Kat Kaufmann: „Die Nacht ist laut. Der Tag ist finster“

9783455001051„Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“, so lautet der Titel des zweiten Romans von Kat Kaufmann. Erschienen ist er bei Hoffmann und Campe Verlag/TEMPO Bücher in diesem Frühjahr. Mit ihrem Erstlingswerk „Superposition“ hat Kaufmann den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt gewonnen. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin ist Kaufmann gleichzeitig auch Jazzsängerin-Schrägstich- Komponistin-Schrägstrich-Fotografin. Wer Kat Kaufmann und ihr Werk bisher nicht kannte, wird spätestens bei der Information, dass sie den Umschlag selbst gestaltete, neugierig gemacht (an dieser Stelle ein großes Lob an den Verlag für das Vertrauen in die Autorin und die künstlerische Freiheit!). Es scheint hier alles zu stimmen – eine dynamische, unkonventionelle Road Novel, erzählt von einer hippen Berlinerin mit einer überaus interessanten Bio. Es verwundert auch nicht, dass Kaufmann mit ihren beiden Büchern mediale Aufmerksamkeit erregt hat, indem sie neben Lob, auch Kritik geerntet hat.

Während „Superposition“ (2015) viele autobiographische Züge nachgesagt werden, begibt sich Kaufmann in diesem Buch teilweise in neue Gebiete. Hier behandelt Kaufmann Sujets wie Familienverhältnisse, Liebe und die aktuelle politische Situation. Daneben gibt es aber auch wiederkehrende Orten wie Berlin und Moskau, und wiederkehrende Motive wie der Bezug zum Judentum, zur Musik oder zum exzessiven Nachtleben. Das thematische Spektrum ist auf 272 Seiten in eine relativ herbe Sprache verpackt, die für manchen bis zum letzten Satz gewöhnungsbedürftig bleibt.

Der Protagonist, Jonas, ist ein Berliner Twen, der sich nach Moskau aufmacht, nachdem er eine geheimnisvolle Nachricht von seinem verstorbenen Opa Ernst erhält: „Finde diesen Mann! Valerij Butzukin.“ Jonas zögert nicht lange. Genervt und gelangweilt von dem grauen Muff seines Elternhauses, entscheidet er sich, dem Aufruf des geliebten Großvaters zu folgen. Jonas ist bereit, sein ganzes Leben umzukrempeln. Denn die Reise führt für ihn nicht einfach nur nach Moskau, sie soll ihn direkt zu den Antworten führen, die seine eigene Vergangenheit entschlüsseln. Begleitet wird er von Stas und Juri, zwei dubiosen Gestalten, die er in einer Berliner Kneipe kennenlernt. Die beiden verfügen über die notwendigen Kontakte zu Kriminellen und ermöglichen Jonas so die illegale Einreise nach Russland. Zusammen mit seiner Entourage gerät Jonas in mehrere gefährliche Situationen und ist schließlich in einen Mordkomplott gegen den Mafioso Krokodil verwickelt. Die ganze Geschichte ist eingebettet in den Kalten Krieg 2.0 zwischen Ameropa und Russasia, was dem Leser in Form einer laufenden Pressemitteilung am unteren Seitenrand mitgeteilt wird.

Ausgehend vom Klappentext, könnte man das Buch als eine Road Novel mit einer Prise philosophischer Überlegungen einordnen. Die erzählte Welt wird von Kaufmann auf unterschiedliche Art und Weise eingeleitet – besonders hervorstechend ist in diesem Kontext die sehr gewöhnungsbedürftige 2. Person, in der die Geschichte zu einem großen Teil erzählt wird. Hieraus entwickelt sich unwiderruflich ein eigenartiges Gefühl der Entfremdung zwischen dem Erzähler und dem Hauptcharakter, der dadurch wie seine Marionette wirkt. Hier eine kleine Kostprobe:

„Du versuchtest, die Worte auszusprechen, gibst sie in den Browser ein. Du siehst dir Tutorials an und lädst die Audiodateien der Aussprachen. Du blätterst weiter, findest Cafés und Restaurants, Empfehlungen von Ausstellungsräumen. Aber du willst ja nicht hinfahren, um Lokale zu testen oder sinnierend durch Ausstellungen zu flanieren. Du kannst das alles jederzeit abbrechen.“

9783455405347Die Erzählung wird durch viele Rückblenden eines allwissenden Erzählers und durch dialogische Einschübe unterbrochen (auch graphisch gekennzeichnet). Aus diesen erfährt der Leser Näheres über die Gefühlswelten von Jonas und den anderen Figuren, was die sonst etwas platt gestrickten Charaktere mehrdimensional erscheinen lässt. Durch diese Verflechtung von Erzählsträngen gelingt es Kaufmann schließlich auch, einem Überraschungsmoment zu erzeugen, es ist das Highlight im Plot, und man darf dieses ruhig auch von einer Road Novel erwarten.

