposition“ (2015) viele autobiographische Züge nachgesagt werden, begibt sich Kaufmann in diesem Buch teilweise in neue Gebiete. Hier behandelt Kaufmann Sujets wie Familienverhältnisse, Liebe und die aktuelle politische Situation. Daneben gibt es aber auch wiederkehrende Orten wie Berlin und Moskau, und wiederkehrende Motive wie der Bezug zum Judentum, zur Musik oder zum exzessiven Nachtleben. Das thematische Spektrum ist auf 272 Seiten in eine relativ herbe Sprache verpackt, die für manchen bis zum letzten Satz gewöhnungsbedürftig bleibt.

Der Protagonist, Jonas, ist ein Berliner Twen, der sich nach Moskau aufmacht, nachdem er eine geheimnisvolle Nachricht von seinem verstorbenen Opa Ernst erhält: „Finde diesen Mann! Valerij Butzukin.“ Jonas zögert nicht lange. Genervt und gelangweilt von dem grauen Muff seines Elternhauses, entscheidet er sich, dem Aufruf des geliebten Großvaters zu folgen. Jonas ist bereit, sein ganzes Leben umzukrempeln. Denn die Reise führt für ihn nicht einfach nur nach Moskau, sie soll ihn direkt zu den Antworten führen, die seine eigene Vergangenheit entschlüsseln. Begleitet wird er von Stas und Juri, zwei dubiosen Gestalten, die er in einer Berliner Kneipe kennenlernt. Die beiden verfügen über die notwendigen Kontakte zu Kriminellen und ermöglichen Jonas so die illegale Einreise nach Russland. Zusammen mit seiner Entourage gerät Jonas in mehrere gefährliche Situationen und ist schließlich in einen Mordkomplott gegen den Mafioso Krokodil verwickelt. Die ganze Geschichte ist eingebettet in den Kalten Krieg 2.0 zwischen Ameropa und Russasia, was dem Leser in Form einer laufenden Pressemitteilung am unteren Seitenrand mitgeteilt wird.

Ausgehend vom Klappentext, könnte man das Buch als eine Road Novel mit einer Prise philosophischer Überlegungen einordnen. Die erzählte Welt wird von Kaufmann auf unterschiedliche Art und Weise eingeleitet – besonders hervorstechend ist in diesem Kontext die sehr gewöhnungsbedürftige 2. Person, in der die Geschichte zu einem großen Teil erzählt wird. Hieraus entwickelt sich unwiderruflich ein eigenartiges Gefühl der Entfremdung zwischen dem Erzähler und dem Hauptcharakter, der dadurch wie seine Marionette wirkt. Hier eine kleine Kostprobe:

„Du versuchtest, die Worte auszusprechen, gibst sie in den Browser ein. Du siehst dir Tutorials an und lädst die Audiodateien der Aussprachen. Du blätterst weiter, findest Cafés und Restaurants, Empfehlungen von Ausstellungsräumen. Aber du willst ja nicht hinfahren, um Lokale zu testen oder sinnierend durch Ausstellungen zu flanieren. Du kannst das alles jederzeit abbrechen.“

9783455405347Die Erzählung wird durch viele Rückblenden eines allwissenden Erzählers und durch dialogische Einschübe unterbrochen (auch graphisch gekennzeichnet). Aus diesen erfährt der Leser Näheres über die Gefühlswelten von Jonas und den anderen Figuren, was die sonst etwas platt gestrickten Charaktere mehrdimensional erscheinen lässt. Durch diese Verflechtung von Erzählsträngen gelingt es Kaufmann schließlich auch, einem Überraschungsmoment zu erzeugen, es ist das Highlight im Plot, und man darf dieses ruhig auch von einer Road Novel erwarten.

Die TEMPO-Bücher, wie man beim Verleger nachlesen kann, sollen „neue, unkonventionelle literarische Stimmen umfassen.“ Ohne jeden Zweifel erfüllt Kaufmanns Buch beide Versprechen, denn neu und unkonventionell ist es auf jeden Fall. Somit ist eigentlich auch schon klar, wer das Zielpublikum sein soll: „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ spricht all jene an, die an neuen Formen der literarischen Schöpfung einer postmodernen und schnelllebigen Welt interessiert sind.

