600 M² GLÜCK – DIE DATSCHA: Ein gemeinsames Bildbandprojekt von Evgeny Makarov und Lew Rubinstein

imagegroupPünktlich zur Sommer- und Ferienzeit ist beim Münchner Kunstbuchverlag Sieveking der wunderbare Fotoband von Evgeny Makarov mit Texten von Lew Rubinstein erschienen. „600 M2 Glück – die Datscha“ versammelt Fotografien aus der Datschasiedlung „Orekhovo“ bei St. Petersburg. Makarov reiste 2013 zu dem Ort seiner Kindheit und fotografierte Landschaften und Menschen, die dort jedes Jahr vom Mai bis Oktober in ihrem gewöhnlichen Rhythmus leben. Das Coverbild zeigt die „Kirschendame“ Anna. Beeindruckend gelassen liegt sie auf einer Bank und greift nach den rot leuchtenden Kirschen, die großzügig über ihren Kopf wachsen. Die Dichotomie „Stadt-Land“ wird hier durch das Zitat von Anna noch weiter unterstützt. Die Datscha heißt für sie schlicht und einfach das Leben – „In der Stadt werde ich nur krank und müde. Hier habe ich immer etwas zu tun, das hält mich jung.“

Außer Anna zeigen die stückweit melancholischen Aufnahmen Figuren, die nur selten ihre Gesichter zeigen. Sie werden eher als verschwommene Gestalten dargestellt und sind kaum vor dem dazugehörigen landschaftlichen Hintergrund wahrzunehmen. Hier gehen Menschen den üblichen Tätigkeiten nach – sie reparieren Autos, gehen Angeln oder ruhen sich einfach aus. Die Fotos von Makarov zeigen die üblichen Holzhäuser mit den kleinen Gärten, die durch ihre chaotische Ordnung auffallen. Überhaupt ist eine gewisse Unordnung der wichtigste Bestandteil des Gartens und von Innenräumen der Datschen – als ob man hierher alles bringt, was man in der Stadt als unbrauchbar aussortiert hat, hier findet alles zumindest irgendwann Gebrauch. Datschen sind die Ablageorte des Alten, des Kaputtgegangenen, die hier zum neuen Leben erweckt werden.

Das Essay von Lew Rubinstein, das dem Fotoband beigefügt wird, ordnet die Kultur des Lebens auf der Datscha historisch ein und erklärt den Begriff im Hinblick auf dessen Wandlung und Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen hier das 20. Jahrhundert und die kommunistischen Jahre Russlands, während dessen die Datscha als einen vermeintlichen Zufluchtsort stilisiert wurde und mit dem bestimmten Freiheitsgefühl in Verbindung stand. Der Text vom Rubinstein ergänzt die Bilder, ohne zugleich über sie dominieren zu wollen.

Ein schöner Bildband zum Blättern und zum ästhetischen Genuss für die LeserInnen, die sich für die russische Kultur und die osteuropäischen Landschaften interessieren. Es sind die einzelnen kleinen Details, die in den Fotos am Meisten begeistern – wie die schimmernden Wassertropfen an den Fingern des jungen Anglers am abendlichen See. Der entschleunigte, verlangsamte Rhythmus des Lebens auf Datscha kommt in diesem Bild in allen Dingen zur Sprache. Hier fließt die Zeit besonders langsam und die Landschaft strahlt die Ruhe und Gelassenheit der Dämmerung, die insbesondere im Sommer durch die beeindruckenden Bilder einbricht.

von Irine

600 M² GLÜCK – DIE DATSCHA (2017): FOTOGRAFIEN VON EVGENY MAKAROV. TEXT VON LEW RUBINSTEIN. AUS DEM RUSSISCHEN VON ROSEMARIE TIETZE. München: Sieveking Verlag.

 

 

 

 

 

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„Hana“ von Elvira Dones

„Ich will dich so, wie du bist, an deinem letzten Tag als Mann.“

Von Hana zu Mark und von Mark zu Hana – Elvira Dones` „Hana“ (INK Press) ist die beeindruckende Geschichte einer jungen albanischen Frau, die mit 20 symbolisch zum Mann wurde, um sich gegen eine Zwangsverheiratung zu wehren und die Rolle des Familienoberhaupts zu übernehmen. 14 Jahre später reist sie zu ihrer Cousine Lila in die USA – aus Mark soll nun wieder Hana werden.

