Suizid als eine Art Familientradition: Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“

U1_978-3-498-07389-3.inddDie literarische Tätigkeit der Autorin Natascha Wodin nimmt ihren Anfang in den 80er Jahren. 1983 ist ihr erster Roman „Die gläserne Stadt“ erschienen. Dann folgten zwar weitere Veröffentlichungen, doch die breite Leserschaft erreichte die Autorin erst mit ihrem aktuellen Roman „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt Verlag, 2017). Für dieses autobiografische Buch wurde sie dieses Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und das deutschsprachige Feuilleton schenkte dem Roman große Aufmerksamkeit. Natascha Wodin wurde 1945 in Deutschland in einer russisch-ukrainischen Zwangsarbeiterfamilie geboren, die während des Zweiten Weltkrieges aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppt wurde.

Wie oft in den Romanen mit einer ähnlichen Thematik, fängt auch bei Wodin alles mit der Recherche im Internet an. Die literarische Figur der Autorin gibt in der Suchmasche den Namen ihrer Mutter ein und öffnet nicht nur online die verlorene Seite ihrer Familiengeschichte, nach der sie all die Jahre davor erfolglos gesucht hatte. Ihre aus Mariupol deportierten Eltern wurden während des Krieges als Zwangsarbeiter in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig eingesetzt und gründeten nach Kriegsende eine Familie in Westdeutschland. Doch das Nachkriegsleben gestaltete sich für sie alles andere als idyllisch. Der Selbstmord der Mutter von Natascha Wodin eröffnet und schließt die Erzählung und damit auch die ganze Familiengeschichte der Autorin. Beim Lesen des Buches hat man oft das Gefühl, diese Art vom Erzählen der eigenen Familiengeschichte bereits aus einem anderen Buch zu kennen. Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag 2014) funktioniert auf den ersten Blick als Pendant zu Wodins Roman. Die komplexen Fragen nach der Zuverlässigkeit des eigenen Gedächtnisses und der familiären Überlieferungen spielt bei Wodin, wie bei Petrowskaja, eine wichtige Rolle. Was ist damals in Wirklichkeit passiert und was hat das Familiengedächtnis in den Jahren danach dazugedichtet? Was wissen wir über unsere Vorfahren und was können wir noch herausfinden? Nicht nur die Figur der Mutter Jewgenia Iwaschtschenko steht hier im Mittelpunkt der Erzählung, sondern auch ihre Schwester Lidia mit ihrem nicht minder aufregenden Leben.

Eine wichtige Leistung des Buches ist die Beschäftigung mit den Schicksalen der sowjetischen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges. Dieses Thema ist in der deutschsprachigen Literatur ein noch nicht aufgearbeitetes Terrain und Wodin macht hier mit Sicherheit einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung. Die Erzählerin des Buches versucht mit Vorsicht und durch die Vermeidung der einfachen Gegenüberstellung von Opfergruppen der Konzentrationslager und der nichtjüdischen Zwangsarbeitern an Letztere zu erinnern, indem sie über das Leben ihrer Eltern erzählt:

„Seit vielen Jahren schon suchte ich nach irgendeinem Buch von einem ehemaligen Zwangsarbeiter, nach einer literarischen Stimme, an der ich mich hätte orientieren können, vergeblich.“

