„Verwurzelt in Stein“ und „VERSschmuggel“: Gedichte aus dem Wunderhorn Verlag

Der Wunderhorn Verlag steht für ausgewählte, hochwertige Literatur und hat mich mit der Reihe zeitgenössischer afrikanischer Literatur (AfrikaAWunderhorn) bereits absolut überzeugt und begeistert. Neben dieser literarischen Reihe hat Wunderhorn selbstverständlich noch viel mehr zu bieten. Wir möchten euch zwei Gedichtbände vorstellen – eine Gedichtsammlung des in Bulgarien geborenen Schriftstellers Ilja Trojanow und VERSschmuggel, ein Format, das Übersetzer und Poeten zusammenbringt und in diesem Jahr litauische und iranische Künstlerinnen und Künstler vorstellt.

trojanow_gr_ger„Verwurzelt in Stein“ Ilja Trojanows Gedichte entstanden u. a. in Vietnam, Kambodscha und Südafrika, deren Städte den Gedichten als Entstehungsorte zugeordnet sind. Die Sammlung, bestehend aus deutschen Gedichten und ihren englischen Übersetzungen, unterteilt sich in 5 Kapitel, deren Überschriften „Gesang auf einen weiteren Wal“, „Das Orchester der Anarchie“ oder „Kollateralschaden“ bereits eine Idee der verschiedenen Texte versprechen. Diese sind mal politisch, mal gesellschaftlich und mal humorvoll ausgerichtet. So wechselt sich ein Gedicht namens „Killing Fields“, das von den vielen schrecklichen Morden unter den Roten Khmer in Kambodscha handelt, mit einem Text namens „Maitreya“ ab. Dieses liest sich fast schon wie eine spirituelle Momentaufnahme aus Trojanows Reise zu den Marble Mountains in Vietnam:

„Sag mir was passieren wird.
Eine Linie entworfen in Kurven
gereicht zum Segen,
gesäumt von Straßenhändlern
mit eigener Erlösungslizenz. […]“

„Verwurzelt in Stein“ sind die Verse Trojanows, indem seine Texte und Gedanken an bedeutenden kulturellen Orten wie beispielsweise der Tempelanlage Angkor Wat entstanden sind und dadurch auch immer als etwas Erhabenes erscheinen. Die zweite Hälfte der Gedichtsammlung wird dann durch „härtere Gesellschaftsgedichte“ geprägt, die in einem starken Kontrast stehen. Insgesamt geben die Texte einen interessanten Einblick in die Schaffenskraft des Autors, der nach Stationen in Nairobi, Indien und Südafrika heute in Wien lebt und hier eine gesammelte Mischung vieler Themen zeigt.

Vers-Litauen-gr_gerPassend zum Gastlandauftritt Litauens auf der Leipziger Buchmesse hat der Wunderhorn Verlag im Frühjahr in Zusammenarbeit mit dem Haus für Poesie eine umfangreiche Sammlung litauischer und deutscher Gedichte veröffentlicht. „VERSschmuggel“ vereint so 12 Dichterinnen und Dichter, die ihre Texte während eines literarischen Treffens gegenseitig übersetzten. Mit Hilfe von Interlinearübersetzungen und eines Dolmetschers entstanden so aus den ursprünglichen Gedichten in der Originalsprache teilweise ganze Inhalte und Aussagen neu. Wie im Vorwort geschildert, wurden die Verse so in die deutsche oder litauische Sprache „geschummelt“ und haben den Künstlerinnen und Künstlern neue Einblicke in ihre eigenen und in die fremden Gedichte gegeben. „Übersetzungen wollen schwimmen“, lautet passenderweise eines der Gedichte von Sabine Scho. Das Ergebnis dieses „Schwimmens“ präsentiert der Band zweisprachig und auch, wenn man nur das Deutsche oder Litauische beherrscht, sind die Eigenarten der jeweiligen Sprache schnell erkennbar. Neben den Inhalten der Gedichte rücken auch insbesondere die linguistischen Eigenarten in den Vordergrund. So spielen auch die Längen und Betonungen der Texte eine große Rolle. Besonders hervorzuheben ist die Möglichkeit, mittels Barcode alle Gedichte – von den Autoren eingesprochen – anzuhören.