Die albanische Autorin Elvira Dones, die heute in Italien lebt, öffnet in diesem wichtigen Roman eine fremde Welt, die von Bräuchen bestimmt wird, die für viele wohl fremd und grausam erscheinen. Nicht nur die Blutrache, sondern auch die Schwurjungfernschaft wird bis heute mit dem kanun, einem mündlich überlieferten Gewohnheitsrecht, das vermutlich bis vor das Mittelalter zurückreicht, begründet und legitimiert. Gerade in den abgeschiedenen Bergen Nordalbaniens stehen diese Rechte noch vor dem Gesetz. Auch in „Hana“ wird das Leben der Protagonisten durch das kanun bestimmt. Als Hanas Onkel schwer erkrankt und sie noch vor seinem Tod zum Schutz der Familie verheiraten will, entscheidet sich die junge Frau für einen drastischen Schritt: „Es ist nicht schwierig, ein Mann zu werden. Ich habe geschworen, niemals zu heiraten. Diesen Brauch gibt es nur im Norden des Landes. Das geht so: Wenn eine Familie keine Söhne hat, dann schwört eine der Töchter, sich wie ein Mann zu benehmen und bis ans Ende ihrer Tage ein Mann zu bleiben. Von dem Moment an übernimmt sie alle Funktionen und Rollen eines Mannes.“

„Hana“ lebt von seinen Dialogen und den Einblicken in die nordalbanischen Sitten. Bewusst wir das Leben von Mark übersprungen, der dem Alkohol und Zigarettenkonsum verfallen ist. In Zeitsprüngen schildert Dones die verschiedenen Etappen aus Hanas Leben und bildet dabei das Bild einer jungen Frau, die es zwar zum Studieren nach Tirana zieht, dabei aber immer wieder zwischen der Familie und der eigenen Freiheit schwankt. Mit dem Tod ihrer Tante und der Erkrankung ihres Onkels, die sie nach dem Verlust ihrer Eltern großgezogen haben, folgt sie dem Leben in den Bergen und besiegelt damit ihr eigenes Schicksal. Großer Kontrast ist ihre Cousine Lila, die mit Mann und Kind in die USA ausgewandert ist und sie immer wieder bittet, in die Staaten zu kommen. Das Leben in den Bergen kollidiert 14 Jahre später mit dem „American Lifestyle“. Sexuell unerfahren und unsicher wird aus Mark mehr und mehr Hana, die sich fern von der Heimat mit einem neuen Gesellschaftsbild ihrer selbst auseinandersetzen muss und dabei Unterstützung von ihrer pubertierenden Nichte erhält. „Hana“ thematisiert interessanterweise dabei nicht die Fragen nach dem Männlichen und dem Weiblichen, denn die zwischengeschlechtliche Identität Hanas/Marks wird für alle Protagonisten als selbstverständlich angesehen und die Gründe Hanas in jungen Jahren zu Mark zu werden, sind für alle naheliegend.

Die eigene Identität, scheinbar veraltete Bräuche, die Suche nach dem Verständnis für den eigenen Körper sind die Themen, die Dones mit ihrem Roman beispiellos behandelt und nicht ohne Grund wurde die Romanverfilmung „Sworn Virgin“ von Laura Bispuri u.a. 2015 auf der Berlinale vielfach ausgezeichnet. „Hana“ ist ein wichtiges Werk der albanischen Literatur und es ist allein dem Verlag ink press zu verdanken, dass dieses nun auch in einer empfehlenswerten deutschen Übersetzung von Adrian Giacomelli verfügbar ist.