Die TEMPO-Bücher, wie man beim Verleger nachlesen kann, sollen „neue, unkonventionelle literarische Stimmen umfassen.“ Ohne jeden Zweifel erfüllt Kaufmanns Buch beide Versprechen, denn neu und unkonventionell ist es auf jeden Fall. Somit ist eigentlich auch schon klar, wer das Zielpublikum sein soll: „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ spricht all jene an, die an neuen Formen der literarischen Schöpfung einer postmodernen und schnelllebigen Welt interessiert sind.

Der Klappentext bewirbt das Buch als „rasant erzählte Road Novel über Leben und Tod, Schein und Wahrheit – und dem Wahnsinn dazwischen“. Kaufmanns Erzählstil ist auf jeden Fall rasant. Dies kann mit der Zeit – subjektiv betrachtend – auch anstrengend sein. Was bleibt jedoch von dem Wunsch, von Leben und Tod und gleichzeitig noch von den Sphären des Scheins, der Wahrheit und dem Dazwischen zu erzählen? Irgendwie scheint es, als würde der Roman mit all seiner Geschwindigkeit nur die Oberfläche dieser Themen überfliegen. Philosophische Fragen werden nur dezent angerissen, an keiner Stelle wird der Tiefgang gewagt. Vielleicht ist hier aber schon zu viel verlangt. Es wäre mit Sicherheit ein Gewinn, wenn Kaufmann sich etwas weniger auf sprachlich-experimentelle Rasanz und mehr auf gutes Geschichtenerzählen konzentrieren würde.

von Karolina

Kat Kaufmann (2017): Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Hamburg: TEMPO Bücher / Hoffmann und Campe Verlag. 

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Wenn der Traum zum Albtraum wird: „Kukolka“ von Lana Lux

9783351036935„Ich beneidete die anderen Mädchen […] nicht lange für ihr tolles früheres Leben mit Eltern, Schule, Freunden und einem Zuhause. Mir war nämlich klargeworden, dass ich die Einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten gewesen.“

Die Erkenntnis kommt spät, aber sie beschreibt Samiras Leben sehr genau – sie war schon immer ein Teil des äußeren Rands der Gesellschaft. Keine Eltern, aufgewachsen im Heim, von den anderen Kindern gemobbt und als Zigeunerin beschimpft, von ihrem „Retter“ Rocky zum Betteln und Klauen gezwungen, später von ihrem „Freund“ in die Prostitution getrieben. Wahrlich nicht die Mitte der Gesellschaft, aber von der Protagonistin so kindlich, so naiv, so normal beschrieben, dass es schmerzt. Samira ist erst sieben Jahre alt, als sie aus dem Heim abhaut, 15 als sie körperlich und nervlich völlig am Ende ist… Und dem Leser krampft sich das Herz zusammen angesichts der Gewalt, des Missbrauchs, der Manipulation und auch des Todes, welche/n sie in ihrem jungen Leben ertragen oder mit ansehen muss. Nur die Sprache will manchmal nicht so ganz ins Bild einer sieben- oder achtjährigen passen: zu derb, zu erwachsen. Was ein wenig an der Authentizität des Romans kratzt, aber das Gesamtbild nicht verunstaltet.