Sabine Scho: „Übersetzungen wollen schwimmen“
Agne und ich stellten fest, uns verband eine gewisse Schwarmintelligenz: Es wimmelte von Fischen in unseren Gedichten. Und wenn schon Gedichte nahelegen, doch am besten gleich neue Arten zu erfinden, hatten wir beide das gute Gefühl, die Evolution wieder ein bisschen vorangetrieben zu haben.“

Annika

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Rezension: Naira Gelaschwili – „Ich bin sie“

1688_LDer Roman „Ich bin sie“ der georgischen Schriftstellerin Naira Gelaschwili ist in Georgien 2012 erschienen und gewann 2013 dort den wichtigsten Literaturpreis, den „Saba“. In Vorbereitung auf den Gaslandauftritt Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 ist der Roman dieses Jahr beim Berliner Verbrecher Verlag erschienen. Gelaschwili veröffentlichte in Georgien neben Kurzgeschichten bereits sechs Romane und leitete jahrelang das „Kaukasische Haus“ in Tbilissi. Neben ihrer schriftstellerischen und universitären Tätigkeit ist sie vor allem als Aktivistin für den Naturschutz in Georgien bekannt.

Die Geschichte in “Ich bin sie” konzentriert sich auf das 13-jährige Mädchen Nia Lelischwili, das unglücklich verliebt ist. Ihr Nachbar und deutlich älterer Medizinstudent erobert ihr Herz, als sie ihn eines Tages durch ihr Fenster erblickt. Seitdem dreht sich das Leben des Mädchens nur um ihn, wodurch sie alles um sich herum vernachlässigt. Nia schwänzt die Schule, verfolgt ihren Schwarm heimlich und registriert jeden Schritt von Gogi in Tbilisi. Um ihre starken Gefühle ausdrücken zu können, entdeckt sie die Lyrik Rainer Maria Rilkes und erfindet eine verschlüsselte Zeichensprache. Nach einigen zufälligen intimen Begegnungen mit ihrem Geliebten verschwindet der Student eines Tages aus ihrem Leben und angeblich auch aus der Stadt. Seitdem geht sie seinen Spuren nach, bis sie 2010 plötzlich einen Anruf von ihrer Freundin bekommt und die Erinnerungen zurückkehren.

956e6b5bb8abc189d87cee27752a33caGelschwili erzählt die Geschichte um Nia in Zeitsprüngen. Mal nähern wir uns der Geschichte im Jahr 1959, wo die Liebesgeschichte ihren Anfang nimmt und landen dann im nächsten Kapitel im Jahr 2010, wo Nia ihre Suche über fünfzig Jahre später wieder neu aufnimmt. Zwischendrin spiegelt das Kapitel „Das Jahr 1975“ Nias Erfahrungen an der Universität als Germanistin wieder. Hier werden sowohl die bekanntesten georgischen Klassiker als auch das wichtigste georgische Epos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaveli oder die Gedichte aus dem georgischen Kanon analysiert. In den Seminaren wird über die Liebe in den quasiphilosophischen Gesprächen und Interpretationsversuchen sinniert. Diese Passagen sind auch die, die am wenigsten überzeugen.

Die Liebesgeschichte im Roman „Ich bin sie“ geht trotz der auf den ersten Blick gut durchdachten Dramatik nicht wirklich auf. Die Figuren bleiben bis zum Schluss des Romans ziemlich blass und die Dialoge wiederum langweilig. Sowohl die pubertierende als auch die Erwachsene Nia schafft es nicht, eine interessante Figur zu werden. Die Liebesgeschichte schöpft aus der einfachen Banalität und driftet hie und da ins Kitschige.

von Irine

Naira Gelaschwili (2017): Ich bin sie. Berlin: Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen von Lia Wittek.

 

 

Doppelbesprechung des Romans „LUCRECIA515“ von Lasha Bugadze

51dhOjAlXOLAnnika sagt zum Roman:
Hinter Lasha Bugadzes „LUCRECIA515“ verbirgt sich nicht nur der Titel seines neuen Romans aus der Frankfurter Verlagsanstalt, sondern auch das Computerpasswort seines Protagonisten Sandro, der sich trotz Frau und Kind auf diverse Liebschaften einlässt, die ihm im Roman schließlich zum Verhängnis werden.