  • Taschenbuch: 252 Seiten, 19 € (D)
  • Verlag: INK Press; Auflage: 1 (5. Dezember 2016)
  • Übersetzung: Adrian Giacomelli
  • ISBN-13: 978-3906811048
  • Originaltitel: Vergine giurata

Annika

Interview: Nadine Lashuk mit „Liebesgrüße aus Minsk“

produkt-11919Noch immer gibt es auch für uns Länder und Orte, von denen wir zwar schon gehört haben, zu denen uns aber leider das Hintergrundwissen fehlt. Eines dieser Länder ist Belarus. Zwischen Polen, der Ukraine, Litauen, Lettland und natürlich dem großen Nachbarn Russland liegt Belarus zwar scheinbar gar nicht so entfernt von unserem Standort Berlin, ist aber dennoch kein Touristenmagnet, eher im Gegenteil. Mit „Liebesgrüße aus Minsk“ (Malik) gibt uns Nadine Lashuk viele spannende Einblicke in ihre neue zweite Heimat, wo sie nicht nur neue Freunde, sondern auch die große Liebe gefunden hat. Neben den kulturellen Eigenarten berichtet sie auch über politische Probleme und schreibt darüber, warum es nicht „Weißrussland“ heißt und wie das Verhältnis des Russischen zum Weißrussischen ist.
Heute pendelt die Autorin und Projektmanagerin mit ihrer deutsch-belarussischen Familie zwischen NRW und Minsk hin und her. Wir durften Nadine einige Fragen stellen.

Was hat dich zum Schreiben deines Buches motiviert?

Das Buch kam zu mir, sozusagen. Ich führe schon seit einigen Jahren meinen Blog nadinelashuk.de, und den hat Erik Riemenschneider von der Agentur Rauchzeichen in Berlin gelesen. Er hat mich dann gefragt, ob ich nicht Lust habe, ein Buch zu schreiben. Na, und wer träumt nicht davon, ein Buch über sein Leben zu veröffentlichen?

Wie sieht dein perfekter Tag in Minsk aus? Was sollten Reisende nicht verpassen?

Ein perfekter Tag in Minsk beginnt mit frisch gebackenen Bliny und Beeren von der Datscha. Dann gehe ich auf den großen Markt, Kamarovka, und kaufe frisches Obst und Gemüse. Anschließend könnte man sich auf die Spuren der belarussischen jungen Designer begeben und ein bisschen shoppen. Um sich davon zu erholen, empfiehlt sich ein Zwischenstopp in der Galereja „U“, einer Bar im Stadtzentrum mit angeschlossenem Ausstellungsraum und Buchladen. Die Erdbeerlimo dort ist unschlagbar. Nachmittags flaniert man durch den Gorkipark oder geht bei schlechtem Wetter in die Nationalbibliothek oder in den Zirkus.

Wenn man ein Auto hat oder viel Zeit empfehle ich auf jeden Fall einen Abstecher in das Freiluft- Heimatkundemuseum in Strochycy zu machen (etna.by). Dort gibt es ein tolles Restaurant mit belarussischer Küche und viele interessante Veranstaltungen.

Ansonsten kann man in einem der vielen Restaurants in Minsk die belarussische Küche kennen lernen (z.B. im Café Graj oder im Restaurant Kamianica) und dann an der neuen Partymeile am Ufer des Svitschlach den Abend ausklingen lassen.

Wie bringst du Belarus nach Deutschland? Was fehlt dir an Belarus am meisten, wenn du in Deutschland bist?

Mir fehlen am meisten die Natur, und die Möglichkeit, in die Weite zu blicken. Auch wenn das Ruhrgebiet grün ist: Die Möglichkeit, kilometerweit über Wälder und Felder zu blicken, ist hier nicht gegeben.

Aus Belarus nehmen wir immer „Zukerki“ mit: Belarussische Pralinen, zum Beispiel „Belaruskaja Bul’ba“, eine Art Trüffel, oder „Krasnaja Shapotschka“, Rotkäppchen. Der Rest meiner Familie schwört auch auf belarussisches Brot und Buchweizen, das muss also auch immer mit in den Koffer. Ich selber kaufe auch gerne T-Shirts mit belarussischen Ornamenten, die sind voll im Trend in Belarus. Auf meinem Blog habe ich beschrieben, wo man welche erstehen kann (http://nadinelashuk.de/2017/03/23/belarussische-ornamente/).