Lana Lux‘ Debütroman Kukolka (Aufbau Verlag) spielt in der Ukraine Anfang der 1990’er Jahre. Schauplatz der Handlung ist Dnipropetrowsk, was zugleich der Geburtsort der Autorin ist. Mit zehn Jahren verlässt sie diesen zusammen mit ihren Eltern für Deutschland. Nicht umsonst träumt vielleicht Kukolka – so Samiras Spitzname aufgrund ihrer grün-blauen Augen und des puppenhaften Gesichts – davon, nach Deutschland auszuwandern, ihrer besten Freundin Marina zu folgen, die das Glück hatte, von Deutschen adoptiert zu werden. Sie bekommt sogar ein Paket von Marina, mit Bonbons, Milka-Schokolade, einem Brief, einer Barbie. Und es sind diese kleinen Dinge – der Geschmack der Schokolade, der Umschlag mit Marinas deutscher Adresse, die echte Barbie, der Wunsch Marina wiederzusehen – die Samira nicht untergehen lassen, an die sie sich klammert wie an einen Hoffnungsträger, die sie all die Gewalt, die Drogen, den Schmerz … überleben lassen. Diese Dinge geben ihr Halt in einer Welt voller Verrat, Beschönigung, Konkurrenz, Missgunst, in einer Welt in der es an allem mangelt. Jeder denkt nur an sich, wahre Liebe gibt es nicht. Aber Kukolka ist glücklich – meistens zumindest. Bei Rocky hat sie ihr eigenes Sofa zum Schlafen, immer etwas zum Essen und klauen sowie betteln kann sie gut – das scheine ihr im Blut zu liegen – sodass sie nie zu wenig Geld mit nach Hause bringt. Dass sie von dem Geld nie etwas wiedersehen wird, weil Rocky es nicht für ihr Ticket nach Deutschland zurücklegt, sondern davon Schutzgeld bezahlt, ahnt sie nicht.

Dennoch schafft sie es nach Deutschland. Eines Tages tritt Dima in ihr Leben. Sie steht in einer Unterführung, es ist kalt und grau und sie singt. Das ist ihr zweites großes Talent. Da taucht ein junger, gutaussehender Mann auf, ist begeistert von ihrer Stimme, schenkt ihr Rosen, kommt sie immer wieder in der Unterführung besuchen, geht mit ihr essen. Samira ist ganz benebelt vor lauter Glück und Verliebtheit. Später sind es die Drogen mit denen er sie vollpumpt. Doch sie liebt ihn und er muss sie auch lieben. Sonst hätte er sie doch nicht mit zu sich genommen, oder? Dass sie sich bereits in voller Fahrt auf einer Abwärtsspirale befindet, merkt sie nicht. Versteht sie nicht. Auch nicht, als er sie illegal nach Deutschland schleust. Dafür ist Samira zu naiv, zu gutgläubig, noch zu kindlich. Erst später als sie es wie zufällig aus dem Strudel herausschafft, realisiert sie, was eigentlich passiert ist. Deutschland, das Land ihrer Träume, wird zum Albtraum.

„Dieser furchtbare Körper mit zu vielen Öffnungen. Ich wollte sie alle für immer verschließen, wollte meinen Körper in eine unzerstörbare Plastikfolie einschweißen, so wie alles Wertvolle in Deutschland eingeschweißt wird. Aber er war nicht wertvoll genug. Ich war nicht wertvoll. Bloß ein Niemand. Schlimmer noch. Wer niemand ist, kann alles werden. Ich nicht. Ich war eine Nutte. Das war eine Endstation.“

Lana Lux lässt Samira eine Welt schildern von der man nichts weiß, von der man hoffte, dass es sie nicht gibt, aber sie existiert. Sowohl damals nach der Perestroika und wahrscheinlich, leider, auch noch heute. Zwangsprostitution bereits im Kindesalter ist kein Einzelschicksal. Samira steht stellvertretend für viele Frauen und Mädchen aus dem östlichen Europa. Für ein Leben in dem jede Veränderung eine Verbesserung der Situation verspricht, aber eigentlich nur ein weiterer Schritt in Richtung Abgrund ist. Das Glück sitzt auf Samiras Fahrt nach unten auf dem Beifahrersitz oder wahlweise sie – bis sie aussteigt. Einen kleinen Hoffnungsträger trägt sie noch bei sich: Olga Pismena, Uhlandstraße 144. Vielleicht hat sie das Glück noch nicht ganz verlassen.

„Es war wie ein echtes Wunder. Erst vor einer Stunde war ich noch im Auto auf dem Weg zum nächsten Kunden. Erst vor einer Stunde war ich noch gefangen. Erst vor einer Stunde hatte ich kaum Hoffnung auf Freiheit. Und jetzt war ich durch einen glücklichen Zufall genau vor der richtigen Haustür gelandet.“

von Elisabeth

Lana Lux (2017): Kukolka. Berlin: Aufbau Verlag. 

„Ich weiß nicht, wohin es geht“: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann

42762Bis zu ihrem Debütroman „Außer sich“, der dieses Jahr beim Suhrkamp Verlag erschienen ist und gleich für den wichtigen Literaturpreis hierzulande, für den Deutschen Buchpreis, nominiert war, war Sasha Marianna Salzmann als Hausautorin im Berliner Maxim Gorki Theater bekannt. Wie die Vielzahl der Stücke des Gorki Theaters, so handelt auch der Roman von Salzmann von Migration in der „postmigrantischen“ Welt.