Mit Ende 30 ist das Leben des Familienvaters Sandro nicht spektakulär. Als Teilhaber einer Saucenfabrik in Tiflis gehört er zu den wirtschaftlichen Gewinnern Georgiens, doch um ehrlich zu sein: er langweilt sich. Zwischen Ehe und Arbeit wird Sandro so zum Liebhaber der verschiedensten Frauen, die er akribisch kategorisiert und in einem Notizbuch sammelt. Sogar auf der Arbeit wird sein Ziel so, die jungen Mitarbeiterinnen auf einen Drink einzuladen und dabei zu wetten, wie lange er es wohl schafft, diese ins Bett zu bekommen. Scham- und problemlos springt er von einer Geliebten zur nächsten und spielt dabei ein Versteckspiel mit seiner Frau Keti, der er – ebenfalls als einstige Geliebte neben seiner Exfrau – das Ja-Wort gab und die die Mutter seines Sohnes ist. Erst mit der jungen Fernsehjournalistin Ana gibt es erstmals eine Frau, die den Spieß umdreht. Sie ist es, die dem Mann, dem sich alle hingeben, hinhält und für die er erstmals wieder Gefühle entwickelt. Schnell wird die Liebe zu Ana zu dem Wunsch, auch mit ihr zusammenzuleben. Die anderen Frauen treten in den Hintergrund und auch Keti muss mit ansehen, wie ihr Mann nicht mehr nur für einen Abend wegbleibt, sondern ganze „Geschäftsreisen“ unternimmt. Als betrogene Ehefrau knackt sie das Passwort ihres Mannes und schreibt Ana – mit turbulenten Folgen für alle drei …

„LUCRECIA515“ war nach den 2015 ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen Roman „Der Literaturexpress“ bereits die zweite Geschichte des georgischen Autors, die ich las. Diesmal wurde es für mich leider zu einer Enttäuschung. Der Traum des Mannes, der alle Frauen problemlos verführen kann ist ein Traum, dem nicht unbedingt ein ganzes Buch gewidmet werden muss. Schnell wurden die Protagonisten zu Stereotypen: Sandro, der Frauenheld, Keti, die eifersüchtige Ehefrau und Ana, die neue wilde Geliebte. Keine der Figuren konnte sich für mich durch viel Sympathie auszeichnen und noch nicht mal bei Keti reichte das Mitleid, um die Handlung zu tragen. Speziell Sandro als tragende Rolle zeichnet sich bis zum Schluss durch eine unglaubliche Selbstsicherheit aus, die ihn unfähig macht, aus seinen Fehlern zu lernen und den Frauen in seinem Leben Respekt entgegen zu bringen. Mal läuft er Ana hinterher, mal betitelt er sie als „Schlampe“, die er am liebsten umbringen würde. Als „hochamüsant“ beschreibt der Klappentext die Erzählung. Das Amüsante blieb mir leider bis zum Schluss verborgen und die angesprochene „Gesellschaftssatire“ verliert sich ebenfalls in banalen und klischeebeladenen Situationen. „LUCRECIA515“ ist für mich leider ein großer Flop. Der Roman nimmt viel Zeit und gibt wenig her, kaum Spannung, kaum Charaktere mit wirklichem Charakter, kaum Spaß.

Irine sagt zum Roman:

1607108_10151914299519211_1023678089_nIch habe das Buch kurz nach dem Erscheinen zunächst im Original – auf Georgisch – gelesen. Ich finde, dass der Roman eine unglaubliche Geschwindigkeit im Erzählen entwickelt und dadurch der Erzählfluss dieses besondere Tempo bekommt. Die Höhen und Tiefen der Hauptfiguren gehen fließend ineinander über und man kann sich keine einzige Minute langweilen. Durch die besondere Komik leidet man auch nicht mit den Figuren mit – man lacht eher über sie.