Während der erste Teil des Buches eher durch die erzählerischen und stilistischen Schwächen geprägt ist, nimmt die Erzählung in der zweiten Hälfte immer mehr an Wucht an, die mehr und mehr überzeugt. Als die Erzählerin über die ersten Nachkriegsjahre ihrer Familie in Deutschland erzählt und ihre Geschichte nicht mehr aus der unzuverlässigen Begebenheiten der Vergangenheit zusammensetzt und schöpft, sondern aus ihren unmittelbaren Kindheitserinnerungen, beginnt der spannendste und zugleich der stärkste Teil des Buches. Mit einer ausgewogenen und nüchternen Sprache erzählt hier Wodin von den schweren psychischen Zuständen ihrer Mutter, die sich von ihren beiden Töchtern immer mehr entfernt, auch von dem gewaltätigen Vater und von dem Leben am Rande der deutschen Gesellschaft, in der sie stets als unerwünschte Ausländer betrachtet werden. Die Erzählerin erzeugt Bilder, die durch ihre Grausamkeit und Brutalität schockieren und zugleich zum Nachdenken motivieren, um die Komplexität und zerstörerische Kraft des Krieges am Beispiel von einzelnen Schicksalen sichtbar machen zu können. Ihre Mutter ist das Fundament ihrer Familiengeschichte und ausgerechnet sie geht als Erste zugrunde – u.a. wegen der Verlust ihrer Heimat, wegen des grausamen Krieges und der darauffolgenden Zwangsarbeit.

von Irine

Natascha Wodin (2017): Sie kam aus Mariupol. Reinbek: Rowohlt Verlag. 

 

Kafkaeskes Schachspiel: „Sopotin“ von Dana Todorović

„Wohl dem, der sich einen Weg nach Logowskoj selbst ebnet und durch das wundersame Fenster den Nullpunkt der Wirklichkeit erspäht, wo Dualitäten aufhören, zu existieren, und das Leben zu seinem ursprünglichen Sinn zurückkehrt, wo es keine Wut, Schuld, Reue, Enttäuschung gibt und keine verpassten Gelegenheiten oder nicht erlebte Augenblicke, und wo der menschliche Geist ungehemmt mit Freude im einzigartigen Erleben seines Daseins erstrahlt.“

In Dana Todorović` „Sopotin“ aus dem KLAK Verlag ist der Name Programm. In der aus dem Serbischen von Elvira Veselinović übersetzten Erzählung dreht sich alles um den Schachmeister Sopotin, der sich für das Freundschaftsturnier „Grigori Andrejewitsch Sopotin gegen das Volk“ der Herausforderung stellt, den Austragungsort, den Logowskoj Park, erst dann zu verlassen, wenn er von einem Gegner besiegt wird.  So versammelt sich eine illustre Runde um den zu besiegenden und sorgt für eine stimmungsgeladene Geschichte, die auch von kafkaesken Elementen lebt – denn im Gegensatz zu der realen Ebene des Nicht-Verlierens sind es der Park und ein rätselhaftes Monster in den Bäumen, die Sopotin den Ausgang versperren.

Die Autorin Dana Todorović entstammt einer serbischen Schauspielerfamilie. Auch sie studierte anfangs Schauspiel, bevor sie sich der Literatur widmete und zwei Kinderbücher in Slowenien sowie mehrere Kurzgeschichten in serbischen Literaturzeitschriften veröffentlichte. Vielleicht ist „Sopotin“ gerade durch ihre Ausbildung so konzentriert auf wenige Rollen begrenzt und auf den Punkt geschrieben – die idealen Voraussetzungen für ein Theaterstück. Sopotins` Kosmos beschränkt sich auf den Logowskoj Park und obwohl er sich gegen das Turnier sträubt, scheint es für ihn bereits vorab keinen Ausweg zu geben. Die Geschichte um den Schachmeister umspannt mehrere Tage, während denen die Teilnehmer ihr Leben komplett auf das Turnier ausrichten. Sie schlafen auf Bänken, essen Mitgebrachtes von der Familie oder Freunden und stellen ihre Aufgabe nicht in Frage. Nachts wird das Geschehen zum plötzlichen Albtraum, wenn die Gefährten Sopotins plötzlich erstarren und dieser der einzige Mensch auf der Welt zu sein scheint.

Mit „Sopotin“ hat Dana Todorović eine Erzählung geschrieben, die viele Fragen offenlässt und bewusst mit den Gegensätzen zwischen Realität und Traum spielt. Gewiss kann man in die Geschehnisse viel hineininterpretieren, doch dies sei den neuen Lesern überlassen, die gemeinsam mit Sopotin den Logowskoj Park betreten. Das Buch ist gutes ein Beispiel für die moderne serbische Literatur und stand daher sicher nicht ohne Grund auf der Shortlist für den NIN-Preis, dem wichtigsten Buchpreis Serbiens.