Der Klappentext bewirbt das Buch als „rasant erzählte Road Novel über Leben und Tod, Schein und Wahrheit – und dem Wahnsinn dazwischen“. Kaufmanns Erzählstil ist auf jeden Fall rasant. Dies kann mit der Zeit – subjektiv betrachtend – auch anstrengend sein. Was bleibt jedoch von dem Wunsch, von Leben und Tod und gleichzeitig noch von den Sphären des Scheins, der Wahrheit und dem Dazwischen zu erzählen? Irgendwie scheint es, als würde der Roman mit all seiner Geschwindigkeit nur die Oberfläche dieser Themen überfliegen. Philosophische Fragen werden nur dezent angerissen, an keiner Stelle wird der Tiefgang gewagt. Vielleicht ist hier aber schon zu viel verlangt. Es wäre mit Sicherheit ein Gewinn, wenn Kaufmann sich etwas weniger auf sprachlich-experimentelle Rasanz und mehr auf gutes Geschichtenerzählen konzentrieren würde.

von Karolina

Kat Kaufmann (2017): Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Hamburg: TEMPO Bücher / Hoffmann und Campe Verlag. 

Wenn der Traum zum Albtraum wird: „Kukolka“ von Lana Lux

9783351036935„Ich beneidete die anderen Mädchen […] nicht lange für ihr tolles früheres Leben mit Eltern, Schule, Freunden und einem Zuhause. Mir war nämlich klargeworden, dass ich die Einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten gewesen.“

Die Erkenntnis kommt spät, aber sie beschreibt Samiras Leben sehr genau – sie war schon immer ein Teil des äußeren Rands der Gesellschaft. Keine Eltern, aufgewachsen im Heim, von den anderen Kindern gemobbt und als Zigeunerin beschimpft, von ihrem „Retter“ Rocky zum Betteln und Klauen gezwungen, später von ihrem „Freund“ in die Prostitution getrieben. Wahrlich nicht die Mitte der Gesellschaft, aber von der Protagonistin so kindlich, so naiv, so normal beschrieben, dass es schmerzt. Samira ist erst sieben Jahre alt, als sie aus dem Heim abhaut, 15 als sie körperlich und nervlich völlig am Ende ist… Und dem Leser krampft sich das Herz zusammen angesichts der Gewalt, des Missbrauchs, der Manipulation und auch des Todes, welche/n sie in ihrem jungen Leben ertragen oder mit ansehen muss. Nur die Sprache will manchmal nicht so ganz ins Bild einer sieben- oder achtjährigen passen: zu derb, zu erwachsen. Was ein wenig an der Authentizität des Romans kratzt, aber das Gesamtbild nicht verunstaltet.

Lana Lux‘ Debütroman Kukolka (Aufbau Verlag) spielt in der Ukraine Anfang der 1990’er Jahre. Schauplatz der Handlung ist Dnipropetrowsk, was zugleich der Geburtsort der Autorin ist. Mit zehn Jahren verlässt sie diesen zusammen mit ihren Eltern für Deutschland. Nicht umsonst träumt vielleicht Kukolka – so Samiras Spitzname aufgrund ihrer grün-blauen Augen und des puppenhaften Gesichts – davon, nach Deutschland auszuwandern, ihrer besten Freundin Marina zu folgen, die das Glück hatte, von Deutschen adoptiert zu werden. Sie bekommt sogar ein Paket von Marina, mit Bonbons, Milka-Schokolade, einem Brief, einer Barbie. Und es sind diese kleinen Dinge – der Geschmack der Schokolade, der Umschlag mit Marinas deutscher Adresse, die echte Barbie, der Wunsch Marina wiederzusehen – die Samira nicht untergehen lassen, an die sie sich klammert wie an einen Hoffnungsträger, die sie all die Gewalt, die Drogen, den Schmerz … überleben lassen. Diese Dinge geben ihr Halt in einer Welt voller Verrat, Beschönigung, Konkurrenz, Missgunst, in einer Welt in der es an allem mangelt. Jeder denkt nur an sich, wahre Liebe gibt es nicht. Aber Kukolka ist glücklich – meistens zumindest. Bei Rocky hat sie ihr eigenes Sofa zum Schlafen, immer etwas zum Essen und klauen sowie betteln kann sie gut – das scheine ihr im Blut zu liegen – sodass sie nie zu wenig Geld mit nach Hause bringt. Dass sie von dem Geld nie etwas wiedersehen wird, weil Rocky es nicht für ihr Ticket nach Deutschland zurücklegt, sondern davon Schutzgeld bezahlt, ahnt sie nicht.