Bugadze hat einen Text geschrieben, der nicht allzu ernst gelesen werden soll. Der Roman stellt den georgischen Mann in der kollektiven Krise dar. Das patriarchalische System wackelt, da die Männer weder zu Hause mit ihren Frauen, noch in den Beziehungen jenseits der Ehe ihre Position wirklich behaupten können. Der Mann wird in der eigenen Falle fest gefangen. Bugadze geht es weniger darum, Sympathien zu entwickeln, sondern eher darum, die Figuren in ihrer Lächerlichkeit bloßzustellen. Das sind die georgischen Männer – die berühmten Machos im Kaukasus – die in der Realität einfache armselige Gestalten sind wie der Roman uns zeigen will. Trotz der sprachlichen und stilistischen Schwächen und Passagen, die teilweise sehr plakativ und banal wirken, lese ich den Roman durchaus sehr politisch und freue mich, dass er nun auch für die deutschsprachigen LeserInnen in Übersetzung von Nino Haratischwili & Martin Büttner zugänglich ist.

von Annika & Irine

Lasha Bugadze (2017): LUCRECIA515. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt. Übersetzt von Nino Haratischwili und Martin Büttner. 

ლაშა ბუღაძე (2013): lucrecia515. თბილისი: ბაკურ სულაკაურის გამომცემლობა. 

 

Die Stimme eines „Analphabeten“: „Die Welt ist ein grosser Flipper“ von Velibor Čolić

„Ich brabble eine Klage, dumm und kindisch, da ich doch weiß, dass die Wörter nichts auslöschen können, dass meine Sprache nichts mehr bedeutet, dass ich fern bin und dass dieses fern meine Heimat und mein Schicksal geworden sind.“

9783455001341„Die Welt ist ein grosser Flipper“ (Tempo), ein Flipper, bei dem die Menschen wie die Kugeln hin und her geschleudert werden. Der heute in Frankreich lebende bosnische Autor Velibor Čolić hat mit seinem Roman seiner eigenen Biografie eine Stimme gegeben. Als Flüchtling und Deserteur gelangt der Erzähler 1992 von Sarajevo nach Rennes. Er ist 28, Schriftsteller und leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, will das „Vergessen üben“ und seine Vergangenheit hinter sich lassen, um in Frankreich ein neues Leben zu beginnen. Der Protagonist steht zwischen Schmerz und Leid, zwischen den furchtbaren Erinnerungen des Krieges und dem Wunsch, als Autor auch in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen. In Rennes wird er zum „Analphabeten“, der mit anderen Immigranten Französisch lernt. Seine Intention ist auch eine Bittere: „Ich muss so schnell wie möglich Französisch lernen. Dann wird mein Schmerz für immer in meiner Muttersprache bleiben.“

Velibor Čolićs episodenhafte Erzählung schwankt zwischen Ironie und Zuversicht. Sein Erzähler lebt mit Humor in den winzigen Behausungen in Rennes, Paris und Straßburg und trifft dabei auf Menschen, die in einer ewigen Warteschleife leben. Nach der Veröffentlichung eines neuen Buches flüchtet er sich erneut in Richtung Osten und verbringt einige Zeit in Budapest, mit dem er sich näher verbunden fühlt als das westliche Paris oder Straßburg, dennoch wird Frankreich das neue Zuhause des Protagonisten, wie auch das des Autors Čolić, der mittlerweile auf Französisch schreibt. Neben der Identitätsfindung des fiktiven Schriftstellers steht auch die Frage nach dem Schreiben über die Vergangenheit im Mittelpunkt: „Man hat Bücher geschrieben, nach dem Gulag, nach Hiroshima, nach Auschwitz, Mauthausen … Kann man nach Sarajevo schreiben? Um diese Zerstörung zu beschreiben, die etwas Unwirkliches hat, um das Leuchtende und Heilige des Opfers darzustellen?“

„Die Welt ist ein grosser Flipper“ ist ein schmales Buch mit viel Inhalt. Nicht nur verarbeitet Čolić hier seine Flucht aus dem ehemaligen Jugoslawien, sondern auch den Alltag als zeitweise ausgestoßener Immigrant. Themen, die hoch aktuell sind und trotz der 25 Jahre Zeitunterschied auch heute ohne Frage ähnlich beschrieben werden.„Mir wird allmählich bewusst, dass ich der Flüchtling bin. Der Mann ohne Papiere und ohne Gesicht, ohne Gegenwart und ohne Zukunft.“, schreibt Čolićs Alter Ego im Roman und zeichnet damit das Bild der Perspektivlosigkeit der vielen Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und sich an anderer Stelle ein neues Leben aufzubauen.