Ihr wollt mehr von Dana Todorović lesen? Das erste auf deutsch übersetzte Buch „Das tragische Schicksal des Moritz Tóth“ erschien 2016 beim Leipziger Literaturverlag.

  • Taschenbuch: 159 Seiten
  • Verlag: KLAK Verlag (13. März 2017)
  • Übersetzung: Elvira Veselinović
  • ISBN-10: 3943767779
  • Originaltitel: Park Logovskoj

Annika

Literarische Reise in Georgien: Das Internationale Literaturfestival in Tbilisi und das deutschsprachige Programm

18765768_1703684399933288_4018678469253722592_nIm Rahmen des Deutsch-Georgisches Jahr 2017/საქართველო-გერმანიის წელი 2017 präsentierte dieses Jahr das Internationele Literaturfestival in Tbilisi ein spannendes und umfangreiches Programm zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. AutorInnen aus Österreich und Deutschland lasen im Goethe-Institut-Georgien, im wunderschönen Schriftstellerhaus und im Literarischen Museum in Tbilisi aus ihren alten und neuen Romanen/Stücken und machten das georgische und internationale Publikum mit den spannenden literarischen Prozessen vertraut. Wir hatten die Möglichkeit, ein unmittelbarer Teil des Festivals zu sein und auf Einladung der Autorin und Kuratorin des Programms – mit dem Titel „Perspektiven: Literatur im Dialog“ – Nino Haratischwili, die Lesungen mit den AutorInnen zu moderieren. Das deutschsprachige Programm wurde vom Auswärtigen Amt gefördert und vom Goethe-Institut durchgeführt.

In Tbilisi lasen dieses Jahr Katja Petrowskaja, Olga Grjasnowa, Clemens Meyer, 18813973_1704708329830895_7444538580208335666_nUlla Lenze, Volker Schmidt & Katja Lange-Müller. Die Auswahl der AutorInnen, die durch mehreren kulturellen Einflüsse geprägt sind, war keinesfalls zufällig, sondern diente zur vollständigen Präsentation der aktuellen literarischen Prozessen in Deutschland. Die Autorin Olga Grjasnowa las aus ihrem aktuellen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ (Aufbau Verlag) und sprach über den Krieg in Syrien und über den Entstehungsprozess des Buches, während dem sie viel in den unterschiedlichen Ländern gereist, Flüchtlinge interviewt und ausführlich recherchiert hat. Mit Katja Petrowskaja sprachen wir über ihr spannendes Debüt „Vielleicht Esther“ und über ihre Kindheitserinnerungen an das 18839100_1706087183026343_3461158225957043862_nsowjetische Georgien. Die Übersetzerin Maia Badridze las Ausschnitte aus den Romanen in georgischer Sprache und das Interesse des Publikums hat gezeigt, dass die Texte unbedingt auch bald in der vollständigen Form auf Georgisch erscheinen sollten. Der Autor Clemens Meyer las aus seinem ersten Roman „Als wir träumten“ und begeisterte das Publikum durch seine Geschichten über die Wendezeit in Leipzig. Mit Ulla Lenze diskutierten wir über das Schreiben zwischen den Kulturen und über ihre Aufenthalte in Istanbul und Mumbai.

Im Rahmen des Festivals fand die Preisverleihung des „Preises von Giwi Margwelaschwili“ statt. Der Preis ging dieses Jahr an den Dichter und Übersetzer David Tserediani. Mit dem Preis werden jedes Jahr AutorInnen oder andere Kulturschaffende ausgezeichnet, die sich durch ihre besondere Verdienste bei der Vertiefung der kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Georgien auszeichnen. David Tserediani hat unter anderem in über 30 Jahren Arbeit Goethes „Faust“ ins Georgische übertragen und sitzt aktuell an der Übersetzung des zweiten Bandes. Außerdem machte er georgische LeserInnen mit den Texten von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Lion Feuchtwanger u.a. vertraut. Im wunderbaren ROYAL DISTRICT THEATRE stellte der österreichische Theaterautor und Regisseur Volker Schmidt sein neues Stück „Djihad“ vor. Die SchauspiellerInnen des Theaters lasen einen Auszug aus dem Stück.

