Science-Fiction trifft auf Historiendrama: „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ von Jaroslav Kalfař

51iGit0yznLJaroslav Kalfařs Debütroman „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ (Tropen) ist die Geschichte des Astronauten Jakub Procházka, der als erster tschechischer Raumfahrer überhaupt für 8 Monate ins Weltall geschickt wird, um einen mysteriösen Nebel zu untersuchen. Doch noch bevor er diesen überhaupt erreicht, geht alles schief. Seine Frau Lenka ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, sein Körper beginnt zu streiken und auch seine Sinne konfrontieren ihn plötzlich mit der Frage, ob es Außerirdische wirklich gibt, als er ein seltsames Wesen sichtet.

April 2018: Die JanHus verlässt die Erde mit dem Ziel, die Tschechische Republik zu neuem Ruhm zu verhelfen. An Bord hangelt sich der einsame und gelangweilte Jakub von Videochat zu Videochat und vertreibt sich die Zeit mit Gedanken an sein Leben. Unterbrochen wird sein tristes Dasein, als ihm plötzlich ein merkwürdiges, hochintelligentes Wesen gegenübersteht, das die Menschheit erforschen möchte und seine Erinnerungen analysiert. Jakub sieht sich konfrontiert mit der schwierigen Vergangenheit seiner Familie, die nach der Flucht und dem Tod seiner Eltern, unter den Racheplänen des „Schuhmanns“ leidet, der ein Folteropfer von Jakubs Vater, einem ehemaligen Unterstützer des Regimes, ist. In verschiedenen Episoden springt die Erzählung zwischen dem Vergangenen und der Gegenwart und einige Zusammenhänge werden erst wesentlich später klar. Relativ schnell offenbart sich hier die für mich größte Schwachstelle des Romans: Will die Erzählung nun Science-Fiction, Fantasy, Komödie oder Drama sein? Natürlich ist eine Kombination durchaus möglich, doch in „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ bleibt so das Gefühl des Unvollständigen zurück, denn immer dann, wenn eine Episode an Fahrt und Spannung aufnimmt, springt Jakub zu einer anderen zurück oder vor. Das Debüt des Autors erschien mir seltsam unausgewogen, so als hätte sich Kalfař erst einmal an dieser Geschichte nur ausprobiert. Vielleicht wollte Kalfař hier einfach zu viel und hätte auf seiner Checkliste der Situationen, die er gerne einbauen würde, ein paar streichen sollen.

Aus Tätern werden Opfer und aus Opfern Täter: Die Geschichte der Procházkas ist die Quelle für Jakubs Ehrgeiz. Jahrelang musste seine Familie unter dem Druck des „Schuhmanns“ leiden, dessen Namen von einer Foltermethode kommt, bei der Jakubs Vaters sein Opfer in einen eisernen Schuh steckte und ihm Stromschläge verpasste. Das ehemalige Opfer ist mittlerweile einer der mächtigsten Männer des Landes und nimmt den Angehörigen seines Peinigers nach und nach ihre Existenz. Aus ihrem Haus werden sie vertrieben, die Nachbarn gegen sie aufgehetzt und aus dem einst beschaulichen Landleben wird ein Alptraum. Jakubs Erinnerungen behandeln eine Ära voller Furcht und Schrecken und kollidieren mit der wilden Astronauten-Erzählung, die eher leicht daherkommt.

Jaroslav Kalfař migrierte mit fünfzehn Jahren in die USA, wo er Kreatives Schreiben, Literatur, Politik und europäische Geschichte studierte. Obwohl er mittlerweile in New York lebt und arbeitet, zieht es in mit „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ zurück in seine Geburtsstadt Prag. Die eigentlich amerikanische Herkunft des Romans ist durch die lockere Sprache und den fantastischen Hintergrund der Erkundung des Weltalls definitiv spürbar.

Unser Fazit: Ein ganz passabler Roman für zwischendurch – mehr aber auch nicht. Garantiert gibt es andere Geschichten, die die einzelnen Handlungspunkte besser ausführen.

  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten, 22€ (D)
  • Verlag: Tropen; Auflage: 1 (5. August 2017)
  • Übersetzung: Barbara Heller
  • ISBN-13: 978-3608503777
  • Originaltitel: The Spaceman of Bohemia

Annika

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Sammlung tschechischer Kurzgeschichten: „Die letzte Metro“

Mit „Die letzte Metro“ präsentieren die Herausgeber Martina Lisa und Martin Becker gemeinsam mit dem Verlag Voland & Quist eine vielfältige Sammlung an zeitgenössischer tschechischer Literatur. Neben Kurzgeschichten findet man in der Anthologie auch Gedichte, Songtexte und experimentelle Texte, die den 18 jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Stimme geben. Als „eigenwillig“ betitelt der Verlag die Werke und liegt damit genau richtig, denn nicht immer sind die Erzählungen leicht zugänglich und nicht immer konnten sie mich überzeugen.

Eine Fahrt mit der Metro oder der Straßenbahn, ein Abend in einer Prager Kneipe – oftmals sind die Bilder aus den Texten vom Großstadtleben geprägt und auch die Beziehungen zwischen den Figuren passen sich an den hektischen Alltag an. Die Autorinnen und Autoren spielen mit verschiedenen Text- und Erzählstilen. Mal ist es so beispielsweise die „Du-Perspektive“, mit der die Erzählung wiedergegeben wird, mal werden einzelne Gedankenblöcke zur Geschichte.

„Die letzte Metro“ ist mit seinen knapp 200 Seiten eine kleine Einführung in die junge tschechische Literatur und sticht in meinem Empfinden nicht unbedingt aus anderen Kurzgeschichtensammlungen heraus, da die Inhalte sich doch sehr ähneln. Wirklich begeistern konnte mich leider kein Text und so richtig konnte der Funke nicht überspringen. Spannend ist die Zusammenstellung der verschiedenen Autorinnen und Autoren, die wie z. B. Jaroslav Rudiš  schon oft ins Deutsche übersetzt wurden. Zur Übersicht gibt es am Ende des Buches kurze Biografien, die die Sammlung gelungen abrunden.

„Die letzte Metro“ – mit Texten von: Bianca Bellová, Ondřej Buddeus, Dora Čechova, Vladimíra Čerepková, Irena Dousková, Emil Hakl, Petr Hruška, Václav Kahuda, Dora Kaprálová, Hana Lundiaková, Igor Malijevský, Jaroslav Rudiš, Tereza Semotámová, Petra Soukupová, Alžběta Stančáková, Michal Šanda, Filip Topol und Eva Turnová.

  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • Verlag: Verlag Voland & Quist; Auflage: 1 (20. März 2017)
  • Übersetzung: Martina Lisa
  • ISBN-13: 978-3863911737

Annika