„Außer sich“ ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Roman. Er ist stark experimentell und zugleich deutlich unkonventionell geschrieben. Es fällt auf, dass der Autorin beim Schreiben ganz besonders daran lag, die Grenzen jeglicher Art zu verwischen. Die Sexualität hat hier kein Geschlecht und die Figuren keine fixierte Identität. Sie verwandeln sich ständig, wechseln ihr Äußeres, tauschen ständig ihre Wohnorte aus und sind dauernd auf der Suche. Im Mittelpunkt dieses Romans steht eine russisch-jüdische Familie, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in einem Asylheim in einer Kleinstadt in Deutschland landet. So ist auch die Autorin Salzmann mit ihrer Familie in den 90er Jahren aus Russland als russische Jüdin emigriert.

Die Eltern der Hauptfigur des Romans führen eine angespannte Beziehung. Die Kinder Alissa und Anton sind Zwillinge und mit besonders starken Nähten miteinander verbunden. Doch Anton taucht unter, als Alissa aka Ali schon in Berlin studiert. Seine Spuren führen Alissa nach Istanbul – in die Stadt der fließenden Grenzen und schon längst miteinander verschmolzenen Gegensätze. Bei Onkel Cemal kommt Ali unter und schließt sehr schnell neue Bekanntschaften. Katharina wird zu ihrer Geliebten. Sie ist transsexuell und ebenfalls russischsprachig. Die Suche nach dem Bruder wächst mit der Zeit in die Suche nach sich selbst über. So sieht Ali Antons Schatten ab und an in den Bars von Istanbul, oder ist es vielleicht doch ihr Selbstbild im Spiegel, das immer mehr dem von Anton gleicht?

Im Roman wird viel in Rückblenden erzählt. Die Familiengeschichte von Alissa reicht bis zu ihren Urgroßeltern zurück und behandelt fast das ganze Jahrhundert der kommunistischen Geschichte in Russland. Alis Großvater Daniil stammt aus einer Rabbinerfamilie und entdeckt das religiöse jüdische Leben erst im höheren Alter in Deutschland. Der sowjetische Antisemitismus hat die jüdische Tradition in der Familie fast vollständig zerstört. Ali weiß, dass keine von ihren Beziehungen wirklich lange halten können und ihr Reisepass längst nicht mehr nötig ist, um die staatlichen Grenzen passieren zu können. Letztendlich ist es die Hybridität, in der sie ihr Zuhause findet:

„Immer wenn ich merke, dass es für Menschen eine Vorstellung von Welt gibt, auf die sie ohne Zweifel bauen, fühle ich mich allein. Ausgeliefert. Sie sprechen davon, Dinge mit Sicherheit zu wissen, sie erzählen, wie etwas gewesen ist oder sogar wie etwas sein wird, und ich merke dann immer, wie sehr ich nichts weiß von dem, was als Nächstes passieren könnte. Ich weiß ja noch nicht mal, als was ich angesprochen werde, wenn ich Zigaretten kaufen gehe – Als ein Er oder eine Sie?“

„Außer sich“ ist eine sehr starke Prosa, die keine Experimente scheut und unserer globalisierten Welt einen adäquaten fiktionalen transkulturellen Weltentwurf auf hohem literarischen Niveau entgegenstellt.

von Irine

Sascha Marianna Salzmann (2017): Außer sich. Berlin: Suhrkamp Verlag.

„Eichhörnchen hatten uns enttäuscht“ – Tijan Sila: Tierchen Unlimited

9783462050264Krieg, Flucht und die bevorstehende Integration in einem fremden Land wie Deutschland sind die Themen des Debütromans „Tierchen Unlimited“ von Tijan Sila (Kiepenheuer & Witsch). Der Autor Sila kam wie der Held des Romans in Sarajevo zur Welt und wanderte mit seiner Familie 1994 nach Deutschland aus. Der Ich-Erzähler erzählt mit einer starken Stimme von seinem Leben in Deutschland und von seiner Kindheit, die er in Bosnien verbracht hat. Seine neue beste Freundin Sarah, die Polizistin werden will, prägt sein Leben. Sarahs familiäre Situation hätte sich Besseres wünschen können – ihr Vater bringt sich um, nachdem sein Sohn in Bosnien im Krieg getötet wird, da er auf kroatischer Seite als Neonazi gegen Moslems kämpft. Die Freundschaft zu Sarah ist durchaus eine Seltsame. Ein Paar werden die beiden nie, aber auch keine Freunde im klassischen Sinne:

„Sarah rang mich zweimal wöchentlich auf ihre Matratze nieder, klemmte mein Gesicht zwischen ihre Handflächen und die Lippen schürzten los. Es geschah unangekündigt, und das Warten auf ihren nächsten Überfall war meine Medizin. Sie hielt mich aufrecht. Was für eine seltsame Freundschaft, dachte ich damals. Eine deutsche Freundschaft. So läuft das hier. Ich kapiere gar nix, aber ich mag es.“

Der Krieg aus der Kindheit der Figur hat ein grausames und brutales Gesicht. Die slowenischen und muslimischen Namen konnten damals darauf hinweisen, wer Feind und wer Freund war. Die Kindheit in Sarajevo und die Freundschaft mit Janez, mit slowenischen Vor- und muslimischen Nachnamen, macht das Leben der Hauptfigur noch aufregender. Der Krieg spiegelte sich bei den Kriegskindern in den brutalen und mit Gewalt geladenen Spielen wieder. Die grausamen Bilder der Jahre bleiben fest im Gedächtnis des Erzählers verankert:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht mehr genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie die Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken.“

Das Stehlen gehört besonders im Sommer zum Alltag der Kriegskinder und das Leben wird ständig durch die Angst vom Tod geprägt. Videospiele, Comics und Pornomagazine werden ausgeliehen oder geklaut, die dann wiederum bei den UN-Soldaten gegen Lunchpakete getauscht werden. Das Klauen wird später zum festen Bestandteil des Lebens der Hauptfigur in Deutschland. Er bricht mit seinen Freunden in Luxuswohnungen ein und läuft dann mit Rolex und mit Burberry Mantel herum. Wenn er in der schwierigen Situation steckt, kümmern sich seine Freunde Faruk oder Sarah darum – „Überlass mir die Rache. Ich kümmere mich um den Nazi. Du bist ein braver Kerl.“ Was ist das aber, das ihn so anders und zerbrechlich macht? Ist es vielleicht die Erfahrung des Krieges, die er ständig mit sich trägt und die sein neues Leben in Deutschland bestimmt?

Mit seinem Debüt schafft Sila eine spannende Erzählung, die trotz der vielen Wiederholungen und stilistischen Schwächen überzeugt, und auf die Unmöglichkeit der raschen Aufarbeitung von traumatischen Kriegserfahrungen gekonnt hinweist – Erfahrungen und Erlebnisse, die den Menschen auch viele Jahre später nach dem Krieg nicht vollständig loslassen.

von Irine

 

Tijan Sila (2017): Tierchen unlimited. Verlag: Kiepenheuer & Witsch. 

 

Suizid als eine Art Familientradition: Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“

U1_978-3-498-07389-3.inddDie literarische Tätigkeit der Autorin Natascha Wodin nimmt ihren Anfang in den 80er Jahren. 1983 ist ihr erster Roman „Die gläserne Stadt“ erschienen. Dann folgten zwar weitere Veröffentlichungen, doch die breite Leserschaft erreichte die Autorin erst mit ihrem aktuellen Roman „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt Verlag, 2017). Für dieses autobiografische Buch wurde sie dieses Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und das deutschsprachige Feuilleton schenkte dem Roman große Aufmerksamkeit. Natascha Wodin wurde 1945 in Deutschland in einer russisch-ukrainischen Zwangsarbeiterfamilie geboren, die während des Zweiten Weltkrieges aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppt wurde.

Wie oft in den Romanen mit einer ähnlichen Thematik, fängt auch bei Wodin alles mit der Recherche im Internet an. Die literarische Figur der Autorin gibt in der Suchmasche den Namen ihrer Mutter ein und öffnet nicht nur online die verlorene Seite ihrer Familiengeschichte, nach der sie all die Jahre davor erfolglos gesucht hatte. Ihre aus Mariupol deportierten Eltern wurden während des Krieges als Zwangsarbeiter in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig eingesetzt und gründeten nach Kriegsende eine Familie in Westdeutschland. Doch das Nachkriegsleben gestaltete sich für sie alles andere als idyllisch. Der Selbstmord der Mutter von Natascha Wodin eröffnet und schließt die Erzählung und damit auch die ganze Familiengeschichte der Autorin. Beim Lesen des Buches hat man oft das Gefühl, diese Art vom Erzählen der eigenen Familiengeschichte bereits aus einem anderen Buch zu kennen. Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag 2014) funktioniert auf den ersten Blick als Pendant zu Wodins Roman. Die komplexen Fragen nach der Zuverlässigkeit des eigenen Gedächtnisses und der familiären Überlieferungen spielt bei Wodin, wie bei Petrowskaja, eine wichtige Rolle. Was ist damals in Wirklichkeit passiert und was hat das Familiengedächtnis in den Jahren danach dazugedichtet? Was wissen wir über unsere Vorfahren und was können wir noch herausfinden? Nicht nur die Figur der Mutter Jewgenia Iwaschtschenko steht hier im Mittelpunkt der Erzählung, sondern auch ihre Schwester Lidia mit ihrem nicht minder aufregenden Leben.