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Außerdem hatten die deutschsprachigen Autorinnen die Möglichkeit, gemeinsam mit den georgischen Kollegen – Lasha Bughadze, Tamar Tandashwili und Irma Tavelidze – über die aktuellen gesellschaftlichen Themen zu diskutieren. Die Diskussionen „Angry white man“ und „Europa als Idee“, die von dem Berliner Literaturwissenschaftler Zaal Andronikaschwili moderiert wurde, haben eine breite Palette der Positionen und Problematiken im europäischen Kontext aktualisiert, um sie kritisch hinterfragen zu können.

IMG_1813Wir haben eine sehr aufregende und inspirierende Zeit in Tbilisi verbracht und waren am letzten Tag noch schnell in die wunderschöne Altstadt unterwegs. Wir kommen nächstes Jahr auf jeden Fall wieder und sind daher schon sehr auf das Programm des Festivals gespannt.

 

von Irine

 

Sammlung tschechischer Kurzgeschichten: „Die letzte Metro“

Mit „Die letzte Metro“ präsentieren die Herausgeber Martina Lisa und Martin Becker gemeinsam mit dem Verlag Voland & Quist eine vielfältige Sammlung an zeitgenössischer tschechischer Literatur. Neben Kurzgeschichten findet man in der Anthologie auch Gedichte, Songtexte und experimentelle Texte, die den 18 jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Stimme geben. Als „eigenwillig“ betitelt der Verlag die Werke und liegt damit genau richtig, denn nicht immer sind die Erzählungen leicht zugänglich und nicht immer konnten sie mich überzeugen.

Eine Fahrt mit der Metro oder der Straßenbahn, ein Abend in einer Prager Kneipe – oftmals sind die Bilder aus den Texten vom Großstadtleben geprägt und auch die Beziehungen zwischen den Figuren passen sich an den hektischen Alltag an. Die Autorinnen und Autoren spielen mit verschiedenen Text- und Erzählstilen. Mal ist es so beispielsweise die „Du-Perspektive“, mit der die Erzählung wiedergegeben wird, mal werden einzelne Gedankenblöcke zur Geschichte.

„Die letzte Metro“ ist mit seinen knapp 200 Seiten eine kleine Einführung in die junge tschechische Literatur und sticht in meinem Empfinden nicht unbedingt aus anderen Kurzgeschichtensammlungen heraus, da die Inhalte sich doch sehr ähneln. Wirklich begeistern konnte mich leider kein Text und so richtig konnte der Funke nicht überspringen. Spannend ist die Zusammenstellung der verschiedenen Autorinnen und Autoren, die wie z. B. Jaroslav Rudiš  schon oft ins Deutsche übersetzt wurden. Zur Übersicht gibt es am Ende des Buches kurze Biografien, die die Sammlung gelungen abrunden.

„Die letzte Metro“ – mit Texten von: Bianca Bellová, Ondřej Buddeus, Dora Čechova, Vladimíra Čerepková, Irena Dousková, Emil Hakl, Petr Hruška, Václav Kahuda, Dora Kaprálová, Hana Lundiaková, Igor Malijevský, Jaroslav Rudiš, Tereza Semotámová, Petra Soukupová, Alžběta Stančáková, Michal Šanda, Filip Topol und Eva Turnová.

  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • Verlag: Verlag Voland & Quist; Auflage: 1 (20. März 2017)
  • Übersetzung: Martina Lisa
  • ISBN-13: 978-3863911737

Annika

 

Bulgarische zeitgenössische Literatur: der eta Verlag

Der erst 2016 von der aus Bulgarien stammenden Medienwissenschaftlerin und Übersetzerin Petya Lund gegründete eta Verlag hat es sich zum Ziel gemacht, zeitgenössische bulgarische Literatur auch im deutschsprachigen Raum bekannter zu machen.