Dennoch schafft sie es nach Deutschland. Eines Tages tritt Dima in ihr Leben. Sie steht in einer Unterführung, es ist kalt und grau und sie singt. Das ist ihr zweites großes Talent. Da taucht ein junger, gutaussehender Mann auf, ist begeistert von ihrer Stimme, schenkt ihr Rosen, kommt sie immer wieder in der Unterführung besuchen, geht mit ihr essen. Samira ist ganz benebelt vor lauter Glück und Verliebtheit. Später sind es die Drogen mit denen er sie vollpumpt. Doch sie liebt ihn und er muss sie auch lieben. Sonst hätte er sie doch nicht mit zu sich genommen, oder? Dass sie sich bereits in voller Fahrt auf einer Abwärtsspirale befindet, merkt sie nicht. Versteht sie nicht. Auch nicht, als er sie illegal nach Deutschland schleust. Dafür ist Samira zu naiv, zu gutgläubig, noch zu kindlich. Erst später als sie es wie zufällig aus dem Strudel herausschafft, realisiert sie, was eigentlich passiert ist. Deutschland, das Land ihrer Träume, wird zum Albtraum.

„Dieser furchtbare Körper mit zu vielen Öffnungen. Ich wollte sie alle für immer verschließen, wollte meinen Körper in eine unzerstörbare Plastikfolie einschweißen, so wie alles Wertvolle in Deutschland eingeschweißt wird. Aber er war nicht wertvoll genug. Ich war nicht wertvoll. Bloß ein Niemand. Schlimmer noch. Wer niemand ist, kann alles werden. Ich nicht. Ich war eine Nutte. Das war eine Endstation.“

Lana Lux lässt Samira eine Welt schildern von der man nichts weiß, von der man hoffte, dass es sie nicht gibt, aber sie existiert. Sowohl damals nach der Perestroika und wahrscheinlich, leider, auch noch heute. Zwangsprostitution bereits im Kindesalter ist kein Einzelschicksal. Samira steht stellvertretend für viele Frauen und Mädchen aus dem östlichen Europa. Für ein Leben in dem jede Veränderung eine Verbesserung der Situation verspricht, aber eigentlich nur ein weiterer Schritt in Richtung Abgrund ist. Das Glück sitzt auf Samiras Fahrt nach unten auf dem Beifahrersitz oder wahlweise sie – bis sie aussteigt. Einen kleinen Hoffnungsträger trägt sie noch bei sich: Olga Pismena, Uhlandstraße 144. Vielleicht hat sie das Glück noch nicht ganz verlassen.

„Es war wie ein echtes Wunder. Erst vor einer Stunde war ich noch im Auto auf dem Weg zum nächsten Kunden. Erst vor einer Stunde war ich noch gefangen. Erst vor einer Stunde hatte ich kaum Hoffnung auf Freiheit. Und jetzt war ich durch einen glücklichen Zufall genau vor der richtigen Haustür gelandet.“

von Elisabeth

Lana Lux (2017): Kukolka. Berlin: Aufbau Verlag. 