Eine wichtige Leistung des Buches ist die Beschäftigung mit den Schicksalen der sowjetischen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges. Dieses Thema ist in der deutschsprachigen Literatur ein noch nicht aufgearbeitetes Terrain und Wodin macht hier mit Sicherheit einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung. Die Erzählerin des Buches versucht mit Vorsicht und durch die Vermeidung der einfachen Gegenüberstellung von Opfergruppen der Konzentrationslager und der nichtjüdischen Zwangsarbeitern an Letztere zu erinnern, indem sie über das Leben ihrer Eltern erzählt:

„Seit vielen Jahren schon suchte ich nach irgendeinem Buch von einem ehemaligen Zwangsarbeiter, nach einer literarischen Stimme, an der ich mich hätte orientieren können, vergeblich.“

Während der erste Teil des Buches eher durch die erzählerischen und stilistischen Schwächen geprägt ist, nimmt die Erzählung in der zweiten Hälfte immer mehr an Wucht an, die mehr und mehr überzeugt. Als die Erzählerin über die ersten Nachkriegsjahre ihrer Familie in Deutschland erzählt und ihre Geschichte nicht mehr aus der unzuverlässigen Begebenheiten der Vergangenheit zusammensetzt und schöpft, sondern aus ihren unmittelbaren Kindheitserinnerungen, beginnt der spannendste und zugleich der stärkste Teil des Buches. Mit einer ausgewogenen und nüchternen Sprache erzählt hier Wodin von den schweren psychischen Zuständen ihrer Mutter, die sich von ihren beiden Töchtern immer mehr entfernt, auch von dem gewaltätigen Vater und von dem Leben am Rande der deutschen Gesellschaft, in der sie stets als unerwünschte Ausländer betrachtet werden. Die Erzählerin erzeugt Bilder, die durch ihre Grausamkeit und Brutalität schockieren und zugleich zum Nachdenken motivieren, um die Komplexität und zerstörerische Kraft des Krieges am Beispiel von einzelnen Schicksalen sichtbar machen zu können. Ihre Mutter ist das Fundament ihrer Familiengeschichte und ausgerechnet sie geht als Erste zugrunde – u.a. wegen der Verlust ihrer Heimat, wegen des grausamen Krieges und der darauffolgenden Zwangsarbeit.

von Irine

Natascha Wodin (2017): Sie kam aus Mariupol. Reinbek: Rowohlt Verlag. 

 

Literarische Reise in Georgien: Das Internationale Literaturfestival in Tbilisi und das deutschsprachige Programm

18765768_1703684399933288_4018678469253722592_nIm Rahmen des Deutsch-Georgisches Jahr 2017/საქართველო-გერმანიის წელი 2017 präsentierte dieses Jahr das Internationele Literaturfestival in Tbilisi ein spannendes und umfangreiches Programm zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. AutorInnen aus Österreich und Deutschland lasen im Goethe-Institut-Georgien, im wunderschönen Schriftstellerhaus und im Literarischen Museum in Tbilisi aus ihren alten und neuen Romanen/Stücken und machten das georgische und internationale Publikum mit den spannenden literarischen Prozessen vertraut. Wir hatten die Möglichkeit, ein unmittelbarer Teil des Festivals zu sein und auf Einladung der Autorin und Kuratorin des Programms – mit dem Titel „Perspektiven: Literatur im Dialog“ – Nino Haratischwili, die Lesungen mit den AutorInnen zu moderieren. Das deutschsprachige Programm wurde vom Auswärtigen Amt gefördert und vom Goethe-Institut durchgeführt.