Mit Ivan Landzhevs „Wir Mansardenmenschen“ und Emanuil A. Vidinskis „Par Avon“ sind bisher zwei Gedichtbände erschienen, die zeigen, wie viel Leidenschaft und Liebe zum Detail hinter der Arbeit des Verlagsteams steckt. In hochwertiger Aufmachung inklusive passender Lesezeichen sind die beiden Bücher nicht nur äußerlich ein Hingucker, sondern überzeugen auch durch das lyrische Können der beiden Künstler und tragen sowohl das bulgarische Original als auch die deutsche Übersetzung. Obwohl ich mit Gedichten bisher eher die tristen Schullektüren verbunden habe, ist meine Freude groß, dass ich die Lyrik mit bulgarischen Texten neu für mich entdecken konnte und nun empfehlen kann!

Dass Emanuil A. Vidinski neben seiner Schriftstellerkarriere auch Musiker ist, merkt man seinen Gedichten in „Par Avion“ an. Songtextartig verarbeitet er die großen emotionalen Themen der Menschheit und schreibt so z.B. von der unerfüllten Liebe, von Vergänglichkeit, Einsamkeit und dem Verlust der geliebten Mutter. Besonders berührt hat mich der geschilderte „kleine Tod“, der immer dann auftritt, wenn man sich nicht mehr an den Geruch der oder des einstigen Geliebten erinnern kann. Beeindruckt war ich neben den vielen gefühlvollen Gedanken allerdings von einem ganz bestimmten Gedicht, dass durch seine Andersartigkeit sofort ins Auge fällt und sich mit der Heimat des Lyrikers auseinander setzt:

„Der Balkan
ist der Balkon Europas
manchmal treten
die Europäer hinaus
um sich ein wenig am Anblick zu erfreuen
bevor sie wieder
in ihre gemütlichen
Stuben hineintreten“

Im Gegensatz zu dem eher nach innen gekehrten „Par Avion“ ist Ivan Landzhevs „Wir Mansardenmenschen“ ein Konstrukt aus drei Teilen („Gewölbe“, „Inneneinrichtung“ und „Schrägen“) und experimenteller. Passend zu den Überschriften handeln die Gedichte von Räumlichkeiten, die physisch und psychisch die von Menschen geschaffenen Erinnerungen, Taten und Gedanken in sich tragen. Landzehvs Texte erschienen mir konstruierter und schwieriger zu fassen. Schwarzen Humor beweist der Künstler, wenn er von einem Brand in einem Orchester dichtet und dann wiederum wieder sehr viel poetische Kraft, wenn er vom „Das-der-Tat-vorausgeht“ schreibt, dem ständigen Begleiter aller Handlungen.

Wir freuen uns sehr, dass der eta Verlag den bulgarischen Autorinnen und Autoren ein „deutsches Zuhause“ gibt und sind gespannt auf die weiteren Neuerscheinungen. Ihr wollt den Verlag unterstützen? Dann nichts wie los und ab mit den Büchern in den Warenkorb!

Annika

„Einstiegsdroge“ in die rumänische Literatur: Mircea Cărtărescus „Die schönen Fremden“

41HRNuXPqkL„Die schönen Fremden“, „Anthrax“ und „Wie von Bacovia“: Der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu versammelt in seiner Kurzgeschichtensammlung  Die schönen Fremden“ (Zsolnay) aus dem Frühjahr 2016 einen wilden Mix aus Schriftsteller(selbst-)kritik, Franzosenbashing, Vorurteilen gegenüber Rumänien und sehr viel Humor. Der Autor nimmt hier kein Blatt vor den Mund und lässt die Leser an drei Stationen seines Lebens teilhaben, die so oder so passiert sind.