 

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten, 20 € (D)
  • Verlag: Tempo (12. September 2017)
  • Übersetzung: Claudia Steinitz
  • ISBN: 978-3455001341

Annika

 

Interview mit Petya Lund, Verlegerin des eta Verlages

Den 2016 gegründeten eta Verlag, der sich darauf spezialisiert hat, bulgarische Literatur in Deutschland zu veröffentlichen, haben wir euch ja bereits etwas näher vorgestellt. Nun durften wir Petya Lund, der Verlegerin, ein paar Fragen stellen und freuen uns, noch mehr über den spannenden Verlag und die Neuerscheinungen zu erfahren!

Petya_01-600x600Wer bist du und wofür steht der eta Verlag?
Mein Name ist Petya Lund, komme aus Bulgarien und lebe schon seit 15 Jahren in Deutschland – 4 davon in Berlin. Ich habe Medienwissenschaften und Slawistik in Köln studiert, wo ich meine Leidenschaft für das Übersetzen entdeckte. Später wurde ich auch als Dolmetscherin tätig, unter anderem für bulgarische Autoren bei der Leipziger Buchmesse. Dort habe ich einerseits einige Autoren kennengelernt, aber auch die Lücke für zeitgenössische Literatur aus Bulgarien entdeckt. So kam die Gründung des eta Verlages, der für junge bulgarische Literatur steht und sich als eine Brücke versteht, die dem deutschsprachigen Publikum die Möglichkeit bieten möchte, diese ziemlich unbekannte Kultur näher zu kommen.

Was ist die nächste Neuerscheinung des Verlages?
Als nächstes werden zwei Bücher erscheinen: eine Anthologie mit Kurzgeschichten von 17 Autoren mit dem Namen „Ein fremder Freund“, übersetzt von Elvira Bormann-Nassonowa, Gabi Tiemann und Andreas Tretner, der auch das Vorwort zum Buch geschrieben hat. Die Autoren sind diejenigen, die die bulgarische Literaturszene in den letzten 20 Jahren bewegen und prägen. Dieses Buch war aufgrund der Anzahl der Autoren, Übersetzer, Lektoren usw. ein doch ziemlich komplexes Projekt, das schon länger als ein Jahr in der Entstehung ist. Ich bin sehr gespannt, wie es ankommen wird.

Autoren des Projekts: Elena Alexieva / Yordanka Beleva / Silvia Choleva / Peter Denchev / Kristin Dimitrova / Dejan Enev / Vassil Georgiev / Georgi Gospodinov / Angel Igov / Mirela Ivanova / Zachary Karabaschliev / Alek Popov / Todora Radeva / Alexander Špatov / Todor P. Todorov /Silvia Tomova / Emanuil A. Vidinski

Das zweite Buch für den Herbst, und insgesamt das vierte des eta Verlages, ist auch ein äußerst spezielles: es handelt sich dabei um ein zweisprachiges Lyrikband von Georgi Gospodinov. Das Buch heißt „Lapidarium“ und wurde das erste Mal vor 25 Jahren in Bulgarien herausgegeben. Das besondere dabei ist, dass es mehr oder weniger ein Kunstprojekt ist, bei dem die übersetzten Gedichte (Übersetzer Henrike Schmidt, Alexander Sitzmann und Valeria Jäger) von der Künstlerin Gabi Bergmann visuell interpretiert und umgesetzt werden. Das Buch ist wahnsinnig schön und ich freue mich riesig darauf!

Wenn du den eta Verlag in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, welche wären es?
Kulturvermittlung, Qualitätsanspruch, Neugier

Was ist dein Literaturtipp aus Mittel-und Osteuropa?
Neben zahlreiche Autoren aus Bulgarien, empfehle ich folgende Autoren, die ich in diesem Sommer gelesen habe: Edo Popović, Dana Todorović, Narine Abgaryan, Dubravka Ugresic usw.

Hast du einen Geheimtipp für Bulgarien, ein verstecktes „Must-See/- Do?
Auf jeden Fall die Rodopen! Das ist ein magisches Gebirge, in dem man sich nicht nicht verlieben kann. Und generell empfehle ich die Natur und die kleineren Orte in Bulgarien, wo man das echte, authentische Leben im Land noch miterleben kann, so wie es auch vor 100 Jahren war. 