In Tbilisi lasen dieses Jahr Katja Petrowskaja, Olga Grjasnowa, Clemens Meyer, 18813973_1704708329830895_7444538580208335666_nUlla Lenze, Volker Schmidt & Katja Lange-Müller. Die Auswahl der AutorInnen, die durch mehreren kulturellen Einflüsse geprägt sind, war keinesfalls zufällig, sondern diente zur vollständigen Präsentation der aktuellen literarischen Prozessen in Deutschland. Die Autorin Olga Grjasnowa las aus ihrem aktuellen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ (Aufbau Verlag) und sprach über den Krieg in Syrien und über den Entstehungsprozess des Buches, während dem sie viel in den unterschiedlichen Ländern gereist, Flüchtlinge interviewt und ausführlich recherchiert hat. Mit Katja Petrowskaja sprachen wir über ihr spannendes Debüt „Vielleicht Esther“ und über ihre Kindheitserinnerungen an das 18839100_1706087183026343_3461158225957043862_nsowjetische Georgien. Die Übersetzerin Maia Badridze las Ausschnitte aus den Romanen in georgischer Sprache und das Interesse des Publikums hat gezeigt, dass die Texte unbedingt auch bald in der vollständigen Form auf Georgisch erscheinen sollten. Der Autor Clemens Meyer las aus seinem ersten Roman „Als wir träumten“ und begeisterte das Publikum durch seine Geschichten über die Wendezeit in Leipzig. Mit Ulla Lenze diskutierten wir über das Schreiben zwischen den Kulturen und über ihre Aufenthalte in Istanbul und Mumbai.

Im Rahmen des Festivals fand die Preisverleihung des „Preises von Giwi Margwelaschwili“ statt. Der Preis ging dieses Jahr an den Dichter und Übersetzer David Tserediani. Mit dem Preis werden jedes Jahr AutorInnen oder andere Kulturschaffende ausgezeichnet, die sich durch ihre besondere Verdienste bei der Vertiefung der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien auszeichnen. David Tserediani hat unter anderem in über 30 Jahren Arbeit Goethes „Faust“ ins Georgische übertragen und sitzt aktuell an der Übersetzung des zweiten Bandes. Außerdem machte er georgische LeserInnen mit den Texten von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Lion Feuchtwanger u.a. vertraut. Im wunderbaren ROYAL DISTRICT THEATRE stellte der österreichische Theaterautor und Regisseur Volker Schmidt sein neues Stück „Djihad“ vor. Die SchauspiellerInnen des Theaters lasen einen Auszug aus dem Stück.

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Außerdem hatten die deutschsprachigen Autorinnen die Möglichkeit, gemeinsam mit den georgischen Kollegen – Lasha Bughadze, Tamar Tandashwili und Irma Tavelidze – über die aktuellen gesellschaftlichen Themen zu diskutieren. Die Diskussionen „Angry white man“ und „Europa als Idee“, die von dem Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili moderiert wurde, haben eine breite Palette der Positionen und Problematiken im europäischen Kontext aktualisiert, um sie kritisch hinterfragen zu können.

IMG_1813Wir haben eine sehr aufregende und inspirierende Zeit in Tbilisi verbracht und waren am letzten Tag noch schnell in die wunderschöne Altstadt unterwegs. Wir kommen nächstes Jahr auf jeden Fall wieder und sind daher schon sehr auf das Programm des Festivals gespannt.

 

von Irine

 

Verliert man die Großmutter, verliert man die Heimat: Victor Gardon „Brunnen der Vergangenheit“

3293207413Der Roman „Brunnen der Vergangenheit“ des armenisch-französischen Schriftstellers Victor Gardon alias Vahram Gakavian ist in der deutschen Übersetzung pünktlich kurz vor der wichtigen Entscheidung des Bundestages erschienen, die planmäßige Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord einzustufen. An dem Völkermord an den Armeniern von 1915 wird jedes Jahr am 24. April gedacht. Vahram Gakavian wurde 1903 in der ostanatolischen Stadt Van geboren, aus der er 1915 mit seiner Familie vertrieben wurde. Über Tiflis kam er 1923 nach Paris, wo er auch verstarb. Seine autobiografischen Romane schrieb er auf Französisch.

„Brunnen der Vergangenheit“ ist ein Roman, der sich mit einem Teil der Weltgeschichte beschäftigt, der in der Literatur eher eine Randstellung hat. Aus der westlichen Perspektive setzte sich zwar der österreichische Schriftsteller Franz Werfel 1933 mit seinem berühmten Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit der Vertreibung und Vernichtung der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich auseinander, trotzdem ist der Roman von Victor Gardon ein besonderer Text, da der Autor selbst die Vertreibung und Vernichtung seiner Familie miterlebte.