Eine gute Frau hat immer ein Huhn im Kühlschrank!“ – Das war eine der vielen Aussagen deiner Schwiegermutter zur perfekten Hausfrau. Befolgst du diesen Rat? 

Allerdings! Nach zehn Jahren Ehe habe ich die Weisheit dieser Aussage erkannt. Ich habe immer ein Huhn im Kühlschrank, um eine Hühnersuppe zuzubereiten. Allerdings bin ich noch keine „exzellente“ Hausfrau – die hat immer ein lebendes Huhn im Hof, das sie schlachten, ausnehmen und zu Suppe verarbeiten kann.

Wo siehst du die größten kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Belarus? 

In unserer deutsch- belarussischen Familie gibt es natürlich oft diese „interkulturellen Momente“, die zeigen, dass Deutsche und Belarussen doch irgendwie anders ticken:
Wenn es eine Beleidigung wäre, die Schwiegereltern im Hotel einzuquartieren, wenn es selbstverständlich ist, dass meine Schwiegereltern auch noch den x-sten Übernachtungsgast freundlich empfangen.
Oder wenn mein Mann mal wieder sagt, dass wir Deutsche uns nur beschweren, als Volkssport quasi und ich mich 0darüber ärgere, wie Belarussen mit Themen wie „Ehe für alle“ umgehen.

„Die Slawen sind bloß ein Häuflein Fossilien“: Ziemowit Szczerek – Mordor kommt und frisst uns auf

3d-rgb-mordor-ziemowit-szczerekDer Verlag Voland & Quist hat mit der Reihe „Sonar“ bereits einige spannende AutorInnen aus Mittelosteuropa der deutschsprachigen Leserschaft präsentiert. Darunter ist zum Beispiel der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch, der hierzulande mit seinen wunderbaren Romanen „Paranoia“ und „Mova“ bekannt geworden ist. Ziemowit Szczerek führt nun mit seinem Buch „Mordor kommt und frisst uns auf“ diesen Schwerpunkt des Verlags auf hohem literarischen Niveau weiter.

Ähnlich wie der Ich-Erzähler des Romans Lukasz Ponczynski reiste Szczerek jahrelang durch die Ukraine und weitere osteuropäische Länder herum und berichtete für unterschiedliche polnische Zeitungen von seinen Eindrücken. Die Erzählung setzt beim Passieren der polnisch-ukrainischen Grenze an und schafft bereits auf den ersten Seiten des Romans das Bild des sogenannten Ostens, das stark aus dem bewussten Aufgreifen von klischeehaften Perspektiven schöpft. Zum ersten Mal eröffnet sich hier dem Ich-Erzähler der angeblich unbekannte postsowjetische Raum. Alles ist hier fehl am Platz und zeugt von der Unkultiviertheit und von dem immer noch andauernden Chaos nach dem Zerfall des kommunistischen Systems:

„Eine Welt, die ich mir bis dahin nur hatte ausmalen können, hatte Gestalt angenommen, und was für eine! Ein paar Typen spazierten in karierten Hausschlappen herum. Der Jesus auf einer Kirchenwand war dunkel wie ein Kaukasier. Von den Blechkuppeln stach einem die Sonne in die Augen.“

Die erste Stadt, die der Erzähler mit seinem Begleiter Hawran besucht, ist Lwiw. Geschickt spielt der Autor hier mit der Idee der Zugehörigkeit Lwiws zu Polen. Hawran kennt sich in der Ukraine bestens aus und macht seinen Freund auf den berühmten Vigor-Balsam aufmerksam. Berauscht von diesem Zaubertrank, der aus zwölf ukrainischen Kräutern zubereitet wird, besuchen sie etliche Orte während ihrer Reise, die eher durch Zufälle, als von einem Plan bestimmt werden. Sie laufen auf die Spuren von Bruno Schulz durch Drohobytsch, besuchen die Städte Frankiwsk und Odessa und machen Pausen auf leeren und heruntergekommenen Bahnhöfen. Sie fahren mit alten Marschrutkas, die mit deutschen Werbeslogans versehen sind oder mit alten sowjetischen Ladas, die nur durch ein Wunder noch funktionieren können. Die monotone Landschaft mit Ruinen wird nur durch die einzelnen Begegnungen mit Menschen gebrochen, die aus der Masse herausfallen. Auf der Reise treffen sie Menschen, die sich durch ihre radikalen politischen Positionen im Gedächtnis bleiben. Wie z. B. den westukrainer Taras, der streng an die Dichotomie von West und Ost hält und den postsowjetischen Raum als gleich verdorben betrachtet – „Taras war ein westukrainischer Separatist. Ein galizischer.“ Galizien wird im Roman überhaupt als der einzige zivilisierte Raum im gesamten Osten stilisiert.