Ein Neuanfang in Deutschland: „Das neue Leben“ von Anna Galkina

„Mittlerweile kotzen mich alle hier an. Sowohl die Nachbarn als auch meine Familie.“

514791HeH4LLettland, 1991: Mit der erlassenen Resolution „zur Wiederherstellung der staatsbürgerlichen Rechte lettischer Bürger und Grundprinzipien der Naturalisierung“ werden auf einen Schlag mehr als 700.000 lettische Einwohner zu Nichtbürgern, die in ihrem Pass die Aufschrift „ALIEN´S PASSPORT“ erhalten. Auch die Familienmitglieder der minderjährigen Nastja fallen unter dieses neue Gesetz und werden durch ihre russische Herkunft zu Staatenlosen. Selbst fast 50 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges gilt die Russisch sprechende Bevölkerung Lettlands immer noch als die Bevölkerung der Besatzer und wird daher aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Auch Nastja, ihre Mutter und ihr Stiefvater werden von den Nachbarn angefeindet und entschließen sich dazu, Riga den Rücken zu kehren und nach Deutschland auszuwandern. Doch in dem kleinen Städtchen N. in NRW im Notheim angekommen, realisieren die drei schnell, dass ihre Heimat nicht so schnell zu ersetzen ist. Zwischen Notunterkunft und Sprachschule, Arbeitsamt und Abendschule, lässt die Autorin Anna Galkina Nastja in „Das neue Leben“ (Frankfurter Verlagsanstalt) über mehrere Jahre hinweg von den Problemen in Deutschland erzählen und ein Urteil über ihre neue Heimat fällen:

„Im Städtchen N. weiß jeder, dass unterschiedliche Glaubensgruppen in verschiedenen Notunterkünften untergebracht werden sollten. Denn Nächstenliebe und Toleranz erstrecken sich meistens nicht auf Fremdartige. […] Ich habe mir das alles ein wenig anders vorgestellt. Immerhin hieß es, dass wir von der deutschen Regierung im Rahmen eines Spezialabkommens für jüdische Kontingentflüchtlinge `eingeladen´ würden. […] Als hätte man einen Sechser im Lotto gewonnen. Aber das war von kurzer Dauer. Denn so richtig scheint sich hier keiner über unsere Ankunft zu freuen.“

Mehrere Jahre verbringen Nastja und ihre Eltern in der Notunterkunft gemeinsam mit anderen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion und Zentralasien. Sie nehmen an Integrations- und Sprachkursen teil, erhalten die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und sind dennoch nie wirklich ein Teil der deutschen Gemeinschaft. Die engen Freundschaften und die erste Liebe Nastjas entstehen mit den Nachbarn direkt im Notheim. Die illustre Runde rund um Nastja und ihre Freunde Grischa und Max wird in „Das neue Leben“ lebendig und mit viel Humor geschildert. 5141PNbH6NL.jpgNastja selbst ist eine selbstbewusste und mutige Protagonistin, die trotz ihres Heimwehs mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf ihre Situation blickt. Als junge Stimme haucht Galkina ihren Figuren den nötigen Witz ein, um auch schwierige Situationen zu überstehen. So gibt es für Nastja immer einen Ausweg, beispielsweise, als sie ungewollt schwanger wird oder ihren eigentlichen Berufswunsch auf dem Arbeitsamt nicht bewilligt bekommt. Nastja blickt nach vorne – zwar hinterfragt sie immer wieder auch den Wechsel ihres Zuhauses, steht aber als junge Stimme für eine neue Generation interkultureller Frauen und Männer, die sich eine neue Heimat aufbauen. Auch Anna Galkina kam in den neunziger Jahren mit ihrer Familie aus Moskau nach Deutschland und sicher steckt in Nastja auch einiges von der Autorin. Wer deren Vorgeschichte in Moskau lesen will, kann zu Anna Galkinas Debütroman „Das kalte Licht der fernen Sterne“ greifen, der im letzten Jahr ebenfalls in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist und auf der Hotlist 2016 stand.

Heimat, Integration, Familie – „Das neue Leben“ ist eine humorvolle Erzählung, der es manchmal etwas an Tiefgründigkeit mangelt. Anna Galkina erzählt ihre ganz eigene Flüchtlingsgeschichte, in der der Osten auf den Westen trifft – und umgekehrt, denn, egal woher die Protagonisten auch kommen, eines haben sie alle gemeinsam: den Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit.