Mittelpunkt der Geschichten ist der Titelgeber „Die schönen Fremden“. Als Teil der „Dutzendschriftsteller“ reist Cartarescu hier nach Frankreich, um u.a. in Paris, Le Havre und Bordeaux die rumänische Literatur vorzustellen. Doch was als Kulturreise geplant war, artet schnell in Klischees und Enttäuschungen aus. Der Autor spürt die Konkurrenz um die anderen Literaten und kämpft sich viele kulturelle Fettnäpfchen. Die Vorstellung des „Wilden Ostens“ wird hier auf die Spitze getrieben und man will laut lachen oder aufschreien, wenn Cartarescu und seine Gefährten mit absurden Bildern und Gerichten konfrontiert werden. So hat beispielsweise der französische „geschickte[r] wie enthusiastische[r] Autor […] aus Unachtsamkeit große Flecken von Bulgarien, der Ukraine und Moldawien dem rumänischen Staatsgebiet eingegliedert, sodass einem danach war, wie das berühmte Kind in irgendeiner Lesefibel auszurufen: `Es lebe unser pummeliges Rumänien!´“
Dass Rumänien so viel mehr als die gängige Folklore ist, können sie in den drei Wochen nur schwer vermitteln. Cartarescus Antwort ist die Kapitulation und die Sehnsucht nach seiner Familie im fernen Bukarest.

„Einerseits wollen wir zeigen, dass wir moderne Menschen sind, perfekt europäisch, und andererseits sagen wir allen, unser Reiz und unsere Eigenarten lägen darin, dass wir primitive Hirten geblieben sind, verkleidet in Jeans bon Diesel und Hemden von Tommy Hilfiger, nach Fahrenheit duftend, damit man den Gestank des Schafstalls nicht riecht…“

Die Angst vor Giftbriefen Anfang der 2000er ist Gegenstand der Geschichte „Anthrax“, indem der Autor einen verdächtig gefüllten Brief aus Dänemark erhält – was sich in diesem befindet, sei nicht verraten. In gewohnter Manier nimmt sich Cărtărescu auf die Schippe und gibt Einblicke in seine angegriffene Psyche, die über so viel geplante Berühmtheit durch seinen neuen „Verehrer“ ganz überrascht ist.
Auch die dritte Erzählung „Wie von Bacovia“ spielt mit den Motiven des Schriftstellerruhms, rumänischen Klischees und dem Wunsch nach einem großen Publikum. Cărtărescu – zu einer eher mäßig erfolgreichen Lesung in das rumänische Hinterland eingeladen und anschließend von den Veranstaltern zu einer urkomischen Reise zu den wichtigsten Kulturorten in der Nähe „entführt“ – lässt sich wie auch in Frankreich ganz in sein Schicksal fallen und öffnet so die Türen für Situationen, die so eigentlich nur ausgedacht sein können.

Hier und da stolpert man in „Die schönen Fremden“ über die vielen rumänischen SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und PolitikerInnen, die Cărtărescu einbindet. Sie werden immer kurz vorgestellt und spielen teilweise auch in Frankreich eine größere Rolle. Vorwissen ist sicher hilfreich, aber glücklicherweise nicht notwenig. Wer bei den Namen ein großes Fragezeichen vor Augen hat, dem vermitteln die Texte so wie bei mir den Wunsch nach mehr rumänischer Literatur – natürlich insbesondere der von Mircea Cărtărescu, von dem in deutscher Übersetzung bereits mehrere Romane erschienen sind und der als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren seines Landes gilt. Der Verlag selber bezeichnet die drei Erzählungen als „die ideale Einstiegsdroge für Cărtărescu-Entdecker“, dem kann ich nur zustimmen: Mein Interesse ist geweckt und die Leseempfehlung groß!