Im Sound des Gonzojournalismus beschreiben, der Autor, wie auch die Hauptfigur, die Ukraine als ein Land der Anarchie. Gonzo im Sinne der totalen Übertreibung, der maßlosen Verfälschung der Ereignisse, Überzeichnung der Figuren und der klischeehaften Darstellung der Realität – „Gonzo heißt Schnaps, Kippen, Drogen und Weiber.“ Der Erzähler arbeitet ebenfalls für die Presse und missbraucht kreativ die Gegebenheit, dass man in Polen gerne Negatives über das Nachbarland Ukraine liest. Seine Fakereportagen werden immer populärer und zugleich radikaler, da die Polen sich immer besser fühlen, wenn sie erfahren, dass es den Nachbarn zugleich viel schlechter geht, so der Erzähler. Nicht zufällig beschreibt er die Begegnungen mit den polnischen Reisegruppen, die überfüllt durch die Schadenfreude wieder in die Heimat zurückkehren – eine therapeutische Maßnahme eben.

Szczerek ist ein Roman gelungen, der den Lesern mit einem heiteren Ton die aktuellen Problematiken des „Ostens“ vor Augen führt. Durch das bewusste Aufgreifen von Vorurteilen und Ressentiments, die über den postsowjetischen Raum im Westen herrschen, prangert er zugleich die Hierarchie innerhalb des Ostens an, die hier exemplarisch durch die Gegenüberstellung von Polen und Ukraine funktioniert. Der Roman begeistert durch seinen klugen Humor und durch die Dynamik des Erzählens, die bis zum Schluss nicht an seinem einzigartigen Rhythmus verliert.

von Irine

Ziemowit Szczerek (2017): Mordor kommt und frisst uns auf. Dresden: Voland & Quist (Aus dem Polnischen von Thomas Weiler).

Armenien, Rumänien und Ungarn: Drei Länderberichte

Wir möchten euch drei weitere Reiseberichte vorstellen, die wir in den letzten Wochen gelesen haben. Diesmal geht unsere Reise von Mittel- und Osteuropa bis in den Kaukasus.

51fhbXo7zvLConstanze Johns „40 Tage in Armenien“ (DuMont) ist eine Liebeserklärung an dieses spannende Land, das gerade einmal so groß wie Brandenburg ist und den meisten mittlerweile leider lediglich durch den furchtbaren Völkermord 1915 und 1916 ein Begriff ist. Anderthalb Monate reist die Autorin durch Armenien und konzentriert sich dabei auf die Kultur des Landes. Sie berichtet von den vielen Kirchen und Klöstern, begleitet befreundete Archäologen zu Ausgrabungen und entdeckt die außergewöhnliche Sprache. Wichtige Aspekte ihrer Berichte sind aber auch die politischen Entwicklungen und die gesellschaftlichen Probleme. Nach und nach entsteht so das Bild einer unterschätzten Perle. Mein Fazit: Armenien muss definitiv auf die Reiseliste!

produkt-12384Nach meinem Erasmussemester ist Budapest die Stadt meines Herzens. In „Gebrauchsanweisung für Budapest und Ungarn“ (Piper) lässt auch der Autor Viktor Iro seine Liebe spüren und stellt das Land mit seinen Einwohnern und seiner Kultur vor. In verschiedenen Kapiteln geht er u.a. auf Geschichte, Esskultur, Architektur und Popkultur ein. Die Gebrauchsanweisung wird so zu einer kurzen vielseitigen Einführung in dieses kleine stolze Land. Der Fokus liegt zwar klar auf Budapest, doch als Leser kommt man der ungarischen Kultur auf den 220 Seiten deutlich näher. Hin und wieder ist der Überblick wirklich nur ein Überblick und viele spannende Themen fehlen, doch wer nicht ohne Hintergrundwissen nach Budapest fahren möchte, dem sei dieses Buch empfohlen!