Der kleine Wahram lebt in der Altstadt von Van mit seiner großen Familie, die von der Großmutter dominiert wird. Die enorm starke Figur der Großmutter hütet nicht nur ihre Söhne, ihre Schwiegertöchter und ihre Enkelkinder, sondern verwaltet das ganze Haus und hat immer das Sagen – auch bei den politischen Entscheidungen ihres Sohnes. Ihre Weisheiten sind das Lebenselixier der ganzen Familie. Oft sind es nur in einem Nebensatz formulierte Sprüche, die zutiefst beeindrucken:

„Es gibt keine schrecklichen Menschen, Wahram. Alle Menschen haben irgendeinen Kummer, und je mehr er sie bedrückt, umso härter werden sie. Wahram, du weißt, dass die Armenier entsetzliche Leiden erdulden mussten. Sei darum immer dienstfertig und freundlich zu allen.“

Wahram ist der einzige, der es wagt, sich den Wünschen seiner Großmutter zu widersetzen und ist überhaupt ein besonderes Mitglied der Familie. Sehr früh fängt er an, sich für die Politik und für das Leben der Erwachsenen zu interessieren. Ständig mischt er sich in den ernsten Gesprächen mit seinen Ratschlägen ein und wird immer aus dem Zimmer gescheucht, in das er sich gleich wieder durch das Fenster hineinschmuggelt. Wahram muss doch immer auf dem Laufenden sein und die existenziellen Fragen seiner Familie und seines Volkes mitdiskutieren können. Einmal begleitet er so sogar seinen Onkel Sarkis bei einer gefährlichen Reise entlang des „Tals der Armenier“, während der sie fast von den Kurden umgebracht werden und versetzt sich in Van und später während der Flucht ständig in einer lebensgefährlichen Situation.

gardon-victor-chevalierDie Idee der einheitlichen osmanischen Nation steht auf wackeligen Füßen und das sichere Leben für die armenische Bevölkerung von Van wird immer bedrohlicher. Die Angst vor den Übergriffen der Jungtürken und kurdischen Truppen wird immer größer und auf die Hilfe von Russland hoffen die Armenier immer weniger. Wahrams Vater Harutiun steht im Roman im Mittelpunkt der politischen Verhandlungen zwischen den verschiedenen Seiten und so wächst sein Sohn mit starker Liebe und großem Stolz gegenüber seiner Heimat. Die nationale Zugehörigkeit zum armenischen Volk ist bei ihm schon seit früheren Kindheit besonders ausgeprägt. Als er zum ersten Mal den Berg Ararat erblickt, wird er von den Gefühlen überwältigt:

„Er traute seinen Augen nicht. Ihm gegenüber, linker Hand, erhob sich ganz in der Ferne, fast am anderen Ende des Himmels, eine Schneekrone in die blassblaue Luft. Die flimmernde Krone war an ihrem unteren Rand von einem blau-goldenen Streifen gesäumt; dann versteckten die schweren Flanken des Berges sich hinter anderen Gipfeln, die wie aufgewühlte Wellen aussahen, welche gegen den Berg Ararat angestürmt und nun für alle Zeiten erstarrt waren. Er war es! Wahram erblickte den heiligen Berg, den Berg der Sintflut und Noahs, den höchsten Gipfel Armeniens, neben dem all die kleineren Berge wie Menschen waren, die vor dem Riesen knieten.“

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die magische Welt von Wahram einmal mehr kräftig durchgeschüttelt und auseinandergebrochen. Die Flucht steht an. Und wenn sogar die sonst so unerschütterte Großmutter flieht, ist die Zukunft für die Familie mehr als unsicher. Mit erschreckenden Leidensbildern schildert der Autor Gardon das unermeßliche Leiden der Menschen, die tagelang ohne Wasser durch die Wüstenlandschaft wandern. Diese gefährlichen Fluchtrouten führen die Figuren entlang der massakrierten und durchgebrannten armenischen Dörfern, in denen nur noch die Hunde am Leben sind.

Der Roman von Victor Gardon ist eine wichtige Wissensquelle und zugleich eine spannende Lektüre, die uns auf das grausame Schicksal dieses Volkes im Osmanischen Reich aufmerksam macht – ein Schicksal, das immer im Schatten der vielen anderen Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts stand und erst mit den letzten Jahren mit nötigen Interesse gewürdigt wird.

von Irine