 

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag (1. Februar 2016)
  • Übersetzung: Ernest Wichner
  • ISBN-13: 978-3552057647
  • Originaltitel: Frumoasele straine

Annika

 

„Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ von Svetislav Basara

Svetislav Basaras „Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ (Dittrich Verlag) erschien vor 20 Jahren in Jugoslawien und mauserte sich hier schnell zum Kultroman. Trotz des großen Erfolges in der Heimat dauerte es nach der Übersetzung von dem „Führer in die innere Mongolei“ 2008 im Antje Kunstmann Verlag noch bis 2014, bis der Dittrich Verlag den serbischen Autor auch in Deutschland mit einer Übersetzung des Romans würdigte. Als Teil der sehr zu empfehlenden Edition Balkan können wir nun diese interessante Zusammenstellung fiktiver Dokumente rund um die „Evangelischen Radfahrer des Rosenkreuzes“ erlesen und entdecken.

Im Vorwort des Romans beschreibt Basara sein Werk als „Fama“, was sich auf deutsch am ehesten mit „Gerücht“ übersetzen lässt. Auch die Erzählungen um die seit dem Mittelalter existierenden „Evangelischen Radfahrer des Rosenkreuzes“ sind Gerüchte, Fantasien und wilde Berichte, die sich zusammengewürfelt in dem Buch finden lassen und ein Gesamtbild ergeben, das die Leser verblüfft und verwirrt zugleich zurücklassen.
„Ich dachte, unsere Zeit sei eine Zeit des Fragmentierten, des Halbfertigen, des Unfertigen.“, lautet die Erklärung für dieses Wirrwarr aus Stimmen u.a. von real existierenden Personen wie Arthur Conan Doyle oder Sigmund Freud oder fiktiven Figuren wie Karl dem Grässlichen. Im Mittelpunkt der Dokumente stehen immer die Fahrradfahrer, die sich selber als „Nachkommen des Oströmischen Reiches, von Byzanz“ betrachten und sich weigern, „jegliche Nachfolgestaaten-Schöpfungen, die auf den ehemals byzantinischen Territorium entstanden sind, anzuerkennen“. Neben ihren wilden häretischen Theorien rund um die Heiligkeit des Fahrrads (so ergibt dieses aus der Vogelperspektive ein Kreuz und Mann und Frau werden zu Fahrradmotiven, die Frau wohlgemerkt ohne Stange in der Mitte) sind die Mitglieder Feinde von Uhren, die sie in regelmäßigen Aktionen zerstören. Denn die Zeit existiert nur als Konstrukt der Menschen und teilt das Leben so zu kategorisch ein. Was für die Anhänger zählt, ist insbesondere das Leben nach dem Tod, auf das sie sich durch Weissagungen verstorbener Mitglieder, die sie im Traum besuchen, vorbereitet werden und indem sich alle verbinden. Träume werden hier zu Treffpunkten.

„Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ mag auf den ersten Blick sperrig wirken, doch schnell zeigt sich der faszinierende Sog, den Basara mit dem Spiel zwischen Fiktion und Realität ausübt. Erwartet man hier eine konventionelle Handlung, wird man schnell enttäuscht. Genauer genommen könnte man das Buch auch nach der Hälfte weglegen und wäre genau so schlau wie nach Beendigung aller Kapitel. Die Berichte gliedern sich in Briefe, Analysen, Kurzgeschichten und biografischen Erzählungen, die nach und nach die Bilder der Fahrradfahrer verdeutlichen. Geschickt bindet der Autor Skizzen und sogar Fotos ein, die die Figuren zeigen sollen. Wohin die literarische Reise geht, bleibt lange unklar und Basara hält starr an seinem Konzept des „Halbfertigen“ fest. „Die Verschwörung der Fahrradfahrer“ ist definitiv keine einfache Lektüre, spielt er zwar mit großen Motiven wie der Traumdeutung, dem Leben nach dem Tod, dem Glauben an Gott und das ewige Leben, präsentiert aber gleichzeitig einen „Nicht-Roman“, der ebenfalls, wie im Nachwort empfohlen, von hinten gelesen werden kann.

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Dittrich, Berlin; Auflage: 1 (10. März 2014)
  • Übersetzung: Mascha Dabic
  • ISBN-13: 978-3943941197
  • Originaltitel: Fama o biciklistima

Annika