618IoKpyKLLWas die „Gebrauchsanweisung für Budapest und Ungarn“ an Informationen ansprechend filtert und in thematisch sortierten Kapiteln zusammenfast, ist in der „Gebrauchsanweisung für Rumänien“ (Piper) leider so überladen, dass ich das Buch bereits nach der Hälfte abgebrochen und wirklich nichts im Kopf behalten habe. Leider reiht der Autor Jochen Schmidt so viele Fakten aneinander, dass ich schon nach wenigen Seiten nicht mehr wusste, wo mir der Kopf steht und das Gefühl hatte, ein verschriftlichtes Stichwortverzeichnis zu lesen. Schmidt schreibt und berichtet und erklärt und verdeutlicht – was dabei fehlt, ist der Fokus auf eine Thematik. So besteht das Buch aus Begegnungen und Erlebnissen, die ihn an etwas erinnern, die ihn wiederum dazu veranlassen, über etwas zu schreiben. Er springt so von Name zu Ort, Begegnung zu Name, Name zu Datum usw. Sicher beweist der Autor hier seine Kenntnisse zu Rumänien, doch leider verliert er ab der ersten Seite den Fokus. Ich war sehr enttäuscht und kann diese Ausgabe der Piper-Reihe leider keinesfalls empfehlen.

Bunte Erzählschnipsel: „Pixel“ von Krisztina Tóth

41Hp-VdVMULKrisztina Tóths „Pixel“ aus dem Nischen Verlag besteht aus vielen kleinen Geschichtenschnipseln, deren Figuren und Situationen zusammenhängen. Die Autorin nutzt hierfür einen außergewöhnlichen Schreibstil, indem sie den Fokus innerhalb der Erzählungen immer wieder auf andere Personen oder Orte liegt. Auch der auktoriale Erzähler bricht zwischendurch immer wieder die Perspektive und bindet Fragen und Wünsche ein. Was jetzt verwirrend klingen mag, entwickelt sich zu interessanten und vielseitigen Geschichten, die den Leser zur Aufmerksamkeit zwingen und hervorragend unterhalten.

Schon die erste kurze und sehr knappe Erzählung des Bandes besteht aus mehreren Handlungswechseln. Alles beginnt mit einer Hand, die über einen Tisch streicht. Diese Hand gehört erst zu einem jüdischen Jungen, der im Budapester Getto auf den Abtransport nach Auschwitz warten muss. Schnell entscheidet der Erzähler dann aber, dass es doch ein Mädchen ist – und anschließend ein Mädchen in Lettland … Auf nur wenigen Seiten verbinden sich so viele Schicksale. Die weiteren Geschichten sind zwar weniger zum Nachdenken anregend, haben aber oftmals auch einen ernsten Hintergrund. Wie im Gedankenfluss kann jeder Gegenstand, jeder Gedanke und jede Begegnung neue Handlungsverläufe durch die Figuren und den Erzähler auslösen. Auf den knapp 173 Seiten erleben die Leser so eine geballte Erzählkraft.

„Pixel“ ist vielseitig, unterhaltsam und außergewöhnlich. Hier beweist die ungarische Autorin große Kreativität und literarisches Können. Für ihren ersten Erzählband Strichcode wurde Tóth 2007 mit dem ungarischen Sándor-Márai-Preis ausgezeichnet. In Übersetzung erschienen ihre drei Veröffentlichungen im Berlin Verlag und in dem sehr empfehlenswerten Nischen-Verlag, der sich auf zeitgenössische ungarische Literatur spezialisiert hat.