„Ich weiß nicht, wohin es geht“: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann

42762Bis zu ihrem Debütroman „Außer sich“, der dieses Jahr beim Suhrkamp Verlag erschienen ist und gleich für den wichtigen Literaturpreis hierzulande, für den Deutschen Buchpreis, nominiert war, war Sasha Marianna Salzmann als Hausautorin im Berliner Maxim Gorki Theater bekannt. Wie die Vielzahl der Stücke des Gorki Theaters, so handelt auch der Roman von Salzmann von Migration in der „postmigrantischen“ Welt.

„Außer sich“ ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Roman. Er ist stark experimentell und zugleich deutlich unkonventionell geschrieben. Es fällt auf, dass der Autorin beim Schreiben ganz besonders daran lag, die Grenzen jeglicher Art zu verwischen. Die Sexualität hat hier kein Geschlecht und die Figuren keine fixierte Identität. Sie verwandeln sich ständig, wechseln ihr Äußeres, tauschen ständig ihre Wohnorte aus und sind dauernd auf der Suche. Im Mittelpunkt dieses Romans steht eine russisch-jüdische Familie, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in einem Asylheim in einer Kleinstadt in Deutschland landet. So ist auch die Autorin Salzmann mit ihrer Familie in den 90er Jahren aus Russland als russische Jüdin emigriert.

Die Eltern der Hauptfigur des Romans führen eine angespannte Beziehung. Die Kinder Alissa und Anton sind Zwillinge und mit besonders starken Nähten miteinander verbunden. Doch Anton taucht unter, als Alissa aka Ali schon in Berlin studiert. Seine Spuren führen Alissa nach Istanbul – in die Stadt der fließenden Grenzen und schon längst miteinander verschmolzenen Gegensätze. Bei Onkel Cemal kommt Ali unter und schließt sehr schnell neue Bekanntschaften. Katharina wird zu ihrer Geliebten. Sie ist transsexuell und ebenfalls russischsprachig. Die Suche nach dem Bruder wächst mit der Zeit in die Suche nach sich selbst über. So sieht Ali Antons Schatten ab und an in den Bars von Istanbul, oder ist es vielleicht doch ihr Selbstbild im Spiegel, das immer mehr dem von Anton gleicht?

Im Roman wird viel in Rückblenden erzählt. Die Familiengeschichte von Alissa reicht bis zu ihren Urgroßeltern zurück und behandelt fast das ganze Jahrhundert der kommunistischen Geschichte in Russland. Alis Großvater Daniil stammt aus einer Rabbinerfamilie und entdeckt das religiöse jüdische Leben erst im höheren Alter in Deutschland. Der sowjetische Antisemitismus hat die jüdische Tradition in der Familie fast vollständig zerstört. Ali weiß, dass keine von ihren Beziehungen wirklich lange halten können und ihr Reisepass längst nicht mehr nötig ist, um die staatlichen Grenzen passieren zu können. Letztendlich ist es die Hybridität, in der sie ihr Zuhause findet:

„Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als Nächstes passieren könnte. Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – Als ein Er oder eine Sie?“

„Außer sich“ ist eine sehr starke Prosa, die keine Experimente scheut und unserer globalisierten Welt einen adäquaten fiktionalen transkulturellen Weltentwurf auf hohem literarischen Niveau entgegenstellt.

von Irine

Sascha Marianna Salzmann (2017): Außer sich. Berlin: Suhrkamp Verlag.

„Eichhörnchen hatten uns enttäuscht“ – Tijan Sila: Tierchen Unlimited

9783462050264Krieg, Flucht und die bevorstehende Integration in einem fremden Land wie Deutschland sind die Themen des Debütromans „Tierchen Unlimited“ von Tijan Sila (Kiepenheuer & Witsch). Der Autor Sila kam wie der Held des Romans in Sarajevo zur Welt und wanderte mit seiner Familie 1994 nach Deutschland aus. Der Ich-Erzähler erzählt mit einer starken Stimme von seinem Leben in Deutschland und von seiner Kindheit, die er in Bosnien verbracht hat. Seine neue beste Freundin Sarah, die Polizistin werden will, prägt sein Leben. Sarahs familiäre Situation hätte sich Besseres wünschen können – ihr Vater bringt sich um, nachdem sein Sohn in Bosnien im Krieg getötet wird, da er auf kroatischer Seite als Neonazi gegen Moslems kämpft. Die Freundschaft zu Sarah ist durchaus eine Seltsame. Ein Paar werden die beiden nie, aber auch keine Freunde im klassischen Sinne:

„Sarah rang mich zweimal wöchentlich auf ihre Matratze nieder, klemmte mein Gesicht zwischen ihre Handflächen und die Lippen schürzten los. Es geschah unangekündigt, und das Warten auf ihren nächsten Überfall war meine Medizin. Sie hielt mich aufrecht. Was für eine seltsame Freundschaft, dachte ich damals. Eine deutsche Freundschaft. So läuft das hier. Ich kapiere gar nix, aber ich mag es.“

Der Krieg aus der Kindheit der Figur hat ein grausames und brutales Gesicht. Die slowenischen und muslimischen Namen konnten damals darauf hinweisen, wer Feind und wer Freund war. Die Kindheit in Sarajevo und die Freundschaft mit Janez, mit slowenischen Vor- und muslimischen Nachnamen, macht das Leben der Hauptfigur noch aufregender. Der Krieg spiegelte sich bei den Kriegskindern in den brutalen und mit Gewalt geladenen Spielen wieder. Die grausamen Bilder der Jahre bleiben fest im Gedächtnis des Erzählers verankert:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht mehr genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie die Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken.“

Das Stehlen gehört besonders im Sommer zum Alltag der Kriegskinder und das Leben wird ständig durch die Angst vom Tod geprägt. Videospiele, Comics und Pornomagazine werden ausgeliehen oder geklaut, die dann wiederum bei den UN-Soldaten gegen Lunchpakete getauscht werden. Das Klauen wird später zum festen Bestandteil des Lebens der Hauptfigur in Deutschland. Er bricht mit seinen Freunden in Luxuswohnungen ein und läuft dann mit Rolex und mit Burberry Mantel herum. Wenn er in der schwierigen Situation steckt, kümmern sich seine Freunde Faruk oder Sarah darum – „Überlass mir die Rache. Ich kümmere mich um den Nazi. Du bist ein braver Kerl.“ Was ist das aber, das ihn so anders und zerbrechlich macht? Ist es vielleicht die Erfahrung des Krieges, die er ständig mit sich trägt und die sein neues Leben in Deutschland bestimmt?

Mit seinem Debüt schafft Sila eine spannende Erzählung, die trotz der vielen Wiederholungen und stilistischen Schwächen überzeugt, und auf die Unmöglichkeit der raschen Aufarbeitung von traumatischen Kriegserfahrungen gekonnt hinweist – Erfahrungen und Erlebnisse, die den Menschen auch viele Jahre später nach dem Krieg nicht vollständig loslassen.

von Irine

 

Tijan Sila (2017): Tierchen unlimited. Verlag: Kiepenheuer & Witsch. 

 

Suizid als eine Art Familientradition: Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“

U1_978-3-498-07389-3.inddDie literarische Tätigkeit der Autorin Natascha Wodin nimmt ihren Anfang in den 80er Jahren. 1983 ist ihr erster Roman „Die gläserne Stadt“ erschienen. Dann folgten zwar weitere Veröffentlichungen, doch die breite Leserschaft erreichte die Autorin erst mit ihrem aktuellen Roman „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt Verlag, 2017). Für dieses autobiografische Buch wurde sie dieses Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und das deutschsprachige Feuilleton schenkte dem Roman große Aufmerksamkeit. Natascha Wodin wurde 1945 in Deutschland in einer russisch-ukrainischen Zwangsarbeiterfamilie geboren, die während des Zweiten Weltkrieges aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppt wurde.