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten, 20 € (D)
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt; Auflage: 1 (30. August 2017)
  • ISBN-13: 978-3627002428

Annika

 

Schlüsselwerk der mazedonischen Literatur: „Quecke“ von Petre M. Andreevski

„Unser Stamm ist eine Quecke […] keine Armee und keine Krankheit kann ihn ausmerzen. Die Quecke ist ein Unkraut […]. Zertritt sie nur, zerr an ihr, so viel du willst, reiß sie mitsamt den Wurzeln raus – sie stirbt doch nicht.“

51ValXyrAkLPetre M. Andreevskis „Pirej“ erschien 1980 und ist mittlerweile eines der Schlüsselwerke der mazedonischen Literatur. In der großartigen Übersetzung von Benjamin Langer hat es die Geschichte in diesem Jahr auch endlich mit dem Guggolz Verlag in einer wunderschönen und hochwertigen Aufmachung nach Deutschland geschafft.
„Quecke“ (deutscher Titel) ist nicht nur die Geschichte des Ehepaares Jon und Velika, die der Erste Weltkrieg auseinanderreißt, sondern auch die des mazedonischen Volkes, das nach dem Balkankrieg unter der ehemaligen Herrschaft des Osmanischen Reichs als Spielball zwischen Bulgarien, Serbien und Griechenland um seine eigene Identität und Nationalität kämpft.

Es ist ein einfaches Leben, das die Bauern Jon und Velika in ihrem Dorf führen. Als Selbstversorger packen alle mit an, die Kinder werden regelrecht auf dem Feld geboren und das Leben geht jeden Tag seinen Weg. Mit dem Ersten Weltkrieg und der Einberufung Jons beginnen sich die Erzähllinien zu trennen. Jon, der an der Seite der Serben gegen die Bulgaren kämpft, schildert den Alltag an der Front – zwischen Leben und Tod, Hoffnung und Leid. Velika, die mit den drei Kindern zurückbleibt, wird zum Oberhaupt der Familie und damit auch ein Beispiel der starken Frauen des Krieges. In beiden Handlungssträngen ist „Quecke“ ein Werk des großen Leidens und der Trauer, das auf beeindruckende und emotionale Weise die verschiedenen Sichten der Opfer des Krieges – der zurückgebliebenen Familien und der kämpfenden Soldaten – verbindet. Von dieser persönlichen Sicht aus springt Andreevski auch zum Politischen. Mazedonien, das erst wesentlich später unabhängig werden sollte, wird gleichgesetzt mit einem Unkraut, ein Unkraut, das sich immer wieder durch die Erde kämpft und Stand behält. Der Autor gibt seiner Heimat und seinem Land damit eine Bezeichnung, die trotz all ihrer scheinbar offensichtlichen Negativität für Stärke und Durchhaltevermögen steht.

Auf den Schlachtfeldern treffen die mazedonischen Soldaten aufeinander, die, obwohl sie serbisch und bulgarisch sprechen, Nachbarn und Freunde sind. Im Original werden ihre Gespräche und Zurufe auch auf diesen Sprachen wiedergegeben, dieser Aspekt der verschiedenen sprachlichen Identitäten fehlt in der deutschen Übersetzung jedoch zwangsläufig. Benjamin Langer hat die Dialoge gekonnt der deutschen Sprache angepasst, dabei aber die Eigenarten des Mazedonischen nicht außer Acht gelassen. Im Nachwort beschreibt er die mühsame Suche nach bestimmten scheinbar unübersetzbaren Wörtern und Begriffen, an deren Übersetzung teilweise ganze mazedonische Dörfer beteiligt waren. In engem Kontakt stand er hierbei auch mit den Kindern und Enkeln des Autors, der 2006 verstarb.

Mit „Pirej“ hat Petre M. Andreevski ein Jahrhundertwerk der mazedonischen Literatur geschaffen, das das Leid und die Hoffnung des Krieges zeigt und exemplarisch an seinen Figuren die Stärke und Probleme seiner Heimat.

 

  • Gebundene Ausgabe: 445 Seiten, 24 € (D)
  • Verlag: Guggolz Verlag; Auflage: 1 (1. August 2017)
  • Übersetzung: Benjamin Langer
  • ISBN-13: 978-3945370131
  • Originaltitel: Pirej

Annika