  • Gebundene Ausgabe: 180 Seiten, 19,80 € (D)
  • Verlag: LZ.Nischen Verlag; Auflage: 1 (10. September 2013)
  • Übersetzung: György Buda
  • ISBN-13: 978-3950334555

Annika

Das freie und wilde Künstlerleben: „Elephantinas Moskauer Jahre“ von Julia Kissina

Die deutsch-russische Künstlerin und Schriftstellerin Julia Kissina wurde 1966 in Kiew geboren, verbrachte aber ihre Studienjahre in Moskau und lebt seit 2003 in Berlin. Als Vertreterin der Moskauer Konzeptualisten und Mitglied in verschiedenen Autoren- und Literaturkreisen war sie gerade in Moskau immer mittendrin im künstlerischem Geschehen. So ist es sicher kein Zufall, dass sie in ihrem Roman „Elephantinas Moskauer Jahre“ (Suhrkamp, 2016) ihre Protagonistin von Kiew ins Moskau der 80er Jahre schickt und diese hier verschiedenste wilde Episoden zwischen Dichtern, Denkern und Philosophen erleben lässt.

Denn es gibt weder Anfang noch Ende. Es gibt keine Hierarchie der Ereignisse und es kann sie nicht geben. Vor dem Massiv der Zeit sind alle Ereignisse gleich und gänzlich ununterscheidbar.“

Ab 1981 lebt die junge Protagonistin, deren Künstlername „Elephantina“ ist, in Moskau und nimmt ein Schauspielstudium auf. Sie hangelt sich von Unterkunft zu Unterkunft, lebt mal bei Verwandten, mal im Untergrund – oftmals in der Kälte und Gefahr. Zu ihrem wilden Leben gehören diverse illustre Künstlerinnen und Künstler, allen voran ihr Schwarm Tomat, auch gerne als Tomatenjunge, Tomatenmensch oder Tomatensaft bezeichnet, nur ist dieser leider verheiratet. Neben dem Studium widmet Elephantina sich ihrem Werk „Die sieben Stufen des Todes“ und der Poesie. Es ist ihre künstlerische Ader, die ihre Welt zu einem Abenteuer macht, doch schnell kann man den Überblick über ihre vielen Begegnungen verlieren, die durch die Spitznamen ihrer Bekannten noch wirrer werden.

`Elephantina, du bist eine Vollidiotin!´, sagte Moskau zu mir.
Ich streckte der Stadt die Zunge raus.“

„Elephantinas Moskauer Jahre“ lebt von ihren Figuren. Allen voran steht Elephantina, die aus den vielen Episoden, die sich von 1981 bis 1985 strecken, eine bunte Welt zwischen dem sich ankündigenden politischen Umschwung und ihren persönlichen Problemen schafft. Manchmal wirkt diese zwar konstruiert, ist aber äußerst unterhaltsam. Gleichzeitig ist der Roman ein Einblick in ein wildes, fiktives Künstlerleben, das sicher auch durch wirkliche Begegnungen der Autorin beeinflusst wurde. Elephantina lässt sich von niemandem und durch nichts verändern. Schnell wurden die Geschichten für mich jedoch zu einer einzigen, die sich in ähnlicher Form immer wieder abspielte. Kissina beweist zwar sehr viel Humor und literarisches Können (nicht zu vergessen ist hier die gelungene Übersetzung von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova), doch ich könnte ehrlich gesagt keine der vielen Episoden auf Anhieb wiedergeben. „Elephantinas Moskauer Jahre“ ist ein außergewöhnlicher Roman, der mich leider nicht unbedingt überzeugen konnte.

„Frühling auf dem Mond“ (Suhrkamp, 2013) startete Kissina ihre geplante Trilogie über die spätsowjetische Zeit, die mit „Elephantinas Moskauer Jahre“ fortgeführt wurde. Obwohl die Autorin fließend Deutsch spricht, schreibt sie, im Gegensatz zu der zweiten großen aus Kiew stammenden und in Berlin lebenden Autorin Katja Petrowskaja, auf Russisch.

Mehr zur Autorin und zum Titel gibt es hier:
http://www.zeit.de/2016/32/elephantinas-moskauer-jahre-julia-kissina-roman

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten, 22,95 € (D)
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (8. Mai 2016)
  • Übersetzung: Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova
  • ISBN-13: 978-3518425329
  • Originaltitel: Elefantina ili Korablekrusccenija Dostoevceva

Annika