Wie oft in den Romanen mit einer ähnlichen Thematik, fängt auch bei Wodin alles mit der Recherche im Internet an. Die literarische Figur der Autorin gibt in der Suchmasche den Namen ihrer Mutter ein und öffnet nicht nur online die verlorene Seite ihrer Familiengeschichte, nach der sie all die Jahre davor erfolglos gesucht hatte. Ihre aus Mariupol deportierten Eltern wurden während des Krieges als Zwangsarbeiter in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig eingesetzt und gründeten nach Kriegsende eine Familie in Westdeutschland. Doch das Nachkriegsleben gestaltete sich für sie alles andere als idyllisch. Der Selbstmord der Mutter von Natascha Wodin eröffnet und schließt die Erzählung und damit auch die ganze Familiengeschichte der Autorin. Beim Lesen des Buches hat man oft das Gefühl, diese Art vom Erzählen der eigenen Familiengeschichte bereits aus einem anderen Buch zu kennen. Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag 2014) funktioniert auf den ersten Blick als Pendant zu Wodins Roman. Die komplexen Fragen nach der Zuverlässigkeit des eigenen Gedächtnisses und der familiären Überlieferungen spielt bei Wodin, wie bei Petrowskaja, eine wichtige Rolle. Was ist damals in Wirklichkeit passiert und was hat das Familiengedächtnis in den Jahren danach dazugedichtet? Was wissen wir über unsere Vorfahren und was können wir noch herausfinden? Nicht nur die Figur der Mutter Jewgenia Iwaschtschenko steht hier im Mittelpunkt der Erzählung, sondern auch ihre Schwester Lidia mit ihrem nicht minder aufregenden Leben.

Eine wichtige Leistung des Buches ist die Beschäftigung mit den Schicksalen der sowjetischen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges. Dieses Thema ist in der deutschsprachigen Literatur ein noch nicht aufgearbeitetes Terrain und Wodin macht hier mit Sicherheit einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung. Die Erzählerin des Buches versucht mit Vorsicht und durch die Vermeidung der einfachen Gegenüberstellung von Opfergruppen der Konzentrationslager und der nichtjüdischen Zwangsarbeitern an Letztere zu erinnern, indem sie über das Leben ihrer Eltern erzählt:

„Seit vielen Jahren schon suchte ich nach irgendeinem Buch von einem ehemaligen Zwangsarbeiter, nach einer literarischen Stimme, an der ich mich hätte orientieren können, vergeblich.“

Während der erste Teil des Buches eher durch die erzählerischen und stilistischen Schwächen geprägt ist, nimmt die Erzählung in der zweiten Hälfte immer mehr an Wucht an, die mehr und mehr überzeugt. Als die Erzählerin über die ersten Nachkriegsjahre ihrer Familie in Deutschland erzählt und ihre Geschichte nicht mehr aus der unzuverlässigen Begebenheiten der Vergangenheit zusammensetzt und schöpft, sondern aus ihren unmittelbaren Kindheitserinnerungen, beginnt der spannendste und zugleich der stärkste Teil des Buches. Mit einer ausgewogenen und nüchternen Sprache erzählt hier Wodin von den schweren psychischen Zuständen ihrer Mutter, die sich von ihren beiden Töchtern immer mehr entfernt, auch von dem gewaltätigen Vater und von dem Leben am Rande der deutschen Gesellschaft, in der sie stets als unerwünschte Ausländer betrachtet werden. Die Erzählerin erzeugt Bilder, die durch ihre Grausamkeit und Brutalität schockieren und zugleich zum Nachdenken motivieren, um die Komplexität und zerstörerische Kraft des Krieges am Beispiel von einzelnen Schicksalen sichtbar machen zu können. Ihre Mutter ist das Fundament ihrer Familiengeschichte und ausgerechnet sie geht als Erste zugrunde – u.a. wegen der Verlust ihrer Heimat, wegen des grausamen Krieges und der darauffolgenden Zwangsarbeit.

von Irine

Natascha Wodin (2017): Sie kam aus Mariupol. Reinbek: Rowohlt Verlag.